27
Mrz
2018

Wer sucht, der findet

Wie aber wird Denken in Gang gesetzt? Wie lassen sich Bilder finden, nach denen ich suche?
Wenn ich nach einer Straße suche, dann frage ich! Wenn ich also denkend vorankommen will, dann muss ich dementsprechend fragen.
Fragen bedeutet Suchen. Aber das ist viel zu ungenau, denn es bleibt ungeklärt, wie überhaupt geeignete Fragen gestellt werden müssen.
Sobald ich mich eingehender damit beschäftige, wird sofort klar, dass es auch Wörter für Fragen, nämlich Fragefürwörter gibt. Also kläre ich zunächst, welche Fragepronomina für mich von Bedeutung sind.
Später dann im Philosophiestudium erfuhr ich ziemlich zu Anfang, dass das Philosophieren die Frage an den Anfang stellt. Das Philosophieren des Sokrates gründet gar fast nur auf Fragen. Er nennt die Kunst des Fragens sogar Hebammenkunst
Wer unterwegs zum Denken ist, trifft zunächst auf die äußeren Sinne, bevor er sich dem inneren Sinn zuwenden kann.
Uns wird etwas sinnlich als Wahrnehmung und/oder gefühlsmäßig als Eindruck bewusst. Sinnliche Wahrnehmungen werden durch Einstellungen beeinflusst, Eindrücke durch Stimmungen.
Einstellungen sind Vorurteile auf Grund von Erfahrungen, Stimmungen sind situativ bedingte Empfindungen.
Der Verstand urteilt. Die Vernunft wertet. Urteile sind Formen des Wahrnehmens, Betrachtens, Beobachtens und Begreifens, Wertungen sind Ausdrucksweisen der Seele.
Der Verstand liest Grade vom Thermometer ab, die Seele fühlt die Temperatur.
Während der Verstand Wahrnehmungen digitalisiert, also in Wahrnehmungsmomente auflöst, erhält die Vernunft Wahrnehmungen als ganzheitliche Vorgänge.
Das Großhirn organisiert sich sowohl digital als Bewusstsein oder Verstand als auch analog als Bewusstwerden oder Vernunft. In die Organisation des Bewusstseins fließen Erinnerungen mit ein und gleichen Wahrnehmungen bisherigen Erfahrungen an. Dieser Einfluss bewirkt Vorurteile, die Wahrnehmungen etikettieren.
Aus diesem Grund wird die Tätigkeit des Verstan-des auch "Erkennen" genannt.
Im Wort "erkennen" steckt aufgrund der Vorsilbe "er" die Funktion "das zurückholen, was wir schon kennen", weil wir es irgendwann einmal mehr oder weniger unbewusst oder bewusst erfahren haben. "Erholen" bedeutet entsprechend, eine "bessere Befindlichkeit" zurück holen (wieder herstellen).
Den ersten griechischen Philosophen des Altertums war dieser Sachverhalt bewusst, weshalb für sie Erkennen zugleich immer auch ein Wiedererkennen war.
Sokrates demonstrierte diese Auffassung, indem er bei einem Sklaven nachwies, dass dieser den Satz des Pythagoras immer schon weiß. Wird er nämlich nur geschickt genug danach gefragt, dann kann er systematisch in sich suchen und den Lehrsatz des Verhältnisses der Quadrate über den Katheten eines rechtwinkligen Dreiecks zum Quadrat über dessen Hypotenuse entdecken und zutreffend wiedergeben.
Sokrates' Methode des systematischen Forschens durch zielgerichtetes Fragen ist als "Hebammenkunst" (Mäeutik) in die Geschichte eingegangen.
Wie kann man sich den Unterschied zwischen Verstand und Vernunft praktisch vorstellen? Zur Erklärung eignet sich das Einkaufen besonders gut. Wer verstandesmäßig einkaufen geht, legt zuvor die Abfolge der Geschäfte, in denen er die gewünschte Ware findet, genau fest. Wer dagegen vernunftgemäß einkaufen geht, macht einen Einkaufsbummel. Ihn interessierende Geschäfte legt er erst unterwegs spontan, gefühlsmäßig fest.
