Unilogo

25
Okt
2011

Das Haus des Verstandes

 
Als die Vernunft sich in Raum und Zeit vorfindet, er­kennt sie den Verstand als alles ordnende Kraft.

Doxa spürt die Unsicherheit der Vernunft und er­klärt ihr, dass dieses Museum die Annahmen des Verstandes ausstellen, um zu zeigen, dass diese Annahmen von Wirklichkeit auf Glaubenssätzen beruhen. Die Arbeit des Verstandes besteht darin, uns ein existenzfähiges Haus zu schaffen. Und die Arbeit der Vernunft ist es, uns in diesem Haus einzurichten. Es ist nichts Anderes als der schöne Schein, den alle brau­­chen, um sich wohl zu fühlen. Mehr als diese grundlegende Erkenntnis gibt es hier nicht zu sehen, denn dieses Museum hat nur so viele Räume wie Du brauchst, um dich zu finden.

Und plötzlich findet sich die Vernunft vor dem Ortseingang von Psema wieder, dem Ort der verlorenen Sätze. Und jenen Satz, welchen sie gefunden hat, ist der, dass alles, das als wirklich gilt, vom Verstand gesetzt ist.

Die Vernunft möchte nun wieder zur Definition zurückkehren und sendet ihr deshalb eine Nachricht.

Die Definition vergegenwärtigt sich in der Vorstellung der Vernunft und erkundigt sich neugierig da­nach, wie ihr die Begegnung mit Doxa bekommen ist. Die Vernunft erzählt der Definition alles ausführlich. Die Definition stellt dabei erstaunt fest, dass die Vernunft selbstsicherer geworden ist und vor all­em lo­ckerer. Sie scheint nicht mehr alles so ernst zu nehmen.

Die Definition schlägt vor, nun wieder ins Sein zurückzukehren, um den Weg mit dem Verstand gemeinsam fortzusetzen. Aber die Vernunft hat Bedenken.
 

24
Okt
2011

Der Anfang des Endes

 
Die Vernunft erkundigt sich bei Doxa nach der Anzahl der Räume dieses Museums. Doxa sagt, dass die niemand zählen kann. Es existieren nämlich so viele Räume, wie die Kreativität der Besucher schafft.

Die Vernunft wiederholt vorsichtshalber: “Also mei­ne Vorstellungskraft bestimmt, in welchen Raum ich als nächsten gelange?” Doxa nickt. Weil die Vernunft gern die Heimat des Verstandes kennenlernen möch­­­­te, gelangt sie in den Raum von den Bedingungen der Möglichkeiten. Allerdings ist sie garnicht darauf gefasst, in diesem Raum überhaupt keine Orientierung mehr zu haben. Das ist wohl auch der Grund, warum sich Episteme und Piste noch nicht hier befin­­den. “Ich emfinde es hier unangenehm!”, stellt die Vernunft Doxa gegenüber fest. “Okay, dann lass uns in den nächsten Raum gelangen!”, schlägt Doxa vor.

Die Vernunft macht sich klar, dass sie durch die Dunkelheit erst erfährt, was Licht bedeutet. Und durch diese Vorstellung gelangt sie in den Raum des Lichts, in dem sie auch Episteme wieder trifft. Diese spiegelt sich gerade in der Polarität der Gegensätze, mit denen alle Lebewesen ständig konfrontiert werden. Jedoch neigen alle Wesen dazu, nur eine Seite wahrzunehmen. Doxa beklagt sich darüber, dass jene, welche im Licht stehen, viel zu wenig die wahrnehmen, die im Schatten stehen. Episteme bemerkt dazu: “Licht und Schatten beginnen in uns. Das, was wir an uns mögen, stellen wir ins Licht und das, was wir nicht an uns mögen, weisen wir von uns weg, stellen es in den Schatten.” Und dann fährt sie fort: “Mit Ablehnen ist es aber nicht getan, denn das Abgelehnte bleibt bestehen. Genau diesem Schatten, dem wir an uns nicht gewahr sind, begegnen wir ständig in unserem Erleben in der "Außen"-Welt. Es sind die Aspekte, die wir vehement ablehnen und bekämpfen.”

“Was im Innen nicht angenommen wird, kommt über das Außen wieder zu uns!” ergänzt Doxa. Die Vernunft indessen überlegt, was ihre Begleiterinnen in diesem Raum so gesprächig macht. Weckt der Raum des Lichts in ihnen die Furcht vor der Schattenwelt? Diese sorgenvolle Frage hindert die Vernunft daran, sich das Gegenteil vorzustellen, um weiterzukommen. Episteme flüstert der Vernunft zu, dass sie doch einen anderen Gegensatz wählen soll. Also stellt sich die Vernunft “Kein Licht!” vor.
Zur Überraschung aller finden sie sich plötzlich im Raum der Unwissenheit vor.
 

23
Okt
2011

Zwischen Mythos und Logos

 
Unterwegs erzählt Doxa der Vernunft, dass sie genau zwischen Logos und Mythos geboren wurde und lachend stellen beide fest, dass sie eigentlich gleich alt sein müssen. Allerdings haben sie keine Erinnerungen, weder an ihre Kindheit noch an ihre Jugendzeit. Vor dem Haupteingang zum Museum trifft Doxa zwei ihrer Freundinnen, die Zwilingsschwestern Episteme[1] und Piste. Die beiden begrüßen die Vernunft wie eine alte Bekannte. Zu viert betreten sie das Museum, in dem sie zu dieser Zeit kaum Besucher antreffen, obwohl der Eintritt frei ist.

Sie betreten den bedeutungslosen oder absoluten Anfang des Systems durch Zufall. Es ist eine Art Vorhalle, in der sich keine Werke befinden. Piste ist Theosophin und erklärt ihren Begleiterinnen, dass in diesem ersten aller Zeiträume noch das Nichts herrscht und aus dessen Sein erst Zeit und Raum werden. Dieser Ursprung allen Werdens wird auch Schöpfung genannt. Sie weist darauf hin, dass diese Ausstellung nicht den mythischen Schöpfungs-geschichten verschiedener Religionen folgt, sondern der Intuition Jedermanns, der offen ist, die Gegenwart seines Gottes zu erfahren.

Die Vernunft sieht sich vergeblich nach dem Zugang zum nächsten Raum um. Piste bermerkt das und er­klärt “Jedes System ist Teil eines anderen Systems!” Wir merken das nicht, aber sobald wir reflektieren, dass alles Teil von allem ist, öffnet sich der Raum bzw. das System.

Diese Worte empfindet die Vernunft sympathisch, da für sie alles ohnehin nur als Gestalt einer gedachten Form erscheint.
Sie und Piste verlassen als erste den Vor-Raum der Vor-Zeit. Nach einiger Zeit folgt Doxa, die sich noch bemühte, Episteme behilflich zu sein.

Doxa fragt Piste, wo Episteme bleibt. Piste verweist auf deren übliche Schwierigkeiten, sich in der Welt des Glaubens fortzuwegen. Sie hegt aber keinerlei Zweifel daran, dass Episteme es schafft.

Schließlich gelangt auch sie in den erweiterten Raum. Die Vernunft erkundigt sich nach dem Grund für Episteme’s Verzögerung. “Ich musste erst alle wissenschaftlichen Prinzipien loslassen, um mich wieder bewegen zu können!”, sagt sie. Auf Nachfragen der Vernunft meint sie, dass Glauben und Wissen sich eben ausschließen. Dann fügt sie noch hinzu, dass wohl auch der Besuch in diesem Museum eine Hilfe darstellt, um sie zu verstehen. Es existieren nämlich systemübergreifende Sätze, nämlich Axiome, denen alle zustimmen, Wissende wie Glaubende.

