Zen - Lehrgespräche (8)
Über die Liebe
Das Gefühl der Natur
Yiya legt sein kleines Büchlein, in das er das hohe Lied der Liebe geschrieben hat, weg. Er sucht sich einen schattigen Platz unter einer Buche in der Nähe, um über das Gebet nachzudenken und darüber, warum Erziehung nur dort erscheint, wo es an Liebe mangelt. Ein Eichhörnchen klettert den Baum herunter, springt zu ihm und baut sich unmittelbar vor Yiya auf: "Welche schweren Gedanken sammelst Du denn gerade?"

"Ich denke über Erziehung nach!" Das Eichörnchen kratzt sich hektisch und sagt dann: "Oh ja, das ist eine böse Sache und sehr gefährlich für uns Eichhörnchen, weil dieses Mittel bei den Menschen die Liebe tötet. Erziehung ist der ständig sich wiederholende Rausschmiss aus dem Paradies. Erziehung fesselt Euch an ein Gewissen, das Euer Zusammenleben wie in einem Spinnennetz mit dem Gewissen verklebt. Alle Lebewesen, die keine Menschen geworden sind, kennen eine solche Knebelei nicht!" Yiya fragt erstaunt: "Und wonach richtet Ihr Euch, wenn Ihr etwas Wichtiges entscheiden müsst?" Das Eichhörnchen lacht und erklärt: "Yiya, wir haben nichts Wichtiges zu entscheiden. Wichtiges, weniger Wichtiges und ganz Wichtiges, das kennt nur Ihr Menschen, weil Ihr alles verschiebt! Wir Eichhörnchen halten das für wichtig, was wir gerade machen. Es ist ganz egal, was! Gewissen brauchst Du nur, wenn Du etwas nicht gleich erledigen willst und deshalb bewerten musst, was Du eigentlich wann tun willst!" YiYa entgegnet: "Aber um dich zu schützen, brauchst du Gebote. Zum Beispiel: 'Du sollst nicht stehlen!'" Das Eichhörnchen erkundigt sich erstaunt: "Stehlen, was ist das denn?" "Wenn Du einem Anderen wegnimmst, was nur ihm gehört!" "Yiya, das ist ja sehr interessant. So etwas kennen wir Eichhörnchen doch gar nicht, weil alles jedem von uns gehört. Selbst das, was wir gerade essen, gehört uns nur so lange wie wir es festhalten können. Wir brauchen kein Gebot, um es zu behalten, sondern Kraft, manches Mal sogar viel Kraft!" Yiya gibt nicht auf. "Aber das Gebot: 'Du sollst nicht töten!'" Jetzt gerät das Eichhörnchen ins Grübeln: "Yiya, das sag einmal einem Habicht oder Baummarder oder einem Autofahrer! Du siehst, Gebote helfen nicht, denn Autofahrer töten uns, Kinder, andere Menschen und sich sogar gegenseitig, und selbst wir, die wir keine Gebote haben, gönnen uns 'mal Insekten oder ein Schneckchen!" Yiya gehen jetzt die Argumente aus. Aber er will sich nicht von einem Eichhörnchen geschlagen geben und versucht abzulenken. "Sag 'mal, ich kenne noch nicht einmal Deinen Namen!" Das Eichhörnchen überrascht: "Schon wieder so etwas, das ich nicht kenne! Was ist das, ein Name?" Yiya versucht es mit einem praktischen Fall: "Wenn Du drei Eichhörnchen, die im Park hin und herlaufen, triffst und Du willst, dass eines von den dreien zu Dir laufen soll, was machst Du dann?" Das Eichhörnchen überlegt nicht, sondern sagt: "Ich mache gar nichts, weil es sofort merkt, dass es zu mir kommen soll!" Yiya hat einen Einfall: "Siehst Du, wenn der andere merkt, dass Du ihn meinst, dann hast Du ihn genannt, also einen Namen gegeben!" "Ach so, dann hast Du jetzt auch einen Namen, weil ich Dich meine!", sagt es und springt davon.
wfschmid - 6. Juli, 05:05
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