25
Mrz
2018

Worauf ich mich verlasse

Von klein auf, musste ich auf mich selbst verlassen. Eine Mutter, die uns Kinder vernachlässigte, und ein kriegsblinder Vater, der selbst auf Hilfe angewiesen war, zwang mich wohl aus Not zur Selbständigkeit. Aber diese Selbständigkeit spielte sich bei jedem Kind vor allem in meiner Fantasie ab. Um eine kindliche Spielwelt inszenieren zu können, bedarf die Fantasie des Denkens. Genauer gesagt: Fantasieren ist Denken, bei dem die spielerische Vorstellungskraft dominiert.
Neugier treibt das Denken an, das deshalb auch als Suchen mehr oder weniger bewusst erfahren wird. "Wer sucht, der findet!" Einem Kind verhilft die Fantasie ihm gemäße Welten zu entdecken.
Wenn ich mich recht erinnere, dann war ich etwa vier Jahre alt, da erfuhr ich körperlich sinnlich, wozu mir sonst nur die Spielwelt meiner Fantasie verhalf.
Ich lag im Krankenhaus unter einem Sauerstoff-Zelt, und ich konnte mir ganz sicher sein, vor allen Unbilden geschützt zu sein. Vermutlich lag ich dort wegen einer Misshandlung durch meine Mutter. Ich vermute das, weil meine Mutter zu dieser Zeit zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Gesagt hat mir das niemand; lediglich Nachbarn haben so etwas angedeutet.
Jedenfalls entdeckte ich das Denken unbewusst als Möglichkeit, mich wie unter einem Sauerstoffzelt zu schützen.
Gedanken formen, das bedeutet, innere Wegmarken zum Selbstschutz zu gestalten. Gedankenfolgen weisen dann den erhofften Weg.

Der erste Versuch dieser Art bestand für mich als Kind in der Suche nach Gott.
Zu denken vermögen bedeutet, Unsichtbares sehen können. Wie jeder weiß, ist Gott unsichtbar. Das erschwert das Suchen erheblich. Weil das den meisten sehr klar ist, suchen sie erst gar nicht. Mir aber erschien dieser Weg gerade recht.
Obgleich Gläubige Gott nicht sehen können, glauben sie fest, dass er existiert. Vom Hörensagen ist ihnen Einiges bekannt. Der kürzeste Weg in die Gerüchteküche ist der Gang zur Kirche. Dort wird Sonntag für Sonntag über Gott gepredigt.
Schon als kleiner Junge habe ich mich gefragt, woher diese frommen Leute eigentlich wissen, was Gott ihnen sagt. Schließlich behaupten sie ja, Gottes Wort zu verkünden. Glaubhaft erschien mir das eigentlich nie, denn ich habe niemals beobachten können, wie Gott zu ihnen spricht.
So kamen in mir schon sehr früh Zweifel an der Wahrheit an den als frohe Botschaften behaupteten Verkündigungen auf. So entschloss ich mich in meiner ganzen kindlichen Naivität, dem selbst nachzugehen.
Irgendwann hatte ich irgendwo erfahren, dass Beten Sprechen mit Gott bedeuten würde. Also betete ich und betete ich, aber in ein Gespräch mit Gott kam ich dabei nicht. Zunächst vermutete ich, dass es wohl daran lag, dass ich nicht richtig oder nicht genug betete. Natürlich bemerkte ich nicht, dass ich dadurch in eine Falle geriet. Im hartnäckigen Bemühen um das rechte Beten wurde ich unversehens zu einem frommen Kind. Das führte dazu, dass ich schließlich auch Ministrant werden wollte.
Da mir mein Vater dies versagte, unternahm ich das heimlich. Das ging so lange gut, bis ich eines Tages während des Gottesdienstes die Lesung vortrug und mein Vater da gerade mal ausnahmsweise in der Messe war. Aber außer seiner überaus großen Überraschung blieb dieses Ereignis folgenlos für mich. Das Ministrieren machte mir wohl deshalb großen Spaß, weil ich mich dabei endlich irgendwie bedeutend fühlte.
Vor lauter Begeisterung bemerkte ich gar nicht, dass mein Unglaube längst von Frömmigkeit verdrängt worden war. Ich glaubte plötzlich an Gott, ohne dass er jemals zu mir gesprochen hätte. Es war nur folgerichtig, dass in mir der Wunsch entstand, Priester zu werden.
Mein frommer Wunsch verschwand zwar sehr schnell auf Grund meines Philosophiestudiums, aber die Frage nach der Glaubwürdigkeit Gottes blieb erhalten. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage mündete in keiner Antwort, sondern vielmehr in noch mehr Fragen.
Das treibt zwar das Suchen, aber nicht wirklich Fortschreiten voran. Was lag näher, als sich dem Denken selbst zuzuwenden.

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