Unilogo

20
Jun
2005

Widerspiegelung

Bild: Widerspiegelung ist das deutsche Wort für Reflexion. Das Wort Reflexion erweckt den Eindruck von bewusster Aktivität. "Ich reflektiere." Tatsächlich aber müsste es heißen: "Ich werde reflektiert." Das, was wir gewöhnlich Bewusstsein nennen, ist in Wahrheit das Widerspiegeln neuronaler Prozesse verschiedener Tiefe. Die unterschiedlichen Wirkungsstärken werden Wahrnehmen, Betrachten, Beobachten und Begreifen genannt. Begreifen wird als Verbinden unterschiedlicher neuronaler Vorgänge oft als 'Verknüpfen' bezeichnet. Denken vollzieht sich als Spiel mit Spiegelungen so lange, bis sich ein annehmbares Spiegelbild gestaltet hat. Die Stimmigkeit des Bildes wird gefühlsmäßig rückgekoppelt.

widerspiegelung

Um das Widerspiegeln spielerisch erfahrbar machen zu können, bieten sich nicht sehr viele Möglichkeiten schriftsprachlicher Art an. Eine hervorragende Möglichkeit bietet sich durch das Angebot an Sie an, ein Gedicht zu schreiben. Das Vorgeben eines Gedichtes würde nicht sehr hilfreich sein, da mit hoher Wahrscheinlichkeit kein spielerisches Umgehen damit zustande käme. Entscheiden Sie sich spontan für ein Haupt- oder Tuwort und versuchen Sie sich mit einem dichterischen Vers dazu.

Vorstellung: Vergegenwärtigen Sie Ihre Vorgehensweise während Ihres dichterischen Versuchs. Indem Sie das tun, reflektieren Sie, d. h. Sie schauen der Widerspiegelung des gestalterischen Geschehens zu. Können Sie verschiedene Wirkungsstärken (Wahrnehmen, Betrachten, Beobachten, Begreifen) erkennen?

Klärung: Das Reflektieren wird am ehesten mit künstlerischen Mitteln erfahrbar. Im Gegensatz zur Wissenschaft setzt Kunst sehr viel eher spielerische Prozesse in Gang. Das ist der tiefere Grund, warum sich die meisten außergewöhnlichen Naturwissenschaftler immer auch künstlerisch versuchen. Entdecken ist wesentlich ein künstlerischer und kein logischer Vorgang. Die Entdeckung selbst ist dann die logische Zusammenfassung des Entdeckens.

Aufgabe: Sie lesen diese Module, weil Sie sich für das Denken interessieren. Denken lässt sich - wie gesagt - nicht lernen, sondern allein reaktivieren. Alle können von Natur aus denken.

19
Jun
2005

Spieglein, Spieglein... ...oder Excel

Bild: "Spieglein, Spieglein sprich! Wie verändere ich mich?" Kurzfassung dieser in Anlehnung an das Märchen "Schneewittchen und die sieben Zwerge" formulierten Frage ist der Begriff "Ich-Reflexion". Das hat nichts mit Selbst-Bespiegelung zu tun, sondern Spiegelung des Selbst, um beispielsweise unerwünschtes Verhalten mit den Fragen nach Möglichkeiten der Veränderung zu vergegenwärtigen. Unerwünschtes Verhalten nehmen wir gewöhnlich nicht bewusst wahr, sondern wir tun einfach, was wir eigentlich nicht tun wollen.

spiegeln

Vorstellung: Vergenwärtigen Sie mehrfach während des Tages wiederkehrende Verhaltensweisen, die Sie bei sich selbst nicht akzeptieren (schlechte Angewohnheiten wie Rauchen, Naschen, faul sein, Ablenkungen aller Art usw.usf. Dazu gehört auch umgekehrt Verhalten, das Sie sich zwar wünschen, aber dennoch nicht umsetzen. "Unerwünscht", das wird hier als gefühlsmäßige Ablehnung verstanden. Beispiele: Sie sind dagegen, dass Sie rauchen, tun es aber trotzdem. Sie verweigern sich vor dem Einkauf, Süßigkeiten zu besorgen, kaufen diese aber dann trotzdem. Unerwünschtes Verhalten wir häufig als schlechte Angewohnheit oder Abhängigkeit ausgelegt. Viel besser ist da der psychologische Begriff der Ersatzhandlung. Sie ersetzen durch die Schokolade etwas, das Ihnen fehlt. Wird Ihnen nicht bewusst, was da durch das ungewollte Verhalten ersetzt werden soll, dann kann Ihnen das Unterbewusstsein helfen. Es gibt nun eine gute Möglichkeit, unerwünschtes Tun sein zu lassen, vorausgesetzt, Sie lassen sich darauf ein, Ihren Anspruch auf Abhängigkeit als Alibi, sich nicht ändern zu können, aufzugeben.

