Unilogo

31
Jan
2005

Denken - Was Fächer dazu beitragen

Höhere Mathematik und Theoretische Physik als anschauliche Mathematik prägen sowohl die linke als auch die rechte Hemisphäre harmonisch aus.
Dies schaffen die beiden Fächer durch Bereitstellen allgemeiner Bilder für alle besonderen Fälle - Kunst und Naturwissenschaften prägen vor allem jene Bereiche des Gehirns, welche wir als Bewusstseinsbasen vermuten. Fremdsprachen schulen die Sprache als Gedankenbildung durch die Auseinandersetzung mit anderen Sprachen. Philosophie zielt vor allem auf die Schulung unseres Verstandes ab. Der Leistungssport fördert alle Formen der sensumotorischen Intelligenz und Begabung.

denken-faecher

Alle anderen Fächer stellen Mischformen dieser Fächer dar. Interessant ist dabei die Frage, ob ich selbst feststellen kann, welcher Struktur bzw. Strategie ich persönlich zuneige. Das hat nur zum Teil etwas mit den Fächern zu tun, die mich interessieren. So ist zum Beispiel längst nicht gesagt, dass jeder Didaktiker der Physik auch mathematisch zu denken in der Lage ist, obgleich er ja im Rahmen seines Studiums Veranstaltungen der Mathematik besuchen muss.

Denken braucht klare Vorstellungen. Ein wahrgenommenes Stoppschild erzeugt die klare und eindeutige Vorstellung: "Ich muss anhalten!" Das Zeichen für Tilde "~" erzeugt dagegen bei den meisten gar keine Vorstellung.

Denken braucht klare Worte. "Stopp" ist ein ebenso klares Wort wie "Hunger". Interjektionen wie "Au" oder "Aua" werden sogar von Tieren verstanden. "Haus" oder "Bildung " sind dagegen wegen ihrer Vieldeutigkeit unklar.

Denken braucht Bewegung. Ohne Ausprobieren läuft 'gedankenmäßig' nichts. Nachdenken im Sinne des Nachvollziehens braucht diese Bewegung auch. Das Verhalten vor einem Stoppschild üben wir in der Fahrschule.

30
Jan
2005

Bilderlose Texte

"Fehlschaltung" ist zwar ein gängiges Wort, aber im Zusammenhang mit der Betrachtung der Hirntätigkeit erweist es sich als zu umgangssprachlich. Im Wort "Fehlschaltung" steckt das Wort "Schaltung" und das verführt allzu leicht zu einer mechanistischen Betrachtungsweise.

Was wir aus dem Alltag als "Fehlschaltung" kennen, wenn wir beispielsweise die Haare mit Rasierschaum statt mit Schaumfestiger behandeln, hat natürlich nichts mit Fehlschaltung im Gehirn zu tun. Wir waren lediglich unaufmerksam und haben die ähnlich aussehenden Behälter miteinander verwechselt.

feuersee

Das Gehirn kennt keine Fehlschaltungen, solange nicht besondere Erkrankungen vorliegen. Das, was wir als Fehlschaltung erleben, geht gewöhnlich auf mangelnde Aufmerksamkeit oder Konzentration zurück.

Wenn wir aufmerksam sind, dann achten wir auf alles, was entweder um uns herum oder mit uns selbst körperlich geschieht. Wenn wir aufmerksam lesen, dann lesen wir einen Text genau. Wir nehmen sorgfältig Satz für Satz auf. Wenn wir auf uns selbst aufmerksam werden, dann nehmen wir körperliche Bedürfnisse wahr oder wir beschäftigen uns einfach nur mit unserem Aussehen.

Wenn wir uns dagegen konzentrieren, dann achten wir auf alles, was in uns gedanklich geschieht. Wenn wir uns auf einen aufmerksam aufgenommenen Text konzentrieren, dann versuchen wir, uns dessen Inhalte besonders deutlich vor Augen zu führen. Das Verhältnis zwischen Aufmerksamkeit und Konzentration lässt sich als Wechselwirkung auffassen.

Aber nicht nur unsere Aufmerksamkeit und Konzentration beeinflussen unseren Umgang mit Texten, sondern umgekehrt wirken sich auch Texte auf unsere Aufmerksamkeit und Konzentration aus. Auf diesen Zusammenhang wollen wir kurz eingehen.

