Unilogo

30
Jun
2012

Flucht

 

intuition-urs
 

<<== David
 

Der Tag, an dem David einen Ausweg aus seiner Misere fand, begann abends ausgerechnet bei Tante Bettys Mutter, welche Marie und David liebevoll "Oma" nannten. Dort nämlich war vieles erlaubt, was von ihrer Tochter verboten worden war. An diesem Abend sollte David gleich drei neue Dinge kennen lernen: Cola, Popcorn und das Buch "Billy Jenkins". Mit diesem Western erkannte David sofort die Möglichkeit, mit Hilfe der Fantasie aus seiner Wirklichkeit auszubrechen. Ab sofort übernahm David in schwierigen Situationen die Rolle eines Texas Rangers, der für Gerechtigkeit zu sorgen und Bösewichte zu verfolgen hatte. Klar, dass Betty ganz oben auf seiner Liste stand. Jedenfalls hatte David eine Möglichkeit gefunden, mit Hilfe seiner Fantasie schwierige Situationen besser durchzustehen. Eines Tages entdeckte David an einem Kiosk, dass es Billy Jenkins auch in Heftform zu kaufen gab. Das Buch, das er von Oma geschenkt bekam, hatte ihm Tante Betty längst abgenommen. Jedenfalls war für David klar, dass er sich das in regelmäßigen Abständen erscheinende Heft unbedingt besorgen musste. Also sparte er die paar Groschen, die er ab und zu von seinem Vater und von Nachbarn fürs Einkaufen bekam. Dazu kam noch das sonntägliche Opfergeld für den Gottesdienst.

Interessant in Davids Entwicklung ist vor allem, dass seine lebhafte Fantasie nicht von sich her "Billy Jenkins" 'am Leben erhalten' konnte, sondern sich auf den Nachschub dieser Romanhefte stützen musste. Aber es blieb nicht dabei. Durch das Buch "Deutsche Heldensagen" bekam "Billy Jenkins" durch Ritter ernsthafte Konkurrenz. Dabei blieb es auch nicht, denn hinzu kam "Bomba, der Junge aus dem Urwald", ein Jugendbuch, das in zwölf Bänden erschien. Sein Vater schenkte ihm nach und nach die einzelnen Bände. Inzwischen war David nämlich in die Rolle eines Vorlesers geschlüpft. Gegen den heftigen Widerstand Bettys hatte dich David diesen Job hart erkämpft, nachdem wieder einmal eine Vorleserin ausgefallen war. Und so las David seinem blinden Vater Woche für Woche Änderungen und Kommentare zur deutschen Sozialgesetzgebung vor. Natürlich gehörten dazu auch die entsprechenden Paragraphen des Sozialgesetzes. Da Davids Vater trotz seiner Blindheit u.a. auch Sozialrichter am Sozialgericht Konstanz war, musste er sich in der aktuellen Rechtslage gut auskennen. Und David war ihm dabei eine große Hilfe. Mit der Zeit entwickelte er sich zum wandelnden Gesetzestext, das dem Vater auch spontan Auskunft geben konnte. Betty verfolgte diese Entwicklung mit äußerstem Unbehagen, denn schießlich durfte David ihren Sohn auf keinen Fall überflügeln. Ein harter Kampf um die Schule nach der Grundschule entbrannte. Ihrer Strategie nach kam für David nur die Hauptschule in Frage. David wollte aber wie einige seiner Freunde aus der Nachbarschaft unbedingt aufs Gymnasium. Das machte für Betty nicht den geringsten Sinn, denn sie sah Davids Zukunft als Arbeiter in der Suppenfabrik Maggi. Ihr schlagendes Argument war das baldige Geldverdienen. David aber verfügte über keine Strategie, um den Machtkampf gegen Betty zu gewinnen.


==>> Villa Hefti
 

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Prof. Dr. habil Wolfgang F Schmid

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