Unilogo

18
Nov
2006

Die ersten Regeln erfolgreichen Unterrichtens

unterricht-regel2

Regel 2

Das Gehin hat nur Zeit für auffällige Sinneseindrücke oder aufdringliche Erinnerungen oder Gedanken.

Regel: Wenn Ihr unterrichtliches Angebot weder für die Lernenden auffällig ist noch deren Interesse weckt, können Sie sich alles Weitere sparen.

Grund: Das Gehirn der Lernenden wird nicht motiviert, wenn weder Aufmerksamkeit erregt noch Konzentration geweckt wird.


Aufmerksamkeit: Ausrichtung des Bewusstsein auf das Wahrnehmungsfeld,

Konzentration: Ausrichtung des Bewusstseins auf das Fantasiefeld (schöpferisch aktives Gedächtnisfeld),

Motivation: neuronale Aktivitäten aufrund von Aufmerksamkeit oder Konzentration.


Auffälligen Sinneseindrücken oder aufdringlichen Erinnerungen widmen wir Zeit. Wir betrachten das, was uns auffällt oder sich uns aufdrängt, wenigstens für einen Augenblick (~ 1 bis 3 Sekunden).
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17
Nov
2006

Die ersten Regeln erfolgreichen Unterrichtens

unterricht-regel1

Regel 1

Wir nehmen gefiltert wahr. Unser Gehirn legt die Inhalte unserer Wahrnehmung für uns zurecht.

Regel: Beginnen Sie jeden Unterricht, indem Sie für klare Vorstellungen sorgen, worum es eigentlich geht.

Weil Lernen entweder mit den Sinnen oder mit der Fantasie beginnt, genügt es nicht, die Inhalte lediglich zu nennen. Das Gehirn braucht 'Bilder', mit denen es spielen kann.

Grund: Lernen bedeutet Bild-er-leben!
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16
Nov
2006

Wie uns Zeichen verraten

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Der Austausch von Zeichen hat entweder Nutzwert oder Unterhaltungswert. Werden Zeichen zur Unterhaltung ausgetauscht, dann regen Zeichen dazu an, sich mehr oder weniger gefühlsmäßig mitzuteilen. Man hat sich angeregt unterhalten, wenn alle Beteiligten das mitteilen konnten, was sie gerade beschäftigt. Das unterhaltsame Gespräch lebt zwar von belanglosen Mitteilungen, aber nicht von leeren Sätzen. Es sind gewöhnlich die eigenen Bedürfnisse, die zur Sprache kommen. In solchen Gesprächen wird viel geredet und wenig zugehört. Dieses Schwätzen hat kommunikative Funktion und bekräftigt wie das Schnattern der Gänse oder das Gackern der Hühner das Gefühl von Gemeinsamkeit. Das unterhaltsame Gespräch hat also nichts mit Geschwätz zu tun.

Unterhaltungs- und Nutzwert von Kommunikationen vermischen sich oft. Solche Formen der Kommunikation werden durch Werte und Normen (Predigten und Ansprachen), Regeln und Gesetze (Rede und Plädoyer), Gebote und Verbote (Aufruf und Verkündigung), Information und Wissen (Nachrichten und Referat) oder Musik und Kunst (Performance und Darbietung) bestimmt.

Problematisch wird es erst, wenn unterhaltsame Arten und Weisen zu kommunizieren für sch ausschließlich Nutzwert beanspruchen. In der Regel sind dann minderwertige Ideologie-,Geltungs- und Machtansprüche im Spiel.