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[1] ἐπιστήμη, episteme – Wissen, Wissenschaft, „wahre“ Erkenntnis und pisth, piste - „Glaube“
 

22
Okt
2011

Selbst-Betrug

 
Aus Rücksicht auf die Furcht der Definition vor Doxa hat sich die Vernunft allein auf den Weg gemacht. Sie folgt einer Wegbeschreibung, die sie erworben hat, bevor sie die Grenze zwischen den neuronalen Gebie­ten des Wissens und Nicht-Wissens überschritt. Seit ihrem Grenzübertritt muss sie sich schwebend fortbewegen, da es hier nirgendwo befestigte Wege oder festen Grund gibt. Sie wird von dem Wunsch getragen, endlich die andere Seite des Verstandes kennenzulernen, wohl ahnend, dass das mehr mit ihr zu tun haben könnte als sie sich einzugestehen traut.

Während sich die Vernunft vorsichtig durch die enge Spalte zwischen Sein und Nicht-Sein bewegt, muss sie einige Überfälle von Stimmungskillern überstehen. Die Vernunft benutzt ihre positiv geladene Einstellung und wehrt damit die Angreifer erfolgreich ab.

Am Ende des Spalts erblickt die Vernunft den Widerschein schwarzen Lichts. Das müsste die Gegend sein, in der Doxa wohnt, mutmaßt sie. Die Vernunft beschließt, noch vorsichtiger vorzugehen. Ihre Emotion verfügt noch über hinreichend Energie, um durchzuhalten. Nach einiger Zeit erreicht sie einen Ort namens Pse­ma[1]. Kurz hinter dem Ortseingang entdeckt sie eine Reha-Klinik, in der verlorene Sätze therapiert werden. Die Vernunft beobachtet, wie ein Satz dadurch ensteht, dass die Schwingung eines Impulses ein Neuron akti­viert, wobei der Impuls Subjekt, die Schwingung Prädikat und die Erregung Objekt des Satzes genannt wird.

“Aha, die Strecken, welche ich zurücklege, sind also in Wahrheit Sätze, die ich denke! Demnach brauche ich nur noch einen geeigneten Satz, um Doxa zu begegnen”, freut sich die Vernunft.

Kaum hat sie diesen Gedanken gefasst, da erscheint ihr die Gestalt der Doxa. Die Vernunft ist erstaunt, weil Doxa keineswegs hässlich ist wie man sich überall erzählt, sondern vielmehr sehr schön. Und vor allem hat sie eine sehr freundliche Ausstrahlung. Die Vernunft fühlt sich sofort mit Doxa gefühlsmäßig verbunden. Jetzt stellt sich Doxa der Vernunft vor, indem sie zu ihr sagt: “Ich bin Dein Spiegel, denn die Wahrheit der Vernunft ist eine Lüge!”

Trotz der empfundenen Seelenverwandtschaft erschrickt die Vernunft, fasst sich aber und fragt Doxa dann, wer ihr eigentlich diesen merkwürdigen Namen gegeben habe. Doxa erklärt ärgerlich, dass dies die Wissenschaft war, die jede Art und Weise des Glaubens strikt ablehnt. Die Vernunft ergänzt das, indem sie er­klärt, dass Wissenschaft nichts Anderes als Glaube ist, der seinen Ursprung doch in den Glaubenssätzen der Axiome hat. Und erst durch das Objektivierungs­bemühen und die Übertragung an die Technik ist es ihr gelungen, Menschen mit ihren Erkenntnissen wirklich zu überzeugen.

Doxa tut die Äußerung der Vernunft sichtlich gut. Spontan entscheiden sich beide für einen gemeinsamen Besuch im axiomatischen Museum.

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[1] ψέμα bedeutet Lüge
 

21
Okt
2011

Netzkarte

 
Die kürzeste Strecke im neuronalen Netz ist der Satz. Eine Strasse besteht aus Sätzen und wird Textabschnitt genannt. Mehrere Strassen bilden einen eigenen neuronalen Berereich. Themen von Texten geben solchen Teilen neuronaler Stätten ihren Namen.

Hauptsächliche öffentliche Verkehrsmittel in neuronalen Netzteilen sind Fantasie und Methode. Daneben wer­den Operatoren als private Fortbe­wegungs­mittel genutzt.

Die Vernunft, die sich damit nicht auskennt, bittet die Definition, ihr das alles zu erklären.

Die Definition aber schränkt ein, dass sie sich zwar nur in den Dingen auskennt, die für den Verstand offen sind, aber dass sie auch jemand kennt, die sich mit allem auskennt, das sich irgendwie bezeichnen lässt. Ihr Name sei Doxa[1] und sie wohne allerdings in einer gefährlichen Gegend jenseits des Wissens. Man nennt Doxa auch die Königin des Scheins. Auf ihr Konto gingen zum Beispiel all die üblen Geschichten, die man sich vom Teufel erzählt.

Trotzdem möchte die Vernunft Doxa treffen, da sie vermutet, schon des öfteren von ihr hinter’s Licht geführt worden zu sein. Die Definition bewundert den Mut der Vernunft, befürchtet allerdings auch, dass es nur Naivität sein könnte. Die Definition gesteht sich aber auch ihre Angst vor Doxa ein, denn schließlich ist diese im neuronalen Netz ihre stärkste Gegnerin. So fragt die Definition die Vernunft, ob sie sich nicht allein auf den Weg zu Doxa begeben könne.

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[1]δὀξα dóxa bedeutet ‚Meinung‘ oder ‘Schein’
 

20
Okt
2011

Selbst-Beobachtung

 
Für die Vernunft ist es eine neue Erfahrung, nicht nur sehen, sondern nun auch wahrnehmen zu können. So war sie noch nie in der Lage, sich beim eigenen Denken zuzusehen.

Aber nachdem sie einige Erfahrungen mit der Beobachtung des Denkens machen durfte, entdeckt sie natürlich auch, dass sie in Wahrheit mehr die Arbeit des Verstandes und weniger die eigene wahr­nimmt.

Die Vernunft aber korrigiert sich sogleich:

Nein, es ist vielmehr das Zusammenwirken von Vernunft und Verstand, das sie geistig sehen darf. Während die Vernunft dieses Zusammenspiel betrachtet, versteht sie eigentlich gar nicht mehr ihre Konflikte mit dem Verstand, da sie nun sie beide als Einheit empfindet.

Unglaublich, sie kann jetzt auch ohne Schwierigkeiten mit der Definition zusammensein. Deshalb nimmt sie auch sehr gern deren Einladung zu einem Bummel durch die Sprachbildung an.
Der Verkehr, der an dieser neuronalen Stätte herrscht, ist unglaublich. Es existieren viele Schnittpunkte großer neuronaler Verkehrswege. Der Vernunft wird schlagartig klar, dass sich hier niemand ohne die vom Verstand geschaffene Verkehrs­ordnung zurechtfinden könnte. Zu ihrer Freude entdeckt sie die Vorfahrtsregel “Bild vor Wort”. Das bedeutet, dass man nichts zu etwas sagen darf, zu dem man kein Bild hat. Ohne diesen verbindlichen Zusammenhang ist es unmöglich, auch nur eine der vielen verkehrsreichen Strassen zu überqueren.

Um sich möglichst schnell gut und sicher bewegen zu können, erkundigt sich die Vernunft nach einer gebündelten Fassung von Verkehrsregeln für die neuronalen Netze. Die Definition überreicht ihr ein Regelwerk, das sie Grammatik nennt. In diesem Werk erfährt die Vernunft sehr schnell, wie man sich ausdrücken muss, um sich im neuronalen Netz, ohne sich zu verirren, fortbewegen zu können.
 