Anschauliche Inhalte von Texten sorgen dafür, dass sich in mir etwas bildhaft ereignet. Allein Bildergeschichten können von uns so klar vergegenwärtigt werden, dass wir sie auch wirklich wahrnehmen, betrachten und verstehen.

Es sei anmerkend eingefügt, dass wir das Wort "Vergegenwärtigung" dem Wort "Bewusstsein" vorziehen. Das Wort "Bewusstsein" trifft nämlich nicht ganz das, was sich im Gehirn ereignet. Das Wort "Bewusstsein" drückt eher einen Zustand aus und verführt allzu leicht zur Vorstellung von einem Raum, in dem etwas geschieht. Hirngerechter ist es, das Wort "Bewusstsein" durch das Wort "Wachheit" zu ersetzen.

Bilderlose Texte führen nicht jene Wachheit herbei, die erforderlich wäre, um sich mit Texten auseinander zu setzen. Texte, die keine Bildergeschichten vermitteln, schläfern uns ein und wir bekommen nichts mit. Texte, die müde machen, schützen das Gehirn auf natürlich Weise davor, sich auf nutzlose Auseinandersetzungen einzulassen. Bilderlose Texte werden zwar irgendwie bewusst, aber deren Inhalte werden eben nicht klar vergegenwärtigt sondern eher übergangen. Bilderlose Texte werden mit geringer Aufmerksamkeit bzw. Wachsamkeit überflogen oder gar überlesen.

29
Jan
2005

Sprachliches Blendwerk (Textattrappe)

Texte lassen sich mit noch nicht entwickelten Filmmaterial vergleichen. Sobald wir gute Texte lesen oder hören, entwickeln sich text-vermittelte Bilder.

blume

Schlechte Texte zeigen entweder überbelichtete, unterbelichtete oder gar keine Bilder.

Schauen wir uns das am Beispiel eines Satzes einmal an. Der Satz lautet: "Das kleine Mädchen pflückt Blumen." Dieser Satz vermittelt ein klares Innenbild. Jeder sieht das kleine Mädchen Blumen pflücken. Aber jeder sieht ein anderes Mädchen andere Blumen pflücken. Das satzvermittelte Innenbild lässt also Spielraum für die eigene Gestaltung. Ich kann dem Mädchen einen Namen geben und mir zum Beispiel Gartenblumen, Wiesenblumen oder Feldblumen vorstellen. Durch das eigene Gestalten wird das Innenbild zu einem Ereignis.

Schlechte Texte oder schlechte Sätze dagegen lassen keine Innenbilder entstehen. Schauen wir uns nun einen solchen schlechten Satz einmal an. Der Satz lautet: "Unter Deduktion wird die Umkehrung der Abstraktion verstanden." Das satzvermittelte Innenbild ist unterbelichtet. Aber immerhin, es lässt sich noch erahnen, was gemeint sein könnte. Noch schlechter ist der folgende Satz: "Dem Substrat inhärieren Akzidenzien." Es dürfte sich wohl kaum mehr ein Innenbild entwickeln.

Sätze, die keine Entwicklung von Innenbildern ermöglichen, infizieren das Gehirn erst dann und nur dann, wenn es sich um Lehrsätze handelt, die jemandem aufgezwungen werden. Wenn also Studierende in ihrer Prüfung zum Beispiel mit der Frage rechen müssen, was denn "Inhärenz" bedeute, dann sehen sie sich zuvor gezwungen, Sätze einzuprägen, die für sie keinen Sinn machen.

Treten bildlose Sätze häufig auf, dann können sie dazu führen, dass sich im Gehirn ein Hirnvirus entwickeln und auswirken kann.

Es gibt verschiedene Arten von Hirnviren. Im Fall des Einprägens und Wiedergebens auferzwungener Lehrsätze wird im Gehirn eine ‚Fehlschaltung’ ausgelöst. Diese ‚Fehlschaltung’ führt dazu, das Lehrsätze nicht mehr interpretiert, sondern nur noch identifiziert werden, etwa unter dem Motto: "Lehrsätze kann man nicht verstehen, die muss man einfach aufsagen können!" Hat sich dieser Irrtum erst einmal eingenistet, dann hat sich folgendes Vorurteil verfestigt: "Das ist ein Lehrsatz! Da gibt es nichts zu verstehen!" Wiederholen sich dergleichen Erfahrungen von Unterricht zu Unterricht, dann weitet sich das Vorurteil unter ungünstigen Bedingungen aus und kann sich auf die gesamte Schulzeit beziehen.

