23
Mrz
2018

Lesen ist nicht selbstverständlich

Gute Texte inszenieren im Bewusstsein anschauliche Bilder. Brauchbare Texte sind Drehbücher für Filme im Kopfkino.

Die denkbar kürzesten Drehbücher sind geometrische Formeln. Die Formel (g*h)/2 inszeniert das Gestalten und Berechnen beliebiger Dreiecksflächen.

Sobald diese Formel erkannt wird, gestaltet sich im Bewusstsein Konstruieren und Berechnen eines Dreiecks. Analog zum Kino nennt sich dieses Geschehen "Vorstellung".

Nur wenn wir Texte lesen, die innere Bilder erzeugen und zu einer Geschichte verbinden, denken wir.

Denken bedeutet Bilderleben.

Nur wer Bilder im Kopf hat, denkt.

Der Satz "Auf den Wiesen blüht der Löwenzahn" inszeniert innere Bilder von Frühlingswiesen.

Der Gedanke gelangt hier als innere Anschauung einer Frühlingswiese zum Vorschein.
Lassen Sie sich hinreichend Zeit lassen, um dieses Bild zu betrachten, dann können Sie auch hören und riechen, was zu Ihrer Frühlingswiese gehört.

Wenn Sie das befolgten, was Sie gelesen haben, dann können Sie auch den Satz "Denken bedeutet Bilderleben!" selbst als Bildfolge entwickeln!

Diese Bildentwicklung funktioniert allerdings nur dann, wenn es gelingt, "Bilderleben" als Videoclip im Kopfkino zu projizieren.

Wenn Sie sich konzentriert genug vorzustellen versuchen, was genau "Bilderleben" meint, dann wird plötzlich auffallen, dass dieses Wort zweideutig ist, nämlich sowohl Bilder-Leben als auch Bild-Erleben bedeutet.

Jetzt ist zu überlegen, was diese Zweideutigkeit besagt. Jetzt ist eine schöpferische Idee gefragt.

Sobald im Bewusstsein etwas fraglich geworden ist, wir dieses an das Unbewusstsein übergeben. Dieses sucht spielerisch nach einer Antwort und sendet diese als Eingebung wiederum an das Bewusstsein.

"Bilder-Leben" ist ein inneres Geschehen, das als Tätigkeit der Fantasie erkannt wird. Beim "Bild-Erleben" muss es sich folglich um eine bewusste Auswahl eines Bildes handeln. Diese Momentaufnahme wird dann als anschaulicher Bewusstseinsinhalt vergegenwärtigt.

Erinnert man sich beispielsweise an seine Kindheit, dann tauchen viele Bilder aus der Tiefe des Unbewussten auf. Aber eines dieser Erinnerungsbilder erscheint im Augenblick als besonders interessant, und man entscheidet sich, dieses eingehender zu betrachten. Das könnte beispielsweise angesichts der Erinnerungen an das Kinderzimmer ein ganz bestimmtes Spielzeug sein, vielleicht, weil mit diesem besonders gern und häufig gespielt wurde.

Das Bewusstsein entwickelt mit Hilfe des Unbewusstseins das Bild vom Lieblingsspielzeug nach und nach klarer, bis man seinen Teddy ganz klar vor Augen hat. Das ist mit Bild-Erleben gemeint!

Die Auswahl eines Bildes des Bilder-Lebens wird gewöhnlich durch ein Bedürfnis oder von einem verstandesmäßigen Beweggrund geregelt.

Fassen wir zusammen:

Denken bedeutet Bilderleben, und zwar:
Bilder-Leben der Fantasie und
Bild-Erleben des Verstandes

Suche bitte ein eigenes Beispiel hierzu!

Ich wähle zu diesem Zweck unser Kinderzimmer. Meine Schwester und Marieluise besaßen dort in einer Kommode eine eigene Spielzeugschublade, die von unserem Vater ausgeschüttet wurde, sobald sie für ihn nicht aufgeräumt genug war. Ich versuche, jetzt herauszufinden, was ich in dieser Schublade nach sieben Jahrzehnten noch entdecken kann.

Zuerst fallen mir links in der Schublade die beiden Märklin Metallbaukästen auf und dann der Kosmos Baukosten Radio. Mir fällt sofort ein, dass ich mit beiden Baukästen nie gerne spielte, sondern eher, weil sich mein Vater darüber freute. Er meinte nämlich, dass Jungen mit so etwas spielen müssen. Ich dagegen spielte sehr viel lieber mit Bauklötzchen und mit der Märklin Eisenbahn, die nur zur Weihnachtszeit aufgebaut werden durfte.
Ich sehe mich weiter in der Schublade um und kann vor lauter Durcheinander zunächst nicht mehr entdecken. Also versuche ich mich zu konzentrieren, um vielleicht noch einige Erinnerungen reaktivieren zu können. Weil das nicht gelingt, greife ich mir die farblosen Bauklötzchen heraus und versuche die Häuser in Erinnerung zu rekonstruieren, die ich als kleiner Junge gebaut habe. Diese Rekonstruktion gelingt auch nicht recht, vielleicht deshalb, weil ich das schnell zu langweilig finde. Es mischen sich ständig Erinnerungen an verschiedene Spielsituationen mit meiner ein Jahr jüngeren Schwester ein. Das Bilder-Leben "Spielzeugschublade" reizt mich letztlich nicht. Es entwickelt sich zwar das Bild "Baukasten", aber es kommt nicht wirklich zum Erleben dieses Bildes. Unlust verhindert das Bild-Erleben, lässt mich aber voller Kindheitserinnerungen zurück.

