Unilogo

13
Jan
2020

Wesen von Etwas

Die Antwort auf die Frage „Welche, Welcher, Welches?“ verallgemeinert inhaltlich jene Eigenschaften, welche Objekten, Lebewesen oder Ereignissen gemeinsam sind. Durch solche Verallgemeinerungen scheint zugleich das Wesen von Etwas auf. Es wird das klar bestimmt, was weiterhin befragt werden soll.
Das Bedürfnis, Phänomene seine Umgebung zu erforschen und zu definieren, entspringt der Notwendigkeit eigener Selbst-Versicherung. Persönliche Un-sicherheiten bilden neben dem Staunen Beweggründe zu philosophieren.

12
Jan
2020

Schöpferischer Einfall

Schöpferische Ideen werden in der Regel im Unbewussten vom Zufall gezeugt und aus dem Spiel verfügbarer Erfahrungen geboren. Der schöpferische Einfall entwickelt sich, indem zwölf Grundfragen spielerisch durchlaufen und beantwortet werden.

11
Jan
2020

Innere Unruhe

Innere Unruhe bedeutet eine leidvoll erlebte seelische Aufregung oder innere Anspannung. Sie kann anhaltend sein, vereinzelt oder immer wieder auftreten und unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Verursacht wird innere Ruhe vor allem durch das Vergegenwärtigen einer ausgeprägten Ist-Soll-Diskrepanz. Es trifft das nicht ein, was sehnlichst erwartet wird. Durchgängige Frustrationen ergeben sich entweder aus unlösbaren Problemstellungen oder aus Vorhaben, die sich mangels Begabung und/oder Intelligenz nicht verwirklichen lassen.

Gefräßig krankhafter Ehrgeiz, in der Regel mit Selbstüberschätzung gepaart, treibt unaufhörlich zu einem Verhalten an, das gegebene individuelle Verhältnisse überschätzt und infolgedessen erforderliche Leistungen nicht zu erbringen vermag.

Gefährlich wird es dann, wenn dieser innere Umtrieb einer höheren Macht zugeschrieben wird, wie es Augustinus tut, wenn er von der Unruhe seines Herzens spricht und glaubt, dass dieses erst dann Ruhe finden kann, wenn es diese in Gott
erfährt.

Bei Kindern erweist sich innere Unruhe noch als natürlicher Vorschein der Neugier. Es ist das Entdecken-Müssen, das zum Erforschen der Dinge antreibt. In der Regel hält sich die Art natürlichen Zwangs an tatsächliche Gegebenheiten, und innere Forderungen führen nicht zu Überforderungen.

Jene innere Unruhe, welche zum forschenden Suchen antreibt, orientiert sich normalerweise an tatsächlichen, talentbedingten Gegebenheiten.

Die stärkste Kraft, welche Abenteuerlust ausmacht, ist das innere Suchen, das sich sprachlich als Fragen gestaltet. Fragen-Müssen bedeutet: die Antwort noch nicht gefunden haben

10
Jan
2020

3.1 Zu- und Einordnung

Auffällige und/oder aufdringliche Eigenschaften vergegenwärtigter Inhalte werden verallgemeinert und als charakteristische Bestimmung eingeordnet.
Jene Eigenschaften, welche zum Beispiel eine vergegenwärtige Figur charakterisieren, werden als Fläche eines Dreiecks eingeordnet.

„Ein Dreieck wird durch drei Punkte definiert, die nicht auf einer Geraden liegen. Sie werden Ecken des Dreiecks genannt. Die Verbindungsstrecken zwischen je zwei Ecken heißen Seiten des Dreiecks. Das Dreieck unterteilt die Ebene in zwei Bereiche, das Äußere und das Innere des Dreiecks. Der von je zwei an einem Eckpunkt zusammentreffenden Seiten gebildete Winkel ist eine wichtige Größe zur Charakterisierung des Dreiecks.“

9
Jan
2020

3. Praktische Umsetzung

Nachdem alle zwölf Kategorien mittels entsprechender Fra-gen, bestimmt worden sind, wird das Ergebnis ins Bewusstsein überführt.
Diesen Moment des Bewusstwerdens organisiert die Vernunft mittels verfügbarer Erfahrungen. Das vorbewusste Ergebnis des Unbewussten wird achtfach geordnet.

8
Jan
2020

2.6 Rechter Augenblick

Die Fragen „Wo?“ und „Wann?“ fordern als Antwort, den rechten Zeitpunkt für das Umsetzen des antizipierten Vorhabens. Alle zwölf Fragen werden innerhalb einiger Nanosekunden beantwortet und die anstehende Entscheidung gefällt.