Prüfung

Es gibt hochwertige, wertige und minderwertige Zeichen. Hochwertige Zeichen verweisen auf einen Handlungsalgorithmus. Wertige Zeichen verweisen auf klare Bilder oder eindeutige Vorstellungen. Minderwertige Zeichen sind entweder leer oder verweisen auf undeutliche Bilder oder vage Vorstellungen.
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15
Nov
2006

Fallbeispiel zum 14.November 2006

leerer-satz

Fallbeispiel:

"Bildung ist ein sprachlich, kulturell und historisch bedingter Begriff mit einer sehr komplexen Bedeutung." Dieser Satz ist leer. Die Wörter "Bildung" und "Begriff" sind weder mit einem Bild noch mt einer Vorstellung verbunden. Das Wort "Bedeutung" beinhaltet dagegen eine Funktion, nämlich die Zuordnung eines Bildes oder einer Vorstellung zu einem Wort. Ein Wort hat also Bedeutung, wenn ein Bild oder eine Vorstellung dazu existiert. Eine solche Zuordnung aber leistet dieser Satz genau nicht; er behauptet diese nur.

Leere Sätze sind in der Regel falsch. Es existiert kein "sprachlich (...) bedingter Begriff". Alle Begriffe repräsentieren versprachlichte Gedanken. Die Bedingung für die Möglichkeit der Formulierung eines Begriffs ist das Denken und nicht die Sprache. Und dass Begriffe "sprachlich, kulturell und historisch bedingt" sind, gilt generell und nicht etwa nur für einzelne Begriffe. Und wenn etwas nicht exakt wiedergegeben werden kann, dann wird sehr häufig behauptet, dass es sich um eine "sehr komplexe" Angelegenheit handelt.

Leere Sätze lassen sich selbstverständlich nicht korrigieren: wo nichts ist, da ist auch nichts zu machen. Leere Sätze treten gewöhnlich nicht vereinzelt auf, sondern im Verbund. Es existieren viele umfangreiche Texte, die nur aus leeren Sätzen bestehen. Es handelt sich oft sogar um Texte, die in Prüfungen vorausgesetzt werden. Die Prüfung besteht dann entsprechend aus leeren Antworten auf leere Fragen. Schnitzeljagd statt Textanalyse!
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14
Nov
2006

0+0=0

null-plus-null-gleich-null

Als Zeichen verweisen Wörter auf Objekte. Alle nicht systemischen Zeichen sind subjektiv. Mathematische und naturwissenschaftliche Zeichen sind systemisch, folglich relativ zum jeweiligen System objektiv gültig.

"Objektiv gültig", das bedeutet: unabhängig von der Auslegung eines Subjekts. Wörter ohne unmittelbaren Verweis auf ein Bild oder auf eine klare Vorstellung können vom Gehirn nicht interpretiert und damit auch nicht verarbeitet werden. Bildlose oder vorstellungslose Wörter sind leer und damit ungültig.

Leere Wörter können zwar vom Gehirn nicht verarbeitet, aber im Gedächtnis festgehalten und unverarbeitet wiedergegeben werden.
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13
Nov
2006

Bedürfnisse

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Wir Menschen unterscheiden uns gern von den Tieren dadurch, dass wir uns vernunftbegabte Lebewesen nennen. Die Tiere dagegen betrachten uns wahrscheinlich entsetzt als instinktlose Lebewesen und schauen uns hilflos dabei zu, wie wir nicht nur unsere eigenen, sondern auch ihre Lebensräume zerstören.

Hat uns der Verstand den Instinkt geraubt? Vermutlich ist diese Frage falsch gestellt. Bei genauerer Betrachtung sind es nämlich Instinkte, die unser Verhalten regeln. Wie sollte es auch anders sein. Die Geschichte unserer Kultur reicht schon zeitlich nicht aus, um instinktives Verhalten radikal zu verändern. Es sind letztlich Spiegelungen körperlicher Grundbedürfnisse, welche die Bedürfnisse unseres Gehirn ausmachen.

1. Unsere Neugier beeinflusst unser Wahrnehmen und entscheidet, was uns an Sinneseindrücken auffallen oder an Erinnerungen aufdrängen soll.