Beispiel: Wie kann denn jemand das Rauchen aufgeben, wenn er nikotinabhängig ist? Da ist man ja geradewegs dazu verurteilt, rauchen zu müssen. Abhängigkeiten - harte Drogen und Medikanten-Mißbrach ausgenommen - sind in der Regel nicht körperlicher, sondern seelischer Natur. Viele Entwöhnungsprogramme werden von der Tabakindustrie gesponsert, um Raucher stärker an sich zu binden. Auch viele Produkte, die Rauchern auf dem Markt angeboten werden, programmieren den Mißerfolg. Und warum erst anfangen, wenn die Rückfallquote eh so hoch ist. Drogenabhängigkeit ist in der Regel eine seelische Abhängigkeit, die nicht sonderlich schwer aufzulösen ist. Das Gehirn selbst bietet das einfachste Entwöhnungsprogramm an. Es handelt sich um ein natürliches Verlernen des gelernten Konsums von Drogen.

Klärung: Als selbstreparierendes Organ duldet das Gehirn keine Störung oder gar Schädigung neuronaler Vorgänge. Es existieren nur zwei Möglichkeiten der Vermeidung neuronaler Konflikte: Verdrängen oder Veränderung. Das linkshemisphärische Verdrängen lässt sich leicht durch rechtshemisphärisches natürliches Spiegeln verhindern. Sie wollen zum Beispiel wirklich aufhören zu rauchen? Wenn Sie das wirklich wollen, dann rauchen Sie einfach weiter wie bisher, allerdings unter folgender Bedingung: Sie tragen Ihren täglichen Zigarettenkonsum in eine Exceltabelle ein und lassen sich diesen grafisch als Kurve täglich vor Augen führen. Diese Spiegelung wider das Verdrängen führt natürlicherweise allmählich zur Senkung des Verbrauchs bis hin zum spontanen Entschluß, das ganz sein zu lassen, weil Sie sich vor sich selbst nicht lächerlich machen wollen
.
Während der Zeit des Spiegelns müssen Sie einem einzigen Argument widerstehen, das durch den Verdrängungsmechanismus erzeugt wird. Dieses Argument lautet angesichts Ihrer nicht fallen wollenden Kurve: "Das hilft ja doch nichts! Und was soll der Blödsinn, wenn ich eh tagtäglich die fast die gleiche Anzahl von Zigaretten eintrage." Wie lange das dauert, hängt davon ab, wie gut Sie lernen. Wenn Sie sich ansonsten schwer tun mit dem Lernen, werden Sie sich für die Spiegelung Zeit lassen müssen!

Aufgabe: Das Einfachste ist oft das Unglaublichste. Trotzdem: Spiegeln Sie Ihre unerwünschten Verhaltensweisen!

18
Jun
2005

Heimliche Masochisten

Bild: Machen Sie sich eine Momentaufnahme! Beantworten Sie die Frage: Wann haben Sie sich das letzte Mal für etwas, das Sie gut gemacht haben, belohnt? Wenn Ihnen da jetzt nichts spontan einfällt, dann gehören Sie zu den heimlichen Masochisten (Selbst-Bestrafern), falls Sie nicht zu den Asketen zählen.

belohnung

Vorstellung: Wenn Sie die gestellte Frage nach der Belohnung spontan positiv beantworten konnten, dann können Sie dieses Modul übergehen und mit dem nächsten fortfahren. Falls Ihnen nichts eingefallen ist, vergegenwärtigen Sie sich noch einmal, ob Sie sich nicht mit vielen kleinen Belohnungen unbewusst Gutes tun. Viele belohnen sich mit einer Zigarette oder Süßigkeit oder was besser ist: sie gehen spazieren, lesen ein Buch, schauen sich einen Film an, hören Musik.... Machen Sie sich klar, ob es in Ihrem Alltag derlei Belohnungen gibt. Falls nicht, machen Sie sich bitte klar, warum Sie es ablehnen, sich selbst zu belohnen.