7
Jan
2020

2.5 Maßvoll

Maßvoll

Die Fragen „Wie?“ und „Wie viel?“ beschreiben mit ihren Antworten die Art und Weise der Verwirklichung des Vorhabens sowie den erforderlichen Aufwand, wobei es gilt, dem ökonomischen Prinzip zu folgen: ‚Minimaler Aufwand – maximaler Erfolg‘.

6
Jan
2020

2.4 Widerstehen

Die Fragen „Wobei“ und „Womit“ suchen nach einer situati-onsgerechten Methode, um das o.a. Ziel zu erreichen. Dabei gilt es negative Erfahrungen zu überwinden und Vergegen-wärtigen nicht durch störende Erinnerungen beeinträchtigen zu lassen.

5
Jan
2020

2.3 Beweggrund

Die Frage nach der Ursache „Warum?“ wird emotional durch die Notwendigkeit der Selbstfindung beantwortet. Als Ursache dieser Notwendigkeit erweist sich das Suchen nach Sinn und Zweck eigenen Anwesens in der Welt. Neugier treibt das Ich aus seinem Selbst, und wirkt als Ursache darauf hin, dieses Bedürfnis zu befriedigen.

4
Jan
2020

2.2 Sinn

Die Frage nach dem Wesen von Etwas wird selbst durch die Fragen „Weshalb?“ und „Wofür?“ in Frage gestellt, denn es wird verlangt, deren Sinn und Zweck des Suchens zu klären. Der Sinn ergibt sich aus dem Ich, das aus dem Selbst herauswill, um sich zu finden. „Existieren“ ist der Zweck dieses Be-strebens. Wer sich nämlich seiner selbst sicher werden möchte, muss zunächst erst einmal aus sich heraus.

2.1 Wesen von Etwas

Die Antwort auf die Frage „Welche, Welcher, Welches?“ ver-allgemeinert inhaltlich jene Eigenschaften, welche Objekten, Lebewesen oder Ereignissen gemeinsam sind. Durch solche Verallgemeinerungen scheint zugleich das Wesen von Etwas auf.

2. Schöpferischer Einfall

Schöpferische Ideen werden in der Regel im Unbewussten vom Zufall gezeugt und aus dem Spiel verfügbarer Erfahrun-gen geboren. Der schöpferische Einfall entwickelt sich, indem zwölf Grundfragen spielerisch durchlaufen und beantwortet werden.

1
Jan
2020

Zugang zum Unbewussten

Fragen markieren Wege in die Tiefen des Unbewussten. Diese Wege weisen verschiedene Strecken auf. Mögliche Möglichkeiten bilden die erste Strecke. Diese wird vom Zufall bestimmt.
Wirkliche Möglichkeiten kennzeichnen den nächsten Abschnitt. Intuitiv lässt sich bereits erahnen, was sich zufällig andeutet.
Aus den möglichen Möglichkeiten kristallisieren sich wirklich mögliche heraus. Dieser dritte Abschnitt skizziert bereits jene schöpferische Idee, welche verwirklicht werden soll. Diese Strecke weist bereits eine Methode zur praktischen Umsetzung auf.

26
Dez
2019

3. KRITISCHE PÄDAGOGIK

Nietzsches Kritik an der Pädagogik betrifft im Wesentlichen nur jene verbürokratisierte ‚Erziehungswissenschaft‘, welche bildungspolitisch verwaltet wird. Verbeamtete Erziehungswissenschaft aber hat nichts mit dem zu tun, was Pädagogik in Wahrheit ist.
Der Name „Pädagogik“ ist altgriechisch „παιδαγωγικὴ τέχνη paidagōgikḗ téchnē“ und bedeutet wörtlich „Technik“ bzw. „Kunst der Kindesführung“.
Das altgriechische Wort ὁ παιδαγωγός (ho paidagogós) bezeichnet ursprünglich den Sklaven, der den Schüler zu seinem Lehrer begleitet (aus: παῖς ‚Knabe‘, ‚Kind‘; ἄγειν, ἀγω ‚führen‘, ‚ich führe‘) im Sinne von ein Kind begleiten.
Der Pädagoge verhilft dem Kind zur Selbsterkenntnis und somit zur Selbstbefreiung des Ichs, „… denn dein wahres Wesen liegt nicht tief verborgen in dir, sondern unermeßlich hoch über dir, oder wenigstens über dem, was du gewöhnlich als dein Ich nimmst. Deine wahren Erzieher und Bildner verraten dir, was der wahre Ursinn und Grundstoff deines Wesens ist, etwas durchaus Unerziehbares und Unbildbares, aber jedenfalls schwer Zugängliches, Gebundenes, Gelähmtes: deine Erzieher vermögen nichts zu sein als deine Befreier.“

