Unilogo

24
Feb
2007

Vom vernunftbegabten Lebewesen zum Simpel (V)

DER DEPP MIT DER SCHEUKLAPPE

Seine kindliche Spielwelt gestaltet sich das Gehirn aus, indem es sich formend, ordnend, fühlend und selbst erfahrend ausprobiert. Diese Proben auf mehr oder weniger zufällige Exempel zwecks Versuch und Irrtum erfahren mit Beginn der Schule eine jähe Einschränkung. Aus dem aufwendigen Sich-Ausprobieren wird eine didaktisch gesteuerte, gewöhnlich wenig aufwendige Bewährungsprobe.

Um sich ausprobieren zu können, muss das Gehirn spätestens alle drei Sekunden folgende Prozesse parallel aktivieren und deren Inhalte im Kurzzeitgedächtnis vergegenwärtigen können:

1. Wahrnehmen
2. Betrachten
3. Werten
4. Auswählen
5. Beobachten
6. Begreifen
7. Probieren
8. Urteilen

Jeder dieser Vorgänge kann neuronal unterschiedlich organisiert sein. Analog zu den Modi des Denkens existieren acht Möglichkeiten neuronaler Organisation:

1. punktuell
2. linear
3. alternativ
4. tabellarisch
5. algorithmisch
6. zirkulär
7. heuristisch
8. modular

Wird nun das Hirn angeleitet, Vorgänge nur zu imitieren statt durch Versuch und Irrtum Erfahrungen zu sammeln, dann verringert sich der neuronal organisatorische Aufwand um etwa drei Viertel. Möglich wird diese „Vereinfachung“, weil Imitationen lediglich auf Wahrnehmung und Identifikation beruhen. Das reicht dann lediglich für punktuelles, lineares, tabellarisches und zirkuläres Denken aus.

Besteht Unterricht vorwiegend aus der Inszenierung von Imitationen, dann entsteht im Gehirn der Trugschluss, dass es sich bei dieser einfachen neuronalen Organisation um den Regelfall handelt. Kommt dieser Trugschluss - eine Art neuronaler Kurzschluss - zustande, dann entsteht in Analogie zum Tunnelblick die Scheuklappe.

Der Tunnelblick ist eine Folge übermäßigen Fernsehkonsums bei Kindern. Solche Kinder können nicht mehr rückwärts gehen. Grund dafür ist die starke Einschränkung des Wahrnehmungsfeldes, durch die eine Seitenorientierung unmöglich wird. Die Einschränkung des Wahrnehmungsfeldes beruht auf dem „Schluss“, dass alle relevanten Ereignisse nur in der Mitte des Wahrnehmungsfeldes stattfinden, eben dort, wo der Fernseher steht. Vergleichbar dazu entsteht das Phänomen „Scheuklappe“. Das Gehirn geht davon aus, dass keine komplexen neuronalen Aktionen mehr stattfinden. Im Umkehrschluss wird nicht mehr komplex neuronal aktiviert.

Dieser Situation entsprechend wird die streng lineare unterrichtliche Organisation gelehrt, gewöhnlich in Form einer Tabelle, wobei in der Regel vier Zeilen für die so genannten Phasen des Unterrichts stehen und die einzelnen Spalten für Zeit, Lehrschritt, Lernschritt, Medieneinsatz usf. Diese unterrichtliche Organisation bezieht sich zwar vorwiegend auf den lehrerorientierten Unterricht, aber da Anfänger ausgerechnet in dieses triviale Planungsverfahren eingewiesen und darin geschult werden, bleiben sie dann später als Lehrer auch dabei. Schließlich braucht dann auch nichts mehr geplant zu werden, wenn die einzelnen Phasen nicht mehr bedeuten als Anfangen, Durchführen, Wiederholen, Beenden.

Seit einiger Zeit gibt es eine verkappte Version lehrerorientierten Unterrichts, das sogenannte Lernen an Stationen oder der didaktische Mini-Markt. An Tischen können sich Lernende auswählen, was sie sich gerade einprägen wollen.