Klärung: Unser Gehirn ist auf Belohnungen angewiesen, um jene Gückshormone erzeugen zu können, welches es zur Regenerierung von Energien dringend benötigt. Sagen Sie jetzt bitte nicht, dass Sie gerne arbeiten und das Belohnung genug sei. Auch wenn Sie erfolgreich sind, müssen Sie dafür sorgen, dass sich Ihre Energien nicht erschöpfen und Sie gleichsam ausbrennen (Burning out). Ihr Gefühl meldet Ihnen sehr zuverlässig, wann Sie leidenschaftlich arbeiten und wann Sie sich dafür auch belohnen. Belohnung ist etwas Besonderes. Es ist wie mit Heilmitteln: wenn Sie sich zu oft belohnen, wirken Belohnungen nicht mehr und zeigen unangenehme Nebenwirkungen. Aus Energiequellen werden dann Energiefresser. Das unerwünschte Ergebnis ist auftretende Antriebsschwäche. Wer sich zu oft mit Nichtstun belohnt wird faul (Urlaubssyndrom).

Weil das Gehirn ein selbstorganisierendes Organ ist, zeigt es sich unter besonderen Bedingungen in der Lage, sich die Belohnungen selbst zu besorgen. Es gibt Menschen, die auf alles verzichten und ihr Leben ganz dem Dienst am Nächsten widmen oder in ein Kloster eintreten, um im Sinne des "Ora et labora" des Benedikt von Nursia Gott und den Menschen zu dienen. Wer nichts mehr hat, womit er sich belohnen könnte, bei dem gewinnt das Gehirn die lebensnotwendigen Glückshormone - so merkwürdig das auch klingt - aus dem Verzicht selbst. So ist es dann nicht verwunderlich, dass eine Mutter Theresa trotz allen Elends glücklich erscheint und dieses Glück auch ausstrahlt. Um es mit anderen Worten zu sagen: Das Glück der Mönche, gleich welcher Religion, ist der Verzicht, das Loslassen von allem.

Selbst-Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, Selbst-Bejahung ist der zweite und Selbst-Belohnung ist der dritte!

Aufgabe: Schaffen Sie die heimlichen Strafen ab. Überlegen Sie sich für den Tag doch zumindest eine Belohnung!

17
Jun
2005

Toter Winkel

toter-winkel

Bild: Der "Tote Winkel" - Lkw-Fahrer sehen nur durch das rechte Fenster: den Raum direkt neben dem Führerhaus und durch den rechten Außenspiegel: einen Bereich, der sich direkt neben dem Fahrzeug nach hinten erstreckt.

Was die Fahrer aber nicht sehen können, ist die Fläche, die sich dazwischen befindet - wenn sie keine zusätzlichen Hilfsmittel, wie zum Beispiel Extra-Spiegel, haben.

Auch das Wahrnehmungsfeld, das uns bewusst wird, hat einen toten Winkel. Wir sehen das, was wir sehen wollen. Was wir ohne besondere Maßnahmen nicht sehen können, ist das, was wir unbewusst verdrängen. So legen wir Wahrnehmungen für uns zurecht, ohne das zu bemerken.

Schauen Sie sich das an, was Ihnen an Verdrängungen wenigstens zeitweilig bewusst wird.

Vorstellung: Am leichtesten durchschaubar sind Aufgaben, die wir gern verschieben und nicht dann erledigen, wenn sie anliegen. Suchen Sie sich eine solche Tätigkeit aus. Untersuchen Sie nicht lange, warum Sie diese vor sich her schieben, sondern heben Sie das Verdrängen auf, indem Sie geschickter terminieren. Wenn es Ihre Art ist, unangenehme Tätigkeiten nicht gleich zu erledigen, sondern erst dann, wenn es unbedingt sein muss, dann bejahen Sie diese Eigenart.