Trotzdem, die selbst gestellte Aufgabe habe ich nicht gelöst. Dennoch zeigt auch dieser Misserfolg, wie die gemeinte Aufgabe eigentlich zu lösen wäre. Vielleicht haben Sie das besser geschafft.

Okay, ich starte einen neuen Versuch und wähle einen Traum, den ich als Kind öfters geträumt habe. Ich widme mich zunächst dem Bilder-Leben des Traumes. Es handelt sich um das, was man einen Albtraum nennt: Ich bin gerade unterwegs nach Hause. Ich befinde mich bereits auf der Straße zum Haus, als mich eine riesige Kugel aus Staubgewölle verfolgt. Da ich spüre, dass mich dies Staubkugel schlucken möchte, beginne ich zu rennen. Kurz bevor ich das rettende Haus erreiche, erfasst sie mich. Ich schreie und erwache. Dieser Angsttraum wiederholt sich viele Nächte, bis ein besonderes Bild-Erleben dieses Geschehen entlarvt. Eines Nachts entdecke ich nämlich während des Erwachens, dass ich mir mit dem linken, um den Kopf gelegten Arm und der linken Hand den Mund zuhielt. Dieses Bild-Erleben setzte der Folge von Albträumen endlich ein Ende.

Aus dem Bilder-Leben wird offensichtlich Bild-Erleben, sobald der Verstand eingreift und die Fantasietätigkeit unterbricht.


Lesen schenkt uns Drehbücher für unser Kopfkino. Gute Texte bewegen uns, indem sie unterhalten. Neben körperlicher Bewegung ermöglicht auch Denken Fortbewegen. Um aber voran kommen zu können, müssen wir dazu lernen. Um das zu verstehen zu können, müssen wir mehr auf die Gleichzeitigkeit von Bilder-Leben und Bild-Erleben eingehen.

Wechselwirkungen zwischen Fantasie und Verstand machen das Denken aus. Wer aber animiert wen? Betrachten wir unseren Alltag, dann beansprucht das Bilder-Leben vorwiegend in Gestalt von Tagträumen. Dass wir tagträumen, bemerken wir meistens nur, wenn wir in Gedanken abwesend sind und uns von der augenblicklichen Tätigkeit ablenken lassen. Tagträumen ist vor allem eine seelische Leistung. Wir tagträumen um so eher, je weniger uns unsere Gegenwart - oft kaum bemerkt - nicht befriedigt. Unsere Seele lenkt uns also freundlicherweise gleichsam von uns selbst ab.

Schauen wir uns das näher an.

Bilder-Leben und Bild-Erleben machen als Bilderleben Bewusstwerden, das wir denkend erfahren, aus. Dieses Wechselwirken zwischen Verstand und Fantasie beruht auf der Kommunikation von Bewusstsein und Unbewusstsein. Diese Kommunikation teilt sich uns nicht nur bildlich mit, sondern zugleich auch sprachlich. Über unsere Sprache sind wir auch in der Lage, das Bewusstwerden zu beeinflussen.

So bewirkt das Wort "Frühlingswiese" das Inszenieren eines unseren Erfahrungen gemäßen Bilderlebens. Wie genau sich das gestaltet, das hängt von unserem Erinnerungsvermögen und von der Genauigkeit des Umgangs mit unserer Sprache ab.

Betrachten wir einmal einen Satz als raum-zeitliches Moment eines Textes. "Das kleine Mädchen pflückt Blumen!" Das Subjekt des Satzes repräsentiert "das Mädchen" als Initiator des Handelns, während das Objekt "pflückt" anzeigt, worum es sich genau handelt. Schließlich ergänzt das Objekt "Blumen", worauf dich das Handeln bezieht. Fasst man diesen Sachverhalt zusammen, dann repräsentiert ein Satz eine neuronale Operation, nämlich die Anwendung (í) eines Operators auf Operanden:

Mädchen í Blumen = pflücken = Subjekt í Objekt = Prädikat = Operator í Operanden = Operation

Ein Vertreter einer Menge von Neuronen wird ein bestimmtes Neuron durch ein bestimmtes Wort aktiviert und mit seinem Bezugsneuron verbunden. Diese Verbindung macht als Operation das eigentliche Bilderleben aus, das in diesem Fall verstandesmäßig, nämlich durch einen Satz ausgelöst wird.

Bei genauer Betrachtung dieses Vorgangs, kann beobachtet werden, dass die Vergegenwärtigung auch genau so verläuft. Es werden das Mädchen, die Blumen zuerst ‚gesehen' werden und dann erst der Vorgang des Pflückens.

Die Seele aber gibt sich mit dem Blumen pflückenden, kleinen Mädchen nicht zufrieden. Neugierig möchte sie vielleicht erfahren, wo und warum es Blumen pflückt. "Das kleine Mädchen pflückt im nahe gelegenen Stadtpark Blumen für ihre Mutter zum Muttertag." Dieser Satz ist deshalb leicht verständlich, weil allen alle Bilder bekannt sind.

Bei der Formulierung von Texten ist also sorgfältig darauf zu achten, möglichst leicht verständliche Bilder zu verwenden oder wenigstens leicht nachvollziehbare Vorgänge zu beschreiben.

Aufgabe:

Was ist falsch an folgendem Satz falsch? "Inhärenz ist das Verhältnis eines Substrats zu seinen Akzidenzien."

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