Die Vereinfachung der Vermittlung durch Formalisierung und Standardisierung beschleunigt zwar den Absatz von Information, aber verlangsamt das Erzeugen von Information, ein verhängnisvoller Vorgang, wenn man bedenkt, dass Information den eigentlichen Rohstoff einer Informationsgesellschaft darstellt.

Was geschieht nun eigentlich durch den Scheuklappeneffekt?

Das Gehirn repräsentiert ein selbstorganisierendes System. Die Fähigkeit zur Selbstorganisation setzt jedoch voraus, dass im Bewusstsein mehr geschieht als bloßes Identifizieren. Nur beim hoch aktivenGehirn geschieht das Zusammenspiel der Teile als Ganzes. Nur das spielende, schöpferische Gehirn wird der natürlichen neuronalen Situation gerecht: Jedes Ganze und dessen Teile zeichnen sich sowohl durch individuelle Strukturen als auch durch autonome Systeme aus.

Die jeweiligen neuronalen Strukturen der Menschen sind aufgrund vorgegebener Möglichkeiten individuell begrenzt. Da neuronale Strukturen vorwiegend im ersten Lebensjahr definiert und vom zweiten bis zum dritten Lebensjahr geprägt werden, entstehen relativ stabile (wenig veränderbare) autonome Systeme. Das bedeutet, dass gut ausgebildete neuronale Strukturen weniger anfällig sind für den Scheuklappeneffekt.

Wesentliche Veränderungen des Verhaltens sind nach der Grundprägung nicht mehr möglich, es sei denn durch Wesensänderung des Systems aufgrund von Krankheit, Unfall oder traumatischer Ereignisse. Aber wesentliche Veränderungen eines definierten Systems bedeuten in der Regel auch wesentliche Einschränkungen, Verluste also.

Der bedingungslose (absolute) Anfang des neuronalen Systems entsteht wie alle natürlichen Systeme durch Zufall. Vor dem individuellen „absoluten“ Anfang existieren keine vererbten Anlagen, die diesen hervorbringen könnten. Vergleichbare Verhaltensweisen zwischen Eltern und Kindern beruhen vielmehr auf Grundprägungen, die durch Nachahmung entstanden sind.

Vor dem absoluten Anfang existiert zwar der Zufall, aber dieser Zufall ereignet sich wiederum relativ zur Natur im Ganzen. Mit anderen Worten: vor jeglicher Geburt existiert eine Einheit von Information und Energie, die durch die Geburt materiell individuell zum Vorschein gelangt. Das gilt für alles Geschehen schlechthin.

Wenn also von Zufall die Rede ist, dann ist dies nur aus der Sicht des Systems zu verantworten, in dem wir uns gerade befinden. Was in unserer Welt als Zufall erscheint, kann in einer anderen Welt durchaus gesetzmäßig geschehen. Zufälle als solche sind folglich Repräsentanten parallel existierender Systeme.

Zufall, das ist ein Prozess. Mögliche gedankliche Möglichkeiten fallen einander zu. Durch dieses Zufallen entstehen mögliche neuronale Verbindungen. Indem eine dieser möglichen neuronalen Verbindungen zu den Grenzen zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit gelangt, versprachlicht sie sich und wird zu einem Gedanken. Durch solche Gedanken entstehen erste Gedankengänge.

Noch einmal: Was einem System als Zufall erscheint, das ist für ein anderes System ein definierter Fall. Wer etwas mit Zufall erklärt, befindet sich zwar an einer systemischen Schnittstelle, aber eben ohne Kontakt zu den Systemen selbst. Das erklärt, warum religiöse Menschen an Möglichkeiten der Begegnung mit dem Göttlichen glauben und diese Begegnung zum Beispiel durch das Gebet herbeizuführen versuchen. Schnittstellen dieser Art existieren allerdings auch innerhalb eines Systems, wenn dieses sich von Grund auf radikal verändert. Eine historisch gewichtige Schnittstelle ist zum Beispiel der Übergang des Mythos zum Logos vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden.