2. Es sind unsere Erfahrungen, die bestimmen, was wir interessiert betrachten oder desinteressiert übersehen.

3. Es ist das Bedürfnis nach Stabilität, das uns werten lässt, was für uns Sinn macht.

4. Es ist das spielerische Gehirn, das uns Versuche machen, Risiken oder Abenteuer eingehen lässt.

5. Es ist das Bedürfnis nach Orientierung, das uns vorsichtig sein und sorgfältig beobachten lässt.

6. Es ist das Bedürfnis nach Erfolg, das uns ermahnt, nur das zu tun, was wir begreifen können.

7. Es ist das Bedürfnis nach Sicherheit, das uns auffordert, die Verlässlichkeit zu testen.

8. Es ist der Freiheitsdrang, der über unsere Beurteilungen entscheidet.

Alle diese Bedürfnisse werden nicht verstandes-, sondern gefühlsmäßig instinktiv gesteuert. Unser Verstand begründet allenfalls nachträglich, was unser Gefühl längst entschieden hat.
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12
Nov
2006

Intuition

intuition

Intuition ist noch nicht versprachlichte Weisheit. Gefühlte Weisheit bahnt sich den Weg zur Sprache, um sich der Vernunft zeigen zu können. Unterwegs zur Sprache sucht die Weisheit nach Worten und Bildern, um sich verständigen zu können. Sobald passende Worte und Bilder gefunden sind, nehmen wir wahr, was sich uns da an Ideen eröffnen will. Wir nennen solche Ideen wegen ihres überraschenden Erscheinens auch Einfälle. Wir sind darauf gewöhnlich nicht vorbereitet. Entdeckungen kommen oft auf diese Weise zustande.

In der Regel aber erwarten wir wenig von unserem schöpferischen Gehirn. Wenn wir schon einmal auf Einfälle warten, dann tun wir das aus Verlegenheit. Einfallslosigkeit ist keine Situation für schöpferische Geschenke unseres Gehirns. Einfallsreichtum ist eine Frage der Leidenschaft und nicht des Müssigangs. Spontanität will erarbeitet sein.

Nun, wir verfügen kaum über Erfahrungen im Umgang mit der Intuition. Das Gehirn ist ein Organ, das wir arg vernachlässigen und so gar nicht pflegen. Die bedauernswerte Unaufgeklärthet zeigt sich schon darin, dass wir nicht erklären können, was das Gehirn eigentlich treibt, wenn es denkt.
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11
Nov
2006

Untergrund-Bewegungen

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Es ist schon beeindruckend, wie sehr wir in das Bewusstsein verliebt sind. Es scheint so wichtig zu sein, dieses Bild vom Machen, der Mächtigkeit - Herrschaft. Wenn ich meine zu entscheiden, dass mein rechter Arm jetzt ausgestreckt wird und meine Hand anschließend nach dem Buch greift, dann ist diese Entscheidung längst gefallen, bevor sie sich im Bewusstsein bildhaft spiegeln kann.

Selbstbewusstsein - mir meiner selbst bewusst sein - das brauche ich, um nicht zum Spielball von eigenen oder fremden Emotionen und Einfällen zu werden. Ich muss wissen, was ich mir zumuten kann, was ich zu leisten vermag, wo meine Schwachstellen sind, ich also etwas unternehmen muss. Ich brauche vor allem auch die Sicherheit zu wissen, was ich besonders gut kann. Dann kann ich auch gut für mich sorgen und gute Ergebnisse erzielen. Das Bewusstsein erweist sich dabei als sehr taugliche Hilfseinrichtung zur Entwicklung durch Korrektur und Überprüfung.

Doch das, was sich in mir anbahnt, wohin es mich drängt, welche Fragen - demnächst - im Bewusstsein auftauchen können, das findet selbst nicht im Bewusstsein statt. Der behutsame Zugang, eine Annäherung ist möglich - durch genaues Hinhören, durch die Bereitschaft, mich für diese Mitteilungen zu öffnen.
(urs)

10
Nov
2006

Drei wesentliche Kräfte

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Intuition ist noch nicht versprachlichtes Wissen. Gefühltes Wissen bahnt sich den Weg zur Sprache, um zu formulierten Wissen werden zu können. Gefühltes Wissen deutet sich vor aller Sprache an. Es zeigt sich uns als Glauben, Hoffen, Lieben. Diese drei Vorgänge künden vom geträumten Glück, von geträumter Erfüllung und von geträumter Leidenschaft. Das Gehirn spielt Ideen gefühlsmäßig durch, bevor es diese der Vernunft aussetzt. Dieses Spiel ist ein Prüfen der Möglichkeiten unserer Antriebe, unseres Durchhaltevermögens und der Kraft unserer Neugier.

