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wfschmid - 14. Februar, 07:32
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© urs
Um das Wesentliche schauen zu können, muss natürlich alles Unwesentliche losgelassen werden. In Dementia bietet es sich deshalb an, dass Lethe, das Vergessen, zunächst einmal Besucher des Gedankenlabors anleitet. Lethe macht von der Gabe der Introspektion und des unsinnlichen Wahrnehmens (gr. idein) Gebrauch.© urs
Am Eingang des Gedankenlabors werden Fantasie, Vernunft und Verstand gefragt, wie sie sich durch das neuronale Netz bewegen möchten. ”Was ist denn hier das sicherste Verkehrsmittel?”, möchte die Vernunft wissen. “Was meinst Du mit Sicherheit? Wir kennen hier nämlich nicht, was Du Sicherheit nennst!”, hört sie eine Stimme. Die Vernunft erklärt, dass sie reisen möchte, ohne Schaden zu nehmen. Jedoch auch das Wort Schaden ist hier völlig unbekannt. Der Verstand erklärt der Vernunft, dass Sicherheit, Schaden oder dergleichen Vokabeln von Wesen sind, die das aus Erfahrungen bzw. aus ‘Versuch und Irrtum’ lernen müssen. Seiner Ansicht nach sind hier Störungen aber kein Thema, weil alles augenblicklich geschieht. Es lohnen sich Vergleiche zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte, so gut wie gar nicht.© urs
Selbstbewusstsein setzt die enge Bindung von “Ich stelle mir das so vor” (Vorgabe), “Ich mache das so!”(Maßnahme) und “Ich erfahre, dass es so geht, wie ich mir das vorgestellt habe!” (Wertung). Diese empfundene Ich-Geschlossenheit (Konsistenz) von Erwartung, Tun und Erfolg bzw. Erfüllung bildet die Bedingung der Möglichkeit eines in sich ruhenden Wesens. Und nur unter dieser Voraussetzung kann eine intakte neuronale Verbindung zwischen Nervenzellen hergestellt werden.© urs
Der ICE fährt in Dementia ein. Die drei verlassen ihr Bewusstsein und versuchen sich zu orientieren. Zu ihrer Überraschung wirkt alles, was sie in dieser ICE-Station wahrnehmen, völlig fremd auf sie.© urs
"Emotionen, die aus Grundbedürfnissen und Trieben entstehen, zeigen einem Wesen, dass es lebendig ist! Und genau diese Lebendigkeit ist auch die Bedingung der Möglichkeit für jene Lebendigkeit, welche hoch initiative Emotionen bzw. zündende Funken erst ermöglicht!”© urs
Nichts passiert ohne den ersten Funken, die „zündende Idee“. Kein noch so fantasiebegabtes Wesen vermag sich ohne diesen hoch sensiblen Beweggrund auf Dauer schöpferisch zu verhalten. Solche Funken sprengen längst erstarrte neuronale Strukturen.© urs
Die Fantasie weist Vernunft und Verstand wegen ihres ungebührlichen Betragens scharf zurecht. Sie empfindet es als außerordentlich anstößig, wenn Komplemente sich so abstoßend verhalten, statt, wie es sich gehört, sich wechselseitig zu ergänzen. ”Wenn das Gezänke so weitergeht, werden wir nie in Ens ankommen!”© urs
“Wenn Du einen Blick in die Welt des Sinnlich-nicht-Vernehmbaren tun willst, dann muss Dir klar sein, dass dort die üblichen raum-zeitlichen Grenzen nicht gelten. Du kannst also jeden Ort Deiner Geschichte zu jeder gewünschten Zeit aufsuchen. Voraussetzung ist natürlich, dass Du Dich in dieser Geschichte gut auskennst und Dich an die von Dir ausgewählte Situation gut erinnerst! Aber denke jetzt nicht, dass dieses Schauen, von dem ich spreche, bloßes Erinnern ist. Voraussetzung ist natürlich, dass Du emotional beteiligt und neugierig bist, weil Du eben etwas in Erfahrung bringen möchtest, was Dir bislang noch rätselhaft, weil verschlossen bleibt. Mit Schauen meine ich also, dass Du wahrnehmen darfst, wie sich Dir ein Geheimnis offenbart. Meistens ist es so, dass Dir solche beschaulichen Augenblicke wie angeflogen erscheinen. Es verhält sich auch so, dass Du sie auf keinen Fall planen kannst, denn Dein Unterbewusstsein oder Unbewusstsein bestimmt, wann es Möglichkeiten für solche Augenblicke freigibt. Natürlich muss Dich eine gefühlte Frage, die Dich beschäftigt, zu einer solchen Gelegenheit hinführen. Aber es kann auch ein Nachttraum sein, der eine solche Hinführung übernimmt.© urs