Andere wiederum meinen, dass sie als Individuum von Anfang an gleichsam als individuelles neuronales Muster in ihren Möglichkeiten, vernünftig zu handeln, festgelegt sind. Wegen der vorgegebenen Möglichkeiten des Da-Seins sprechen sie von Geschick oder Schicksal. Dieses Bewusstsein wird dann möglicherweise auch noch religiös begründet durch Bilder wie Geschöpfe oder Kinder Gottes. So werden dann im Alltag Ereignisse nicht selten als der Wille Gottes ausgelegt. Problematisch wird diese Auslegung dann, wenn angesichts nicht genutzter Möglichkeiten Schuldgefühle entstehen. Die Medizin unterstützt gegenwärtig den Glauben, dass alles irgendwie vorherbestimmt zu sein scheint. Denn: die Medizin zeigt sich zunehmend mehr in der Lage, körperliche Entwicklungen genau vorherzusagen bzw. den Verlauf des Alterns eines Menschen zu antizipieren. Hierbei kommt es dann sogar innerhalb der Naturwissenschaften zu einander diametral entgegengesetzten Ergebnissen. So ist nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO alt, wer das 65. Lebensjahr vollendet hat. Nach der Definition der Hirnforschung dagegen gilt als alt, wer keine neue Information mehr erzeugt. Das neuronale Alter ist nahezu unabhängig vom biologischen Alter. Allerdings unterscheidet sich das neuronale Altern wesentlich vom biologischen Altern. Während das körperliche Altern durch fortwährenden Zerfall gekennzeichnet ist, vollzieht sich das Altern des gepflegten Gehirns als zunehmende Stabilität neuronaler Vernetzung.

23
Feb
2007

Vom vernunftbegabten Lebewesen zum Simpel (IV)

An die Stelle der Wahrheit tritt das Recht.

Durch diesen Paradigmenwechsel verändert der Mensch die Gestaltung seines Daseins grundsätzlich. Er orientiert sich nicht mehr philosophierend, sondern paragrafierend. Die Frage nach dem Wesen wird zur Frage der Rechtsauffassung. Die Juristen treten an die Stelle der Philosophen.

Diese Wandlung geschieht als "Umwertung aller Werte". Nicht der Mensch ist das Maß aller Dinge, sondern alle Menschen messen sich an den Dingen, die sie sich leisten können oder eben auch nicht. Werte gehen immer mehr in gesetzlich kontrollierbaren Normen auf, Regeln werden mehr und mehr durch Gesetze definiert und Verstöße lassen sich so leichter und schneller sanktionieren. Im Alltag helfen Verordnungen, Verhalten zu vereinheitlichen. Veränderungen werden durch Erlasse kundgetan. In einer durch und durch geregelten Gesellschaft lässt sich 'Freiheit' leicht inszenieren, ohne dass jemand bemerkt, dass sie fehlt. Innerhalb vorgegebener Ordnungen darf ja jeder tun und lassen, was er will.

In einer durchgeregelten Gesellschaft wird der Fortschritt vom Markt bestimmt. Bildung haben bedeutet gute Produkt- und Absatz-Ideen haben. Und erfolgreich erzogen ist, wer erfolgreich, also vereinfacht genug kommuniziert und angemessen konsumiert.

Von den Gleichmachereien durchgeregelter Gesellschaften sind alle Schulen betroffen. Eine standardisierte Gesellschaft kann sich Schulen ohne vereinbarte Standards nicht leisten. Also werden auch alle Bildungseinrichtungen durch und durch standardisiert, um sie schnell vergleichen und reglementieren zu können. Auf diese Weise lassen sich besondere Leistungen als nachwachsende produktive Ressourcen einfach erkennen und dem Produktionskreislauf zuführen.