Dem Verstand kommt es auf den kürzesten Weg an, der Vernunft eher auf das Vergnügen.
Die ersten Philosophen unterschieden zwischen oran (Verstand) und idein (Vernunft). Beide Verben bedeuten sehen, aber oran bedeutet körperlich oder sinnlich sehen und idein bedeutet seelisches gefühlsmäßiges Empfinden oder Intuition.
Den Menschen aber bestimmten sie als vernunftbegabtes und nicht etwa als verstandesbegabtes Lebewesen.
Die Intuition der Vernunft erschien ihnen demnach existentiell wichtiger als der Logos des Verstandes.
Ohne diese Unterscheidung der griechischen Philosophen des Altertums wäre wohl die Entdeckung und Grundlegung einer sinnlich unabhängigen Theorie wie Geometrie, Mathematik oder Metaphysik kaum denkbar gewesen. Diese Tatsache aber erklärt auch, warum keiner der ersten Philosophen jemals auf den Gedanken gekommen wäre, Theorie für wirklich zu halten.
Eine einfache Aufgabe demonstriert diese Auffassung.
Sehen Sie sich in dem Raum, in dem Sie sich befinden, genau um und sagen Sie, wie viele Kreise Sie sehen.
Falls Ihre Antwort lautet "Ich kann keinen Kreis sehen!", hat Sie das "idein" geleitet. Und selbst, wenn Sie mit dem Zirkel einen Kreis zeichnen sollen, werden Sie immer noch zutreffend erklären, dass Sie einen Kreis nicht wirklich herstellen können.
Der Kreis existiert nämlich wie alles Geometrische oder Mathematische nur als Vorstellung einer Idee in Ihrem Kopf! Diese Idee ist unmittelbar dafür verantwortlich, warum sich in Ihrem Raum so viele Kreise befinden.
Wissenschaft vermag niemals wahrzunehmen, sondern immer nur wahr zu nehmen.
Es erscheint paradox, warum nun ausgerechnet ganzheitliches Wahrnehmen der Vernunft zur Entdeckung detaillierten Wahr-Nehmens des Verstandes geführt haben soll.
Pythagoras' ganzheitliches Wahrnehmen entwarf in ihm Fragen, weshalb etwas immer so erscheint und nicht anders. Wann klingt eine Tonfolge harmonisch und wann disharmonisch?
Pythagoras benutzte ein Monochord, einen Klangkasten, der mit nur einer Saite bespannt war, und experimentierte mit einem Steg, den er, um eine Antwort auf seine Frage zu finden, unter der Saite in verschiedenen Abständen verschob. Während er den Steg an einer bestimmten Stelle feststeckte, zupfte er das frei schwingende Saitenende und verglich den erzeugten Ton mit dem Grundton des Instruments.
Er entdeckte, dass er, wenn er den Steg genau mittig ansetzte, den reinen Klang exakt einer Oktave erzielte, bei der Aufteilung von 2:3 und 3:4 hingegen jeweils Quinte und Quarte, die er ebenfalls noch als wohlklingend empfand.
Pythagoras unterteilte bereits das Tonsystem in 12 Halbtöne und schuf damit die Grundlage für die westliche Harmonielehre.
Die Antwort auf seine Frage bestand also im mathematischen Verhältnis unterschiedlich hoher Töne zueinander.
Den Abstand zwischen zwei Tönen zu bestimmen, ist nur eine Frage der Übung. Für alle wichtigen Intervalle demonstrierte er bekannte Liedanfänge als Eselsbrücken.
Offensichtlich ist es Neugier, welche Wahrnehmen mit Hilfe von Experimenten in Wahrnehmen übergehen lässt. Verstand erscheint so als Sonderfall der Vernunft.
Das neugierige sorgfältige, geduldige Wahrnehmen des Verlaufes der Sonne am Himmel brachte den Philosophen Thales aufgrund der Beobachtung der Sonnenstrahlen zur Feststellung, dass jeder Winkel im Halbkreis ein rechter ist.