28
Jan
2005

Emotionen – Botenstoffe für Eilzustellungen

Aufregung, Erregung, Begeisterung, Leidenschaft sind Emotionen. Emotion ist gefühltes Wahrnehmen, Beobachten, Begreifen oder Tun. Diese körperlich, geistig seelische Bewegung ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Stimmung und Einstellung, Pflicht- bzw. Verantwortungsgefühl und sachlichem Engagement.

emotionen

Positive Emotionen wie Freude, Glück oder Liebe beschleunigen das Verarbeiten von Informationen durch Freisetzen zusätzlicher Kräfte bzw. Ressourcen.

Ohne Emotionen sind künstlerische Aktionen wie Musik, Tanz oder Schauspiel überhaupt nicht möglich. Aber auch Reden oder Vorträge werden erst durch positive Emotionen erfolgreich.

Negative Emotionen wie Aggression oder Depression verlangsamen dagegen das Verarbeiten von Informationen durch Störungen des normalen Ablaufs. Diese Emotionen sind gewöhnlich gefühlsmäßige Reaktionen aus persönlicher Motivation heraus. Ich bin gefühlsmäßig aus dem Gleichgewicht geraten, erregt bzw. aufgeregt und wehre mich dagegen.

Positive emotionale Impulse sorgen für Spannung und beschleunigen das Bewältigen von Ereignissen und Situationen. Negative emotionale Impulse dagegen wirken hemmend oder gar blockierend. Solche Gemütsbewegungen dienen der Aufforderung, das innere Gleichgewicht möglichst rasch wieder herzustellen, beispielsweise durch sorgfältiges, aber abständiges Erledigen einer schwierigen Aufgabe. Emotionen sind Zeichen, dass mir persönlich etwas wichtig ist.

Emotion bedeutet: Wichtiges steht in Frage. Das Gehirn sucht beschleunigt nach Antworten. Besonders emotional reagieren wir, wenn wir persönlich betroffen oder gar in unserem Selbstbild verletzt werden. Dann ärgern wir uns kräftig. Am andern Menschen ärgern uns ganz besonders jene eigenen Fehler, welche wir an uns nicht wahrhaben wollen.

27
Jan
2005

Dialog der Hemisphären

Der Dialog der Hemisphären überrascht uns bisweilen, wenn wir uns bei einem Selbstgespräch ertappen. In der Regel handelt es sich um eine ganz banale Alltagssituation.

dialog-hemisphaeren

In einer schwierigen Situation findet das Selbstgespräch, gewöhnlich unbemerkt, als innerer Dialog statt. Sokrates hat für diese Erscheinungsform des Bewusstseins den Namen „Innere Stimme“ geprägt. In der religiösen Erziehung wird diese bisweilen auch als „Stimme des Gewissens“ bezeichnet.

Es gibt einen recht zuverlässigen Ausdruck der Hemisphärentätigkeit, nämlich das Sprechen und Schreiben eines Menschen.

Eine bilderreiche, konkrete Sprache ist in der Regel Ausdruck der Tätigkeit der rechten Gehirnhälfte. Umgekehrt drückt eine bilderarme, abstrakte Sprache vorwiegend links-hemisphärische Aktivität aus.

Lyrik, Philosophie, Mathematik (!) und modulares Programmieren verlangen eine extrem intensive Arbeit der rechten Hemisphäre. Das, was sich da für ‚Außenstehende’ wie Abstrakta ansieht, sind für Lyriker, Philosophen, Mathematiker in Wahrheit sehr komplexe Bilder.

Dagegen stehen alltäglicher Austausch, Nachrichten oder Aussagen der ‚weichen’ Wissenschaften eher für die Aktivität der linken Hemisphäre. Der Grund für den Wechsel der Hemisphären-Dominanz liegt in der Mitteilungsgeschwindigkeit. Die rechte Hemisphäre braucht gewöhnlich mehr Zeit, um etwas zur Sprache zu bringen.

Übung: Hören Sie sich einmal beim Reden zu. In welchen Situationen dominiert welche Hemisphäre? Sie können diese Frage intuitiv beantworten, rechtshemisphärisch do-minant also.