19
Okt
2011

Loslassen

 
Die Vernunft erzählt, weil sie nur in Bildern zu er­klären vermag, der Definition und dem Verstand folgende Geschichte:

“Tanzan und Ekido wanderten einmal eine schmutzige Straße entlang. Zudem fiel auch noch heftiger Regen.
Als sie an eine Wegbiegung kamen, trafen sie ein hübsches Mädchen in einem Seidenkimono, welches die Kreuzung überqueren wollte, aber nicht konnte. “Komm her, Mädchen”, sagte Tanzan sogleich. Er nahm sie auf die Arme und trug sie über den Morast der Straße.
Ekido sprach kein Wort, bis sie des Nachts einen Tempel erreichten, in dem sie Rast machten. Da konnte er nicht länger an sich halten. “Wir Mönche dürfen Frauen nicht in die Nähe kommen”, sagte er zu Tanzan, “vor allem nicht den jungen und hübschen. Es ist gefährlich. Warum tatest du das?” “Ich ließ das Mädchen dort stehen”, antwortete Tanzan, “trägst du sie noch immer?”[1]

Der Verstand und die Definition werfen sich einen Blick zu und sagen dann wie aus einem Mund: “Wir sind doch keine Zen-Mönche, denn diese Art und Weise des Loslassens meinen wir nicht!”
Die Vernunft fragt die beiden: “Kennt Ihr dieses Loslassen überhaupt?”
“Mir haften keine konkreten Dinge an, denn ich habe mich von allem Konkreten befreit. Da mich deshalb auch keine Leidenschaft plagt, muss ich auch nicht lernen loszulassen!” erklärt die Definition nicht ohne Stolz.

Die Vernunft fragt bei der Definition nach, ob sie eigentlich völlig vergessen habe, dass sie ein Nichts ohne das Konkrete wäre. Nur durch Loslassen sei sie schließlich zu dem geworden, was sie ist.
“Okay, wir einigen uns darauf, dass Abstrahieren als eine Form des Loslassens verstanden werden kann!”, lenkt die Definition ein.

Der Verstand fängt an zu drängeln, doch nun endlich aufzubrechen. Die Definition beginnt nun den Ort zu beschreiben, an dem sie sich gerade befinden:

"Das Gehirn ist eine endliche Welt innerhalb der unendlichen Welt des Universums. Das Gehirn besitzt wie das Universum ein Gedächtnis, das jede Information speichert. Während das Gehirn des Universums das Quantengedächtnis ist, welches jede Information über ein neu gebildetes Molekül speichern wird.“

Die Vernunft unterbricht die Definition, weil sie wissen möchte, was das alles mit ihrer bevorstehenden Reise zu tun hat.
Die Definition lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und erklärt weiter:

“Ich selbst bin ein Quant, und ich existiere neurophysisch nur aufgrund einer Transmission. Ich bin sozusagen als Enegire eine physikalische Größe, die außerhalb des Gehirns gemessen werden kann. Du und Dein Kumpel betrachten mich vereinfacht als Gedanken, der durch das Denken entsteht. Und jetzt kannst Du auch ganz leicht meinen Beweggrund für mein Erklären erkennen. Ich bin nämlich einzig und allein nur deshalb, weil ich denke. Und indem ich auf diese Weise mit Euch beiden bin, bewegen wir uns bereits fort. Wie vom Verstand gewünscht befinden wir uns bereits längst hinter dem Horizont der Erfahrungen!”

Die Vernunft erschrickt. Sie wird schlichtweg den Eindruck nicht los, entführt worden zu sein. Was soll denn auch eine Vernunft ohne ihre Erfahrungen? Merkwürdig nur, dass sie trotzdem ihre momentanen Empfindungen spürt. Sie fühlt sich dem Verstand und der Definition ausgeliefert. Am liebsten würde sie umkehren und flüchten. Aber sie kennt sich in der Gegend vor allen Erfahrungen nicht aus und hält es für vernünftiger zu bleiben. So versucht sie, sich nichts anmerken zu lassen. Trotzdem spürt der Verstand, dass seine Vernunft irgendetwas bekümmert. Deshalb erkundigt er sich vorsichtig, ob sie sich ängstige.

Die Vernunft bestätigt den Eindruck des Verstandes und beklagt, dass sie ihre Orientierung verloren habe, weil sie seit geraumer Zeit nichts mehr wahr­nehmen könne.

Der Verstand versucht, seine Vernunft zu beruhigen, indem er ihr zusichert, dass es einige Zeit bräuchte, bis sich das Wahrnehen an die veränderten Verhältnisse angepasst habe.
“Es würde mich schon sehr beruhigen, wenn ich genau wüsste, wo wir uns eigentlich befinden!”

“Wir sind dort, wo uns nichts mehr anhaftet, nämlich in Nirwana, das auch das Nichts genannt wird!”

Und plötzlich spürt die Vernunft sich als spiralförmige Bewegung. Indem sie sich darauf stark zu konzentrieren versucht, nimmt sie vor ihrem inneren Auge ein blaues Licht wahr, das sich zu einem in sich drehenden Kreis gestaltet, der sich allmählich öffnet und den Blick freigibt.
Die Vernunft erkennt Bewegungen, die sie zuvor noch nicht wahrgenommen hat. Sie bewegt sich so wie sie denkt.

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[1]Paul Reps, Ohne Worte - ohne Schweigen, 4. Aufl. 1982, S. 35

18
Okt
2011

Aufbruch

 
Um sich ihrer Verbundenheit zu versichern, einigen sich Vernunft und Verstand darauf, ihre gemein­samen Aussagen in einer bildhaften Sprache dar­zu­stellen.

Beiden ist klar, dass es für sie schwierig werden dürfte, sich auch tatsächlich daran zu halten, zumal es sich um Innenbilder handeln wird.
Da beide kein Risiko scheuen, entscheiden sie sich für eine Reise nach innen. Vor Antritt dieser Reise bereiten sie sich darauf vor. So wählen sie den Ort sehr sorgfältig aus, von dem aus sie aufzubrechen beabsichtigen.

Sie sind beide der Auffassung, dass hierfür nur das Bewusstsein in Frage kommt. Die Vernunft schlägt etwas unbedacht die Gegend der Aufmerksamkeit vor. Der Verstand, der in dieser Gegend überhaupt nichts sehen kann, macht der Vernunft einen Gegenvorschlag.

Die Vernunft bemerkt sogleich ihre Ungeschicklichkeit und entschuldigt sich, dass sie das übersehen konnte. Der Verstand ist blind für Aufmerksamkeiten von draußen. Das innere Auge hat keinen Blick für die Sinnenwelt.

Aus diesem Grund schlägt der Verstand die von der Aufmerksamkeit entfernt gelegene Gegend der Konzentration vor. Er versucht der Vernunft klarzumachen, dass er dort genug sieht, um sich frei bewegen zu können.

Dieses Mal hütet sich die Vernunft davor, wieder zu voreilig zu sein. Zudem fällt ihr rechtzeitig ein, dass sie im Gegensatz zum Verstand auch fühlend sehen kann. Und sie weiß aus Erfahrung, dass in der Gegend der Konzentration meditative intuitive Gedan­ken dann weiterhelfen, wenn die Impulse von draußen zu schwach werden, um noch etwas erkennen zu lassen. Außerdem haben sie diese vernünftigen Erfahrungen auch empfinden lassen, dass beim Schein des inneren Lichts genug wahrzunehmen ist. Somit sieht die Vernunft keinen Grund mehr, sich auf den Gegenvorschlag des Verstandes nicht einzulassen.
Der Verstand ist sehr erfreut, dass die Vernunft seinem Vorschlag zustimmt.
Da er sich im Gebiet der Innenwege besser aus­kennt als sie, schlägt er vor, vielleicht einen Gedan­ken zu bitten, die Führung zu übernehmen.

