Unilogo

31
Jan
2012

Punkt Null

 

© urs

“Punkt Null” ist letztlich eine typisch gewulffte Aussage. “Punkt Null”, jeder glaubt das, obgleich letztlich alle wissen, das sowohl “Punkt” als auch “Null” nicht wirklich, sondern allein in der Fantasie existieren. Obwohl die Zeit “Punkt Null” also niemals erreichen wird und deshalb auch von keiner Bahnhofsuhr angezeigt werden kann, gibt es Züge, für deren Abfahrt der Fahrplan “Punkt Null” vorsieht. Auf einen dieser Züge warten Fantasie, Vernunft und Verstand auf Bahnsteig Null von Nihil.
Bahnsteig Null ist das einzige Gleis der gesamten Gleisanlage, das am Ende dieses Bahnsteigs vor einem Prellbock endet, so dass an diesem Bahnsteig Anfang und Ende eines Zuges und damit auch Anfang und Ende einer Reise zusammenfallen. Um solchen Bahnsteigen gerecht zu werden, fehlt einem ICE Anfang und Ende. Diese werden vielmehr erst dann bestimmt, wenn der Lokführer einsteigt und sich dadurch für eine der beiden gleichen Zugführerkabinen entscheidet.

Jedenfalls warten die drei Reisenden am Ende des bereitzustellenden Zuges, also am Anfang des Bahnsteiges, weil sie in den ersten Wagen des Zuges einsteigen wollen. Der Fantasie ist es dabei immer etwas unbehaglich zumute, weil sie sich in der Mitte des Zuges am sichersten fühlt. Sie hält auch nichts von den Wahrscheinlichkeiten eines Unfalls, die ihr der Verstand dann zur Beruhigung anbietet. Aber heute lässt sie sich ja auf das von ihr vorgestellte Risiko ein und trägt deshalb die Entscheidung von Vernunft und Verstand mit. Ihnen bleibt nämlich in Fankfurt-Hauptbahnhof ansonsten zu wenig Zeit zum Umsteigen. Und die Fantasie kann nun einmal nicht so schnell rennen wie Vernunft und Verstand.

“Achtung Reisende auf Bahnsteig Null. Ihr ICE nach Ens, planmäßige Abfahrt Null Uhr, wird nun bereitgestellt!” Die drei haben einen der beiden Dreiertische im Großraumwagen reserviert. Die Fantasie überlässt gern Vernunft und Verstand die beiden Fensterplätze, weil sie lieber während der Fahrt träumt, statt in Nichts der vorbeirasenden Landschaft zu starren. Sie bewundert den Verstand, der sogar Ortsschilder erkennen kann, weil seine Augen der Bewegungsrichtung des Hochgeschwindigkeitszuges für kleine Augenblicke zu folgen vermögen. Aus diesem Grund wählt er gern den Sitz entgegen der Fahrtrichtung. Da entschwinden die fixierten Blickpunkte nicht so schnell.

In der Ferne taucht der ICE der Baureihe 3 auf. Gemächlich rollt er auf den Bahnsteig zu. Die drei weichen ein wenig von der Bahnsteigskante zurück. Als der Zug steht, öffnet die Vernunft auf Knopfdruck elektropneumatisch die schwere Schwenkschiebetür, die sich mit einem Zischen aus ihrem Türrahmen löst und nach außen hin zur linken Seite verschiebt. Die drei nehmen ihre Plätze ein und machen es sich bequem. Nach einigen Minuten betritt ein weiterer Reisender den Großraumenwagen, steuert auf die Vernunft zu und sagt mit rechthaberisch arrogantem Unterton: “Entschuldigen Sie bitte. Das ist wohl mein Platz!” Die Vernunft antwortet ein klein wenig zu spitz: “Das glaube ich nicht!” “Madame, das ist keine Frage des Glaubens, sondern der Platzordnungsnummer!” Ein Vergleich der beiden Reservierungstickets ergibt Übereinstimmung. Als die Vernunft der Ärger überkommt und bevor sie wütend reagieren kann, prüft der Verstand noch einmal beide Reservierungen. Dann erklärt er dem Reisenden freundlich, etwas schadenfroh lächelnd: “Sie haben natürlich Recht! Aber Sie befinden sich im falschen Wagen!”

Spätestens als der ICE pünktlich um Null Uhr Nihil verlässt, wird Vernunft und Verstand klar, dass sie sich in einem Neuronen-Zug der Fantasie befinden. “Informed cluster existential” statt “Intercity-Express”. Die Vorstellung der Fantasie ist die Wirklichkeit von Vernunft und Verstand, die beides nicht zu unterscheiden vermögen. Sie leben in der durch das Bilderleben der Fantase gestalteten und für sie zurechtgemachten schönen Welt des Scheins. Es muss genügen zu wissen, dass sie nur sind bzw. sich selbst als seiend erfahren, solange sie denken, also das Bilderleben der Fantasie erfahren. Nun fragt sich der Verstand, was die Fantasie eigentlich mit ihrer Einladung zur Fahrt nach Ens bewirkt. Ihm ist klar, dass “Nihil” ein lateinischer Name für “Nichts” ist und “Ens” bedeutet. “Was bezweckt die Vernunft mit dem Besuch von Ens? Die Fantasie bemerkt das Sinnieren des Verstandes, und sie spürt, dass er sich nach dem Sinn dieser Reise fragt. Und so verrät ihm die Fantasie, dass sie die Vernunft und ihn vom Leiden unter dem schönen Schein befreien will. “Dir ist schon klar, dass wir uns in einem von mir ausgewählten Informed cluster existential befinden, also uns nur in diesem von mir informierten neuronalen Netz bewegen. Diese Tatsache erfahrt ihr beiden dank meiner Bilder als gestaltetes Werden. Wenn nämlich eine Fantasie die ihr verantworteten Verstand und Vernunft nicht angemessen unterhält, fällt denen nichts mehr ein, und sie verkümmern. Alle Wesen besitzen eine Fantasie, die stark genug ist, um sie aus dem Schein geleiten zu können."