Glaube, Hoffnung, Liebe sind die religiösen Ausdrücke für Intuition, Antizipation und Emotion.
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9
Nov
2006

Nichts

nichts

Das, was das Nichts auszeichnet, erscheint je nach Aspekt unterschiedlich. Das, was unter allen Aspekten nichts ist, heißt das Nichtige.

Das Nichts, aus dem Welten entstehen, ist das Nichts an Materie, reine Energie also. Das Nichts, das wir wahrnehmen, ist das Nichts an Wirklichkeit. Das Nichts, das wir denken, ist das Nichts an Möglichkeit. Das Nichts, das wir tun, ist das Nichts an Veränderung. Das Nichts an Offenlegung, ist das Nichts an Wahrheit. Das Nichts an Bewertung ist die absolute Wertlosigkeit.

Gewöhnlich wird die Vielfältigkeit des Nichts nicht bewusst. Die meisten kennen das Nichts unter seinen anderen Namen. Sie sprechen lieber vom 'Sein' als vom 'Nichts'. Sein und Nichts sind zwar dasselbe, aber der Name 'Sein' hat den Vorzug, dass er Mangel eher verbirgt als offenbart.

Eine Auseinadersetzung mit Nichts lässt sich allerdings dort nicht mehr vermeiden, wo das Nichts Schaden anrichtet. Das geschieht, sobald Nichts anfängt, Information zu zersetzen. Um die zerstörerische Wirkung des Nichts überhaupt erkennen zu können, müssen wir zunächst ausmachen, was unbeschädigte Information auszeichnet.

In der Regel erkennen wir beschädigte Information. Wir können Begriffe von Begriffshülsen aufgrund ihrer Gewichtung leicht unterscheiden. Das ist sehr wichtig, weil beschädigte Information Schaden anrichtet.

Unbeschädigte Information ist neuronal so codiert, dass sie einwandfrei decodiert werden kann, und zwar 1. als Wahrnehmung, 2. als Betrachtung, 3. als Idee, 4. als Experiment, 5. als Beobachtung, 6. als Definition, 7. als Erfolg. Die beschiebenen Momente der Decodierung laufen - wegen ihrer Geschwindigkeit - gewöhnlich nicht bewusst ab. Nur im Störfall wird das auslösende Moment bewusst.

Störungsfrei sind aus jeweils untertschiedlichen Gründen: die künstlerische, philosophische und mathematische Information. Die mathematische Information ist wegen ihrer Einfachheit vor Beschädigungen am besten geschützt. Die mathematische Information ist kongruent mit dem, was Information meint: in Form bringen durch gestaltende Konstruktion. Die Mathematik teilt mit der Philosophie den Nachteil, dass ihre Gegenstände allesamt dem Bereich jenseits des Seins angehören. Philosophie und Mathematik spielen mit Möglichkeiten, verwirklicht werden diese durch die Naturwissenschaften.

Unter dem Aspekt der Information sind nun Kunst, Philosophie und Mathematik nicht sonderlich interessant, weil sie bei der Schadensbekämpfung keine nennenswerte Rolle spielen. Aber es gibt Unternehmungen, die es sich zum Ziel gesetzt zu haben, Information nur fragmentarisch zu vertreiben, eine Art Restposten- oder Schlussverkauf. Bedauerlicherweise sind die Artikel dieser Versandhandel bereits ab vier oder sechs Jahren und nicht erst ab achtzehn Jahre freigegeben. .
Werfen wir einen Blick in den Versandkatalog. Hier finden wir unter der Kategorie "Vorbereitung auf Unterricht" sogenannte Unterrichtsverlaufsskizzen, die sich vor allem durch die Anzahl ihrer Phasen und durch die Bezeichnungen von Phasen untertscheiden.