Obgleich die Vernunft viele Gedanken des Verstandes nicht gerade leiden mag, stellt sie ihre Bedenken zurück und stimmt zu.

Aber als sie den vom Verstand ausgewählten Gedanken zu Gesicht bekommt, tut ihr ihre Großzügigkeit schon fast wieder leid. Der Gedanke ist nämlich einer der Rowdies, die ihr ständig zu schaffen machen. Zu ihrer Überraschung verbirgt sich aber hinter der männlichen Maske der Definition eine weibliche Gestalt. Die Definition erkundigt sich bei den beiden nach dem gewünschten Ziel.

Die Vernunft erklärt, dass sich der Verstand und sie das überhaupt noch nicht überlegt haben. Die Definition wirft dem Verstand einen kurzen vorwurfsvollen Blick zu. Sie erklärt der Vernunft, dass dies aber nun gar nicht gehe, da im Bereich der Kon­­zentration Ordnung herrscht, weil unordentliche Gedanken sofort die Orientierung verlieren. Den Hinweis des Verstandes, dass es sich doch um eine Überrachungsreise handelt, lässt die Definition nicht gelten. Der Verstand weiß natürlich, dass Über­­raschungen bei Definitionen als Krankmacher gelten.

Die Definition erkundigt sich nun mit aufgesetzter Freundlichkeit bei der Vernunft nach ihrem Wunsch. Die Vernunft, vom Getue der Definition bereits ziemlich genervt, entschließt sich, es ihr des­halb richtig schwer zu machen. Mit gut gespielter Freundlichkeit erklärt die Vernunft der Definition, dass sie gern Gott begegnen möchte. Die Definition ist sichtlich erschrocken, weil dieser Wunsch bei weitem ihre Möglichkeiten übersteigt. Aggressiv weist sie den Wunsch der Vernunft zurück und begründet ihre Zurückweisung mit der Tatsache, dass sie sich damit nun wirklich nicht auskenne.

Der Verstand möchte die Definition nicht verärgern. Um die Definition zu besänftigen, schlägt er ihr vor, die Vernunft und ihn in die Gegenden zu führen, die vor allen Erfahrungen liegen. Aber die Definition äussert Bedenken und fragt den Verstand flüsternd, nur um die Vernunft zu ärgern, ob das denn seine gläubige Begleiterin überhaupt auszuhalten in der Lage sei.

Der Verstand wird sichtlich nervös, denn er möchte in jedem Fall verhinden, dass die Vernunft erfährt, dass er mit Definitionen Affären hat. Schnell betont er, dass die Vernunft auch in dünner Luft nicht mit Atemnot zu kämpfen habe.

Jetzt lenkt die Definition ein, denn sie möchte es sich mit dem Verstand nicht verderben. So erkundigt sie sich bei der Vernunft, ob sie schon Erfahrungen im Abstrahieren gesammelt habe. Die Vernunft antwortet, dass sie das vom Unkraut Jäten kennt. Da kommt es ja auch darauf an, Pflanzen mit unerwünschten Eigenschaften auszusondern.

Jetzt erkundigt sich die Vernunft bei der Definition, ob man denn nicht erst arm im Geiste werden müsse, um überhaupt als Definition berufen werden zu können.

Die Definition bestätigt diese Vermutung der Vernunft. Sie begründet diese Bestätigung damit, dass sie ja ständig auf all die kostbaren sinnenfälligen Eigenschaf­ten verzichten müsse, um als Definition exi­stieren zu können.

Das ergeht mir ja genau so, denn auch ich weiß mit konkreten Eigenschaften nichts anzufangen. Des­halb liebe ich ja alle Definitionen, erklärt der Verstand.

Die Definition und die Vernunft erröten, wenn­gleich aus unterschiedlichen Gründen.

Der Verstand übersieht das, wenngleich das für ihn Warnzeichen sein müssten. Stattdessen springt er der Definition bei und erklärt, dass der Verzicht auf alles Konkrete keineswegs Verarmung im Geiste sei, denn durch diesen Verzicht könne man das innere Licht wahrnehmen, das sich hinter den Wolken des Sinnenfälligen verbirgt.

Zur Überraschung beider bestätigt das die Vernunft aufgrund ihrer Erfahrungen mit dem Loslassen.
 

17
Okt
2011

Was fehlt eigentlich?

 
 
Das Gehirn sucht, indem es fragt.

Wenn die Vernunft fragt, versucht sie das Wesentliche des Selbst herauszufinden.
Wenn der Verstand fragt, treibt es ihn hinaus, um zu entdecken.
Die Vernunft wird in ihrer Suche maßgeblich vom Eros bestimmt, der Verstand von der Neugier.
Da sowohl für die Vernunft als auch für den Verstand das Suchen das Lebenselixier bedeutet, be­schließen sie beide, ihr Suchen zu synchronisieren.
Sie hegen die berechtigte Hoffnung, das Suchen auf diese Weise verbessern zu können.
Sie einigen sich schnell darauf, dass es das Empfinden von Mangel ist, das Fragen auslöst, denn in der Regel ist Fragen immer ein Suchen nach etwas, das fehlt.

So fragen sie sich beide zuerst, welcher Mangel sie eigentlich dazu antreibt, unentwegt suchend zu schaffen.
Die Vernunft sieht als Grund ihres Suchens die Sehnsucht, sich selbst zu erfahren. “Wer nicht mehr sucht, geht rückwärts!”
Das Suchen bedeutet für sie die einzige Möglichkeit, vorwärts zu kommen. Wer sich ihrer Meinung nach als Suchender aufgibt, spürt sich selbst nicht mehr. Weil er auf das Empfinden verzichtet, gibt er das Wahr Nehmen auf. Sein inneres Licht erlischt und er irrt umher.
Der Verstand hält sich zurück und sagt nichts zu dem, was er doch letztlich für ein sysiphoshaftes In-sich-kreisen hält. Stattdessen versucht er, dieser Art des hermeneutischen Zirkels irgendwelche Vorteile abzugewinnen. Er vermutet, dass es sich um eine Art Tanz handeln muss, denn wie anders als ein Kreisel soll man sich um sich selbst drehend fortbewegen. Natürlich erkundigt er sich bei der Vernunft danach, woran sie eigentlich merke, dass sie sich fortbewegt. Die Antwort der Vernunft überrascht den Verstand außerordentlich, denn sie erklärt ihm, indem sie sich letztlich wiederholt, dass sie dichtet, an einem Roman schreibt, Musik komponiert und Bilder malt. Sie erkennt ihre Fortbewegung also in ihren Werken. Sie bewegt sich, indem sie schafft. Das aber genau unterscheidet sie in keiner Weise vom Verstand.
Der Verstand erkennt, dass er sich auf genau die selbe Weise fortzubewegen versucht. Und jetzt erscheint ihm auch die Neugier nichts Anderes zu sein als Selbstberührung. Dass er dabei unbekannte Welten entdeckt, hält er für etwas, das ihn nicht wesent­lich von der Vernunft unterscheidet, denn dergleichen offenbart sich auch in ihren Werken. Um nun aber in seinen Überlegungen doch weiter­ zu kommen, erkundigt er sich bei der Vernunft und bittet sie, ihre Suche zu beschreiben.
 

16
Okt
2011

Bildnis der Vernunft

 
Die Vernunft erscheint als neuronaler Fluss von Bildern, der an der Quelle der Seele entspringt. Man kann sehen wie der Verstand in diesen Fluss steigt und aus dem Fluss des Werdens für sich Sein schöpft. In diesem Moment wandelt sich diese Entnahme durch Bewusstwerden zu einem Bild-Erlebnis für die Verstand, der darin seine eigene Inzenierung betrachtet, beobachtet und als Verhalten begreift.
Die Vernunft bemerkt auch wie dieses Verhalten vom Gewissen daraufhin geprüft wird, inwiefern es subjektiv zulässig ist.