In diesem Augenblick fährt der Zug in Sophia ein. Nachdem er zum Halten gekommen ist, hört der Verstand, dass die freundliche Ansagerin "Sophia” wie das griechische Wort für Weisheit, also auf dem “i” betont und das “i” dabei dehnt. Die Vernunft staunt über die vielen Wörterwesen auf dem Bahnsteig, von denen nur wenige zusteigen. Wenige Augenblicke später setzt sich der ICE wieder in Bewegung. “Wir begrüßen jetzt im ICE nach Ens alle zugestiegenen Fahrgäste und wünschen eine angenehms Fahrt. Nächster Halt ist Empeira. Wir werden diesen Ort voraussichtlich fahrplammäig um Null Uhr erreichen!” Spätestens jetzt wird dem Verstand klar, dass Empeira in einer Zeitzone liegt. Vorsichtshalber erkundigt er sich bei der Fantasie, ob sie fahren, ohne sich zu bewegen. Die Fantasie verneint das und erklärt, dass Bahnhofsuhren Nano- bzw. Neurosekunden nicht messen und anzeigen können. Die beiden werden von der Vernunft unterbrochen: "Meine Uhr ist wie die Bahnhofsuhr in Sophia stehen geblieben." Der Verstand erklärt ihr, dass nicht die Uhren stehen geblieben sind, sondern dass vielmehr für Uhren noch gar keine Zeit vergangen ist. "Entschuldigt, das ist mir jetzt sehr peinlich. Ich habe völlig vergessen, dass es in Sophia gar keine Kategorien gibt."
Nach einiger Zeit hält der ICE erneut. “Sophia. Hier ist Sophia. Der soeben aus Nihil planmäßig eingefahrene ICE hat nur wenige Augenblicke Aufenthalt!"
 

30
Jan
2012

Gier statt Neugier

 

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Der gegenwärtige Bundespräsident steht für einen radikalen Wertewandel. Er ist ein grell leuchtendes Beispiel für die fortschreitende Wandlung des vernunftbegabten Lebewesens zum habgierigen Wesen. Der durch die Umwertung aller Werte bedingte, zunehmend schneller fortschreitende Verfall des Wesens zerfrisst bereits grundlegende, an der Entstehung neuronaler Netze beteiligte Kräfte. Nicht mehr Neugier regelt das Denken, sondern Gier. Habgier zerstört die Welt schneller als alle Schadstoffe. Die Katastrophe scheint unausweichlich, denn die Welt hat zwar genug für jedermanns Bedürfnisse, nicht aber für jedermanns Gier. Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.

“Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr!” lautet der Wahlspruch gewulffter Erziehung zum Staatsbürger. Dieser Bürger wird für Geld alles tun, weil er der Meinung ist, dass man für Geld alles haben kann. In einer so gearteten kapitalistischen Gesellschaft wird das Gute als höchster Wert durch den Euro abgelöst. Die Tüchtigkeit eines guten Staatsbürgers lässt sich an seinem Kontostand ablesen. Statt der Zehn Gebote regeln die Gesetze des Marktes den Alltag. Der Bundesadler wird zum Bundesgeier, zum Aasgeier, was die Verteilung zwischen arm und reich angeht.


Zug nach Nirgendwo

Gier ist kein Weg. Gier ist ein Zug, der nach Nirgendwo führt. Die unersättliche Gier führt zu nichts, weil sie mit nichts zufrieden ist. Tun sich gar Gier und nicht wollender Wille zusammen, dann fühlt sich ein Wesen ständig getrieben, ohne jemals erfahren zu können, wozu eigentlich. Ziellos Getriebene haben die Neugier verloren. Emotionen aber setzen neue neuronale Impulse wie Züge in Bewegung und schicken sie durch neuronale Netze, um helfende Möglichkeiten zu erkunden. Es ist nicht Gier, sondern Neugier, die nach Aufbruch verlangt und das Abstellgleis der Gedanken selbst bis ins hohe Alter immer wieder freiräumt. Solange sich Fantasie, Vernunft und Verstand in einem harmonischen Verhältnis zueinander befinden, erzeugen sie schöpferische Energien, die Bilder formen und als Bilderleben gestalten. Im Gegensatz zur unersättlichen Gier ist der Neugier Hoffnungslosigkeit fremd. Für sie ist Utopie kein Niemandsland, sondern die Fülle aller schöpferischen Möglichkeiten.
 

29
Jan
2012

Notfall

 

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Es ist nicht ungewöhnlich, dass auf dem Bahnsteig bereits der Krankentransport-Wagen des Notarztes wartet, während der ICE einfährt. Weil unentdeckte Krankheiten manche der Reisenden begleiten, kommt es immer wieder vor, dass einer der Reisenden seiner Krankheit nicht länger zu entrinnen vermag und von ihrem Ausbruch überrascht wird. Aber es gehört zum Service der DB solche Notfälle so unauffällig wie möglich zu erledigen.

Meistens beginnt es mit einer freundlichen, völlig harmlos erscheinenden Durchsage “Falls sich ein Arzt im Zug befindet, bitte beim Schaffer melden!” Es ist die gleiche freundiche Stimme, die sonst die Sonderangebote des Zugrestaurants durchgibt. (Menschenleben scheinen der DB nicht wert, einen Arzt als Zugbegleiter mitreisen zu lassen.) Nicht selten wird diese Durchsage wiederholt.

Aber heute hat keine Durchsage einen Notfall angekündigt. Dennoch scheint der Notarzt aus Kassel-Wilhelmshöhe ungewöhnlich lange beschäftigt. Zugbegleiterinnen bewegen sich offensichtlich aufgeregt durch den Zug. Schließlich fragt er eine junge Schaffnerin, die, wohl leicht überfordert, eine Auskunft gibt, welche ihr gewiss von der DB untersagt würde: “Ach, wir hier sind heute ohne Lokführer eingefahren. Weil unser Lokführer einen Schlaganfall erlitten hat, müssen wir jetzt auf Ersatz warten!” Nach einer Viertelstunde eine Durchsage, dass sich die Weiterfahrt des Zuges noch wenige Minuten wegen einer notärztlichen Versorgung verzögern wird! Alle Reisenden bleiben verständnisvoll ruhig. Schließlich kann es jeden treffen. Zudem handelt es sich dieses Mal ja um keine der häufigen betriebsbedingten Störungen. Und tatsächlich fährt der Zug dann auch weiter.