Das einfachste und velseitigste Modell besteht aus den drei Teilen: Einleitung, Haupteil, Schluss!
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8
Nov
2006

Stolpersteine

stolpersteine

liegen überall auf dem Weg. Jeder Stein kann mich stolpern lassen, wenn ich ihn nicht sehe. Ich muss schauen, wohin ich meine Füße setze. Erkennen, wohin es mich drängt. Was mich antreibt und was mich vor allem stark sein lässt. Erst dann weiss ich, welche Steine für mich zu Stolpersteinen werden können. Und dann weiss ich auch, wie ich sie für mich gewinne. Denn sie sind wichtig, meine ganz persönlichen Stolpersteine. Sie bergen das Potenzial, mich einen guten Schritt weiter zu bringen.

Stolpern hat etwas mit einem Zu-viel oder einem Zu-wenig zu tun. Es entsteht ein Ungleichgewicht. Der leichte entspannte Gang, die elegante gekonnte Drehung verrutscht, misslingt. Meistens kein 'Beinbruch', sondern nur eine Störung mit Verweischarakter. Schau hin und du siehst die Ursache - in dir. Manchmal reicht es bereits, dem Klang der eigenen Stimme nachzuspüren. Das Zu-viel oder das Zu-wenig schwingt hörbar nach.
(urs)

7
Nov
2006

Die Phasen des Lernens gehören den Lernenden

lernphasen

Gegen die herkömmlichen Unterrichtsverlaufsskizzen anzukommen, gleicht einem Kampf gegen Windmühlen. Diese Planungsraster bestechen durch ihren vordergründigen Erfolg, der letztlich völlig schülerunabhängig darin besteht, dass alles gut läuft. Verführerisch an diesen Excel-Tabellen ist, dass sie wie echt aussehen, weil sie doch zeilenweise dem folgen, was man über die Phasen des Lernens weiß, nämlich:

1. Wahrnehmen
2. Betrachten
3. Werten
4. Experimentieren
5. Beobachten
6. Begreifen
7. Probieren
8. Bewerten/Beurteilen

Die Zeilen der Tabelle sind ja auch gar nicht so unzutreffend, sondern das Ausfüllen dieser Zeilen in einer falschen Spalte. Die Festlegung von Lehrenden auf ein bestimmtes, zu erwartendes Verhalten der Lernenden darf nämlich überhaupt nicht vorgesehen werden, weil ansonsten Lernende in dem aufgehen, was Lehrende wollen. Die Phasen des Lernens gehören den Lernenden und nicht den Lehrenden.

Eine lernkorrigierte Orientierung für den Unterricht kann im Grunde nur eine Spalte enthalten. Diese Spalte steht für den Fortschritt in der Sache.
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6
Nov
2006

Unterrichtsverlaufsskizze als Atrappen

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In seinem Werk "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" schreibt der Philosoph Friedrich Nietzsche: "...wir sind zum Leben, zum richtigen und einfachen Sehen und Hören, zum glücklichen Ergreifen des Nächsten und Natürlichen verdorben und haben bis jetzt noch nicht einmal das Fundament einer Kultur, weil wir selbst nicht davon überzeugt sind, ein wahrhaftiges Leben in uns zu haben." Kurzum: Wir haben das Gespür für das Leben verloren!

Nietzsche erklärt auch den zureichenden Grund für unser unnatürliches Verhalten: "Zerbröckelt und auseinandergefallen, im ganzen in ein Äußeres und ein Inneres halb mechanisch zerlegt, mit Begriffen wie mit Drachenzähnen übersät, Begriffsdrachen erzeugend, dazu an der Krankheit der Worte leidend und ohne Vertrauen zur eigenen Empfindung, die noch nicht mit Worten abgestempelt ist: als eine solche unlebendige und doch unheimlich regsame Begriffs- und Worte-Fabrik habe ich vielleicht noch das Recht, von mir zu sagen cogiti, ergo sum, nicht aber vivo, ergo cogito. Das leere 'Sein', nicht das volle und grüne 'Leben' ist mir gegegeben."