Trotz des Verlustes der Selbständigkeit fühlen sich gläserne Bürger einer digitalisierten Demokratie sehr behaglich. Alles mundgerecht Aufbereitete ist sehr leicht verdaulich. Die Probleme der anderen werden geschickt ausgeblendet und gönnerhaft an zahlreiche Hilfsorganisationen delegiert. Ab und zu ist man mit einer Spende oder bei einem Benefizkonzert dabei. Gleichzeitig wird das Service-Angebot verbessert und ständig erweitert. Selbst hartgesottene Service-Muffel wie gewisse Beamte erstrahlen lächelnd in geschulter Freundlichkeit. Als müsse es auch Schutzzonen geben, wird dagegen an vielen Schulen noch immer der rauhe Ton nach Art „Apokalypse now“ gepflegt.

Würden nun besagte vernünftige Beobachter verschiedene Epochen vergleichen, dann würden sie feststellen, dass unsere Zeit keineswegs die schlechteste aller Geschichten der Geschichte inszeniert. Es sind zu allen Zeiten die wissenschaftlichen, künstlerischen, politischen oder sozialen Stars unter den Menschen, die andere über ihr tagtägliches Einerlei hinwegtrösten und manches Mal auch ein klein wenig hinweghelfen. Für manche werden sie zu Vorbildern, die zeigen, dass es auch andere Linien des Lebens gibt als den Durchschnitt. Bei genauerer Betrachtung halten nur wenige die Welt in Atem und am Leben. Es sind die gegen Überkommenes besonders resistenten Menschen.

Dass aber diese noch so wirksamen Menschen nicht ausreichen, beweist die gedankenlos fortschreitende Zerstörung unseres Planeten. Es müssen sehr viele Menschen erreicht werden, um das Verschwinden der Natur aufhalten zu können. Das bedeutet eine globale Veränderung der Haltung, was das Nutzen natürlicher Ressourcen angeht. In der Regel streben Menschen vor allem nach Glück, und sie versuchen alles abzuwehren, was sie daran hindert. Tatsächlich aber ändert nicht das unser Verhalten, was uns glücklich macht, sondern das, was uns unmittelbar bedroht. Solange es uns einigermaßen gut geht, sehen wir keinen Grund uns zu ändern. Vom größeren Glück träumen wir eher als dass wir es tatkräftig zu erreichen versuchen.

Nun würden vernünftige Wesen unseren Überlegungen entgegenhalten, dass wir diese genau dort anstellen, wo in der Regel schon längst alles zu spät ist. Diese Wesen würden uns vorwerfen, dass wir im Sommer diskutieren, was wir im Frühling hätten säen sollen. Das nämlich, was wir beschreiben, bezieht sich auf längst durch Erziehung maßgeblich beeinflusstes Leben, folglich auf neuronale Lebenspläne, die letztlich festgeschrieben sind. Vollkommen anders verhält es sich aber in einem Lebensalter, das noch mehr offene als angepasste neuronale Strukturen aufweist. Es ist das Alter, in dem unsere Kinder die Grundschule besuchen. Vor allem im ersten Grundschuljahr wirkt die kindliche Spielwelt noch sehr stark ein auf die sich beginnende Ausprägung fester Denkstrukturen. Und genau innerhalb dieses Entwicklungszeitraumes werden entscheidende Fehler gemacht.

22
Feb
2007

Vom vernunftbegabten Lebewesen zum Simpel (III)

Die Leichtfertigkeit des Seins

Würden vernünftige Wesen das Treiben der Erdbewohner betrachten, dann kämen sie zu dem Schluss, dass es sich um recht fröhliche, weil unbekümmerte Leute handelt. Zu ihrem großen Erstaunen würden sie feststellen, wie die natürlichen Ressourcen der Erde verschleudert werden. Riesige Urwälder werden aus Profitgier abgeholzt, die Veränderung des Klimas lässt die Gletscher schmelzen, unzählig viele Pflanzen- und Tierarten verschwinden, weil ihnen die Lebensräume gestohlen werden. Die Erdbewohner setzen alles daran, ihren eigenen Lebensraum zu zerstören. Wo es Kriege nicht schaffen, dort hilft der Fortschritt nach.