Die Vernunft ahnt jetzt, dass der Verstand Definitionen braucht, um seine Bilder auch objektiv aner­ken­nen zu lassen. Der Verstand möchte nämlich im Gegensatz zur Vernunft seine Produkte nicht nur privat nutzen, sondern auch anderen zur Verfügung stellen.
Die Vernunft sinnt darüber nach, inwiefern für Sie die Interessen des Verstandes von Nutzen sein könnten und inwiefern es sich nicht lohnen würde, mit ihm vielleicht sogar Geschäfte zu machen.
Allerdings möchte sie auf keinen Fall ihre Kunst aufgeben und sich gar auf unvernünftige Definitionen einlassen.
Der Verstand freut sich, dass sich die Vernunft, in Betrachtung versunken, so lange mit seinem Bild beschäftigt, ohne dass sie beide darüber in Streit ge­ra­ten.
Schließlich, doch von Neugier geplagt, möchte er von der Vernunft erfahren, was ihr an diesem Bild gefällt. Die Vernunft wundert sich, dass der Verstand sie ungewöhnlicherweise nach ihrem Geschmack fragt und nicht wie sonst nach einer plausiblen Beurteilung. Er scheint sie endlich so zu akzeptieren wie sie ist, nämlich eine Kraft, die ihr Verstehen aus dem Glauben und nicht aus dem Wissen schöpft. S­o er­klärt sie dem ungeduldigen Verstand, dass sie sich verstanden fühlt.
Der Verstand wiederum ist sehr überrascht, dass er von der Vernunft keinen Widerspruch erfährt. So betrachtet er argwöhnisch die Vernunft und versucht herauszufinden, ob es ihr möglicherweise nicht gut geht. Aber er kann nichts feststellen.

Die Vernunft ergänzt nun ihre Aussage, indem sie den Verstand dafür lobt, dass er sie nicht als etwas Starres darstellt, sondern als regelnde Kraft, aus der er sogar selbst schöpft.

Die Begegnung zwischen Vernunft und Verstand verläuft weiterhin sehr harmonisch, und sie beschließen sogar, zukünftig sehr viel besser zusammenzuarbeiten.
 

15
Okt
2011

Logik des Vorscheins

 
Die Logik des Vorscheins oder auch Logik des Mythos ist wie Platon das im Höhlengleichnis beschreibt ein Weg zum Licht, der schrittweise durch natürliche Spiegelungen führt. Diese Spiegelungen wurden beschrieben als:

I.   (Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten) = bemerken
II.  (bedenken, besinnen, verweilen) = betrachten
III. beobachten
IV. bewerten
V.  begreifen (verstehen)

1. Das Betrachten dessen, das wir bemerken, weil dessen Auffälligkeit unsere Aufmerksamkeit erregt oder sein unerwartetes Erscheinen uns überrascht, hält uns noch in der sinnenfälligen Wirklichkeit fest. Während dieses Aufenthalts sind wir vor allem damit beschäftigt, die Dinge um uns zu identifizieren und als gesichert auszumachen, um uns vor unliebsamen Ereignissen zu schützen.

2. Aber unsere Neugier schickt uns auf den Weg, indem sie uns das, was sich ereignet, unter einem anderen oder vielleicht sogar völlig neuen Aspekt beobachten lässt.

3. Aufgrund anderer Zusammenhänge und unter Einbeziehung unserer Erfahrungen gewinnen wir eine andere Einstellung. Und es verändert sich vielleicht auch unser Gefühl dafür.

4. Wir begreifen, dass sich unser Verhältnis dazu und somit wahrscheinlich auch unser Verhalten im Umgang damit verändert.

Der Weg durch die Welt der Spiegelungen wird um so schwieriger, je höher er gelegen ist. Da das Betrachten beim jeweils erreichten Aussichtspunkt aufgenommen werden kann, wechselt das Bildererleben sehr bald in sehr abstrakte Innenbilder.

Beginnt man beispielsweise bei der Wirklichkeit als solchen, dann ergeben sich folgende Wegmarken auf der spiralförmigen Bewegung nach innen zum Wesenskern:

- Wirkliche Wirklichkeit
- Mögliche Wirklichkeit
- Wirkliche Möglichkeit
- Mögliche Möglichkeit

Im folgenden Beispiel wird dieser Weg von innen nach außen vollzogen:

Von Geburt an hat das gesund geborene Kath­rin­chen die Möglichkeiten, alles zu werden (mögliche Möglichkeiten).

Aufgund von Erziehung und Bilden zeigen sich die wirklichen Möglichkeiten.

Während der Schulzeit kristallisieren sich aufgrund von Intelligenz, Begabung und günstigen Umständen die möglichen Wirklichkeiten durch die Entscheidung für ein bestimmtes Studium heraus.

Durch die Wahl eines bestimmten Berufes kommt Kathrin in ihrer Wirklickeit an, in der sie sich Tag für Tag aufs Neue verwirklichen muss.

Der Weg nach innen beginnt an unterschiedlichen Stellen, weil die Begabungen sehr verschieden sind.

Das Bilderleben bestimmt, wann aufgebrochen wird. Genauer gesagt ist es jener vorbewusste Gedanke, welcher auf sein Bild wartet, damit er sich darin zeigen kann, voausgesetzt, er hat Lust, im Bilderleben mitzuspielen.

Gedanken sind meistens unartige Kinder einer unartigen Erfahrung, die sich von anderen missachtet fühlen. In besonderen Einzelfällen sind sie nur ehrgeizig und wollen es allen zeigen. Meistens sind sie dann schöpferisch kräftig und schaffen übergewichtig.

Der Gedanke, der sich hier ins Werk setzt, hat gerade herausgefunden, dass sich die Vernunft anders in Szene setzen muss als der Verstand.

Die Vernunft mag das vor Anstrengung durchgeschwitz­te Reden des Verstandes nicht, sondern bevorzugt das leichte, gut gefühlte Sagen, welches das Gehirn wie ein sanfter Windhauch durchfrischt und die Seele wieder freier atmen lässt.

Die künstlerische Vernunft muss sich jedoch gegen eine aggressive Logik des Verstandes behaupten. So nutzt sie die helfenden Schwingungen der Transmission, um den Verstand zum Mitspielen einzuladen.

Damit kann der Verstand etwas anfangen, denn er vermag die Schwingungsdauer der geistigen Initiation im Verhältnis zur Amplitude der Emotion zu verstehen und neuronal umzusetzen.

Leidenschaftlich gern würde er nun seine Leistung in einer neurophysikalischen Formel zum Ausdruck bringen und die harmonische Transmissions-Frequenz der Künstlerin als Kehr- wert der Periodendauer (= Schwingungsdauer) mathematisch in Szene setzen.

Aber die Vernunft, die nach Höherem strebt, verweigert ihm dieses Vergnügen.

Der Verstand kennt die Vorfahrtsregeln im neurona­len Verkehrsnetz zu genau, um eine Übertretung zu wagen.

Und die Vernunft wird im Augenblick zudem noch durch mythisches Blaulicht einer vorandrängenden Leitfrage durch das Netz geleitet. Es ist die Frage nach der Logik des Vorscheins.

Der Verstand hält inne und erfährt die Bewegung der künstlerischen Vernunft als eigentümlich erzähltes Bilder-Leben, und zwar in einer Sprache, die er sich erst noch aneignen muss.

Wie aber bewegt sich die Vernunft nun durch das neuronale Netz?

Aus der Sicht des Verstandes geschieht das auf jeden Fall unüberlegt. Schließlich denkt man nicht in Bildern, sondern in Begriffen.