Und im 'Versuch einer Selbstkritik' zur 'Die Geburt der Tragödie' (1886) beschreibt Nietzsche den entscheidendenden Aspekt, unter welchem "sich jenes verwegene Buch zum ersten Male herangewagt hat, - die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehn, die Kunst aber unter der des Lebens..."

Ein Rückgang in die Anfänge der abendländischen Kultur zeigt, dass dieser Zusammenhang in den Anfängen bereits gedacht worden war, denn nicht von ungefähr gaben die Griechen der Kunst des Wahrnehmens und Lernens den Namen "mathematiké téchne": Mathematik. Bis heute ist die Mathematik jene Geisteswissenschaft geblieben, welche Abstraktion und Konkretion bzw. Theorie und Praxis einer Anwendung in sich vereint. Die Schwierigkeit (höhere) Mathematik zu verstehen, besteht vor allem darin, dass sie philosophisch gedacht und künstlerisch angewendet werden muss. Wer mathematisches Denken im Unterricht nicht über Anschauungen initiert, kann von Lernenden nicht erwarten, dass sie mathematisch verstehen.

Kunst, Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften spielen ständig mit dem Wechsel von Möglichkeit und Wirklichkeit bzw. Theorie und Praxis. Diese Spiel kennt nur Entscheidungen zwischen einem eindeutigen Ja oder einem ebenso klaren Nein. Unser Gehirn kommt deshalb mit diesem Spiel am besten zurecht, weil es zu seinen neuronalen Regeln und Strategien kongruent ist. Mit allen anderen Vorgehensweisen bekommt das Gehirn natürlicherweise Schwierigkeiten.

Wir wollen uns einmal ein Fach ansehen, das die natürlichen Spielregeln des Gehirns am wenigstens beherrscht. Interessant dabei ist, dass dieses Fach für sich beansprucht, junge Menschen zu Lehrern auszubilden. Schauen wir uns das einmal an einem Fall an.

Studierende, die sich auf das Unterrichten vorbereiten, werden beinahe in allen vorbereitenden Veranstaltungen mit der Planung ihres Unterrichts vertraut gemacht. Es werden sogenannte Planungspapiere verteilt, die Studierende bei ihrer Vorbereitung auf den Unterricht unterstützen sollen, und zwar unabhängig vom einzelnen Fach und der zu erwartenden Gruppe der Lernenden.

Dieses Planungspapier, das auch noch im Referendariat eingesetzt und gefordert wird, ist eine Excel-Tabelle. Diese Tabelle weist gewöhnlich in etwa folgende Zeilen auf: 1. Kontrolle der Hausaufgaben, 2. Einführung, Hinführung oder Einstieg, 3. Information, 4. Übung oder Experiment, 5. Auswertung, 6. Hausaufgaben. Die Bezeichnungen der Spalten können zwar andere sein, aber inhaltlich fordern sie einen vergleichbaren Vorgang. Die Spalten dieses Planungsrasters werden wie folgt bezeichnet: 1. Zeit, 2. Lehrerverhalten, 3. Schülerverhalten, 4. Sozial- oder Unterrichtsform, 5. Medieneinsatz. Auch hier können die Bezeichnungen je nach Geschmack der Lehrenden wiederum abweichen. Vereinfachend wird diese kleine Tabelle "Unterrichtsverlaufsskizze" genannt.

Wird nun der Ablauf einer Unterrichtstunde nach dieser Unterrichtsverlaufsskizze überprüft, dann geschieht es sehr oft, insbesondere bei Anfängern, dass das unterrichtliche Geschehen für gut befunden wird. Schließlich ist ja alles so verlaufen, wie es vorgesehen war, vorausgesetzt, die Lernenden haben dabei nicht nennenswert gestört.