Klärung: Viele Verdrängungen beruhen auf übernommenen Vorstellungen und folgen nicht eigenen Bedürfnissen. Verschiebungen können aber auch einfach dadurch zustandekommen, dass sich jemand nicht festlegen will. Verdrängungen werden erheblich geschwächt, wenn sie erst einmal bejaht werden. Selbst-Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, Selbst-Bejahung aber ist der zweite!

Aufgabe: Terminieren Sie Ihre Aufgaben ab sofort (!) Ihren Bedürfnissen entsprechend. Ihr Gehirn schenkt Ihnen die Ressourcen so, wie Sie diese brauchen und nicht so, wie es sich vielleicht einer übernommenen Ansicht nach gehört. Bewundern Sie jene, welche alles sofort erledigen ebenso wie jene, welche alles oft wider Erwarten ‘auf den letzten Drücker’ schaffen. Werten Sie das nicht. Wir sind wie wir sind.

16
Jun
2005

Guck mal

guck-mal

Bild: Das Eingespieltsein auf Aktionen und Reaktionen verschlechtert das Wahrnehmen. Vieles nehmen wir überhaupt nicht mehr wahr. Fragen Sie sich einmal, wie vielen Menschen Sie während eines Gespräches bewusst in die Augen gesehen haben. "Die Augen sind die Fenster zur Seele." (Bernhard von Clairveaux) Jemanden nicht in die Augen sehen bekundet Desinteresse an dessen gefühlsmäßigen Situation.

Vorstellung: Vergegenwärtigen Sie sich, wie Sie mit Menschen umgehen. Vergegenwärtigen Sie sich das Gespräch mit einem Menschen, den Sie besonders schätzen. Erinnern Sie sich an die Blicke, die sie miteinander ausgetauscht haben.

Aufgabe: Schauen Sie Menschen bewusst in die Augen, ohne Sie anzustieren. Wenn Sie das nicht gewohnt sind, werden Sie anfangs dabei unsicher. Halten Sie den Blick nicht, wenn Sie Unsicherheit verspüren, sondern nehmen Sie ihn baldmöglichst wieder auf. Um Ihnen einen Hinweis zu geben: Ein Augen-Blick dauert etwa drei Sekunden. Darüber hinaus wird er als intim empfunden.

Klärung: Etwa zwei Drittel der Kommunikation zwischen Menschen werden körpersprachlich gestaltet. Körpersprachliche Signale übertragen persönliche Stellungnahmen zu den Informationen, die während der Kommunikation vermittelt werden. Das Mißachten dieser Signale erschwert das Verstehen der Informationen erheblich. Gehen Sie bewusst miteinander um. Aber überlassen Sie die Interpretation körpersprachlicher Signale Ihrer Intuition. Hüten Sie sich vor verstandesmäßigen Deutungen.

15
Jun
2005

Ich tue jetzt das und nur das

das-und-nur-das

Bild: Der Alltag setzt sich gewöhnlich aus einer Folge von Aktion und Reaktion zusammen. Es liegt etwas an, und wir reagieren in der Regel 'unbewusst' darauf. Greifen Sie ein Moment heraus, z.B. das Zähneputzen.

Vorstellung: Filmen Sie diese Situation. In diesem Film erscheinen Ihre Gedanken während des Zähneputzens als 'Sprechblasen'. Lesen Sie, was Ihnen während des Zähneputzens so alles durch den Kopf geht.

Aufgabe: Entscheiden Sie sich für eine bestimmte alltägliche (immer wiederkehrende) Handlung. Konzentrieren Sie sich zukünftig mit allen (!) Sinnen (nur) auf diese eine Handlung. Beschränken Sie sich unbedingt auf eine (!) Handlung. Versuchen Sie an nichts zu denken, sondern widmen Sie Ihre ganze Aufmerksamkeit dem, was Ihnen Ihre Sinne während dieser Handlung an Eindrücken vermitteln.

