Zen - Lehrgespräche (2)
Zweites Lehrgespräch
Ensô liebt die frühen Stunden des Morgens. Noch bevor die Sonne hinter den Bergen hervorlugt, macht sich Yiya auf den Weg, weil der Zen-Meister ihn zu einem weiteren Lehrgespräch eingeladen hat. Unterwegs überlegt sich Yiya, ob er die Frage zum Unterrichten auch seinem Zen-Meister stellen kann und was ihm dieser wohl dazu antworten wird.
Nach der Tee-Zeremonie fragt Ensô den jungen Novizen, warum er die Frage nicht stelle, mit der er sich schon die ganze Zeit beschäftige. Yiya errötet und stellt dann doch die Frage nach dem Unterrichten. Statt diese Frage zu beantworten, erzählt Ensô ihm eine Geschichte von einem ebenfalls sehr jungen Novizen, der ihn zum Lehrer haben wollte: „Als dieser Novize nach einer sehr sehr langen Wanderung endlich bei mir ankam, um erleuchtet zu werden, befahl ich ihm den Hof zu kehren. Als er damit fertig war und wiederum fragte, was er tun soll, sagte ich ihm: ‚Kehre den Hof!‘. Das wiederholte sich so lange, bis der junge Novize verstand, dass er die Erleuchtung nicht von mir empfangen konnte, sondern allein in sich selbst finden musste. Da bedankte er sich, verabschiedete sich, um den langen Rückweg nach Hause anzutreten.“
Yiya sann darüber nach, was diese Geschichte mit seiner Frage zu tun haben könnte. Ensô erkennt diese Gedanken Yiyas und sagt zu ihm: "Wenn Du den Anspruch erhebst, andere zu unterrichten, beanspruchst Du zugleich, ihnen voraus zu sein. Andere dürfen Dir nicht nachlaufen, um sich von dir unter eine Richtung zwingen zu lassen. Nichts Anderes will uns das Wort 'Unterricht' sagen. Unterricht unterdrückt die Fähigkeit der Selbst-Bildung. Wenn Du Dich als Novize in die Hände eines Mönches begibst, verzichtest Du ausdrücklich auf Dein Selbst und unterwirfst Dich, um Dich von Dir selbst zu befreien. Denn Mönch werden bedeutet Selbst-Befreiung. Wer sich unterrichten lässt, will aber nicht Mönch werden, sondern den Zielvorstellungen einer Gesellschaft nachlaufen. Diesen Lebenslauf nennt man Karriere. Der junge Novize, von dem ich Dir erzählte, wollte die Karriere als Mönch haben. Diesen Widerspruch musste er selbst erkennen. Und Dir möchte ich sagen, dass Du mehr Achtung vor Dir haben sollst. Höre und achte mehr die Fragen, die sich Dir stellen. Es sind deutliche Regungen Deines Selbst. Die Selbst-Regung der Frage nach Unterricht weckt in Dir die Frage nach einer Möglichkeit der Eitelkeit. Schon dass Du Dich mit dieser Frage beschäftigst, sagt Dir und mir alles. Denke darüber nach!" Nach diesen Worten begibt sich Ensô in den Tempel, um zu beten.
"Die Zeit heilt keine Wunden, sondern lässt die Spuren der Erinnerung verblassen!
Die schlechte Tat eines Menschen wird nicht dadurch besser, dass Zeit vergeht!
Vergessen heilt nicht, sondern vergiftet das Jetzt!
Lass unser Ich sein Selbst klären, statt zu vergessen!"
wfschmid - 30. Juni, 05:25
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