27
Apr
2015

+

Ulrike G. Schmid


7 Uhr
Feuerbestattung

26
Apr
2015

Wahrer Impuls

Aus einem wahren Impuls bieten mir Menschen Hilfe an. Es bleibt bei diesem spontanen Angebot, denn selbst in Trauer gefangen, vermag ich weder zu sagen noch zu zeigen, worin diese Hilfe bestehen könnte. So bleiben solche Angebote unverbindlich. Auf den Impuls folgt nichts mehr.

Wahrscheinlich mache ich in meiner Hilflosigkeit wohl auch nicht gerade den Eindruck, Hilfe annehmen zu können. Tatsächlich habe ich das starke Bedürfnis, mich ganz in mich zurückzuziehen. Ich empfinde meine Einsamkeit sogar irgendwie als tröstlich. Vielleicht bin ich von meinem Wesen her Autist oder vielleicht nur Egozentriker.

Nullpunkt

Trauer wirkt wie ein Unkrautvernichtungsmittel. Sie reinigt die verwundete, schuldhafte Seele von allem Unrat. Die eigene Existenz wendet sich ihrem Nullpunkt zu. Diese Kehre entlarvt Dasein als Traumwelt.

Angesichts des Todes erscheint alles null und nichtig. Wissen gerinnt. Im Bewusstsein erscheint nichts mehr, was nicht in Niedergeschlagenheit zerrinnt. Jedes Mal muss ich mühsam aufstehen, um am Nullpunkt neu zu beginnen.
Ich empfinde meinen heutigen Geburtstsg als besondere Herausforderung.

25
Apr
2015

Vor einer Woche

Es ist 13 Uhr. Vor einer Woche hat Ulrike noch gelebt. Die vergangene Woche voller Trauer ohne irgendwelche helfende Begleitung ist voller Selbst-Blamage.
Das Selbstbewusstsein sinkt auf den Nullpunkt und lässt die wissenschaftliche Welt als Trugbild in sich zusammenfallen.

Der Tod verflüchtigt mühsam erarbeitete Metaphysik. Das Nichts meiner frühen Kindheit bedrängt mich wieder. Neugier kreist um den Nullpunkt, und die atemlose Vernunft ringt nach Worten. Das gebrochene Herz zerbricht den Atem und entlässt die Seele voller Selbstvorwürfe ins Nichts.

Trauer tunnelt Wirklichkeit

Während der unmittelbaren Trauerzeit ist große Vorsicht geboten, da sich Intelligenz radikal reduziert und Emotion übersteigert. Man neigt wohl dazu, nur den Gefühlen zu folgen und den Verstand auszuschalten. Auf keinen Fall sollten in dieser hoch emotionalen Zeit Geschäfte getätigt werden.
Ich schreibe das, weil ich gestern beinahe einen teueren Fehler gemacht hätte. Ich habe mich ohnehin schon einen überteuerten Bestatter aufschwatzen lassen.

Kurzum: Ich habe den Eindruck, dass Trauer u.a. „blöde" macht!

24
Apr
2015

Mit der Trauer allein

Was mich am meisten überrascht, ist das Tabuisieren des Todes und die Hilflosigkeit angesichts des Sterbens in einer Palliativstation des Krankenhauses. Man wird schlichtweg nicht informiert und allein gelassen. Den Ärzten, den Schwestern und Pfegern versagt die Sprache. Aber intuitiv lese ich aus ihrem einfühlsamen Verhalten, wie es um Ulrike steht. Ich traue mich nicht zu fragen, aus Furcht vor ihrer für sie peinlichen Sprachlosigkeit. Überaus peinlich verliefen die beiden Besuche der überforderten und unerfahrenen Psychologin. Sie wusste mit der Situation schlichtweg nichts anzufangen. So musste ich versuchen, die Situation zu retten. Statt Hilfe zu erfahren, musste ich helfen. Und Ulrikes Kirche meldet sich schon gar nicht!

Kurzum: ich werde in der Trauer allein gelassen und muss allein mit mir fertig werden. Gegebenenfalls werde ich mich auf den Weg machen, um Hilfe zu suchen

23
Apr
2015

Einsamer Frühling

Man wird sagen, dass Ulrike an Krebs starb. Aber es ist die Chemotherapie, die sie umbrachte.

Jetzt machen wir das, was wir ahnungslos, unerfahren ausgemacht haben. Wir wollten ganz allein für uns mit dem Tod allein sein. Unsere Lebensgeschichten wollen das so.

So war ich mit Ulrike allein, als sie starb. Und wir werden während der Zeremonie des Abschieds allein sein!

Ulrikes wünscht, dass ihre Asche auf einer blühenden Frühlingswiese zerstreut wird.

So wird sie mir überall jederzeit gegenwärtig sein, bis die heilende Zeit sie sanft entführt.

22
Apr
2015

15 Uhr 5

Ulrike und ich haben ausgemacht: Wer zuerst stirbt, gibt dem anderen ein Zeichen, falls eine Art geistig seelischen Seins jenseits unseres Daseins existiert.

Ein solches Zeichen hat mit Gott nichts zu tun.

Obwohl Ulrike keine Uhren mag, wollte sie dann doch die letzten Wochen im Krankenhaus eine schöne Armbanduhr tragen. Ich schenkte ihr diese. Ich selbst habe einen Uhrentick. Also schenke ich ihr eine gute, schöne Quarzuhr. Ich schreibe das, weil das mit Ulrikes Zeichengebung zu tun hat: Ihre Uhr bleibt, obgleich technisch eigentlich nicht möglich, um 15:05 stehen. Das ist ihre Todeszeit.