Die Vernunft dagegen hält Begriffe wiederum für unzumutbare Verkürzungen. Sie betrachtet den Verstand als verarmt im Geiste, obgleich sie andererseits dessen Fähigkeit, auf einfache Weise Ordnung zu schaffen, bewundert.

Aber es kommt unweigerlich zur Katastrophe, sobald der Verstand dominiert und alles Vernünftige zu unterdrücken versucht.

Die im Gehirn angelegte Widersprüchlichkeit zwischen Vernunft und Verstand zwingt der mensch­lichen Existenz ständig die Notwendigkeit einer Einigung auf.

Da solche Einigung selten in kurzer Zeit zustande kommt, ist die Vernunft wieder einmal unterwegs, um den Verstand endlich einmal zu veranlassen, darüber nachzudenken, auf welche Weise sich Wissenschaft künstlerisch gestalten lässt. Dieser versucht nämlich umgekehrt, sich aufzudrängen und die Kunst wissenschaftlich zu definieren.

So hat sich die Vernunft erneut mit dem Verstand verabredet, um zu versuchen, dieses Problem zu lösen. Laut Verabredung trifft sie sich mit ihm in der Werkstatt der Vorgaben. Dieser Treffpunkt erscheint ihr aus zwei Gründen als besonders geeignet.

Erstens liegt dieser Ort in einem Areal, in dem die Vorgaben für Vernunft und Verstand gleichermaßen entstehen. Zweitens handelt es sich als Zuständigkeitsbereich der Seele um eine versöhnliche Gegend, in der oft Einigungen durch Synchronisation erzielt werden.

Die Zeit bricht zu einer Tageszeit auf, in der sie sich noch besonders leicht tut. Es ist noch früh morgens, als sie sich auf den Weg macht. Noch unbelastet von den Verpflichtungen des Alltages geht es zügig voran. Es herrscht noch kaum Verkehr im neurona­len Netz. Nur wenige störende Gedanken kommen ihr entgegen. Zudem nimmt die Vernunft die Abkürzung über die Emotion.

Die Vernunft ist sehr erstaunt, dass die üblichen Grenzkontrollen in diesem Augenblick nicht stattfinden und sie ohne Verzögerung durch die üblichen Bedenken in das Innere der Seele eingelassen wird.

Der Verstand ist bereits anwesend, und es scheint ihm sichtlich peinlich, im intimen Bereich des Eros angetroffen zu werden. Jedenfalls gibt der Verstand unentwegt vor, Triebe und Gefühle strikt abzu­leh­nen.

Der Verstand überspielt seine Verlegenheit mit angenehmer Freundlichkeit und lädt die Venunft ein, sich sein Bild von ihr zu betrachten. Er ist stolz darauf, dass es ihm endlich gelungen ist, die Vernuft als “control circuit” darzustellen.

Die Vernunft, sichtlich überrascht über dieses Zugeständnis des Verstandes, betrachtet dieses Bild eingehend.
 

14
Okt
2011

Logik des Mythos

 
Dem Dichter Angelus Silesius[1] werden zwar die gleichen (inneren) Spiegelungen bewusst wie dem Philosophen Platon, aber er betrachtet sie nicht als göttlich, sondern als zutiefst menschlich.

Nicht nur der Glaube, sondern auch unser Wissen erscheint uns einzig und allein als Spiegelung, so dass nun die wissenschaftliche Gewissheit zur philosophischen Selbst-Gewissheit wird, und ein Axiom als nicht mehr als ein Dogma zum Vorschein gelangt. “Ich glaube an die Identität ‘a = a’ ” wie an die Dreifaltigkeit. Die Richtigkeit der Wissenschaft wandelt sich zur Wahrheit der Kunst.

Die Wahrheit der Selbst-Spiegelung offenbart aber möglicherweise auch, wie Mystiker, Dichter und Philosophen das erscheint, eine Widerspiegelung der Natur.

Dem Glauben und nicht dem Wissen nach erscheint es so, als könne das Andere vielleicht irgendwie so sein wie es sich das Wesen dank seiner Vernunft vorstellt.

Die Hoffnung wächst, dass die eigene Vorstellung mehr ist als eine Fata Morgana.

Es scheint aber sehr schwierig, auszumachen, ob das Schauen von Spiegelungen auf irgendeine Art und Weise doch die Wahrheit offenbart.
Wird davon ausgegangen, dass der Mensch vernunftbegabt ist und die mythischen Hinweise eines Sokrates, Platons oder Moses zutreffen, dann könn­te das menschliche Erbgut eine Art Gen enthalten, das religiöses Empfinden ermöglicht.

Den kanadische Neuropsychologen Michael Persinger[2] veranlasst dies zu folgender Überlegung: Wenn ich die fürs Religiöse zuständigen Hirnregionen eines Menschen stimuliere, verschaffe ich ihm damit auch religiöse Gefühle? Er entwickelte einen Helm, der ein sich bewegendes Magnetfeld erzeugt. Diesen Helm liess er Versuchspersonen zwanzig Minuten lang tragen. Vier von fünf Probanden beschrieben die ausgelösten Empfindungen als übernatürlich oder spirituell. Sie fühlten die Gegenwart eines höheren Wesens, eine Berührung Gottes, Transzendenz.
Demnach könnte ein allgegenwärtiges Wesen (“Geist in der Materie”) sich offenbaren. indem es das Gehirn beeinflusst und auf dem Weg der Spiegelungen religiöse Vorstellungen und Empfindungen erzeugt. Erscheinungen der Heiligen bekämen dann eine “natürliche” Erklärung.


Der “Umweg” über Spiegelungen sichert das kulturell bedingte, individuelle Verstehen und Auslegen des allgegenwärigen Wesens.

Der Logos des Mythos vollzieht sich dann als Phänomenologie des inneren Erscheinens.

_________
[1] nachzulesen in: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3776/1

[2] Neuropsychological Bases of God Beliefs; Praeger Publishers; 1 edition (October 15, 1987)
 

13
Okt
2011

Glaube

 
Der Dichter und Mystiker Angelus Silesius schreibt im Cherubinischen Wandersmann:

„Gott lebt nicht ohne mich

Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,
Werd' ich zunicht', er muß von Not den Geist aufgeben.

Gott ergreift man nicht

Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier:
Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir.

Der Mensch ist Ewigkeit

Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.

Ein Abgrund ruft dem andern

Der Abgrund meines Geists ruft immer mit Geschrei
Den Abgrund Gottes an: Sag, welcher tiefer sei ?

Das Bildnis Gottes

Ich trage Gottes Bild: Wenn er sich will besehn,
So kann es nur in mir, und wer mir gleicht, geschehn.

Die Gottheit ist ein Nichts

Die zarte Gottheit ist ein Nicht und Übernichts:
Wer nichts in allem sieht, Mensch, glaube, dieser sieht's.

Man weiß nicht, was man ist

Ich weiß nicht, was ich bin. Ich bin nicht, was ich weiß:
Ein Ding und nicht ein Ding: Ein Tüpfchen und ein Kreis.

Der Himmel ist in dir

Halt an, wo laufstu hin, der Himmel ist in dir;
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.

Wie Gott im Menschen

Gott ist noch mehr in mir, als wann das ganze Meer
In einem kleinen Schwamm ganz und beisammen wär.

Der Mensch ist Ewigkeit

Ich selbst bin Ewigkeit, wann ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.

Zufall und Wesen

Mensch, werde wesentlich; denn wann die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.