Tarnung

Während der Zug sanft durch die Rhön gleitet, beschäftigt ihn immer noch der Schlaganfall des Lokführers. Die automatisierte Technik der Zugführung hat diese Tragödie unauffällig bleiben lassen. Nach Ansicht der Bahn ist der Schlaganfall eines Lokführers Privatsache, die keinen Reisenden etwas angeht. Die junge Reisbegleiterin war noch zu unerfahren, um das zu begreifen. In ihrer Naivität war sie zu gerührt, um den Notfall für sich behalten zu können. Für die Reisenden, denen sie sich mitteilte, erschien die Wahrheit als wohltuende Abwechslung zum üblichen DB-Wulffen.

Dummerweise erkundigte sich einer der Reisenden beim Zugführer nach dem Gesundheitszustand des Lokführers. “Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft erteilen!” Nur wenige Minuten später trifft sein Zorn die junge Kollegin. “Was erlauben Sie sich eigentlich? Wie können Sie den Reisenden nur von diesem Schlaganfall berichten? Es hätte ja eine Panik ausbrechen können. Jedenfalls wird das Folgen für Sie haben!” Weinend verlässt die junge Frau das Dienstabteil des Zugführers, ohne recht zu verstehen, was sie eigentlich falsch gemacht hat.

Niemand sagt ihr, dass sie gegen das Unauffälligkeitsprinzip verstoßen hat. Nach diesem Prinzip müssen alle Fehler, die den Betriebsverlauf stören, möglichst unauffällig beseitigt werden. Wenn sich jemand vor den Zug wirft, ist das kein Suizid, sondern eine betriebsbedingte Störung, die man, um unliebsames Nachfragen von Reisenden zu vermeiden, am besten wie üblich per Durchsage als Signalstörung kaschiert. In einer Gesellschaft, in der Werte schwinden, gehört die Tarnung persönlich relevanter Ereignisse zur allgemein verbindlichen Norm. Als Vorbild einer solchen Gesellschaft zeigt doch das Staatsoberhaut, wie sich Unannehmlichkeiten wulffen, also geschickt unter den Teppich kehren lassen. Wer die Wahrheit nicht wulfft bzw. tarnt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er erfolglos bleibt.
 

28
Jan
2012

Ein alter Hut

 

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Fantasie, Vernunft und Verstand bilden den dreifaltigen Urgrund des Bewusstwerdens. Diese Bildung spiegelt sich in der Natur als Sein, Entstehen und Vergehen wider. In der Zeit erscheint diese Widerspiegelung als Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit. Die Vergangenheit gebärt jene Erfahrungen, welche der Verstand braucht, um die Gegenwart der gestaltenden Vernunft zu begreifen, damit die Fantasie zu schauen vermag, was in der Zukunft verwirklicht werden kann.

Das Zusammenspiel der Drei scheint durch jede Alltagssituation durch. So entsteht die Meditation der Zeit auf dem Bahnsteig durch die Inszenierung des Zeitflusses. Die Rolle übernimmt der rote Sekundenzeiger. Das Drehbuch liefert der Verstand durch Vorgabe des Ziffenblatts bzw. der Zeitmessung. Die Vernunft übernimmt die Regie der Erinnerungen, und die Fantasie gestaltet die Geschichten im Kopfkino des einsamen Wartenden. Die Vernunft kann jederzeit die Inszenierung verändern und den Verstand die Vernunft fragen lassen, wie sie sich eigentlich den Verlauf der weiteren Reise vorstellt. Und in Abstimmung mit der Fantasie wird die Vernunft zu jener Antizipation einladen, welche nach Hamburg Hbf schon vertraute Gewohnheit ist: eine Tasse Kaffee und ein Croissant bestellen, während das kleine Notebook mit der für Windows üblichen Gemächlichkeit hochfährt. Mit dem Eintreffen der Bestellung kann das Nachbereiten der zurückliegenden Veranstaltungen beginnen. Die Vernunft widerspricht dem kritischen Verstand und lässt die Fantasie noch einmal vor Augen führen, dass doch eigentlich alles wieder einmal gut abgelaufen ist. Planmäßig mit dem Eintreffen des Zuges in Hannover wird die Nacharbeitung abgeschlossen sein. Wenn dann der Zug nicht wieder zu voll wird, warten neue Ideen und ihre Gedanken darauf in MS Word festgehalten zu werden. Aber daraus wird nichts, weil in Hannover der Philosoph zusteigt. Vorsorglich hat er schon den Platz neben sich für den Kollegen freigehalten. Nach der wie gewöhnlich herzlichen Begrüßung beschließen die beiden, das Gespräch der letzten Fahrt fortzusetzen. Sie waren sich darüber einig, dass der gegenwärtige Schwund der Philosophie mit dem veränderten Verhältnis zur Zeit zu tun hat. Zunehmend kurzlebige Ereignisse in immer flüchtigeren Stiutuationen schlucken verbliebene besinnliche Zeiträume. Als Widerspruch zum Augenblick erzeugt Just-in-time-Stress krankmachende Besinnungslosigkeit. Der Dreiklang von Verstand, Vernunft und Fantasie während des Bewusstwerdens wird zum Missklang existenznötigender Terminzwänge.

Ein modisch schick gekleideter junger Mann spricht den Philosophen aus Hannover an. Auf dessen Jahrzehnte altes Hutmodell im Gepäckträger deutend stellt er sich vor: “Entschuldigen Sie bitte. Ich bin ein Modedesigner aus New York. Kann ich Ihnen vielleicht Ihren Hut abkaufen?” Der alte Philosophieprofessor antwortet schlagfertig: “Junger Mann, soll ich ein so altes Modell, das Sie immer noch für sehr chick halten, verkaufen? Schaffen Sie selbst etwas, das nicht aus der Mode kommt! Meinen alten Hut werde ich noch so lange tragen, bis wir beide nicht mehr gefragt sind.” Etwas irritiert entschuldigt sich der junge Designer.
 