25
Dez
2019

2. Wahr Nehmen

Wir nehmen nicht wahr, was ist, sondern vielmehr projizieren ein uns gefälliges Sein ins Bewussterden. Diesen schönen Schein halten wir dann für wahr.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche nennt solches Erfassen bildungslos.
„ … wir sind ohne Bildung, noch mehr, wir sind zum Leben, zum richtigen und einfachen Sehen und Hören, zum glücklichen Ergreifen des Nächsten und Natürlichen verdorben und haben bis jetzt noch nicht einmal das Fundament einer Kultur, weil wir selbst davon nicht überzeugt sind, ein wahrhaftiges Leben in uns zu haben.“

Es sind vor allem zwei Aussagen des Philosophen, die das, was ich intuitiv empfinde, ausdrücken. Die erste Aussage beinhaltet seine Kritik an der Pädagogik, die uns jene Erziehung und Bildung aufdrängt, durch welche das unvoreingenommene Sehen verlernen.

"Man mache sich nur einmal mit der pädagogischen Literatur dieser Gegenwart vertraut; an dem ist nichts mehr zu verderben, der bei diesem Studium nicht über die allerhöchste Geistesarmut und über einen wahrhaft täppischen Zirkeltanz erschrickt. Hier muss unsere Philosophie nicht mit dem Erstaunen, sondern mit dem Erschrecken beginnen: wer es zu ihm nicht zu bringen vermag, ist gebeten, von den pädagogischen Dingen seine Hände zu lassen."

Die Begründung Nietzsches für diesen Missstand in der Pädagogik fällt scharf aus:

"Dass es aber trotzdem nirgends zur vollen Ehrlichkeit kommt, hat seine traurige Ursache in der pädagogischen Geistesarmut unserer Zeit; es fehlt gerade hier an wirklich erfinderischen Begabungen, es fehlen hier die wahrhaft praktischen Menschen, das heißt diejenigen, welche gute und neue Einfälle haben und welche wissen, dass die rechte Genialität und die rechte Praxis sich notwendig im gleichen Individuum begegnen müssen: während den nüchternen Praktikern es gerade an Einfällen und deshalb wieder an der rechten Praxis fehlt."

Die Folgen solcher Erziehung und Bildung: "Zerbröckelt und auseinander gefallen, im Ganzen in ein Inneres und Äußeres, halb mechanisch zerlegt, mit Begriffen wie mit Drachenzähnen übersät, Begriffs-Drachen erzeugend, dazu an der Krankheit der Worte leidend und ohne Vertrauen zu jeder eigenen Empfindung, die noch nicht mit Worten abgestempelt ist : als eine solche unlebendige und doch unheimlich regsame Begriffs- und Wortfabrik habe ich vielleicht noch das Recht zu sagen cogito ergo sum, nicht aber vivo, ergo cogito. Das leere "Sein", nicht das volle und grüne "Leben" ist mir gewährleistet, meine ursprüngliche Empfindung verbürgt mir nur, daß ich ein denkendes, nicht daß ich ein lebendiges Wesen, daß ich kein animal, sondern höchsten ein cogital bin. Schenkt mir erst Leben, dann will ich euch auch eine Kultur daraus schaffen!"

Als Grundvoraussetzung für richtiges und einfaches Sehen und Hören, zum glücklichen Ergreifen des Nächsten und Natürlichen gilt dem Philosophen Nietzsche die Überzeugung, ein wahrhaftiges Leben in sich zu haben. Seiner Ansicht nach stört das Fehlen einer solchen Überzeugung unvoreingenommenes Wahrnehmen empfindlich.

Auf den Punkt gebracht bedeutet das: Wer ‚unvoreingenommen' äußerlich (sinnlich) wahrnehmen will, muss von innen (geistig) nach draußen das schauen können, was tatsächlich, wirklich geschieht. Wer sich nicht mit der Fantasie als Verfremdung des Wahrnehmens auseinandersetzt und aufklärt, vermag nicht zu erfassen, was in Wahrheit geschieht.