Aber ganz im Gegensatz zur angenommenen Unterrichtsverlaufsskizze kann der Unterricht fachlich voller Fehler sein. Das ist sogar gewöhnlich so, weil eine inhaltliche Betreuung außerhalb der Fachpraktika und Mentorengepräche nicht stattfindet. Es geht nicht um d e n fehlerfreien Unterricht, sondern um einen Unterricht, der von Anfang an fachlich fehlerhaft organisiert wird. Es liegt in der Natur der Sache, dass fachliche Fehlentscheidungen kaum in Sportstunden auftreten oder in Stunden, in denen es um handwerkliche Geschicklichkeits- oder Bestimmungsübungen geht.

Was läuft denn so schief bei der Handhabung der üblichen Unterrichtsverlaufsskizze?
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5
Nov
2006

Totzeit

totzeit

Totzeit beschreibt die Dauer einer Grenzüberschreitung. Totzeit ist der Moment zwischen zwei Systemen: das bereits Verlassen-haben des einen Systems und das Noch-nicht-angekommen-sein im anderen System. Totzeit ist tote Zeit für beide Systeme, zwischen denen sie sich vollzieht.

Totzeiten trennen Energie und Materie, Möglichkeit und Wirklichkeit, Leben und Tod. Totzeit ist die Zeit zwischen Ja und Nein.

Die Totzeit können wir im Augenblick als Gegenwart erfahren, also als Zeit zwischen Vergangenheit und Zukunft. Angesichts dieser Erfahrung wird uns bewusst, dass Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zwar Zeiten sind, aber darüber hinaus wenig gemeinsam haben.

Sprüche wie "Heute ist das Morgen von gestern!" oder "Morgen ist gestern von heute!" sind nicht mehr als Wortspielereien. Die Annahme, heute das Morgen vorbereiten zu können, entspringt einem toten Winkel, einem Blickwinkel, unter dem das Leben nicht erscheint.

Der Glaube an das Vorhersehbare entspringt einer mechanisierten Auffassung vom Leben. Diese Auffassung orientiert sich allein an dem, was uns materiell erscheint. Dieser Glaube ist so stark, dass wir in der Gefahr stehen, die materielle Erscheinung mit Wirklichkeit gleichzusetzen, etwa unter dem Motto: "Wirklich ist allein das Materielle!"

Das Materielle ist plan- und programmierbar. Die Entwicklung des Materiellen ist technisch steuerbar und vorhersehbar. Techniker wissen, wann ihre Fertigung abgeschlossen ist. Naturwissenschaftler erkennen am Fortschreiten ihrer Experimente, wann sie mit deren Erfolg rechnen können. Und Medizinern trauen wir dann, wenn sie den Verlauf von Behandlungen zu prognoszieren vermögen.

Es ist keine Frage, die materielle Seite des Lebens haben wir Menschen im Griff. Aber diesen Griff beherrschen wir nicht. Das Leben erstickt uns unter diesem Griff. Wir bemerken das sehr wohl. Die Natur bricht unter dem Würgegriff der Technik zuammen. Unter dem extrem gestörten natürlichen Gleichgewicht zwischen Erde, Wasser und Luft zerfallen Lebensräume und vernichten jene Lebewesen, die in ihnen zu Hause sind.

Der Irrglaube, alles im Griff zu haben, lebt von der Verdrängung des Lebens. Wir leben nicht mehr, sondern wir vegetieren dahin, indem wir uns von einem Fortschritt zum nächsten konstruieren. Nicht der Wert des Lebens bestimmt uns maßgeblich, sondern der Gewinn, den unser Fortschreiten einbringt. Das Fort-Schreiten aus der Mitte des Lebens ist zur gesellschaftlich anerkannten Selbst-Entfremdung geworden.

Das Weglaufen vor sich selbst fällt spätestens dann auf, wenn wir uns auf einer nicht mehr abgesicherten Strecke fortbewegen. Die Unfallgefahr ist gewachsen, weil Mittel- und Leitlinienmarkierungen fehlen. Angesichts ausbleibender Wegmarken in den Abständen von Totzeiten rennen wir nur noch blind gerade aus. Augenblickliche Entscheidungen werden nicht mehr gefällt.

Zeit, innezuhalten!

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Seit 20 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Prof. Dr. habil Wolfgang F Schmid

Grundsätzliches (www.wolfgang-schmid.de)

 

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