27
Jan
2012

Wartezeit

 
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Unser Gehirn kann seine Arbeit reflektieren, indem es sie in Bildern widerspiegelt. Da diese Spiegelungen während des Bewusstwerdens entstehen, können wir sie mit erleben. Es sind seelische Schwingungen, die für uns Gestalten stimmungsvoll formen. Wir begegnen diesen Gestalten, indem wir uns auf sie einlassen und beschreibend festzuhalten versuchen, was sie uns mitteilen. Diese neuronalen, für uns personifizierten Gestaltungen treten gewöhnlich als Leitbilder oder Vorbilder auf und wirken demzufolge auf uns wie Wegmarken. Wir brauchen aber nichts einfach nur hinzunehmen, sondern können den durch sie vorgezeichneten Weg beeinflussen. Um das zu erreichen, müssen wir ihnen aber zuhören und mit ihnen ins Gesprächs kommen.

Dass das so ist, erfahren wir durch Eingebungen von Gedanken, die wir aufschreiben. Durch diese Art und Weise des neuronalen Diktats des Gehirns erhalten wir gleichsam szenische Beschreibungen der Situationen, in denen wir den Figuren in ihren verschiedenen Rollen begegnen werden. Manches Mal wird ein wichtiges neuronales Ereignis sogar durch einen banalen alltäglichen Gegenstand wie eine Bahnhofsuhr vermittelt.

Wer nämlich viel unterwegs ist und dank der vielen Unpünktlichkeiten der Bahn immer wieder warten muss, ist gewiss manches Mal auf meditative Weise mit der Bahnhofsuhr in einen schweigenden Dialog getreten.

Auf weißem Grund bewegt sich sanft der rote Sekundenzeiger entlang der kleinen schwarzen, im Kreis angeordneten Striche, die nach je fünf Strichen durch einen etwa doppelt so dicken und dreimal so langen schwarzen Balken unterbrochen werden. Diese werden zusätzlich jedes dritte Mal unauffällig verlängert und erzählen auf diese Weise, dass wieder ein Viertel einer Minute vergangen ist.

Es sind viele tagträumerische Minuten, in denen der häufig auf einem Bahnsteig Wartende dem beruhigend fließenden Gleiten des dünnen roten Sekundenzeiger folgt, in Hamburg-Altona oder im Hauptbahnhof während des Wartens auf das Bereitstellen des ICE, in Hannover, Kassel, Fulda oder Frankfurt nach dem Umsteigen mangels durchgehender Verbindungen.

Die Erfahrung der Zeit verändert sich dadurch. Durch das Warten zwanghaft auffällig geworden, wird die abfließende Zeit unversehens erlebt.
Der kleine rote sich von innen nach außen hin verjüngende Zeiger wird am Ende des letzten Viertels seiner Länge nach außen hin durch einen kräftigen Kreis unterbrochen.
Dieser Kreis, der sich Minute um Minute über weißem Grund an den schwarzen Sekundenmarken vorbei bewegt, wirkt auf den wartenden Reisenden wie ein sensibler Punkt. Er steigert die Freude auf dem Weg nach Hause oder trübt die Stimmung, wenn es wieder in die Ferne geht. Nachts wirkt er wie verloren und der Wartende fühlt sich irgendwie mit ihm solidarisch. Es ist tröstlich, dass dieser kleine rote Zeiger von Bahnhofsuhren überall der gleiche bleibt. Aber charakterlich zeigt er sich allerdings im Süden lebhafter, wenn er um die Stellung der Zwölf federnd springt, während er sich im Norden an dieser Zeitstelle sanft voreilig verhält.

Bahnhofsuhren zeigen zwar die Flüchtigkeit der Zeit an, gemessen aber wird sie während des Betrachtens mit der inneren Uhr. Niemand hat zu wenig Zeit, aber jeder hat viel zu viel Zeit, die er nicht nutzt. Minuten der Besinnung, die der ruhig gleitende Zeiger dem versunkenen Betrachter verschenkt, offenbart das Werden im Augenblick und dessen Verlängerung durch die Geschichten, die einige Sekunden erzählen. Jedem gehören nur die drei Sekunden des Augenblicks, aber das ist viel, wenn sie glücklich sind. Gehört dazu der letzte Augenblick, dann wird er zum Kostbarsten, was das Leben zu schenken vermag.

Im nächsten Augenblick fährt der Zug ein. Durch seine Geschwindigkeit wird er die Zeit dehnen. Viele Geschäftige beschäftigen sich mit Zerstreuungen, um der Langeweile der Hochgeschwindigkeitsträgheit zu entfliehen. Stolz, so viel Zeit gewonnen zu haben, fällt ihr Blick beim Verlassen des Zuges auf eine Bahnhofsuhr ohne Sekundenzeiger.
 

26
Jan
2012

Einkehr

 
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Das Ego bewegt sich schon seit längerem durch die Wüste verdorrter Texte oder überquert ausgetrocknete Salzseen versiegter schöpferischer Ideen.

Der Staub antiquierter Gedanken macht der Seele das Atmen schwer. Störendes Husten bringt die Bewegung zum Stolpern. Die raren Gedanken während der Wüstennacht frösteln. Aber bis zur Oase muss Ego noch durchhalten.

“Gehörst Du auch zu jenen, welche wieder einmal zu spät unterwegs sind?”, fragt die Neugier, die das überfällige Ego in ihrer Oase erwartet. Ego weiß mit der Frage nichts anzufangen. “Wie meinst Du das?”, will Ego also wissen. Die Neugier erklärt ihm lächelnd. “Ich interessiere mich für alle Spätlinge, die zu früh dem Ausgang des Bewusstseins zustreben, weil ihnen zu banal erscheint, was geboten wird!” Als Ego die Neugier völlig überrascht und ziemlich ratlos ansieht, reagiert sie, indem sie sich entschuldigt: “Oh, Du erkennst mich nicht, weil ich meine Wüstenschutzkleidung trage, mich Areta nenne und zum Notdienst gehöre. Und Du bist für mich ein Fall für die Nothilfe!"

Ego folgt der Einladung Aretas, sich das bei einer Tasse Tee in ihrem Zelt erklären zu lassen. Dabei macht Areta Ego klar, dass es zu jenen gehört, welche suchen, ohne finden zu wollen. “Schon sehr lange suchst Du nämlich, ohne überhaupt eine Richtung zu haben, weil Du in Wahrheit gar nichts entdecken willst!”