Der Rückgang in den Ursprung allen Erkennens gelingt der Vernunft, indem sie nach innen schaut. Diese Sichtweise lässt sich verhältnismäßig leicht als Bewusstwerden beschreiben.

Bewusstwerden lässt sich entweder durch Aufmerksamkeit oder Konzentration ausrichten. Durch Aufmerksamkeit werden sinnliche (äußere) Wahrnehmungen bewusst, durch Konzentration bzw. geistige (innere) Wahrnehmung werden diese gleichzeitig kritisch reflektiert.
Will man also den Ursprung allen Erkennens schauen, dann geschieht das natürlich durch Konzentration. Wie weit man nach innen sehen kann, das hängt davon ab, wie stark man sich konzentriert.

Als Vergegenwärtigen von inneren Bildern oder Vorstellungen vollzieht sich Konzentrieren gleichsam ohne Aufwand. Man braucht dazu keine geistige Kraft. Sich etwas vorstellen, das geht so einfach wie sich erinnern. In der Regel muss sich niemand anstrengen, um sich zu erinnern.

Fragt man sich aber, was dem Vorstellen innerer Bilder vorausgeht, dann benötigt man geistige Kraft. Fragen kostet Kraft, und es hängt von der Art und Weise des Fragens ab, wie viel Kraft erforderlich wird. Die Frage „Wer oder was?“ kostet zum Beispiel kaum Kraft, weil man sich lediglich erinnern muss, um diese Frage zu beantworten.
Der Philosoph Sokrates aber kam als Erster auf die Idee die Frage „Was ist das?“ radikal umzudeuten. „Was?“ verlangt bei Sokrates nicht, etwas wiederzukennen, sondern vielmehr das Wesen von Etwas zu erfahren.
Als Wesensfrage braucht „Was?“ entschieden mehr Kraft als eine bloße Bestimmungsfrage.

Sobald wir wahrnehmen, erfassen wir also nicht mehr, was wesentlich ist. Stattdessen nehmen wir oberflächlich wahr. Wenn wir einen Baum wahrnehmen, endet das Erfassen gewöhnlich mit der Feststellung „Das ist …!“, mit bloßem Identifizieren also.