Ein Zeichen?

"Tod, wo ist dein Stachel? (1. Korinther, 15:55)

Hölle, wo ist dein Sieg?“ Ich kann damit nichts anfangen.

"54: Wenn aber das Verwesliche wird anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche wird anziehen die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: 55: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?"

Tod ist ein einträgliches Geschäft für Bestatter und Religionen.

Wir haben versucht herauszufinden, was es mit dem Tod auf sich hat. Vergebens! So haben Ulrike und ich ausgemacht: Wer als erster gehen muss, gibt dem anderen ein Zeichen, falls es irgendeine geistige Existenzform jenseits unseres Seins geben sollte. Also warte ich, ob etwas geschehen wird.

21
Apr
2015

"Katholischer" "Sozialdienst"

Die extrem grobe Pflege des katholischen Sozialdienstes Stuttgart West verkürzte hoch wahrscheinlich das Leben von Ulrike.
Zu sehr erschöpfte sie diese zudem zumeist auch noch sehr oberflächliche Pflege der systemisch verhetzten und abgehetzten Pfleger. Nahezu drei Wochen finden sie keine Zeit, um die schmerzhaften offenen Wunden zu pflegen. Sie bemerkten bis auf eine Schwester (nach zwei Wochen) diese Wunden nicht einmal.

Ulrike litt täglich sehr unter der Pflege des Katholischen Sozialdienstes Stuttgart - West.

Eine Brückenschwester half ihr, das Schlimmste durchzustehen.

Danke!

20
Apr
2015

5 Stunden Leben

5 Stunden Leben belehren mich. Ich schäme mich. Ich will, dass Ulrike lebt. Sie schenkt mir noch fünf Stunden Leben. Aber für sie bedeutet das Leiden. Bis zur letzten Minute bleibt sie klar und teilt mit mir noch 5 Minuten vor ihrem Tod den Expresso, den ich ihr mit einem Schwämmchen schluckweise reiche.

Die allerschlimmste Folge meines Schlaganfalls: Ich kann nicht weinen!

19
Apr
2015

Der schwarze Humor des Todes

Ich sitze am Sterbebett von Ulrike. Um 10 Uhr hört sie auf zu atmen und die Schwester sagt: „Jetzt ist sie verstorben!“ Zutiefst erschrocken drücke ich unwillkürlich Ulrikes Hand fester. Und plötzlich atmet sie wieder, um mir noch fünf Stunden Leben zu schenken.

Um 15 Uhr wiederholt sich diese Situation. Aber dieses Mal kommt Ulrike nicht wieder zurück. Ungefähr eine Viertelstunde lang können wir nicht sagen, ob sie lebt oder tot ist.

Ich hatte angesichts ihres Lungentumors immer sehr große Angst vor einem Erstickungstod. Aber das ist zum Glück so nicht eingetroffen, auch nicht bei ihrem Bruder, der wenige Wochen vor ihr ebenfalls an einem Lungentumor starb.

Es tut so verdammt weh

Ich habe keine Erfahrung mit Trauer. Ich habe immer seelische Schmerzen vermutet, aber es sind vor allem auch körperliche Schmerzen. So versuche ich jetzt doch, durch Schreiben diese Schmerzen etwas ablenken zu können.

18
Apr
2015

15 Uhr

Ulrike G. Schmid
*4.1.1944 +18.4.2015

17
Apr
2015

3. Nichtwissen ohne Erfahrung

Nichtwissen scheint als Wissen ohne Erfahrung hervor. Das Vergegenwärtigen solchen Wissens bedeutet unmittelbares Erfahren.

Es erscheint so, dass dies ein Augenblick naiver Intuition ist. Natürliche Intuition vertraut allein dem, was unmittelbar spontan da ist. Das zeigt sich als das andere Dasein. Ich bin neugierig auf diese andere Existenz.

16
Apr
2015

2. Gelassenheit des Nichtwissens

Am Krankenbett einer Schwerstkranken entfaltet sich die volle Macht des Nichtwissens und zeigt die tiefe Ohnmacht des Wissens.
Merkwürdigerweise geht das mit ungeahnter Gelassenheit einher.

Zudem wirkt das Aufschreiben angesichts schmerzvoller Angst tröstend.

Ich weiß nicht, warum.

Seit frühester Kindheit beschäftige ich mich mit dem Tod. Jetzt, da er mir Gesellschaft leistet, verändert sich alles.

Im grellen schwarzen Licht des noch vor Müdigkeit gähnenden Nichts löst sich das törichte Geschwätz von gestern in Wohlgefallen auf!

15
Apr
2015

1 Nichtwissen

Ich sitze seit Stunden in der Notaufnahme. Ich bin ohne Wissen. Das Wissen, das mir zur Verfügung steht, taugt hier nichts. Fragen nach der Tauglichkeit des Wissens schlechthin drängen sich auf. Erfahrungen von Möglichkeiten und Grenzen des Wissens prägten meine jüngste Vergangenheit.

Jene durch philosophische Studien vermittelte Selbstgewissheit Wissender weicht der Ohnmacht durch Nichtwissen.

Der Ursatz "Ich weiß, dass ich nichts weiß!" entbirgt sich als Wahrheit. Sie lässt Wissen als existentielle Atrappe hervorscheinen. Wissen erscheint als eine Art Schutzanzug, damit Sein Schein anzuziehen vermag. Jeder modelliert sich seine Berufskleidung. Titel edikettiern Personen wie Schaufensterpuppen.

14
Apr
2015

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Prof. Dr.phil. habil. Wolfgang Schmid

 

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