Ein freundlicher Junge schaut zum Zelt hinein und unterbricht die beiden. “Darf ich mich zu Euch setzen?” Ohne erst eine Antwort abzuwarten, setzt er sich zu ihnen. "Übrigens ich bin Willi und der Freund von Areta!” Ego entdeckt sofort, dass die beiden verliebt sind, Gegensätze, die sich wechselseitig anziehen. Das entschuldigt natürlich Willis Unhöflichkeit. Willi erklärt nun Ego, dass er schon lange mit Areta zusammenarbeitet und sich um Wesen kümmert, die aus dem Augenblick gefallen sind. Ego findet, dass in Willis Stimme Überheblichkeit mitschwingt. Areta spürt das und entschuldigt Willis Übereifer: “Warum fällst Du gleich mit der Tür ins Haus? Du kennst Ego doch noch gar nicht! “ Willi, leicht errötend, verteidigt sich: “Das hat mir die Intuition gesagt. Kann sein, dass ich zu schnell und zu direkt war!”
Ego will nun aber trotzdem von Willi wissen, was “aus dem Augenblick fallen” bedeutet.

“Es gehört zu den wesentlichen Eigenschaften fantasiebegabter Wesen, dass sie Zeit empfinden können. Wer aus dem Augenblick fällt, empfindet Zeit gleichsam als Weg, der ständig unter seinen Füßen entschwindet. So gehen und gehen sie, ohne voranzukommen. Wer aus dem Augenblick fällt, bleibt stehen und geht damit rückwärts, weil die Zeit ja weiterhin voranschreitet. Aus meiner Zeit als nicht wollender Wille kann ich ein Lied davon singen. Da sich mir alle möglichen Ziele entzogen, war ich ständig auf der Suche...” Areta ergänzt Willis Schilderung: “Solche Zeiten des Unwillens entstehen, sobald ein Wesen versucht, sich nur mit sich selbst zu beschäftigen und nicht mehr in Rücksicht auf andere zu leben. Für mich ist der Ausweis für redliches Tun, dass man sich stellt und es öffentlich macht!”

Was siehst Du mich so ernst an Areta?”, will Ego wissen. “Ich denke über Dein Suchen, ohne zu entdecken nach... Ich vermute, es liegt daran, dass Du noch nicht mit Dir Eines geworden bist!” Ego fragt, wie Areta das meint. “Jedes Wesen hat in seinem Leben die Aufgabe, seine Möglichkeiten mit der Wirklichkeit in Deckung zu bringen. Nur auf diese Weise kann sich das Bewusstsein so erweitern, dass es dem Ich sich als das Selbst zu offenbaren vermag!”
 

25
Jan
2012

Reinigung

 
zwischenzeit

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Wer auf der Suche ist, spürt den Drang, in sich zu gehen, um Antworten zu finden, was ihm von seinem Wesen her aufgegeben ist. Diese Entdeckung aber setzt voraus, dass das Ich bzw. Ego sein Selbst gefunden hat. Solange sich nämlich jemand mit Selbstfindung beschäftigt, vermag er die inneren Augen nicht zu öffnen. Er kann gerade nicht die Wahrheit finden, die er doch sucht. Selbstfindung ist die vom Ich inszenierte Tragödie, um sich durch Leiden zu reinigen. Die Selbstreinigung ist tragisch, da Leiden nicht durch Leiden aufgelöst werden kann. Die Dramaturgie solcher Selbstinszenierung liegt gewöhnlich beim nicht wollenden Wille, Ausdruck eines tief sitzenden Phlegmas, das fast alle Betroffenen hartnäckig leugnen.
Gleichgültigkeit ist häufig eine neuronale ‘Schläfrigkeit’, die damit zusammenhängt, dass sich viele Wege als Sackgassen herausstellen. Dies führt zur Abstumpfung gegenüber neuronalen Impulsen. Der Geist ist zu schwerfällig, um noch auf neue Impulse reagieren zu können. Das Suchen gleicht schließlich einem neuronalen Kreisverkehr ohne Verbindungen in andere neuronale Netze. Die Folge ist Einfallslosigkeit.

Möglichkeiten, die zu verwirklichen wären, zeigen sich nicht mehr. Kein Wunder also, dass das Ego verzweifelt versucht, auszubrechen und dann ziellos durch die Gegenden möglicher Interessen irrt.

Es ist die jedem Ego vertraute lange Nacht der abfließenden Energien, die nach den Gesetzen der Natur wieder zurückfluten. Wie die Anziehungskraft des Mondes, so holen sie die unerschöpflichen Kräfte der schöpferischen Seele zurück, um die Neugier wieder erwachen zu lassen.
 

24
Jan
2012

Das innere Auge

 
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Das innere Auge öffnet sich durch Harmonie zwischen dem Fühlen der Seele, dem Wahrnehmen oder Gestalten der Vernunft und dem Denken oder Formen des Verstandes.

Die Fantasie bestimmt die Sehkraft des inneren Auges. Die Vernunft regelt den Lichteinfall, und der Verstand steuert die Trennschärfe des inneren Sehens bzw. des Sich-Vorstellens. Ohne scharfen Verstand lässt sich nicht visualisieren, was die Fantasie schaut.

Das Wahrnehmen des inneren Auges beginnt mit einer Vision, das ist eine Erfahrung des schauenden Geistes. Er wird aus der Tiefe der inneren Welt der Seele zur Projektion von Möglichkeiten angeregt. Die Fantasie gestaltet aus diesem Spiel erst die für die Vernunft wahrnehmbaren Bilder, und der Verstand schließlich bringt sie künsterisch oder wissenschaftlich zur Sprache.

Das Öffnen des inneren Auges lässt sich sehr einfach bewusst machen. Wer Bilder sieht, während er Musik hört, wer die Gedanken aufnimmt, während er ein Kunstwerk betrachtet oder wer die Erfahrungen nachvollzieht, die Poesie wachruft, der erlebt inneres Wahrnehmen. Wer in einen inneren Dialog gelangt über das, was das innere Auge wahrnimmt, gewinnt an Sicherheit, geistig tatsächlich etwas geschaut zu haben.