Erziehen bezeichnet ursprünglich die Tätigkeit der Hebamme. Erziehen bedeutet also befreien. Das Ich wird durch Hilfe zur Selbsthilfe zum Selbst. Aber wenn sich das Ich jemals aus entfremdetem Selbst befreien will, muss es aus seinem Leben eine Geschichte des Ungehorsams machen.© urs
Das “informed cluster existential” verlangsamt seine Bewegung durch das neuronale Netz. Die Vernunft erkundigt sich bei der Fantasie, warum wohl der ICE jetzt schon seit geraumer Zeit so langsam fährt. “Möglicherweise führt die Strecke gerade durch jene Zeit, welche wir nicht nutzen!” Für den Verstand, der dazu schweigt, ergibt sich die Verminderung der Geschwindigkeit eher durch den dichten Nebel, der über dem momentanen Streckenabschnitt liegt. Er weiß sehr wohl, dass die Fantasie zur Zeit im Bewusstsein mit ihren vagen Vermutungen Nebelkerzen wirft. Zudem würde er durch seine Äußerung mit der Fantasie wieder einmal nur in einen mehr oder weniger heftigen Streit geraten.© urs
Ego empfindet sich als Wesen, das mit sich selbst unterwegs ist. Das Ziel dieser Ichwerdung ist das Selbstbewusstsein, ein Zustand, in dem das Ich weiß, wer oder was es selbst ist. Die Selbstfindung setzt Ich-Versuche voraus. Das Ego hat dabei den großen Vorteil, dass es sich in Rollen hineinversetzen und Persönlichkeiten ausprobieren kann. Das Ego ist in der Nähe des Bahnhofs aufgewachsen, mit Zuggeräuschen eingeschlafen und aufgewacht. So ist es nicht verwunderlich, dass es sich oft als Lokführer ausprobiert und verschiedene Züge gefahren hat. Solche Fahrten halfen vor allem über langweilige sonntägliche Spaziergänge hinweg. Später kamen dann die schnellen Züge auf dem Fahrrad hinzu. Die damalige Umgebung des Bahngeländes spiegelt sich noch heutzutage selbst hier im Neuropoem wider. Um so erstaunlicher ist es, dass Ego niemals daran dachte, Lokführer zu werden. Vielmehr spielte das Ego des kleinen Jungen schon sehr früh mit dem Gedanken, einmal Wissenschaftler zu werden, um das Auge zu erforschen. ”Es muss doch möglich sein, Blinden wieder das Sehen zu ermöglichen!" Dieser frühe Berufswunsch wechselt aber häufig mit “Bratwurstbudenbesitzer”, “Dirigent”, “Sheriff” oder “Pfarrer”. Aber keiner dieser bis auf den Sheriff auch möglichen Wege wurde letztlich eingeschlagen oder wenigstens ernsthaft ausprobiert. Selbst das Theologiestudium war nur eine Art Exkurs zum Studium der Philosophie.© urs
In Sophia hatte Ego in der Bahnhofsklause auf das Eintreffen des ICE gewartet. Der Name “Klause” kommt vom lateinischen “claudere” (schließen) und meint einen Raum, in dem man ganz für sich und bei sich sein kann. In Sophia gibt es viele Klausen, denn die meisten Reisenden, die aus Nihil kommen, verlangen, während sie ihre Reise unterbrechen, nach innerer Ruhe. Als Ort der inneren Einkehr ist die Klause eine von der Weisheit eingerichtete Aufenthaltsstätte. In der Klause kann jedes Wesen Kräfte sammeln, um aus dem Nichts ins Sein zu gelangen.© urs
Neben der improvisierten Welt der Fantasie existiert die strategische Welt des Verstandes und die spielerische Welt der Vernunft. Die Fantasie gestaltet jedem Wesen je nach Begabung seine eigene Welt religiös, künstlerisch, philosophisch, wissenschaftlich, technisch, handwerklich, sportlich oder besonders gesellschaftlich orientiert aus. Je nach Veranlagung fühlt sich das Wesen in dieser Klausur der Fantasie wohl oder es versucht, auch besonders durch Reisen andere Welten kennen zu lernen und für sich zu erobern. In der Regel aber bleibt es bei sich zu Hause und richtet sich ganz speziell ein bzw. spezialisiert sich, was Interesse für Anderes nicht ausschließt. Aber da in den einzelnen Welten unterschiedliche Sprachen gesprochen werden, fällt es oft schwer, sich zu verständigen und zu verstehen. Schon innerhalb einer Welt fällt das schwer. Geisteswissenschaftler verstehen in den seltensten Fällen, was Naturwissenschaftler sagen und umgekehrt.