Der Trick
Indem der Mensch lernt, sich der Dinge zu bemächtigen, indem er sprachlich nach ihnen greift, erfährt er sich als Herrscher der Zeit. Indem er das Werden für sich als berechenbar erscheinen lässt, ergreift ihn der Übermut, Werden in Sein erstarren zu lassen. Über die Welt des Werdens hinaus schafft er sich eine eigene Welt des Seins. Es ist Sokrates, der diese Welt des Scheins inszeniert. Das schafft er nur, indem er die Kunst der Verdrängung anwendet. Sokrates macht nämlich den Leuten weis, dass neben der sinnlich vernehmbaren werdenden Welt der Natur, eine sinnlich nicht vernehmbare unveränderliche Welt des Seins existiert (Metaphysik). Das Sein lässt sich nicht sinnlich, sondern allein geistig wahrnehmen. Das lässt sich schaffen, wenn man vom konkreten Lebendigen wegsieht oder absieht und es als Seiendes betrachtet. Als Seiendes schrumpft das Seiende zu einer Vorstellung wesentlicher Eigenschaften. Den Durchschnittsmenschen kann man ebenso wenig sehen wie einen gerechten Menschen. Aber ich kann einen gerechten Menschen erkennen, wenn ich zuvor „Gerechtigkeit“ gedacht habe. Ich muss also wissen, was einen gerechten Menschen auszeichnet, um überhaupt einen gerechten Menschen erkennen zu können. In Sokrates' Argumentweise erkennt man Protagoras, seinen Lehrer, wieder. Dass es wie bei Protagoras nicht darauf ankommt, ob Aussagen wahr sind, lässt sich an jedem geometrischen Beispiel zeigen. Wenn ich beispielsweise weiß, was ein Kreis ist, kann ich ihn auch zeichnen und dessen Umfang oder Fläche berechnen. Das ist zwar richtig, aber nicht wahr, denn in Wahrheit findet sich nirgendwo ein Kreis, der exakt der geometrischen Definition eines Kreise entspricht. Jeder gezeichnete oder konstruierte Kreis ist nur eine Annäherung an die geometrische Vorstellung. Und ebenso existiert kein gerechter Mensch so wie er als gerecht Seiendes sein sollte. Sokrates nutzt also wie sein Lehrer die Unschärfe der sinnlichen Wahrnehmung, um Schein als Sein erscheinen zu lassen. Dass man etwas erst geistig sehen muss, um es sinnlich wahrzunehmen, ist die Grundforderung aller Mystik und auch Zauberei.
wfschmid - 26. April, 02:00
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