Beschluss

Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willt lesen,
So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen“.
[1]

____
[1] Hans Ludwig Held: Angelus Silesius. Sämtliche poetische Werke inI drei Bänden. (Band 1: Die Geschichte seines Lebens und seiner Werke. Urkunden; Band 2: Jugend- und Gelegenheitsgedichte. Heilige Seelenlust oder geistliche Hirten-Lieder der in ihren Jesus verliebten Psyche. [Enthält auch: Bonus Conciliarius und Christliches Ehrengedächtnis des Herrn Abraham von Frankenberg]; Band 3: Cherubinischer Wandersmann. Sinnliche Beschreibung der vier letzten Dinge.) 2. Aufl. München 1924
 

12
Okt
2011

Spiegelungen

 
Das lateinische Wort für Spiegelung ist “Reflexion”. “reflectere” bedeutet zurückbeugen. In der neuronalen Analyse meint das Zurückwerfen von Impulsen, die dann wiederum wie Reize, also Impuls-Auslöser wirken. Das Bewusstwerden vollzieht sich als mehrfaches Reflektieren.

I.  (Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten) = bemerken
II. (bedenken, besinnen, verweilen) = betrachten

III. beobachten

IV. bewerten

V. begreifen (verstehen)

Im Wort “begreifen” steckt “zugreifen”. Das Begreifen vollzieht sich als Bild-Erleben, das auf das Bilder-Leben zugreift und ein interessantes Moment (Gesichtpunkt) bzw. einen interessanten Moment (Augenblick) festhält.

Dieses blitzartige Nacheinander von Bemerken, Betrachten, Beobachten, Bewerten und Begreifen wird gleichzeitig in eins zugleich erfahren, wenngleich diese Komponenten des Wahr Nehmens unterschiedlich dominant sind. Diese Dominanz wird durchaus bewusst:

I.  “Das kenn ich!”
II. “Da zögere ich!”
III. “Das fällt mir auf!”
IV. “Das interessiert mich (nicht)”
V. “Das kapier ich!”

Diese unterschiedlichen Momente werden bisweilen durch Interjektionen emotional ausgedrückt:

I.  Ah!
II. Hm!
III. Oh!
IV. (t)ja!
V.  Aha!

Sind alle Momente gegenwärtig, dann werden sie versprachlicht. Das Bild-Erleben wir durch das Wort repräsentiert.

Die unterschiedlichen Spiegelung des Bewusstwerdens hat Platon in seiner Ideenlehre auf andere Art und Weise dargestellt.
Platon unterscheidet die Welt der Wahrnehmung von der Welt der Ideen.

Die Welt der Wahrnehmung kann auch Sinnenwelt genannt werden. Über diese Welt können keine allgemeingültigen Aussagen gemacht werden, da sie von uns mit unseren fünf Sinnen wahrgenommen wird.

Diese Aussagen können auch nicht allgemein- gültig sein, da die Dinge, die beschrieben werden, sich ständig verändern. Platon nennt diesen Prozess wie schon Heraklit “fließen”.

Alles, was in der Sinnenwelt existiert, besteht aus einem vergänglichen Material, welches sich mit der Zeit auflöst. Im Gegensatz dazu ist alles nach dem Muster einer Form gebildet, das zeitlos ist. Alle Pferde können von uns als Pferde erkannt werden. Irgendwann wird das Pferd alt und lahm, aber es ist trotzdem noch als Pferd erkennbar. Dann stirbt es, aber die Pferdeform ist unvergänglich. Diese Urform ist also ein abstraktes, geistiges Musterbild, das, laut Platon, in einer Wirklichkeit hinter der Sinnenwelt besteht. Diese Wirklichkeit nennt Platon das Reich der Ideen. Da man das Reich der Wahrnehmung mit Hilfe der Sinne erreichen kann, kann man dort nur zu wahren Meinungen über etwas gelangen. Über das Reich der Ideen kann man sicheres Wissen erlangen, allerdings nur, wenn man die Vernunft benutzt. Die Ideenwelt läßt sich also nur vernunftmäßig, nicht aber mit den Sinnen erkennen.

Die Ideen sind ewig, unteilbar und unver-änderlich und existieren unabhängig von wahrnehmbaren Dingen. Also wird die Urform des Pferdes auch dann bestehen, wenn das Pferd tot ist. Die Ideen entstehen also weder, noch vergehen sie, und deshalb kommt ihnen Wahrheit zu. Also existieren laut Platon auch allgemeingültige Aussagen, zum Beispiel mathematische Aussagen: Die Winkelsumme im Dreieck wird immer 180 Grad betragen. Die wahrnehmbaren, vergänglichen Dinge können uns allerdings an die Ideen, dessen Abbilder sie sind, erinnern. So legt Platon dar, dass man durch relativ gleiche Dinge an die Idee der Gleichheit erinnert wird. Vollständige Gleichheit ist in der Welt des sinnlich Vernehmbaren nicht vorhanden. Ebenso ist das Gerechte, das Gute in der Welt der Wahrnehmung nicht vorhanden. Es stellt aber ein Ideal dar, nach dem man seine Handlungen ausrichten soll. Es gibt immer gültige, objektive, ethische Werte, die der Maßstab für die Beurteilung einzelner Handlungen ist. Die Kenntnis der Idee des Guten ist nach Platon eine notwendige Bedingung für moralisches Handeln. Mit Hilfe der Ideen können auch Eigenschaften der sinnlich wahrnehmbaren Dinge erklärt werden. So wird etwas schön genannt, wenn es an der Idee des Schönen teilhat, die selbst schön ist. Platon hält auch den Menschen für ein zweigeteiltes Wesen. Wir haben einen Körper, der fließt, der also aus vergänglichem Material besteht und mit der Sinnenwelt unlösbar verbunden ist (denn die Sinne sind körperlich). Unsere Seele hingegen ist unsterblich und befindet sich in der Vernunft. Demzufolge ist sie nicht materiell und kann in die Ideenwelt sehen. Platon meint, bevor die Seele in unseren Körper gelangt, existiert sie schon im Reich der Ideen, sie hat aber beim Eintritt in den Körper die vollkommenen Ideen vergessen. Wenn wir dann ein unvollkommenes Pferd sehen, sehnt sich unsere Seele nach der vollkommenen Urform, die ihr aus dem Reich der Ideen bekannt ist. Diese Sehnsucht nennt Platon Eros (Liebe).

Die meisten Menschen geben dieser Sehnsucht nicht nach, sondern klammern sich an die schlechten Nachahmungen der Ideen in der Sinnenwelt. Platon hält jene Menschen nur für Abschattungen der wahren Idee “Mensch”, welche glauben, diese Schatten seien alles, was es gibt, ohne daran zu denken, dass etwas den Schatten werfen ließ. Sie sind mit dem Leben als Schattenbilder zufrieden und erleben die Schatten demzufolge nicht als solche. Platon hält alle Phänomene der Natur für bloße Schattenbilder der ewigen Formen oder Ideen.

Platon erklärt in seinem Liniengleichnis u.a., wie sich das Denkbare, das Wahrnehmbare, die Idee, die Einzeldinge zueinander verhalten.

Platon trennt nicht nur – wie gesagt - zwischen Erkennen und Wahrnehmen, sondern er trennt ebenso streng zwischen Idee und Einzelding.
Während das Erkennen auf Dauer angelegt ist, ist die Wahrnehmung ganz auf den Augenblick ausgerichtet.

Die Wahrnehmung ist mit der Gegenwart direkt verbunden, während das Erkennen auch die Zukunft und Vergangenheit mit einschließt.

Ähnlich sieht Platon dies bei der Trennung zwischen der Idee und dem Einzelding. Während das Einzelding mit der Wahrnehmung und somit der Gegenwart verbunden ist, hängen die Ideen mit der Erkenntnis zusammen und sind dauerhaft.

Platon hat diese ontologische Entgegensetzung von Idee und Einzelding und die erkenntnis-theoretische Abgrenzung zwischen der Erkenntnis und der Wahrnehmung in seinem sogenannten Liniengleichnis veranschaulicht (Platon, Politeia 509 B ff).