Klärung: Durch diese Übung sollen Aufmerksamkeit (sinnliches Wahrnehmen) und Konzentration (Denken während des Wahrnehmens) geschult werden. Der Aktions-Reaktions-Mechanismus soll in ein "Ich tue jetzt das und nur das!" umgewandelt werden. Diese Übung gehört zu den Vorbereitungen für ein bewussteres Erleben.

14
Jun
2005

"La tortura" (3)

Der Weg zur natürlichen Sprache der Bilder und unmittelbaren Verlautbarung ist ein Weg zurück zur eigenen Natur. Die Schritte dieses Weges gestalten sich von dem her, was Erziehung und Bildung als Persönlichkeit ausgeprägt haben. Wir nennen diese Schritte Begriffe und fassen diese als das auf, was sie wesentlich sind: Momente des Begreifens.

la-tortura3

Ein solcher Begriff besteht aus einem Bild, aus einer Vorstellung, wie mit diesem Bild umzugehen ist, aus einer Anweisung zum Handeln und aus einer Erklärung, was damit erreicht werden soll. Dabei folgen wir dem pädagogischen Prinzip: vom Leichteren zum Schwereren.

13
Jun
2005

"La tortura" (2)

Vergenwärtigung der Ausgangssituation:

la-tortura2
  • Sinnliches Wahrnehmen (Sehen, Hören, Riechen, Tasten, Schmecken, Empfinden) und geistiges Wahrnehmen (Erinnern von Sinneseindrücken),
  • Betrachten (Verweilen bei sinnlichen und geistigen Wahrnehmungen),
  • Beobachten (Feststellen von Zusammenhängen),
  • Begreifen (Erklären festgestellter Zusammenhänge).
Denken vollzieht sich als Bilderleben:
  • Bild-Erleben, das ist das gestalterische Umgehen mit dem, was jeweils bewusst wird.
  • Bilder-Leben, das ist das Überlagern des Bild-Erlebens von Bildern, die nichts unmittelbar mit dem zu tun haben, was gerade vergegenwärtigt wird (Fantasieren, Tagträumen).
Bewusstwerden geschieht gewöhnlich nicht trennscharf:
  • Die Gegenwart (Augenblick der Vergegenwärtigung) vermischt sich mit der Vergangenheit (Erfahrungen) und mit der Zukunft (Bedürfnisse). Wir leben nicht in der Zeit und erleben sie deshalb auch nicht tief genug als Fluß. Aus dem Ereignen werden zeitlich (vor-) bestimmte Ereignisse (Termine).
  • Wahrnehmen wird gefiltert. Wenige Eigenschaften reichen aus, um uns ein Bild zu machen. Wahrnehmungen werden durch vorgängige Erfahrungen vervollständigt. Wir legen uns Wahrnehmungen für uns passend zurecht (Projektion). Wir sehen etwas nicht wie es ist, sondern so wie wir es sehen wollen.
  • Verhalten wird in der Regel nicht geprüft, sondern beruht auf erworbenen Mustern und Routinen. Gewohnheiten verhindern das Eingehen auf Veränderungen. Wir tun so, als wiederhole sich das immer Gleiche.
  • Kritik fehlt weitgehend. Arten und Weisen des Verhaltens werden nicht als bestimmte Reaktionen auf bestimmte körperliche, seelische oder geistige Aktionen bewusst. Der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang wird gewöhnlich nicht gesehen. Wir tun so als ob.
  • Verhalten läuft häufig vorhandenen Ressourcen und Bedürfnissen zuwider. Wir verdängen die Kontrolle über körperliches, seelisches und geistiges Soll und Haben. Wir tun so, als könnten wir (uns) unbegrenzt ausgeben (verausgaben).
  • Handeln wird durch Werte und Normen, Gesetze und Vorschriften, Verbote und Gebote, Vereinbarungen und Abmachungen, Triebe und Bedürfnisse geregelt. Grund und Zweck unseres Handeln aber werden kaum bewusst. Wir tun so, als sei alles selbstverständlich. Wir genießen das Leben nicht und sind tief erschrocken, wenn es sich durch Krankheit wehrt.
  • Fehlende Spontanität aufgrund mangelnder Beweglichkeit verführt zum übereilten Handeln. Wir tun das, was anliegt, ohne dass es für uns wirklich ein Anliegen ist. Wir gehen in den Geschäften des Alltags nicht engagiert auf, sondern eher niedergeschlagen unter.
  • Alltag bedeutet nicht, dass alle Tage gleich sind. Alle unsere Tage und Wege unterscheiden sich. Bemerken wir das nicht mehr, durchleben wir sie nicht. Jeder Tag des Lebens aber könnte dessen letzter sein.

