Das Kopfschmerzmittel DT oder A.H.S.

Täglich erscheinen Tausende wissenschaftlicher Publikationen in der Welt und das Wissen verdoppelt sich alle paar Jahre. Im Internet existieren viele derartiger Statistiken mit recht unterschiedlichen Zahlen. Was haben wir eigentlich davon zu wissen, dass täglich vielleicht 100.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen erscheinen und dass das gesamte Wissen in der Welt sich alle ein oder zwei Jahre verdoppelt. Warum stellen wir eigentlich solche Statistiken auf mit Zahlen, mit denen niemand etwas anzufangen weiß. Und wenn wir jeden Monat mehrere Bücher lesen und brav alle wissenschaftliche Dokumentationen im Fernsehen anschauen, werden wir im Grunde auch kaum schlauer.
Warum also nehmen wir Information überhaupt auf? Das geschieht nicht etwa, um das Gehirn zu beschäftigen, sondern vielmehr deshalb, weil unser Gehirn Information braucht, um sich am Leben erhalten zu können. Information ist also ein Lebensmittel für unser Gehirn. Diese Lebensmittel sind überall dort zu haben, wo sich viele Menschen aufhalten. Und wie alle Lebensmittel so richtet sich auch bei diesen der Preis nach der Qualität. Wer diese Lebensmittel bewusst verzehrt, weiß auch zu sagen, wie sie schmecken. Da man nicht immer am Geschmack erkennen kann, ob Information einem bekommt oder nicht, existieren Lebensmittelgesetze, die zwar nicht von Behörden, aber immerhin doch in dafür eigens vorgesehenen Einrichtungen verwaltet werden. Wie bei Lebensmitteln für den Körper kann auch der Verzehr von Information dazu führen, dass wir zunehmen oder abnehmen. Wir können sogar verhungern, wenn wir gehaltlose Information zu uns nehmen. Weil wir Information zum Leben brauchen, sollten wir uns schon darüber Gedanken machen, was wir eigentlich zu uns nehmen.
Unter den Lebensmitteln gibt es solche, welche Stoffe enthalten, die abhängig machen. Ist der Anteil abhängig machender Stoffe sehr hoch, dann werden diese Mittel nicht mehr Lebensmittel, sondern Rauschmittel oder Drogen genannt. Ich möchte das einmal an einem Mittel klar machen, dass gemeinhin als Heilmittel gilt. Es handelt sich um das Kopfschmerzmittel A.H.S., das auch unter der Markenbezeichnung DT vertrieben wird. Besonders beliebt ist dieses Mittel unter jungen Lehrern und Lehrerinnen, die ihr sogenantes Referendariat absolvieren.
Um die Wirkung von DT verstehen und es dann gegebenenfalls selbst einnehmen zu können, soll ein sehr häufig vorkommender medizinischer Fall herangezogen werden. Aus rechtlichen Gründen wurde der Name des Referendars verändert. Nennen wir ihn also einfach Hans-Peter. Ich habe mich für Hans-Peter deshalb entschieden, weil sein Fall unter den Fachleuten als typisch oder ganz normal gilt.
Um die Wirkung von DT bei Hans-Peter zu verstehen, muss man etwas auf dessen Verhalten eingehen. Hans-Peter hat vor kurzem sein erstes Staatsexamen an der Universität mit Erfolg abgelegt. Während seines Studiums ist Hans-Peter nie sonderlich aufgefallen. Er hat brav seine Praktika absolviert und sich fleißig gezeigt. Hans-Peter hat den Beruf des Lehrers weniger aus Überzeugung als vielmehr aus Verlegenheit gewählt. Er betrachtet diesen Beruf als Existenzgrundlage und meint zukünftig existentiell ganz gut abgesichert zu sein. Hans-Peters Begabung und Intelligenz sind durchschnittlich, und so zeigt er sich wenig motiviert, Leistungen über das geforderte Maß hinaus zu erbringen. Die Ausbilder und Ausbilderinnen bezeichnen Hans-Peter als nicht gerade einfallsreich.
Hans-Peter befindet sich im Augenblick wenige Tage vor seiner ersten Prüfungslehrprobe und ist voller Furcht, diese nicht hinzubekommen. Er hat inzwischen so viele Unterrichtsentwürfe angefertigt, dass er nicht mehr weiß, wo ihm eigentlich der Kopf steht. Da ihm inzwischen auch nicht mehr einfällt, gerät er in eine Art panische Angst, die schließlich dazu führt, dass er sich dem kommenden Ereignis gegenüber völlig ohnmächtig fühlt. In seiner Not bittet er seine Mentorin um ein Gespräch. Er schildert ihr seine Situation ausführlich und endet mit der Klage, dass er inzwischen nicht einmal mehr weiß, wie Unterricht eigentlich abläuft.
Als ihm seine Mentorin das Mittel "AHS" verabreicht, beruhigt sich Hans-Peter rasch. Endlich hat er etwas ganz Einfaches, woran er sich orientieren und festhalten kann. Begeistert wiederholt er nach diesem Gespräch immer wieder: A.H.S... . A.H.S... Anfang - Hauptteil - Schluss. Eine banalere Information ist nicht möglich, und es ist gerade diese Banalität, die wirkt. Inmitten des Chaos wirkt diese Information wegen ihrer Einfachhheit so sehr erleichternd, dass sie Langzeitwirkung erreicht. Diese verheerende Wirkung der Vereinfachung merkt Hans-Peter gar nicht, wenn er seinen Unterricht zukünftig in A H S gliedert.
wfschmid - 16. März, 05:40
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