Würden sich vernünftige Wesen aufmachen, um die Ursachen solcher Zerstörungswut ausfindig zu machen, so würden sie sehr schnell entdecken, dass die Erdbewohner über Einrichtungen verfügen, in denen sie ihren Nachwuchs darin schulen, sich die Erde auf habgierigste Weise untertan zu machen. Die Erziehung zu solcher Ausbeutermentalität wird dabei nicht einmal bewusst, sondern ist die Folge ebenso gut gemeinter wie dummerhaftiger Verhaltensregeln.

Diese Gedankenlosigkeit hat eine sehr lange Tradition. Über ihre Ursprünge lässt sich trefflich streiten. Die einen betrachten den Verlust religiösen Empfindens als den Anfang vom Ende, die anderen sehen in der Preisgabe philosophischen Denkens den Aufbruch in eine zunehmend gedankenlosere Welt. Und wiederum andere sehen gerade in Religion und Philosophie die Wurzeln allen Übels.

Vernünftige Wesen würden hoch wahrscheinlich weder Theologen noch Philosophen anerkennen. Diese Wesen würden uns jedoch zugestehen, dass es immer sehr viel einfacher ist, die Verantwortung an ferne Ideologien zu delegieren, weil sich dann niemand um das Nächstliegende zu kümmern braucht.

Aber andererseits ist das, was wir gegenwärtig erleben, entscheidend durch den Verlust der Leidenschaften des Religiösen und des Denkens geprägt. So ist an die Stelle der philosophischen Frage nach dem Wesen die Frage nach dem Recht getreten. Die Frage lautet nicht mehr "Was ist wahr?" sondern "Wer hat Recht?"

21
Feb
2007

Vom vernunftbegabten Lebewesen zum Simpel (II)

Bärendienst

Es war einmal ein armer Holzfäller, der in einer kleinen Hütte tief im Wald lebte. Eines Tages fand er ein kleines, schwer verletztes Bärenjunges. Der Holzfäller nahm es mit in seine Hütte und zog es auf.

Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Der längst erwachsene Bär ist geblieben und bewacht seitdem die kleine Hütte oder den Holzfäller, wenn er unterwegs ist.
Im Augenblick sitzt der Holzfäller auf der kleinen Bank vor der Hütte und hält Mittagsschlaf. Da setzt sich eine freche Fliege zum wiederholten Male mitten auf seine Nasenspitze. Der Bär holt mit seiner großen Pranke aus und schlägt mit aller Kraft zu. Die Fliege ist tot, der Holzfäller auch.

Diese Geschichte ist gemeint, wenn von Bärendienst die Rede ist. Auch das Wort Pädagogik erzählt eine analoge Geschichte. Pädagogen, das waren ursprünglich Sklaven, welche die Kinder der reichen Athener zum Unterricht führten. Das griechische Wort „Pädagoge“ bedeutet deutsch „Kinderbegleiter“. Später begleiteten Pädagogen Kinder nicht nur zum Unterricht, sondern durften diese selbst im Auftrag unterrichten. Pädagogen sind heutzutage immer noch Leute, die Auftragsunterricht erteilen, nur dass sie das längst im Staatsdienst tun. Pädagogen sind Lehrer und Erzieher zugleich, denn der eine Prozess ist ohne den anderen nicht zu bewältigen.

Der Staatsdienst hat nun mit dem Bärendienst gemeinsam, dass er das Gegenteil von dem erreicht, was er bezweckt. So schickt er Pädagogen in überfüllte Klassen und fordert von ihnen, dass sie Kinder und Jugendliche individuell unterrichten und erziehen. Die Vermassung von Unterricht führt eher zur geistigen Sterbehilfe als zur Lebenshilfe. Psychisch bzw. geistig tot, das bedeutet, dass das Gehirn außerhalb von Identifikationen keine neuronalen Verbindungen mehr schafft. Die neuronale Reduktion des Gehirns darf nicht isoliert von den gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet werden. Wir wollen diese Betrachtung mit hinreichendem Abstand einmal unter dem Aspekt eines Besuchers unserer Erde durchführen.