12
Jun
2005

"La tortura" (1)

Wir erfahren das Bewusstwerden als Inszenieren von Bildern. Bilder aus unserer Außenwelt und unserer Innenwelt vermischen sich zu einem Bildgeschehen, in dem wir unsere Wirklichkeit sehen.

la-tortura1

Je mehr wir uns diesen Bildern nähern, desto tiefer empfinden wir sie. Dichten und Komponieren lassen uns gar im Bildgeschehen aufgehen und versuchen, intuitiv festzuhalten, was uns wesentlich erscheint.

Künstlerisches Gestalten trachtet danach, die Bilder des Lebens für das Leben zu deuten.

Wer sich nicht künstlerisch seinen Bildern nähert, lebt nicht in ihnen. Jeder Tag bietet jedem besinnliche Augenblicke für ein Gedicht, ein Musikstück oder ein Bild. Wer diese kleinen Geschenke nicht annimmt, lehnt die wesentlichen Momente des Daseins ab. Er nimmt keine erfrischenden Gedanken, keine belebenden Gefühle, keine körperlichen Energien aus diesen schöpferischen Quellen zu sich. Durch diese Selbst-Schwächung schwindet die Lebensfreude. Die innere Wüste wächst.

Sätze dieser Art leuchten unmittelbar ein. Dennoch bewirken sie Kopfschütteln. "Das ist schön gesagt, aber nicht machbar!" Intuitiv ist das Gespür da, aber der Verstand zeigt auch nicht andeutungsweise Auswege.

Die meisten Menschen erdulden auf ihre ganz persönliche Art und Weise die Unzufriedenheit mit ihrem Dasein. Wie es in ihrem Innern aussieht, das geht niemanden etwas an. So werden sie zu Schauspielern mit der Aufgabe, ein schlechtes Drehbuch gut in einer überzeugende Rolle einzustudieren und darzustellen. Darin erweisen sich viele als wahre Künstler.

Philosophie nimmt die vernünftigen Argumente in diesem Drehbuch unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Stichhaltigkeit hin. Kunst macht Selbst-Täuschungen sichtbar und eröffnet dem Verstand die Weite, der Seele die Offenheit und dem Körper die Freiheit zu sein.

Das ist schön angekündigt. Bei dieser Ankündigung bleibt es für alle, die sich nicht darauf einlassen, dass Selbst-Befreiung des Ichs eine Tortur darstellt, vergleichbar mit einer Diät für Übergewichtige oder eine Entziehungskur für Abhängige. Entzugserscheinungen sind unumgänglich. Durchhaltevermögen ist angesagt.

11
Jun
2005

Wiedergeburt

Platon, die Weisen Indiens und Buddha glauben an die Wiedergeburt, an die Wiederkehr der unsterblichen Seele in der sinnlich vernehmbaren Welt. Sokrates und Platon leiten von dieser Annahme ebenso wie die indischen Philosophen das Vermögen der Wiedererinnerung ab. Die Seele vermag sich das zu vergegenwärtigen, was sie schon einmal erlebt hat. Manche vermuten, dass Platon die Vorstellung von der Seelenwanderung aus der indischen Philosophie übernommen hat.

wiedergeburt

Für Gautama Buddha (5. oder 4. Jahrhundert v.u.Z.) gilt wie für Heraklit "Alles fließt". Für Buddha fließt nicht nur alles Seiende in ständiger Veränderung ineinander über, sondern auch die Seelen. So ist der Tod einer Seele nur ein Moment im ständig Fließen des Wiedergebärens. Das Wiedergeborenwerden dient der Loslösung der Seele von Begierden und Leidenschaften. Das aber bedeutet den tagtäglichen Versuch, sich von allem zu lösen, was Leiden schafft. Das an nichts mehr Haften, die vollkommene Gelassenheit macht das Wesen der Weisheit (‘Nirwana’) aus. Das vollkommene Gleichgewicht ist erreicht, wenn nichts mehr stört, auch die Störungen selbst nicht mehr. Das Nirwana ist frei von den Zufälligkeiten der unaufhörlichen Veränderungen des Werdens. Im Nirwana ist die Seele losgelöst von allem, selbst von der Wiedergeburt.