26
Jan
2005

Philosophie

Die vorsokratische Philosophie ist die intuitive Seite der Wissenschaft.

philosophie2

Philosophie ist der griechische Name für die Liebe zur Weisheit. Weisheit ist jener Zustand unseres Bewusstseins, welcher uns den Zugang zur Wahrheit schenkt. Der weise Mensch begegnet der Wahrheit, indem sich ihm das Werden selbst eröffnet und er das Wesentliche schaut.

Philosophie ist sowohl der Weg zur Offenheit des Seins als auch der Aufenthalt in diesem Licht des Denkens.

Jeder muss diesen Weg für sich allein gehen. Es ist sein Weg, den er entdecken muss.

Gedicht "Schicksalstage" aus "Zarathustras Wiederkehr"

Wenn die trüben Tage grauen,
Kalt und feindlich blickt die Welt,
Findet scheu sich Dein Vertrauen,
Ganz auf sich allein gestellt.
Aber in dich selbst verwiesen,
Aus der alten Freuden Land,
Siehst Du neuen Paradiesen,
Deinen Glauben zugewandt.
Als dein eigenstes erkennst du,
Was dir fremd und feind erschien,
Und mit neuem Namen nennst du,
Dein Geschick und nimmst es hin.
Was dich zu erdrücken drohte,
zeigt sich freundlich atmet Geist,
Ist ein Führer ist ein Bote,
Der dich hoch und höher weist.

Friedrich Nietzsche

25
Jan
2005

Sinnliches und geistiges Wahrnehmen

Sinnliches und geistiges Wahrnehmen vollziehen sich natürlicherweise als Wechsel- bzw. Zusammenspiel.

intuition2

Dominiert sinnliches Wahrnehmen, dann regelt es Betrachten, Beobachten und Bestimmen von Zusammenhängen (Begreifen).

Dominiert geistiges Wahrnehmen, dann regelt es Fantasie, Spiel und Gestalten von Zusammenhängen ((an-)schauen).

Mit Hilfe sinnlicher Wahrnehmungen werden Erscheinungen durch die Wissenschaft in Gesetze überführt.

Mit Hilfe geistiger Wahrnehmungen werden Erscheinungen durch die Kunst ins Werk gesetzt.


Intuition

Sehen statt sichten,
Fühlen statt gewichten.

Schauen statt betrachten,
Kein Beobachten.

Wahrheit statt Richtigkeit,
Offenheit statt Wichtigkeit.

Spielen statt vereinnahmen,
Außerhalb statt im Rahmen.

Fühlen und berühren,
zum Leben verführen!

24
Jan
2005

Intuition - Frauen haben Intuitionen statt Definitionen

Definitionen sind eingefrorene Intuitionen. Definitionen erfassen das Sein von etwas, Intuitionen das Werden.

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Intuitionen sind Gebilde, die im Unbewussten bzw. Unterbewussten wachsen und als Eingebungen bewusst werden. Definitionen geben Antworten, Intuitionen schenken Fragen.

Antworten erscheinen als fertige, linear angeordnete Gedanken. Der Algorithmus (Steuerung der Folge, in der Gedanken und deren Umsetzung als Handlungen ablaufen) ist der Prototyp des Definierens. Definitionen liefern Ausschnitte oder Aspekte von Welt.

Fragen erscheinen als offene, verzweigte Gedanken. Die Mindmap (Regelung des Wachstums von Gedanken) ist der Prototyp intuitiven Erfassens. Intuitionen verhelfen zu einer ganzheitlichen Wahrnehmung von Welt.

In der männlich bestimmten Welt der Philosophie des Abendlandes wurde das Wesen der Intuition nicht gedacht. Die Folge ist, dass ein Denken dominiert, das einseitig von der linken Hemisphäre gesteuert wird.

Definitionen und Intuitionen bilden zusammen die Einheit des Gegensätzlichen, das in dem Wort Bild-er-leben zum Ausdruck gelangt.

Soll "Intuition" philosophisch nutzbar gefasst werden, dann ist das Wort "(gefühlte) geistige Wahrnehmung" besser geeignet als "Eingebung".