Umgekehrt kann uns die innere Stimme auch sagen, worauf unser inneres Wahrnehmen achten soll. Oder unser Gewissen mahnt uns bei dem, was wir gerade tun, dass uns jemand dabei zuschauen könnte.
 

23
Jan
2012

Die Füße der Seele

 
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Es sind nicht die Füße des Körpers, sondern sie Füße der Seele, die das vernunftbegabte Wesen zurück in das Paradies tragen. Der Weg dorthin führt durch die Zeit. Sie ist es, welche die Endlichkeit der Unendlichkeit übergibt. Bei dieser Übergabe wird das Anhaften durch das Körperliche zurückgelassen. Die Seele aber vermag sich nur zu lösen, wenn sie durch Liebe getragen wird, durch Liebe zu sich selbst und zu anderen.

Selbstliebe allein vermag jenseits der Zeit Andere und Anderes nicht mehr zu finden. Und bloße selbstlose Liebe verliert, während sie die Grenze überschreitet, alles, auch sich selbst. Aber in ihrer Ich-Verlorenheit merkt sie das nicht mehr.

Die Wahrheit wohnt auf der anderen Seite der Welt. Die Liebe ist es, die dort der Wahrheit zuerst begegnet. Das Denken der Liebe geht tiefer als das der Vernunft oder des Verstandes. Der Verstand vermag Liebe nicht zu begreifen, und die Vernunft kann nicht sagen, was sie fühlt.Die Liebe hat mit der Wahrheit gemeinsam: Niemand kann sie sagen. Jeder kann sie nur leben!

Die Kunst vermag beides zugleich. Indem sie schaffend ins Werk setzt, offenbart sie sich zugleich. Das schöpferisch künstlerische Gehirn erfährt sich und nimmt sich wahr, indem es sich als Bilderleben betrachtet und fühlt. Diese Bilder werden durch die Kraft der Fantasie und in der Liebe zur Freiheit gezeugt. Sie werden durch die Kraft der Vernunft gestaltet und durch die Kraft des Verstandes geformt. In dichterischer Form versucht das Gehirn seine Arbeit gestalterisch darzustellen. In Neuropoems also erzählt das Gehirn von und über sich selbst. Es sind gefühlte Spuren einer schauenden Seele.
 

22
Jan
2012

Unterwegs zur Wahrheit

 
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Unterwegs zur Wahrheit treffen die Vernunft und der Verstand auf die Fantasie. Die Freude der beiden ist groß, denn der Verstand achtet die Fantasie vor allem deshalb hoch, weil sie im Gegensatz zu ihm unbegrenzt ist. Und die Vernunft schätzt die Fantasie, weil sie sich nichts vormachen muss, sondern sich alles zufällig entstehen lassen kann. Vernunft und Verstand erhoffen sich von der Fantasie vor allem Klarheit über den Weg zur Wahrheit.

Nachdem sie bereits so lange unterwegs sind, nehmen sie an, dass es nicht mehr weit kann sein. Sie weigern sich, dem alten Weisen, den sie unterwegs trafen, zu glauben. Er sagte ihnen nämlich, dass sie hier niemals irgendwo auf die Wahrheit treffen, denn diese wohne auf der anderen Seite dieser Welt.

Der Verstand ließ sich auch nicht durch jenen deprimierten Philosophen beirren, den sie kurz darauf trafen und der darüber jammerte, dass das Bewusstsein der denkenden Wesen zu klein sei, um Wahrheit erfahren zu können. Allerdings hat den Verstand doch sehr beeindruckt, was dieser Denker zum Beweis anführte: “Als Offenheit gelangt Wahrheit zum Vorschein, wenn die maßgeblich bestimmenden Eigenschaften von etwas wahrgenommen um als Wirkungen von Ursachen unter Berücksichtigung der Umstände betrachtet zu werden, damit sie als Grund zu einem bestimmten Zweck mittels bestimmter Mittel interpretiert werden können, und zwar in der Absicht, zu begreifen, wie viel wo und wann aufzuwenden ist!” Und er fügte sehr ernst hinzu: “Du wirst sehen, es ist allein schon schwierig, diesen Satz zu erfassen und ihn dann mit eigenen Worten wiederzugeben!” Der alte Weise will mit diesem hoch komplexen Satz klar machen, dass Wahrheit sich gestaltet, sobald sich das Bewusstsein in Höchstform organisiert.

Die Wahrheit bleibt für uns vor allem aus Unwissenheit eine Utopie, eine Möglichkeit, die wir mangels innerer Kraft nicht zu verwirklichen vermögen. Aber wir können wenigstens wahrhaftig sein und unterwegs bleiben. Wir können nämlich nur jenen trauen, welche die Wahrheit suchen, nicht aber jenen, welche sie gefunden haben.
 

21
Jan
2012

Die schönste Tochter der Wahrheit

 
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Das Gehirn erzählt uns über sich in den Bildern der Fantasie. Diese Bilder können wir als Vorstellungen in unserem Bewusssein wahrnehmen, betrachten und interpretieren. Je nach unserer Begabung handelt es sich um religiöse, philosophische, künstlerische, wissenschaftliche Werke, sportliche oder handwerkliche Vorstellungen.

Wir können auch Vorhaben, bevor wir sie ausführen, in unserer Fantasie schon einmal durchspielen. Spitzensportler stellen sich auf diese Weise auf unmittelbar bevorstehende Höchstleistungen ein, und Schwerkranke heilen sich, indem sie sich vorstellen, wie sie wieder gesunden. Die Fantasie lässt sich oft vom Glauben helfen, um sogar Möglichkeiten, die für unwahrscheinlich gehalten werden, zu verwirklichen. Die Kraft des Glaubens durch Fantasie kann Wunder bewirken. “Glaube kann Berge versetzen!” Diesen Spruch bestätigen sogar Schulmediziner, die mit schweren Krankheitsfällen zu tun haben.

Die Fantasie ist jene neuronale Kraft des Gehirns, welche unser Sein als unsere Existenz hervorscheinen und uns unsere Umgebung für uns im günstigen Licht erscheinen lässt. Nicht selten entscheidet fantasievolles Schönfärben über unser Glück.