Vereinfacht denke man sich eine vertikale Linie, die in zwei Teile geteilt ist, wobei der obere Abschnitt größer ist als der untere. Der obere beinhaltet auf der einen Seite das Denkbare, auf der anderen Seite das Erkennen, das Wissen. Der untere, kleinere Abschnitt repräsentiert auf der einen Seite die Welt der Erscheinungen. Die andere Seite steht für das Mei­nen. Und da Platon das Erkennen und den Bereich des Denkbaren höher einordnet, ist auch der Abschnitt dafür größer.

Das Erkennen, beziehungsweise Wissen, wird noch unterteilt in das der Vernunft und das dem Verstand Zugänglichen. Die Seite des Meinens teilt sich in etwas glauben und etwas vermuten. Die Welt des Denkbaren teilt sich in die Ideen und die Hypothesen. Die Seite der Erscheinungen teilt sich in die Einzeldinge und die sogenannten Schatten der Zukunft; der Welt des Werdens. Im Liniengleichnis denkt Platon im Grunde die Reflexionen des Bewusstwerdens, und zwar als das Erkennen (Begreifen) der allgemeinen Formen, also das Sein als solches im Bewerten des Werdenden. Zu dieser Erkenntnis führt das Beobachten und Betrachten des sinnlich Vernehmbaren, also des naturhaft Seienden.

Im Sonnengleichnis gelangt die Sonne als Ebenbild der höchten Idee zum Vorschein, wobei das Licht der Sonne für die Wahrheit steht.

Der Unterschied, ob etwas im Licht oder im Schatten liegt, bedeutet für das, was von ihm betroffen ist, einen Unterschied im Seinsrang bzw. in der Reflexionsebene!

Was im Licht der Sonne liegt, ist sichtbar. Was im Schatten liegt, ist nicht oder zumindest schwer sichtbar. Diese Beschreibung bedeutet in der Analogie für die Idee des Guten: Was im Licht der Idee des Guten liegt, an dem glänzt die Wahrheit und das Sein des Seienden. Was dagegen nicht von der Idee des Guten erhellt wird, das gehört in den Bereich des Werdenden und Vergehenden.

Auf das Linie- und Sonnengleichnis folgt das Höhlengleichnis, in dem Platon deren Bedeutung für die menschliche Existenz darstellt.

Hat man sich an die Dunkelheit der nur von einem kleinen Feuer beleuchteten Höhle gewöhnt, dann erkennt man sehr bald, dass dort gegen die Wand hin gefesselte Menschen sitzen, die sich nicht umdrehen können und deshalb nur Schatten an der Höhlenwand sehen. Es sind die Schatten der Menschen, die hinter dem Rücken der Gefangenen und dem Feuer Gegenstände und Speisen hin- und hertragen. Die Gefangenen aber kennen allein die Schatten dieser Gestalten und halten diese Schatten also für die Gestalten selbst. Deshalb ordnen sie ihnen auch sogar die Stimmen zu, die sie hören. Die Schattenwelt ist die Welt, so wie die Gefangenen sie erleben. Die Gefangenen halten ihre Erlebniswelt für die Wirklichkeit, denn sie befinden sich von Geburt an in dieser Lage. Und Platon provoziert uns, indem er uns sagt, dass unsere sogenannte reale Welt nichts anderes ist als eine Schattenwelt. Das, was wir wahrnehmen, ist nicht mehr als Abschattung von etwas, was wir selbst nicht wahrzunehmen vermögen, weil wir uns ebenfalls nicht umdrehen, unsere Sichtweise nicht verändern können.

Dabei muss es nicht bleiben. Wir sind nicht dazu verur­­teilt, unser gesamtes Leben als Gefangene unserer Schattenwelt zu verbringen. Aber Platon macht auch nachdrücklich darauf aufmerksam, dass sich niemand selbst aus seiner miserablen Lage befreien kann. Jeder braucht einen Lehrer, der ihn befreit. „Erziehung“ ist für Platon der Name für diese Befreiung. In seinem Höhlengleichnis fragt Platon, was geschehen würde, wenn einer der Gefangenen in der Höhle befreit würde. Platon sagt, dass eine solche Befreiung gewaltsam geschehen müsste, weil sich niemand freiwillig von Gewohnheiten trennt, die ihn ein Leben lang bestimmt haben.

Und wir alle spüren auch, wie sehr wir uns dagegen wehren, Platon zu glauben, dass alles, mit dem wir zu tun haben, nicht mehr ist als Schatten. Statt uns in unserer Sichtweise zu wenden, halten wir lieber Platons Auffassungen für verdreht. Und einem Verrückten braucht man nicht zu folgen.

Dennoch sollen wir uns nun vorstellen, dass einer der Gefangenen von seinen Fesseln befreit wird. Der so befreite Mensch kann sich jetzt umdrehen und plötzlich klar erkennen, dass das, was er sehen kann, überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was er bislang für wahr gehalten hat. Allmählich gewöhnt er sich an seine Freiheit und folglich auch daran, Zusammenhänge erkennen zu können. So erkennt er die Schatten als Projektionen dieser Gestalten vor dem Feuer. Sie bewachen die Gefangenen, und er erkennt nicht nur die Schatten als Wächter, sondern er nimmt auch einen Weg wahr, der nach oben zum Höhlenausgang führt. Weil er neugierig geworden ist, folgt er diesem Weg vorsichtig nach oben, wohl darauf gefasst, dass die Höhle auch nicht die Welt ist und er jederzeit mit einer weiteren Überraschung rechnen muss.

Als er schließlich zum Ausgang gelangt, erfasst ihn ein kaum zu beschreibender Schrecken und er bekommt große Angst, weil er wegen des sehr grellen Lichts, das seine Augen blendet, nichts mehr erkennen kann. Als sich dann seine Augen an das Licht der Sonne gewöhnt haben, erkennt er wiederum ein Feuer. Das ist die Sonne, der er nun gewahr wird. Er kommt zu dem Schluss, dass es sich bei den Dingen, die er nun wahrnehmen kann, wiederum nur um Abschattungen handelt. Deshalb folgert er, dass er erneut einen Weg finden muss, der ihn aus dieser neuerlichen Welt der Schatten hinausführt. Dieser Weg wird im Sonnen- und Liniengleichnis dargestellt. Es ist der Weg, den die Metaphysik als Entbergen der Wahrheit beschreibt. Sich auf dieses unaufhörliche Suchen zu besinnen, ist der vornehmliche Zweck der philosophischen Meditation auf die Sonne.

„Nämlich in tiefes Nachdenken über irgend einen Gegenstand versenkt, blieb er (Sokrates) von frühmorgens an auf demselben Flecke stehen und wich, da er das Gesuchte nicht finden konnte, nicht von der Stelle, sondern verharrte in unablässigem Nachsinnen. Inzwischen war es bereits mittags geworden, als die Leute es merkten und staunend einander darauf aufmerksam machten, daß Sokrates nun schon vom frühen Morgen her im Nachforschen über irgend einen Gegenstand begriffen dastände. Endlich aber, als es schon Abend war, brachten einige Ionier, nachdem sie zu Abend gegessen, ihre Matratzen heraus, teils um im Kühlen zu schlafen, denn es geschah dies im Sommer, teils aber auch um ihn zu beobachten, ob er auch wohl in der Nacht dort stehenbleiben würde. Er aber blieb wirklich stehen, bis der Morgen graute und die Sonne aufging; dann aber ging er von dannen, nachdem er zuvor noch sein Morgengebet an die Sonne (hêlios) verrichtet hatte.“[1]

_____
[1] Vgl. auch Werner Jaeger, Paideia. Die Formung des griechischen Menschen, 2. Nachdruck 1989, S. 886
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