24
Dez
2019

1. GEHEIMNIS

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann es mir zum ersten Mal aufgefallen ist. Ich kann mich auch nicht entsinnen, warum es mir eigentlich aufgefallen ist. Ich weiß noch, dass mir das so absurd erschien, was ich da entdeckt hatte, dass ich es erst einmal vorzog, darüber zu schweigen.
Zudem ging mir überhaupt nicht in den Kopf, warum das noch niemandem aufgefallen sein sollte. Das konn-te nicht sein, zumal es ja nicht schwer zu entdecken war und also jedem längst aufgefallen sein musste.
So beschäftigte mich also vor allem die Frage, warum niemand etwas sagte. Zu der Zeit, als sich mir diese Frage stellte, muss ich noch sehr jung gewesen sein. Ich kann mich nämlich noch sehr genau an mein Gefühl erinnern. Ich empfand so etwas wie Peinlichkeit. Ich hatte das Gefühl, dass es unanständig wäre, darüber zu sprechen. Auch befürchtete ich, gar als seelisch krank zu gelten.
Mit der Zeit wurde mir auch allmählich klar, dass es sehr schwierig sein dürfte, darüber etwas zu sagen. Das lag vor allem daran, dass alles so aussah, als ob es sich tatsächlich so ereignet, wie man es wahrnimmt. Viel-leicht ist ja die Täuschung so perfekt, dass es kaum jemandem auffällt.
Jahre später erfuhr ich gleich im ersten Semester mei-nes Philosophiestudiums, dass es tatsächlich so etwas geben muss wie die vollkommene Täuschung. Ich erfuhr das im Höhlengleichnis des Philosophen Platon, der von 427 bis 347 vor Christi Geburt lebte.
Dieser Philosoph schildert das Höhlengleichnis, um uns klar zu machen, dass wir uns über die Welt, in der wir leben, grundsätzlich täuschen, dass nicht wirklich ist, was wir dafürhalten.
Aber es ist wohl am besten, ich erzähle dieses Gleichnis erst einmal, indem ich schildere, was in dieser Höhle geschieht.
Hat man sich an die Dunkelheit der nur von einem kleinen Feuer beleuchteten Höhle gewöhnt, dann er-kennt man sehr bald, dass dort gegen die Wand hin gefesselte Menschen sitzen, die sich nicht umdrehen können und deshalb nur Schatten an der Höhlenwand sehen. Es sind die Schatten der Menschen, die hinter dem Rücken der Gefangenen und dem Feuer Gegen-stände und Speisen hin- und hertragen. Die Gefangenen aber kennen allein die Schatten dieser Gestalten und halten diese Schatten also für die Gestalten selbst. Deshalb ordnen sie ihnen auch sogar die Stimmen zu, die sie hören. Die Schattenwelt ist die Welt, wie die Gefangenen sie erleben.
Die Gefangenen halten ihre Erlebniswelt für die Wirk-lichkeit, denn sie befinden sich von Geburt an in dieser Lage. Und Platon provoziert uns, indem er uns sagt, dass unsere sogenannte reale Welt nichts als eine Schat-tenwelt ist.
Das, was wir wahrnehmen, ist nicht mehr als Abschat-tung von etwas, das wir selbst nicht wahrzunehmen vermögen, weil wir uns ebenfalls nicht umdrehen, un-sere Sichtweise nicht verändern können.
Dabei muss es jedenfalls nicht bleiben. Wir sind nicht dazu verurteilt, unser gesamtes Leben als Gefangene unserer Schattenwelt zu verbringen.
Platon behauptet nun, dass sich niemand selbst aus seiner miserablen Lage befreien kann.
Jeder braucht einen Lehrer, der ihn befreit. „Erzie-hung“ ist für Platon der Name für diese Befreiung.
In seinem Höhlengleichnis fragt Platon, was geschehen würde, wenn einer der Gefangenen in der Höhle befreit würde. Der Philosoph sagt, dass eine solche Befreiung gewaltsam geschehen müsste, weil sich niemand freiwil-lig von Gewohnheiten trennt, die ihn ein Leben lang bestimmt haben. Und wir alle spüren auch, wie sehr wir uns dagegen wehren, Platon zu glauben, dass alles, mit dem wir zu tun haben, nicht mehr ist als Schatten.
Statt uns in unserer Sichtweise zu wenden, halten wir lieber seine Auffassungen für verdreht. Und einem Verrückten braucht man nicht zu folgen. Dennoch sollen wir uns nun vorstellen, dass einer der Gefange-nen von seinen Fesseln befreit wird.
Der so befreite Mensch kann sich jetzt umdrehen und plötzlich klar erkennen, dass das, was er sehen kann, überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was er bislang für wahr gehalten hat. Allmählich gewöhnt er sich an seine Freiheit und folglich auch daran, Zusammenhänge er-kennen zu können. So erkennt er die Schatten als Pro-jektionen dieser Gestalten vor dem Feuer. Sie bewa-chen die Gefangenen, und er erkennt nicht nur die Schatten als Wächter, sondern er nimmt auch einen Weg wahr, der nach oben zum Höhlenausgang führt.
Weil er neugierig geworden ist, folgt er diesem Weg vorsichtig nach oben, wohl darauf gefasst, dass die Höhle auch nicht die Welt ist und er jederzeit mit einer weiteren Überraschung rechnen muss. Als er schließlich zum Ausgang gelangt, bekommt große Angst, weil er wegen des sehr grellen Lichts, das seine Augen blendet, nichts mehr erkennen kann.