Die Fantasie gilt als schönste Tochter der Wahrheit. Sie offenbart sich in unserem Bewusstsein als Bilderleben. Die Vernunft erfährt dieses Bilderleben als Bilder-Leben. Der Verstand analysiert das Bilderleben als jeweiliges Bild-Erleben.

Jene Wesen, welche auf diese Art und Weise das Bewusstwerden erfahren, nennen sich seit jeher denkende Wesen. Jedoch sind viele von ihnen nicht in der Lage, sich das Wahrnehmen als Gestalten der Fantasie, das Betrachten als Vergegenwärtigen der Vernunft und das Interpretieren als Beobachten des Verstandes bewusst zu machen, obgleich sich das Begreifen als das Denken immer nur aus Wahrnehmen, Betrachten und Beobachten zugleich entwickelt.

Jedes denkende Wesen hat die Möglichkeit, das eigene Denken wahrzunehmen, zu betrachten und zu beobachten, um es zu beschreiben und zu begreifen. Leute, die diese Selbstbeobachtung professionell betreiben, bezeichnen sich von Anfang an als Philosophen. Zu den Freunden der Weisheit gehören alle, die das Vermögen erworben haben, zur Verbesserung der Fähigkeit der Selbstbeobachtung beizutragen.

Unter den Philosophen der ersten Stunde herrscht von Anfang an Einvernehmen darüber, dass das denkende Wesen durch Selbstbeobachtung auch in die Lage versetzt wird, die Grenzen des sinnlich Vernehmbaren zu überschreiten, um bereits zu Lebzeiten einen Einblick in die andere Seite der Welt zu erhalten. Das Vermögen, einen solchen Einblick zu gewinnen, nennen sie ιδείν (idein), und sie sind der Ansicht, dass alle denkenden Wesen über diese Fähigkeit von Natur aus verfügen.

Die Neuropoems stellen dies Fähigkeit in Bildern dar.
 

20
Jan
2012

Resistenz

 
resistenz

© urs

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis diese Geschichte zur Veröffentlichung freigegeben wurde. Genauer gesagt, sind es Fragmente, die sich wie die Teile eines Puzzles zu dieser Geschichte zusammenfügen.

Die Gründe dafür, warum so viel Zeit bis zur Veröffentlichung verstrich, ergaben sich aus den Schwierigkeiten, das Geschehen glaubhaft darzustellen. Die geheimen Wege des Spiels, der Vernunft und des Verstandes verbergen sich, um für ein Wesen dessen Existenz zu offenbaren. Diese Wege führen durch verschiedene Gegenden bzw. existenzielle Bereiche mit unterschiedlichen Zielsetzungen, aber auch Gefährdungen. Es sind die Wege der Kunst, des gesellschaftlichen Engagements oder der Wissenschaft.
 

19
Jan
2012

Ausspielen statt spielen - Exkurs -

 
schein-bildung

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Protagoras entdeckt, dass wohlklingendes Nichtssagen wegen seiner Unverständlichkeit Eindruck erweckt und deshalb Ansehen verschafft. Aus diesem Grund kommt es vor allem auf Rhetorik an!

Kurzer Auszug eines Protokolls einer Prüfung im Fach Pädagogik über das Thema Bildung.

P = Prüfer
K = Kandidat

P: "In der Vorbesprechung sagten Sie, dass Sie mit dem Thema "Bildung" beginnen möchten. Bleibt es dabei?"
K: "Ja!"
P: "Dann sagen Sie uns einmal, was in der Pädagogik unter Bildung verstanden wird!"
K: "Das ist gar nicht so einfach. In der Literatur existieren Tausende von Definitionen. Vielleicht fange ich mit dem Verständnis des Sokrates von Bildung an. Sokrates versteht unter Bildung das Wissen des Nichtwissens. Sein Satz "Ich weiß, dass ich nichts weiß!" besagt, dass man sehr viel wissen muss, um zu wissen, wie wenig man weiß."
P: "Sie definieren also Bildung als Wissen des Nichtwissens?"
K: "Ja, weil ich denke, dass die übrigen Definitionen das beinahe alle bestätigen!"
P: "Bildung, von althochdeutsch 'Bildunga', 'Schöpfung', 'Bildnis', 'Gestalt‘ bezeichnet die Formung des Menschen im Hinblick auf sein „Menschsein“! Können Sie darüber noch etwas sagen?"
K: "Der Begriff bezieht sich sowohl auf den Prozess „sich bilden“ als auch auf den Zustand „gebildet sein“. Dabei entspricht die zweite Bedeutung einem bestimmten Bildungsideal, zum Beispiel dem humboldtschen Bildungsideal, das im Laufe des Bildungsprozesses angestrebt wird. Ich meine: Ein Zeichen der Bildung, das nahezu allen Bildungstheorien gemein ist, lässt sich umschreiben als das reflektierte Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt!"
P: "Wie verträgt sich das mit Ihrer Eingangsdefinition?"
K:"Ich denke, sehr gut, weil gerade das reflektierte Nichtwissen zur Bescheidenheit aller gegenüber allen führt!"

Das Phänomen der "Schein-Bildung" wurde erdacht, um den Menschen gegen ihn selbst gängeln und kleinhalten zu können. Selbststgefangenschaft durch Bildung aber führt zu einer radikalen Veränderung der Wahrnehmung. Werte und Normen führen nicht mehr in eine gründliche Auseinandersetzung mit der eigenen Welt sondern dazu, dass man diese für sich durch geeignete Filterung zurechtlegt. Aufgrund der Wahrnehmungsbehinderung kann fortan alles gesagt und behauptet werden. Es wird so angenommen und weitergetragen. Das verhält sich so wie mit jemandem, der eine mathematische Formel nachplappert und anwendet, ohne sie zu verstehen. Solche Oberflächlichkeit führt zu Entwicklungen, die kräftig vorangetrieben werden, obgleich sie vielen schaden und nur wenigen nutzen. Der zunehmend beschleunigte Ausfall des Gewissens führt zur Zerstörung erst der Innenwelt und dann der Außen- bzw. Umwelt. Protagoras (* 490; † 411 v. Chr.) gilt nicht nur als der erste Pädagoge, sondern auch als der Erfinder der egozentrischen Strategie des Willens zum Erfolg, koste es, was es wolle. Nach dem Motto, dass der beste Lügner der ist, der mit den wenigstens Lügen am längsten auskommt, gelingt es Protagoras, die Welt mit einer einzigen Lüge über zwei Jahrtausende zu ihrem Nachteil zu beeinflussen.