Und Eratosthenes von Cyrene, ein griechischer Mathematiker, Dichter, Athlet, Geograph, Astronom und Musik-Theoretiker, war der erste, welcher den Gedanken hatte, den Kreisumfang der Erde zu be-rechnen, indem er ein Messsystem verwendet, nämlich Stadien (Einheiten von jeweils 600 Fuß). Eratosthenes beobachtete, dass am Tag der Sommersonnenwende die Sonnenstrahlen während des Zenits in Syene (jetzt Assuan) senkrecht fallen. Zur gleichen Zeit in Alexandria aber lenkten die Strahlen 7.5 Grad von der vertikalen Richtung ab. Erathostenes betrachtete die Entfernung jener zwei Städte von 5000 Stadien (800 km). Seine Annahme beruhte auf der Zeit, welche eine Karawane für diese Entfernung braucht. Demzufolge leitete er den Kreisumfang der Erde ab: 360°/7.5 * 800 km = 39000 km.
Mythos, Kunst, Philosophie und Geometrie helfen offensichtlich der Vernunft, ihre Neugierde zu befriedigen.
Solche Befriedigung geschieht durch das Zusammenspielen von Vernunft und Verstand. Vernunft und Verstand sind einander ergänzende Teile jenes Prozesses, welcher seit jeher als Denken be-zeichnet wird. Denken bedeutet "Bilderleben", und zwar als
Bilder-Leben der Vernunft
und
Bild-Erleben des Verstandes.
Sobald gedacht wird, gewährt auch Selbstbe-obachtung Aufschluss darüber, ob gerade die Vernunft, der Verstand oder beide das Bewusstwerden bestimmen. Wenn ich mich an eine Situation erinnere und das vergangene Geschehen in Bildern in meiner Vorstellung abläuft, wird das von der Vernunft geregelt. Sobald ich mich aber auf einzelne Bilder besonders einlasse, schaltet sich der Verstand ein. Wenn sich jemand an das Zuhause seiner Jugend erinnert und in Gedanken durch das Haus geht, wird dieser Besuch von der Vernunft gestaltet. Kommt aber der Wunsch auf, während des Gangs durch das Haus oder die Wohnung in einem Zimmer zu verweilen, um sich genauer umzusehen, wird das Erinnern vom Verstand geleitet.
Der Verstand wird tätig, sobald die Vernunft von einem starken Bedürfnis bewegt wird. Der Verstand ist eine Erscheinungsform der Vernunft. Durch die Verstandestätigkeit wird Bilder-Leben zum Bild-Erleben und Einzelheiten treten in den Vordergrund.
Etwa zwei Drittel eines Tages werden ausschließlich von der Vernunft in Tag- und Nachtträumen geregelt. Bisweilen ertappen wir uns beim Tag-träumen. Irgendetwas Auffälliges oder Aufdringliches ruft uns dann wieder zur Ordnung, und unser Verstand meldet sich zu Wort.
Eine Zeitlang wurde der Verstand der linken und die Vernunft der rechten Hemisphäre zugeschrieben. Nach diesem Modell geht es in unserer Gesellschaft vor allem sehr linkslastig zu. Das aber würde ja bedeuten, dass unsere Vernunft vorwiegend hochgestimmt ist. Tatsächlich wird die Stimmung der Vernunft ständig durch Bilderfluten überreizt und der Verstand dadurch unaufhörlich herausgefordert.
Diese überdrehte Situation schafft ruheloses Bewusstsein, dem besinnliches Betrachten fremd ist. Als Folge dieser ständigen Unruhe unterdrückt das Gehirn Gelegenheiten, sich mit etwas eingehender zu beschäftigen und Wahrnehmen geht unmittelbar in Identifizieren über. Das ermöglicht natürlich auch kein Unterscheiden zwischen Vernunft und Verstand mehr.
Der Verstand verliert den Kontakt zu seinem Ursprung und weiß mit Vernunft nichts mehr anzufangen. Das Fortschreiten der Welt ‚verrechnet' sich, weil Vernunft nichts mehr zählt.
Da es mir nicht auf Richtigkeit, sondern vielmehr auf Wahrheit ankommt, verlasse ich mich vor allem auf die Vernunft.

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