Auf den Alltag gewandt bedeutet die Lehre Buddhas das Wahrnehmen dessen, was einem wichtig erscheint, das Betrachten der Ursachen und Gründe für diese Wichtigkeit, das Beobachten der Leiden, die dadurch entstehen, und das Verstehen des Weges, das so sehr Wichtige in völlig Unwichtiges umzuwandeln. Das letzte Hemd hat ohnehin keine Taschen.

10
Jun
2005

Vom richtigen Umgang mit der Geschichte

Kant vergleicht die Ethik des Konfuzius (551 - 479 v. u. Z.) mit Sokrates. Die Jesuiten machen die Lehre des Meister Kong (lat. Confucius) in Europa bekannt. Konfuzius lehrt wie Sokrates und Buddha das rechte Leben. Konfuzius hält nichts vom Rückzug aus dem täglichen Leben und der politischen Auseinandersetzung. Nur in der beständigen Auseinandersetzung miteinander und der eigenen Geschichte können die Menschen ein besseres Leben erreichen.

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Konfuzius ist der Auffassung, dass in der Geschichte der Menschheit alle Weisheit verborgen ist. Sie zu entbergen beschleunigt das Fortschreiten auf dem eigenen Weg. Er warnt aber davor, überkommene Werte einfach zu übernehmen. Es bedarf immer wieder der Prüfung ihrer Tragfähigkeit für die Gegenwart. Überkommene Werte können durch egoistische Interessen ihrer Lehrer oder durch Machtgehabe verfälscht sein. Das gilt auch für die eigenen Werte und Normen, Gesetze und Regeln, Verbote und Gebote, Ideale und Ziele. Sie müssen durch tägliche Besinnung immer wieder gereinigt werden.

9
Jun
2005

Gigs und Gags

Wird das Daimonion zum Gegenstand der Vernunft, dann erfährt es vielfältige Auslegungen. Das reicht von Engeln bis hin zu inneren Beratern wie der innere Arzt oder der innere Lehrer. Das sind - vor allem im esotherischen Bereich - Versuche, das Phänomen der inneren Stimme für alle bewusst und damit erfahrbar zu machen.

gigs-gags

Das Problematische solcher Versuche liegt in der Besetzung der inneren Stimme mit einer bestimmten Rolle. Wird das Daimonion beispielsweise als innerer Arzt ausgestattet und zum inneren Berater für gesundheitliche Angelegenheiten erklärt, dann werden die Möglichkeiten des Daimonions gefiltert. Der Vorteil solcher Filterung liegt darin, dass das Daimonion leichter zur Spache gelangt. Der ganz entschiedene Nachteil aber ergibt sich aus der Vermischung von intuitiven Mitteilungen mit Argumenten der Vernunft. Dadurch wird die natürliche intuitive Verlautbarung des Daimonion verfälscht und zu einer Art Selbstgespräch gemindert.

Die Mitteilungen der inneren Stimme in Gestalt eines Engels, eines inneren Arztes oder eines inneren Lehrers werden zu Gags der Vernunft, sobald sie sich mit eigenen Erfahrungen färben. Das Daimonion verfälscht sich dann zu Gags und veranstaltet narzißstische Gigs, also spontane verführerische Selbstvergnügungen.

8
Jun
2005

Daimonion

In der Geschichte der Philosophie wird das Phänomen der inneren Stimme zum ersten Mal von Sokrates beschrieben. Sokrates nennt sie ‘daimonion’: Wesen und Wirkung des Göttlichen.

daimonion

Nach Sokrates Auffassung wird jedem Menschen von Geburt an ein göttlicher Schutzgeist mit auf den Weg gegeben, der ihn vor Unheil bewahrt. Erst wenn der Mensch diesen Schutzgeist vernachlässigt und damit den Unwillen der Götter erregt, wird das Dämonische in ihm zur Verblendung und Besessenheit.