Wir stammen mehr oder minder alle von Menschen ab, die auf die Gefahren der Existenz nur eine Antwort wußten: Geschichten über unberechenbare oder mißgestimmte Gottheiten zu 'erfinden'. Die menschliche Phantasie erschuf sich Götterwelten, um Erklärungen für die Katastrophen und Konflikte zu haben. Im Griechenland Homers gab es noch Götter für alle natürlichen Erscheinungen. Bis dann vor 2500 Jahren in Ionien Leute auftraten, die glaubten, dass alles aus Atomen bestehe, dass Menschen und andere Lebewesen aus einfachen Formen entstanden seien, dass Krankheiten nicht von Dämonen oder Göttern verursacht würden, dass die Erde nur ein die Sonne umkreisender Planet sei.

Diese Revolution des Denkens schuf das Chaos (gr. Name für Un-Ordnung) zum Kosmos (gr.Name für Ordnung) um. Dieser Übergang wird von den Philosophen unter dem Aspekt des Denkens als Ablösung des Mythos durch den Logos beschrieben. Wird dieser Wandel auf die Wahrnehmung bezogen, dann erscheint er als Beginn der Herrschaft vernunftgesteuerter Wahrnehmung (Beobachtung) über die gefühlsmäßige Wahrnehmung (Betrachtung). An die Stelle des leidenschaftlich-religiösen Denkens tritt das distanziert-wissenschaftliche.

Diese 'Veräusserung' wird von jenem merkwürdigen Vorgang begleitet, welchen man gewöhnlich als den Beginn der Pädagogik bezeichnet. Analog zu den sogenannten Unternehmens- und Kommunikationsberatern heutzutage treten um 460 v.Chr. Sophisten (allen voran Protagoras) auf, die behaupten zu wissen, wie man erfolgreich wird. "Sophist", das bedeutet übersetzt: jemand der besonders klug ist. "Die Sophisten bieten wie reisende Händler gegen Bezahlung allerlei Kenntnisse an; sie sind Wanderlehrer. Der Unterricht wird als Mittel gepriesen, zum Staatsbürger zu bilden, sich im Leben durchsetzen zu können, zum Redner zu befähigen, der imstande ist, durch die Macht des Wortes die Volksmasse zu beeinflussen, zur politischen Führung zu gelangen. Die Sophisten erstreben Gewandtheit der Sprache, logisches Denken und allseitiges Wissen." (W. Ruß, Geschichte der Pädagogik, Bad Heilbrunn 1968, S.15) 'Der Mensch ist das Maß aller Dinge!' lautet ihr Wahlspruch. Vor Protagoras waren die Dichtungen Homers Mittelpunkte kultischer Feiern, jetzt werden sie zum Gegenstand der Deutungs- und Erklärungsversuche.
In Athen soll man sich über Protagoras folgende Geschichte erzählt haben. Er hatte einen gewissen Euatylos Unterricht erteilt. "Dabei hatten sie vereinbart, dass das Honorar erst zu bezahlen sei, nachdem Euatylos seinen ersten Prozeß gewonnen hätte. Nun führte aber Euatylos keinen Prozeß. Daraufhin verklagte ihn Protagoras auf Honorarzahlung. Die Beweisführungen waren folgende: Protagoras sagte: Euatylos muss auf jeden Fall bezahlen; denn gewinnt er diesen, seinen ersten Prozeß, dann muss er nach unserer Vereinbarung zahlen. Verliert er, dann muss er laut Richterspruch zahlen. Demgegenüber argumentierte Euatylos: Ich muss auf keinen Fall bezahlen: denn, wenn ich diesen Prozeß gewinne, dann brauche ich es laut Richterspruch nicht; verliere ich aber, dann brauche ich es nicht, weil ich diesen meinen ersten Prozeß nicht gewonnen habe. Die Richter sollen daraufhin die Verhandlung des unauflösbaren Dilemmas wegen auf unbestimmte Zeit vertagt haben.
 

18
Jan
2012

Aberglaube statt Vorbild

 
aberglaube

© urs

Wer durchgängig die gesamte Schulzeit hindurch wenigstens einige Lehrer immer wieder als Vorbilder erfahren hat, kommt wahrscheinlich nicht umhin, ihnen nacheifern zu wollen. Neben einer solchen Entwicklung geht das sich Formen des Verstandes und das sich Gestalten der Vernunft einher, und die Kraft der Fantasie aus Kindheitstagen schwächt sich zunehmend ab, während sich die Zeitfenster der Begabung schließen und schöpferische Ideen zunehmend mehr Zeit beanspruchen.

Vernunft und Verstand vermögen aber die Existenz nicht allein zu meistern. Versuchen sie das dennoch, dann kommt es unweigerlich zu Fehlbildungen, denn es lässt sich nun einmal nicht alles vernünftig erklären und verstandesmäßig absichern. Der Versuch, das dennoch zu tun, mündet geradezu zwangsläufig in den Aberglauben von der Machbarkeit von allem. Die hervorragenden Erfahrungen mit Vorbildern verführen zum Glauben an die Machbarkeit des Vorbildes. Da sich aber Vernunft und Verstand der Begabung nicht zu bemächtigen vermögen, erfinden sie jene Täuschung, welche das Vorbild als Schein zum Vorschein bringen sollen. Da als Mittel zu diesem Zweck durch Vernunft und Verstand erworbenes Wissen nicht taugt, wird stattdessen die Kunst des Überredens zur ausschließlichen Methode und Technik der Bildung. Da sie das Kind aus seiner Welt des Spiels in die Welt der Verpflichtungen führt, wird sie Technik der Kindes-Führung bzw. Pädagogik genannt. Die Fantasie verkommt zur Kunst der Überlistung bzw. Rhetorik.
 
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