20
Feb
2007

Vom vernunftbegabten Lebewesen zum Simpel (I)

Hinführung

Unsere Erziehung ist naturfeindlich. Wir werden nicht unserer Natur gemäß, also unseren Begabungen entsprechend erzogen, sondern nach den Vorstellungen der Erziehenden.
Erziehung bedeutet Selbst-Befreiung. Aber Pädagogik karikiert diese Bedeutung, indem sie uns dieses Selbst nimmt und uns nach Vorlage gesellschaftsoptimiert formatiert. Erziehung wird so zum BÄRENDIENST.

Von außen betrachtet sieht sich das zunächst wie eine Art Leichtigkeit des Seins an. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich das aber sehr rasch als DIE LEICHTFERTIGKEIT DES SEINS.

Leichten Sinns wandelt sich die Philosophie des Abendlandes zur bloßen Philosophiegeschichte. Durch diesen Wandel wird die Frage nach der Wahrheit in die Frage nach der Richtigkeit verkehrt. Die Fragen der Philosophie wandeln sich in Rechtsfragen. AN DIE STELLE DER WAHRHEIT TRITT DAS RECHT. Die Umwertung aller Werte nimmt ihren Anfang.

Wenn dem Gehirn durch Erziehung lediglich Richtlinien vermittelt werden, kann es sich nicht mehr ausprobieren. Wer sich nur nach Werten und Normen richtet und Gebote und Verbote unkritisch befolgt, wird nichts mehr in Frage stellen, geschweige denn verändern. Wer nichts ausprobiert, wird aber auch niemals Neues entdecken. Erziehung faltet die neuronalen Netze des Gehirns zu einfachen Mustern zusammen. Aus der Erziehung als Fördern durch Fordern wird Erziehung zum Simpel. Aus dem mündigen Bürger wird DER DEPP MIT DER SCHEUKLAPPE.

Da Scheuklappen die Seitenorientierung nehmen, laufen alle stur geradeaus, ohne sich sonderlich um die Belange der anderen Menschen zu kümmern. Vorgeschriebene Standards ersparen 'unnötige' Überlegungen: VORSCHRIFT STATT TUGEND.

Denken ist ein anderer Name für das Spielen des Gehirns. Scheuklappen machen solches Spiel unmöglich. DAS DENKEN VERLIERT (SICH).

Die Geschichte lehrt, dass sich das Denken während eines Paradigmenwechsels von Grund auf neu gestalten und ordnen muss. Wir befinden uns inmitten eines solchen Paradigmenwechsels. DAS DENKEN STREBT IN SEINEN ANFANG ZURÜCK.

19
Feb
2007

Wörter als Initiatoren

woerter-als-initiatoren

Aus Nichts entstehen zufällig mögliche Möglichkeiten. Mögliche Möglichkeiten werden zufällig zu wirklichen Möglichkeiten. Wirkliche Möglichkeiten werden zu Wirklichkeiten.

Welten entstehen jeweils aus dem Spiel des Zufalls mit sich selbst. Wir wissen nicht, wie viele Zufälle in welcher Zeit welche Welten entstehen lassen. So wissen wir auch nicht, ob unsere Welt die einzige ist, die durch Zufall entstanden ist. Was wir als wirklich erfahren, das ergibt sich zufällig aus dem, was ursprünglich einmal möglich wirklich war.

Die Überführung von Gedanken in Worte verkürzt die Momente des Denkens. Gewöhnlich dienen Worte auch nur der Orientierung. Die 'Umgangssprache' bezeichnet sinnlich Vernehmbares und verhilft so zur Verständigung auf der Grundlage der Wiedererkennung (Identifikation). Jeder versteht den Satz "Ich kaufe auf dem Wochenmarkt ein.". Aber dieses Verständnis hat noch nichts mit Denken zu tun.