Das sokratische Daimonion hat eine Stimme und stellt sich schützend vor die ihm Anvertrauten. Für Sokrates ist das ein klar erkennbares Faktum. Es ist so selbstverständlich anwesend, dass dies nicht erst diskutiert zu werden braucht. Das Daimonion berät zwar, aber es trägt nicht zum Erkennen bei. Das Daimonion ist streng getrennt vom Verstand, es sagt das, was der Verstand nicht erkennen kann. Es ist nicht das sittliche Gewissen. Was Sokrates zu tun hat und was nicht, sagt ihm sein Verstand. Das Daimonion bedeutet die Stimme, die ihn warnt, sobald er gegen seine Intuition handelt.

Der griechische Schriftsteller Plutarch (45-120) hat das sokratische Daimonion ausführlich erörtert. Hinweise auf die Existenz eines Daimonion finden sich auch in den Schriften der römischen Autoren Seneca (4-55 n. Chr.) und Marc Aurel (121-180 n. Chr.). Augustinus deutet das Daimonion als Gewissen und legt die innere Stimme als Stimme Gottes aus. Thomas von Aquin deutet es sogar als Erkenntnisorgan der praktischen Vernunft.

7
Jun
2005

Erleben ist die Zeit des Lebens

Zeit ist Widerspiegelung der Einstellung zum Leben. Wer keine Zeit hat – und dies nicht nur aus Selbstschutz behauptet – hat auch nichts vom Leben. Der Wert des Lebens sinkt mit der Anzahl von Fremdbestimmungen. Je fremdbestimmter ein Mensch lebt, um so weniger lang lebt er auch. Das Erleben ist die Zeit des Lebens. Je weniger erlebt wird, um so schneller fließt die Zeit. Das Altern verzögert sich mit der Anzahl beglückender Erlebnisse.

erleben-ist-die-zeit

Je weniger Besinnung Raum geschenkt wird, um so weniger Zeit steht zur Verfügung.

Einige philosphische Notizen aus der Antike zur Zeit: Die Zeiten sind mit der Welt entstanden. Sie beziehen sich nur auf das Werden, nicht auf das Sein (Platon). Die Zeit ist gleichsam das Maß des Gewordenen (Xenokrates). Und Aristoteles: Zeit ist ohne Veränderung bzw. Bewegung nicht möglich. Wir nehmen die Zeit zugleich mit der Bewegung außer oder in uns wahr. Die Zeitvorstellung ist die Vorstellung des Früher und Später in der Bewegung. So ist denn die Zeit das Maß, die Zahl der Bewegung (Veränderung) nach dem Früher und Später. Mit anderen Worten: die Zeit ist das an der Veränderung Gezählte, nicht das, wodurch wir zählen. Das Unveränderliche ist nicht in der Zeit. Die Stoiker dagegen betrachten die Zeit als etwas Gedankliches. Oder Plotin: Die Zeit ist eine Eigenschaft der Subjektivität der Seele. Die Zeit ist nicht außerhalb der Seele, sondern eine Bestimmtheit des seelischen Lebens selbst. Zeit ist Leben der Seele und als solche ein in der Seele Geschautes.

Augustinus (354 – 430) betont die Subjektivität der Zeit. Die Zeiten des Erfahrens von Veränderungen sind bei den Menschen unterschiedlich. Je mehr erlebt wird, um so schneller scheint die Zeit zu vergehen. Die Tiefe des Erlebens bestimmt in der Rückschau auf das eigene Leben die Zeitdauer. Wer wenig erlebt, für den erscheint das Leben von kurzer Dauer.
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Seit 20 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Prof. Dr. habil Wolfgang F Schmid

Grundsätzliches (www.wolfgang-schmid.de)

 

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Es gelten die Rechtsvorschriften für Webseiten der Universität Flensburg © Texte: Wolfgang F. Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) wfschmid(at)me.com Bilder: Ulrike Schmid (sofern nicht anders ausgewiesen) mail(at)ulrike-schmid.de

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