„Intuitives Denken ist wahrnehmungsähnlich, schnell und mühelos.“ (Daniel Kahnemann, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften 2002)

23
Jan
2005

Denken - Denkend bin ich Ich (nach Descartes)

Unser Gehirn denkt zuerst, bevor es redet. Das, was wir gewöhnlich als Denken bezeichnen, ist schon immer das Mitteilen von längst Gedachtem.

denken2

Gewöhnlich aber haben wir doch den Eindruck, als wären wir es, die das alles zustande bringen. So betont Descartes geradezu "Ich denke, also bin ich." Die Überzeugung „Ich-Bewusstsein“ ist so tief in uns verwurzelt, dass jede Kritik daran erst einmal absurd erscheint.

Aber erinnern Sie sich. Die besten Einfälle sind Ihnen gleichsam zugeflogen. Sie mussten nur noch die Gelegenheit nutzen, um etwas daraus zu machen. Im Nacht- und Tagtraum gar haben Sie überhaupt keine Chance mehr einzugreifen. Da spielt das Hirn nun ganz offensichtlich ohne Sie.

Und was geschieht eigentlich im Augenblick? Ich schreibe. Genau genommen werden Ergebnisse der vom Gehirn durchgespielten Vorgänge bewusst und sofort von mir aufgeschrieben.

Das Spielen des Gehirns wird fortdauernd als Ich bewusst. "Ich denke.", das bedeutet das Wahrnehmen eines inneren Geschehens.

Das Spiel des Gehirns vollzieht sich vielfach zugleich. Deshalb erfährt sich das Ich räumlich und zeitlich. Diese Raum-Zeit-Erfahrung erlebt es als seine Geschichte. Aus der persönlichen Lebensgeschichte kristallisieren sich durch viele Versuche und Irrtümer schließlich bleibende Verhaltenseigenschaften heraus. Die Verlässlichkeit solcher Merkmale bezeichnen wir als die Persönlichkeit eines Menschen.

Für das Gehirn ist dies das allen Verhaltensweisen gemeinsame Grundmuster. Als Ich erfasst es dies als Sein, als das Bleibende in allem. Auf diese Weise in sich zu Hause widersteht das Ich leichter den Widerwärtigkeiten alles Vergänglichen.

22
Jan
2005

Denken – Was man dazu braucht

Um denken zu können, müssen mindestens folgende drei Voraussetzungen erfüllt sein:

1. Denken braucht klare Vorstellungen. Denken macht innere und äußere Wahrnehmungen eindeutig. 2. Denken braucht klare Worte. Worte sind klar, sobald sie für Bilder stehen. 3. Denken braucht Bewegung. Ohne Ausprobieren läuft gedanklich nichts.

denken

Als Grundbedürfnis treibt uns Denken unterschiedlich an: Wenn es uns veranlasst, nur einmal kurz hinzuschauen, um das Auffällige (...was interessiert) zu erfassen (Apperzeption), wenn es uns einlädt, uns Zeit zu nehmen, um uns mit Wahrnehmungen eingehender befassen zu können (Reflexion), wenn es uns drängt, Zusammenhänge festzustellen, um zu begreifen (Induktion), wenn es uns ermuntert, Annahmen in der Praxis zu überprüfen, um herauszufinden, was zutrifft und was nicht (Deduktion), wenn es uns auffordert, die Sache auf den Punkt zu bringen, um uns das Ganze leichter merken zu können (Definition).

Eine Definition ist: 1. eine Erklärung, die für alle Fälle zutrifft, 2. ein allgemeingültiger Inhalt, der sich versinnlichen, also demonstrieren lässt, 3. eine Anwendung, die ich selbst vorführen kann. Allem Reflektieren intendiert das Definieren, also Zeigen, Demonstrieren, Vorführen. Das Grundbedürfnis Denken treibt den Menschen als Abenteurer in die Welt. Gewöhnlich aber dringt Denken nicht so weit ins Bewusstsein vor. Es wird in der Regel schon durch vorhandene Modelle daran gehindert, über das bloße Erfassen von Wahrgenommenem hinauszugehen.

Es gibt dafür sogar einen sehr plausiblen Hinderungsgrund. Wenn wir modellieren, sobald wir wahrnehmen, beschleunigen wir unsere Auseinandersetzung. Vorhandene Modelle und verfügbare Erfahrungen sparen Zeit. Diese Zeiteinsparung hat ihren Preis.