Das Problem: Gedanken sind vollendet, sobald sie versprachlicht sind. Worte kommen immer schon zu spät. Worte geben nichts wieder, sondern initiieren etwas. Worte dienen weniger der Verständigung als vielmehr der Orientierung.
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18
Feb
2007

Geistiges Wahrnehmen

geistiges-wahrnehmen

Aus Nichts entstehen zufällig mögliche Möglichkeiten. Mögliche Möglichkeiten werden zufällig zu wirklichen Möglichkeiten. Wirkliche Möglichkeiten werden zu Wirklichkeiten.

Diese Folge lässt sich nicht sinnlich, sondern allein geistig wahrnehmen. 'Denken' ist ein anderes Wort für 'geistig(es) Wahrnehmen'. In der Geschichte der Menschheit wurden vor allem drei Arten und Weisen zu denken entdeckt: das mythische bzw. religiöse, das philosophische und das mathematische bzw. das naturwissenschaftliche Denken. Die einzelnen Arten und Weisen des Denkens sind im Verlauf der Geschichte auseinander hervorgegangen.

In der Geschichte wird daneben auch zwischen physischen und metaphysischen Arten und Weisen zu denken unterschieden. Metaphysik bedeutet 'jenseits' des physikalisch Erfassbaren. Philosophie und Mathematik zählen demnach zur Metapysik. Physik erscheint vor allem im Elementarteilchenbreich nicht selten gleichsam angewandte Metaphysik.
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17
Feb
2007

Höchst befremdlich

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Wirklichkeiten, die wir sinnlich, seelisch und vernünftig für uns zurechtlegen, vermögen wir leicht phantasievoll zu gestalten. Die 'Eigenheime' unserer Phantasien und Träume verschönern zwar vielleicht unser Erleben, aber sie befinden sich in einer neuronalen Gegend bzw. Hirnregion, in der kein Leben mehr stattfindet.

Das Leben, welches weder von Phantasien noch Träumen gestaltet wird, sondern so erscheint wie es von Natur aus 'gedacht' ist, entzieht sich unseren Sinnen. Die wahre Natur können wir allein mit dem Auge des Geistes wahrnehmen. Damit sich uns die Natur als solche zu eröffnen vermag, müssen wir sie also denken.

Merkwürdigerweise gilt es im Westen immer noch als etwas höchst Befremdliches, das Denken als eine Art und Weise des Sehens anzuerkennen.
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16
Feb
2007

Die Schönheit der Gedankenlosigkeit

gedankenlosigkeit

Wirklichkeiten erfahren wir unterschiedlich. Alle haben ihre eigenen Bilder. Jeder erlebt seine individuell zurecht gemachte Wirklichkeit.

Wir gestalten Wirklichkeit sinnlich wahrnehmend, seelisch empfindend und vernünftig auslegend für uns so, dass wir uns in uns zu Hause fühlen. Jeder wohnt in seinem eigenen verschlossenen Haus. Allein die Türen zu jenen Räumen, welche eigens für Besucher hergerichtet sind, sind nicht verschlossen oder stehen sogar offen.

Nicht wenige haben keine Geheimnisse vor anderen. Alle dürfen alle Räume sehen. Diese offenen Räume werden sogar sehr stolz vorgezeigt. Voller Bewunderung werden die mit größter Sorgfalt peinlich sauber gereinigten Räume betrachtet. Voller Staunen lässt sich nirgendwo auch nicht die geringte Andeutung von schöpferischem Chaos entdecken.
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15
Feb
2007

Pointe

neuronale-pointe

Hochwahrscheinlich existiert für jedes Gehirn so etwas wie eine "neuronale Pointe". Aber weder die Existenz dieser Pointe noch deren Aktivität wird bewusst erfahren. Dieser Mangel beruht schlichtweg auf Unkenntnis über die Entwicklung des Gehirns.

