Unilogo

7
Mai
2005

Der Übergang vom Mythos zum Logos - Vom Wahrnehmen zum Begreifen VI

Protagoras hat seine dialektischen Fähigkeiten von Zenon von Elea (490 - 430) erworben, dem Urheber der Dialektik, also der Methode, gesprächsweise Erkenntnisse zu entwickeln. Dieses Verfahren wurde später von Demokrit aus Abdera (460 - 410) verfeinert. Von ihm ist folgender Dialog überliefert:

"Erst spricht der Verstand zu den Sinnen und sagt: 'Die Leute meinen zwar, es gebe euch: das Bunte, das Süße, das Bittere, aber in Wirklichkeit gibt es nur die Atome und leeren Raum.' Darauf kehren die Sinne den Spieß um und erwidern: 'Du armer Verstand. Von uns nahmst Du doch die Beweisstücke, wie kannst Du uns damit besiegen wollen!'" (vgl. W.Kanz, Vorsokratische Denker, Berlin 1939, S.147)

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Dieser innere Dialog ist gleichsam ein mythisches Überbleibsel: die Fähigkeit, sich von der inneren Stimme (daimonion) etwas zeigen zu lassen. "Der Mythos argumentiert nicht, sondern stellt dar. Er ist kein Produkt des abstrakten Verstandes, sondern der schöpferischen Einbildungskraft." (G.Scherer, Das Problem des Todes in der Philosophie, S.81/82) Die Kraft mythischen Denkens wird bis heute in bestimmten Formen der Kontemplation und Meditation geübt.

Im 'Glasperlenspiel' beschreibt Hermann Hesse die Aufgabe der Meditation so: "Je mehr wir von uns verlangen, oder je mehr unsere jeweilige Aufgabe von uns verlangt, desto mehr sind wir auf die Kraftquelle Meditation angewiesen, auf die immer erneute Versöhnung von Geist und Seele. Und je intensiver eine Aufgabe uns in Anspruch nimmt, und bald erregt und steigert, bald ermüdet und niederdrückt, desto leichter kann es geschehen, daß wir diese Quelle vernachlässigen. Die wirklich großen Männer der Weltgeschichte haben alle entweder zu meditieren verstanden oder doch unbewußt den Weg dorthin gekannt, wohin Meditation uns führt. Die andern, auch die begabtesten und kräftigsten, sind alle am Ende gescheitert und unterlegen, weil ihre Aufgabe oder ihr ehrgeiziger Traum so von ihnen Besitz ergriff, sie so besaß und zu Besessenen machte, daß sie die Fähigkeit verloren, sich immer wieder vom Aktuellen zu lösen und zu distanzieren." (Hermann Hesse, Glasperlenspiel,Suhrkamp TB 79,1972)

Und Carl Friedrich von Weizsäcker: "Meditation ist eine Aneignung einer Wahrheit durch das Bewußtsein, bei der nicht nur der Inhalt, sondern die Struktur des Bewußtseins verändert wird. Sie hängt damit zusammen, daß Erkenntnis selbst ein Lebensvorgang ist... Stetes Anschauen, Durchdenken, Sichvergegenwärtigen und Einüben der Wahrheit, im Wechsel zwischen dem Durchwandern des schon bekannten Gebietes und dem immer wiederholten Anklopfen an Türen, die sich noch nicht geöffnet haben, in der ständigen Bereitschaft, das eigene Wesen der erkannten Wahrheit anzugleichen - das etwa ist der Beitrag, den der Wille zur Meditation leistet. Der Vorgang, der sich dann vollzieht, wenn diese Willenseinstellung da ist, stammt aus den Kräften des Unbewußten und besteht in einer langsamen aber tatsächlichen Verwandlung der Beschaffenheit des Bewußtseins. Er ist in seinem Wesen nicht verschieden von jedem Vorgang des Reifwerdens. Auch der Erwachsene hat ein anderes Bewußtsein als das Kind; er hat andere Willenseinstellungen und Triebe, und er verwendet Vorstellungen und Begriffe mit einer Selbstverständlichkeit, die für das Kind überhaupt keinen begreiflichen Sinn haben. Alle höhere Erkenntnis aber kann nicht ohne eine bewußte Einstellung des Willens auf den Erkenntnisvorgang gewonnen werden, und es gibt Erkenntnisse, die nur auf dem im strengen Sinn meditativen Wege zugänglich sind... Alle Schulen systematischer Meditation kennen den Begriff der Meditationsstufen. Es liegt im Wesen der Meditation, daß sie sich die Wahrheit, die nicht auf einmal erflogen werden kann, allmählich aneignet. Auf diesem Wege gibt es Stationen, die der Reihe nach durchlaufen werden müssen... Selbstverständlich bedeutet dies kein starres Schema: es sind plötzliche Durchblicke in eine an sich noch unzugängliche Tiefe oder Höhe möglich. Aber es ist immerhin erstaunlich, wie gesetzmäßig sich die Entwicklung des Bewußtseins vollzieht." (Zum Weltbild der Physik, Stuttgart 1958,7.Aufl.)

Neuerdings wird Meditation auf der Grundlage der Arbeiten des Medizin-Nobelpreisträgers Roger W.Sperry vor allem als Tätigkeit der rechten Gehirnhälfte (bzw.bei Linkshändern als Tätigkeit der linken) beschrieben. (R.W.Sperry: Bridging Science and Values - A Unifying view of Mind and Brain, American Psychologist 32 no.4, April 1977, S.237-245)

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Prof. Dr. habil Wolfgang F Schmid

Grundsätzliches (www.wolfgang-schmid.de)

 

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