21
Jan
2005

Charakterisieren

Charakterisieren, das bedeutet die Merkmale von etwas beschreiben. Das Charakterisieren gehört zu jenen Übungen, welche die Sehschärfe und die Trennschärfe des Denkens erhöhen helfen soll.

charakterisieren

Wie schwer uns das fällt, stellen wir spätestens dann fest, wenn wir eine Person oder einen Unfallhergang beschreiben sollen. Untersuchungen zeigen, dass da selbst Profis wie Polizisten in Schwierigkeiten geraten. Der Grund hierfür liegt vor allem in der unscharfen Aufnahme während des Wahrnehmens. Uns genügen in der Regel Anhaltspunkte, um uns orientieren zu können.

Charakterisieren nach Dreiplusneun bezieht sich vor allem auf die gleichzeitig ablaufenden Vorgänge im Kurzzeitgedächtnis. Sie können die Fähigkeit zu charakterisieren durch eine Art Überblendungstechnik trainieren.

Dazu folgender Vorschlag: Stellen Sie sich an Ihrem Arbeitsplatz vor (wahrnehmen). Schauen Sie sich bei der Arbeit zu (betrachten). Mit welcher Aufgabe beschäftigen Sie sich gerade (beobachten)? Beurteilen Sie selbst Ihre eigene Arbeit (begreifen). Wie fällt Ihre Beurteilung aus (bewerten). Warum fällt Ihre Bewertung so aus (beurteilen)? Erhalten Sie spontan die gewünschten Auskünfte aus Ihrem Unterbewusstsein, dann ist für Sie selbstkritisches Handeln vertraut. Sie brauchen diese Übung nicht zu wiederholen.

Charakterisieren ist ein Bewusstseinsvorgang, der die typischen Eigenschaften eines bewussten Verhaltens mit diesem zusammen vergegenwärtigt und damit jederzeit die Möglichkeiten und Grenzen eines Tuns überprüft. Spontanes Handeln setzt das schnelle Vergegenwärtigen der Charakteristika eines Vorgehens voraus. Letztlich machen alle Module Charakteristika informationeller Vorgänge bewusst.

20
Jan
2005

Botenstoffe – Wertmaßstäbe

Während wir wahrnehmen vergleichen wir auch. Wir stellen ständig Gleichheit, Ähnlichkeit, Verschiedenheit oder Gegensätzlichkeit her. Die Qualität des Vergleichens hängt u. a. davon ab, in welchem Verhältnis zu Anderem uns etwas erscheint.

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Verhalten bedeutet ja im wortwörtlichen Sinn Verhältnisse eingehen oder verändern. Sobald wir wahrnehmen, werten wir auch. Welche Maßstäbe wir dabei ansetzen, das hängt von unseren Erfahrungen und von unserer momentanen Situation ab.

Auf das Bewerten und Einschätzen haben wir keinen unmittelbaren Einfluss. Das Auffällige oder Ungewöhnliche der Erscheinung entscheidet darüber, ob sich sinnlich Vernehmbares wie Größe, Gewicht oder Geschwindigkeit oder geistig und allenfalls vielleicht intuitiv Vernehmbares wie Werte in den Vordergrund spielt.

Übung: Das situationsgerechte Herstellen von Verhältnissen ist ausschlaggebend für angemessenes Verhalten. Sie können das mittelbar beeinflussen, indem sie das Vergleichen trainieren.

Stellen Sie sich drei Personen vor. Wechseln Sie diese Personen nicht aus während Sie üben. Vergleichen Sie nun diese Personen zuerst nach Größe und stellen Sie diese entsprechend in einer Reihe vorstellungsmäßig auf.

Vergleichen Sie nun diese Personen nach der Bedeutung, die sie für Sie haben und korrigieren Sie gegebenenfalls die erste Aufstellung. Nur ein Zufall würde keine Korrektur erfordern.

Nach dieser eher rechtshemisphärischen Vorübung vergleichen Sie nun folgende Begriffe und finden Sie heraus, ob Sie die Unterschiede spontan erklären können. Es handelt sich insgesamt um Wertmaßstäbe: Werte und Normen, Gebote und Verbote, Regeln und Gesetze.

19
Jan
2005

Botenstoffe – Zoomen

Stellen Sie sich das Haus vor, in dem Sie wohnen. Wir wollen uns jetzt einmal an dieses Haus zoomen (Zoom in): Haus – Haustür – Haustürfenster – Haustürfensterglas – Haustürfensterglasscheibe – Haustürfensterglasscheibenrahmen.