Manche Naturvölker haben jedoch ein Gespür für diesen neuronalen Höhepunkt des Lebens. Die Menschen ziehen sich dann zurück, um zu sterben, weil sie das als Übergang in ein anderes Leben erleben.
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14
Feb
2007

Licht und Schatten

altern

Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO gilt als alt, wer das 65. Lebensjahr vollendet hat. Nach der Definition der Hirnforschung gilt als alt, wer keine neue Information mehr erzeugt. Das neuronale Alter ist nahezu unabhängig vom biologischen Alter. Allerdings unterscheidet sich das neuronale Altern wesentlich vom biologischen Altern. Während das körperliche Altern durch fortwährenden Zerfall gekennzeichnet ist, vollzieht sich das Altern des gepflegten Gehirns als zunehmende Stabilität neuronaler Vernetzung.

Die Vorteile optimaler neuronaler Stabilität werden traditionell als die vier Kardinaltugenden bezeichnet:

Weisheit (lat. sapientia) [trennscharfe Vernetzung]
Gerechtigkeit (lat. iustitia) [angemessene Vernetzung]
Tapferkeit (lat. fortitudo) [alternative Vernetzung]
Mäßigung (lat. temperantia) [ökonomische Vernetzung]
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13
Feb
2007

Begrenztheiten

grenzverschiebungen

Jedes Ganze und dessen Teile zeichnen sich sowohl durch individuelle Strukturen als auch durch autonome Systeme aus.

Die jeweiligen neuronalen Strukturen der Menschen sind aufgrund vorgegebener Möglichkeiten individuell begrenzt. Da neuronale Strukturen vorwiegend im ersten Lebensjahr definiert und vom zweiten bis zum dritten Lebensjahr geprägt werden, entstehen relativ stabile (wenig veränderbare) autonome Systeme.

Wesentliche Veränderungen des Verhaltens sind nicht mehr möglich, es sei denn durch Wesensänderung des Systems aufgrund von Krankheit, Unfall oder traumatischer Ereignisse. Aber wesentliche Veränderungen eines definierten Systems bedeuten in der Regel auch wesentliche Einschränkungen, Verlust also.

Erziehung kann infolgedessen nur bedeuten, Menschen zu helfen, möglichst viele Möglichkeiten ihres Wesens zu nutzen. Wegen der vorgegebenen Möglichkeiten des Da-Seins liegt der Gedanke nahe, vom Geschick oder Schicksal zu sprechen. Zudem ist die Medizin zunehmend mehr in der Lage, körperliche Entwicklungen genauer zu prognostizieren und das Altern eines Menschen zu antizipieren.

Innerhalb dieser vorgegebenen Formen können sich Menschen ihr Dasein als jeweiliges Sosein gestalten.

Solche Besonderheiten wurden schon immer durch das Bewusstsein begleitet, etwas ganz Besonderes zu sein. Dieses Bewusstsein wurde dann religiös begründet durch Bilder wie Geschöpfe oder Kinder Gottes. So wird im Alltag nicht selten das Wissen um die eigene Möglichkeiten als der Wille Gottes ausgelegt. Problematisch wird diese Auslegung dann, wenn angesichts nicht genutzter Möglichkeiten Schuldgefühle entstehen.
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12
Feb
2007

Zufälle sind Schnittpunkte

zufaelle-sind-schnittstellen

Was einem System als Zufall erscheint, das ist für ein anderes System ein definierter Fall. Wer etwas mit Zufall erklärt, befindet sich zwar an einer systemischen Schnittstelle, aber ohne Kontakt.

Eine historisch gewichtige Schnittstelle ist der Übergang des Mythos zum Logos vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden.
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11
Feb
2007

Intuition ist ein Spiel des Zufalls

spiel-des-zufalls

Mögliche gedankliche Möglichkeiten fallen einander zu. Durch dieses Zufallen entstehen mögliche Gedanken. Indem einer dieser möglichen Gedanken zu den Grenzen zwischen Unbewusstsein und Bewusstsein gelangt, versprachlicht er sich und wird zum wirklichen Gedanken. Durch diesen sprachlich verwirklichten Gedanken entsteht ein neuer Gedankengang.
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Seit 20 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Prof. Dr. habil Wolfgang F Schmid

Grundsätzliches (www.wolfgang-schmid.de)

 

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