Als sich dann seine Augen an das Licht der Sonne ge-wöhnt haben, erkennt er wiederum ein Feuer; er hält die Sonne dafür, und er kommt zu dem Schluss, dass es sich bei den Dingen, die er nun wahrnehmen kann, wiederum nur um Abschattungen handelt.
Deshalb folgert er, dass er erneut einen Weg finden muss, der ihn aus dieser Welt der Schatten hinausführt.
Den Inhalt dieses Höhlengleichnisses empfand ich des-halb als außerordentlich beruhigend, weil ich jetzt wusste, dass mich mein Gefühl nicht täuschte und es tatsächlich so etwas gab wie die wesentliche Täu-schung, die ich spürte. Und mir war dadurch auch klar-geworden, dass ich mit meiner Entdeckung behutsam sein musste. Es ist nahezu unmöglich, so darüber zu berichten, als handle es sich um eine normale Begeben-heit.
So lag für mich der Gedanke nahe, erst einmal alles aufzuschreiben. Ich hatte damals bereits mein erstes Buch veröffentlicht. Jetzt, wo ich das erwähne, wird mir klar, dass dieses Buch mit dem, was ich hier gerade tue, gemeinsam hat, dass es damit dasselbe Geheimnis teilt.
Vor allem gibt dieses Buch auch Aufschluss über den Beweggrund, der letztlich zu jener Entdeckung führte, über welche ich hier berichten und auf jeden Fall ver-hindern möchte, mit der Tür ins Haus zu fallen.
Und ich bin sehr zufrieden damit, dass ich bis jetzt noch zurückgehalten habe, worum es eigentlich gehen wird.
Aber ich spüre irgendwie die Verpflichtung, sehr vorsichtig damit umgehen zu müssen. Es wäre wirklich befreiend, wenn ich das alles einfach delegieren könnte. Es könnten sich mehrere fachkundige Leute damit beschäftigen. Schließlich sehen viele Augen wirklich mehr als zwei.
Okay, diese Art von Hilfestellung kann ich mir nicht verschaffen und ich muss mich vorerst schon damit abfinden, das wohl erst einmal allein bewältigen zu müssen.
Nun aber zum erwähnten Grund, der zu dieser Entde-ckung führte. Es war der Beweggrund, der mich im Alter von etwa sechzehn Jahren veranlasste, mit dem Manuskript zu dem Buch „Totzeit“ zu beginnen. Ich erinnere mich noch genau an die Situation, die mich damals dazu bewegte.
Ich weiß nicht, ob ich elf oder zwölf Jahre alt war. Auf jeden Fall kann ich nicht älter gewesen sein, da ich ja noch zu Hause lebte. Ich befand mich auf dem Weg zum Büro meines Vaters. Weil ich diesen Weg mehr-mals in der Woche ging, war er für mich langweilig geworden und ich konnte mich unterwegs mit meinen Gedanken beschäftigen. Ich ging diesen Weg, um mei-nen blinden Vater abzuholen und nach Hause zu füh-ren.
Ich weiß nicht, ob es gerade zu dieser Zeit altersgemäß war, über die Schlechtigkeit der Welt nachzudenken, ich tat es jedenfalls auf diesem Weg zum Büro immer wieder. Grund genug dazu gab es ja. Schließlich kannte ich keinen erwachsenen Mann, der nicht kriegsverletzt war. Zudem arbeitete mein Vater für einen Verband, VdK, der sich um Kriegsbeschädigte und Kriegshinter-bliebene kümmerte, um die sich der Staat zu wenig oder gar nicht sorgte. Als Sozialrichter kümmerte er sich vor allem um deren Rentenangelegenheiten. Wäh-rend ich in seinem Büro saß und auf das Ende der Sprechstunde wartete, bekam ich jedenfalls das ganze Elend der armen Leute hautnah mit.
Grund genug also, um unterwegs intensiv immer wie-der darüber nachzudenken, warum Menschen wohl so schrecklich grausam miteinander umgingen, dass sie Krieg gegeneinander führten und sich töteten.
Ich kam damals zu dem kindlich einfachen Schluss, dass dies nur einfach an der Gottlosigkeit der Men-schen lag.
Diese Überlegung führte mich dann in die Auseinandersetzung mit der Kirche, von der mein Vater so gar nichts hielt. Vor allem beschäftigte mich damals dann auch die Frage, warum wir Menschen eigentlich auf Menschen angewiesen sein sollen, die uns als Priester sagen, was Gott von uns will. Absolut nicht einleuch-tend, warum das uns dieser Gott nicht gefälligst selbst sagt.
Also musste und wollte ich das in meiner Naivität her-ausfinden. Und so fing ich einige Jahre später auch damit an, meine Gedanken aufzuschreiben, weil es für mich viel zu kompliziert geworden war, alles im Kopf zu behalten und zu bearbeiten.
Das Abfassen des Manuskripts zum Buch „Totzeit“ zeigte mir, was mir später das Studium der Philosophie bestätigte, nämlich dass das Denken in eine Frage eher tiefer hineinführt als sie zu beantworten.
Stellt sich also zusätzlich die Frage, was genau da beim Denken schiefläuft. In mir entstand die Vermutung, dass auch das Denken zum großen Teil durch jenes Phänomen gestört wird, um das es hier geht.
Wenn dem aber so sein sollte, dann bestünde vielleicht die Gefahr, dass gar nicht verstehbar werden kann, worum es hier wesentlich geht, weil das Denken mög-licherweise so angelegt ist, um genau das zu verhindern.
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Seit 20 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Prof. Dr. habil Wolfgang F Schmid

Grundsätzliches (www.wolfgang-schmid.de)

 

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