Sie werden wahrscheinlich feststellen, dass Sie so genau noch gar nicht hingesehen haben. Erfassen Sie durch Zoomen nun etwas, das Sie ständig ansehen. Nehmen Sie das Zoomen aber bitte zunächst rein vorstellungsmäßig vor. Nicht spicken!

bootenstoffe-zoomen

Uhr – Armbanduhr – Armbanduhrziffern – Armbanduhrziffernblatt – Armbanduhrziffernblattoberfläche – Armbanduhrziffernblattoberflächengestaltung.

Auch hier werden Sie feststellen, dass Sie das alles gar nicht so genau wissen. Das ist natürlich, weil Sie sich ja nicht für die Details Ihrer Uhr interessieren, wenn Sie die Uhrzeit ablesen. Das haben Sie vielleicht getan, als Sie sie kauften oder geschenkt bekamen.

Üben Sie einmal täglich das Zoomen vorstellungsmäßig mit irgendeinem Gegenstand. Kontrollieren Sie anschließend durch Vergleichen von Vorstellung und Wirklichkeit (Bild und Original), wie genau Ihnen das gelungen ist.

Sie trainieren auf diese Weise Ihr Bewusstsein, mehr auf Details bei für Sie wichtigen Dingen zu achten. Mit anderen Worten: Sie erhöhen die Trennschärfe Ihrer sinnlichen und geistigen Wahrnehmung. Das wirkt sich sehr rasch positiv auf den Umgang mit alltäglichen Dingen aus. Sie werden schlichtweg zukünftig genauer hinsehen.

Zoomen, also das Annähern an ein Objekt und das Entfernen von diesem, ist nur eine von vier Schärfeeinstellungen des Bewusstseins. Durch Training können Sie das Behalten von Fakten und Daten erheblich beschleunigen. Unser Gehirn behält das, was es sieht, hört, riecht, tastet, schmeckt, empfindet oder denkt, und zwar so genau, wie Sie sich das während der Aufnahme vergegenwärtigt haben.

18
Jan
2005

Botenstoffe – Zu denken geben

In der Neurowissenschaft gilt die Annahme, dass die grundlegenden Lernprozesse in früher Kindheit ablaufen als überholt. Das Gehirn lässt sich trainieren und so veranlassen, nicht nur alte neuronale Verbindungen zu erweitern, sondern auch ganz neue Verbindungen zu schaffen. Das lässt sich sowohl durch körperliche als auch durch geistige Bewegungen bewerkstelligen.

botenstoffe-zoomen

Was im körperlichen Bereich das Joggen und Wandern ist, das ist im geistigen Bereich das Denken. Denken in diesem Sinn findet aber erst dann und nur dann statt, wenn sich linke und rechte Hemisphäre synchronisieren.

Als interhemisphärische Synchronisation vollzieht sich Begreifen als Umgehen mit Handlungsbildern. Ein Handlungsbild, das ist eine ganz klare Vorstellung von dem, wie etwas gemacht wird. Begriffe, die eine solche Vorstellung nicht zum Inhalt haben, sind leer. Es sind bloße Begriffshülsen oder –attrappen.

Denken bedeutet, mir genaue Vorstellungen von dem zu verschaffen, was ich in die Tat umsetzen möchte. Das geschieht sowohl sprachlich als auch bildlich. Ich muss mir ein beschriebenes Verhalten wie einen Film im Kopf ansehen können. Begreifen ist Kopfkino.

Jedem Substantiv muss eine Person, ein Gegenstand, ein Ereignis oder eine Situation zugeordnet werden können. Jedem Verb muss ein Vorgehen oder ein Geschehen zugewiesen werden können. Ohne solche Wort-Verbindungen geschieht in unserem Kopf nichts. Worte ohne Bilder sind Schall und Rauch. Sie vernebeln unser Bewusstsein.

Mit Hilfe der Sprache adressiert unser Gehirn Erfahrungsbilder. Mit Hilfe von Sprache können sie erinnert und vorstellungsmäßig verändert werden. Worte und Sätze beeinflussen die Transmissionen (Übertragungen) in unserm Gehirn und verändern die sogenannten Transmitter (Botenstoffe). Während der Lektüre oder dem Sehen eines hoch spannenden Krimis lässt sich das sogar spüren.
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Seit 20 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Prof. Dr. habil Wolfgang F Schmid

Grundsätzliches (www.wolfgang-schmid.de)

 

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