Annäherung

Jeder natürliche Mensch hat einen schöpferischen Traum. Die Religionen sagen, dass alle Menschen ein Geschöpf des Schöpfers sind, der ihnen diesen Traum geschenkt hat. Aber kein Mensch weiß, wann er diesem Traum begegnet, aufwacht und damit erfährt und weiß, was er wesentlich ist.
Wesen bedeutet Dasein im Licht des Anwesens, also wortwörtlich endlich da sein, angekommen sein. Wesentlich ist der Mensch in dem, was seine Begabung ausmacht. Begabung ist ein anderes Wort für das göttliche Geschenk. Wesen ist also das, worin sich ein Mensch vollkommen zu Hause fühlt oder dort, wo er daheim ist und sich glücklich fühlt.
Wesen, das ist ein Tunwort. Wesen vollzieht sich allein in der Tat, gleichgültig, ob ich dichte, male, musiziere, singe, mathematisiere oder sonst leidenschaftlich tätig bin. In unserem Wesen müssen wir jeden Tag neu ankommen. Es ist zwar ein Geschenk, aber es wird uns nicht geschenkt.
Noch einmal: Nur in unserer Tat können wir wesentlich sein. Das tatsächlich bei sich selbst Ankommen ist jene Selbstbefreiung, von welcher Platon in seinem Höhlengleichnis spricht und die er als Bedingung der Möglichkeit betrachtet, von der Physik in die Welt der Metaphysik zu wechseln. Dieser Wechsel aus der Welt des Realen in die Welt des Idealen bedeutet etwa im Buddhismus das vollkommene Loslassen von allem mit Sein behafteten. Die Tat für diese Welt der Ideen ist das Verweilen im Nichts. Allein durch tiefe Meditation vermag das reine Denken aus dem Sein in die Tiefen der möglichen Möglichkeiten vorzudringen und die in allem waltende Energie zu entdecken und zu erfahren.
Das klingt nur so lange befremdlich wie man sich damit nicht vertraut gemacht hat. Aber wie gesagt, da es sich um eine natürliche Gabe handelt, gibt es auch einen sehr natürlichen Weg, sie anzunehmen. Das Eröffnen oder Offenbaren des Wesens nennen die griechischen Philosophen des Altertums "Alétheia" (dtsch. Wahrheit). Jeder Mensch verfügt natürlicherweise über die Fähigkeit, der Wahrheit des Wesens zu begegnen.
wfschmid - 18. März, 05:15
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