Unilogo

7
Mai
2013

Intuition introspektiv erfassen

 
Intuitives Wahrnehmen richtet sich im Gegensatz zum sinnlichen Wahrnehmen auf das innere Geschehen aus, also auf Gefühle wie Stimmungen oder Einstellungen, auf Empfindungen seelischer Geschehnisse wie Freude oder Trauer und vor allem auch auf das Vorhandensein von Werten und Normen, Regeln und Gesetzen, von Geboten und Verboten. Innere Geschehnisse werden genau so konkret wahrgenommen wie äußere Ereignisse. Dass innere und äußere Ereignisse nicht miteinander verwechselt werden, liegt an unterschiedlichen Arten und Weisen des Auslegens. Während äußere Wahrnehmungen durch den Verstand logisch ausgelegt werden, werden innere Wahrnehmungen durch die Vernunft intuitiv ausgelegt.
Die Reflexion der inneren Wahrnehmung geschieht durch das Vernehmen der inneren Stimme, die unbewusste Vorgänge zur Sprache bringt. Durch die innere Stimme teilen sich Ideen oder Eingebungen mit. Aber auch Vorahnungen zeigen sich auf diese Weise an. Künstlern wird bewusst, was sie unmittelbar ins Werk setzen. Intuitionen lassen zum Denken keine Zeit. Versucht ein Künstler über das nachzudenken, was sich ihm intuitiv mitteilt, dann entzieht es sich, bevor es überhaupt hinreichend zu erfassen ist. Das führt in der Regel dazu, dass schöpferisches Tun wie in Trance oder Ekstase vor sich geht.
Intuitionen vermögen sich durch die sogenannte innere Stimme sprachlich mitzuteilen. Da es sich hierbei sehr oft um die Stimme des Gewissens handelt, wird deutlich, dass sich Intuition jenseits der Logik des Verstandes abspielt. Ihr unmittelbares, überraschendes Auftreten weist zudem darauf hin, dass sich Intuition außerhalb des Bewusstwerdens abspielt. Da das, was intuitiv erscheint, häufig den Charakter von Ahnungen hat, entwickeln sich Intuitionen sehr wahrscheinlich vor allem Bewusstwerden. Es erscheint demnach so, als ob Intuitionen unbewusst mehr zu erfassen vermögen, als das Bewusstsein zu fassen vermag. Intuitionen führen nicht zu Wissen, sondern beruhen auf Glauben. Im Vertrauen darauf, dass zutrifft, was man glaubt, funktioniert der größte Teil alltäglicher Kommunikation. Vermutlich sind wir im Alltag zu gut neunzig Prozent auf Glauben angewiesen.
 

6
Mai
2013

Vom Verstand übersehen

 
Bewusstwerden organisiert sich gewöhnlich als Wahrnehmen, Betrachten, Beobachten und Begreifen.
 Verläuft diese Organisation routiniert, dann geht Wahrnehmen unmittelbar in Definieren, also Identifikation über. Diese unnatürliche Verkürzung ist gelernt bzw. schulisch durch bloßes Auswendiglernen antrainiert worden. Durch didaktische Dressur verlernen Kinder genaues Wahrnehmen, geduldiges Betrachten, sorgfältiges Beobachten und anwendbares Begreifen. Als Erwachsene vermögen sie dann nicht mehr, sich noch ernsthaft mit etwas auseinanderzusetzen. Aufgrund der Oberflächlichkeit unscharfer Informationsaufnahme, schaltet sich der Verstand aus und delegiert das Auslegen von Wahrnehmungsinhalten unmittelbar an das Erinnerungsvermögen.
 

5
Mai
2013

Innere Wahrnehmung

 
Als sechster Sinn wird Intuition zwar oft genannt, aber selten anerkannt. So ist von Intuition ausgerechnet in der Ausbildung jenes Berufes, welcher vor allem auf innere Wahrnehmung angewiesen ist, kaum die Rede. Dabei lebt der gesellschaftlich wichtigste Beruf des Lehrers von der Intuition. Die Missachtung der Intuition im Alltag liefert wohl den zureichenden Grund für die Vernachlässigung der Intuition in Schule und Hochschule. Uns wird der intuitive Anteil der Intuition im Alltag nicht einmal bewusst. Unser alltägliches Leben wird zu etwa zwei Drittel intuitiv maßgeblich bestimmt. Die neuronale Form der Intuition gestaltet gefühlte Tagräume und emotionale Entscheidungen. Ganz offensichtlich Grund genug, sich mit dem sechsten Sinn auseinanderzusetzen.
 

4
Mai
2013

Übermut der Neugier

 
Trotz unerreichbarer Unbegreiflichkeit des allgegenwärtigen Geistes vermag das vernunftbegabte Wesen nicht, diese Existenz loszulassen. In seiner Fantasie malt es sich Möglichkeiten der Existenz aus, um dann auch noch herauszufinden, ob sie vielleicht nicht doch auf irgendeine Art und Weise Wirklichkeit geworden sind. Fantasien werden in natürliche Erscheinungen wie ein brennender Dornbusch in der Wüste projiziert und umgedeutet, um Sehnsüchte endlich zu stillen und unerfüllte Hoffnungen zu bewahren. Nicht loslassen könnend entstehen Religionen, die sich je nach Glaubwürdigkeit mehr oder weniger ausbreiten. Es gilt schlichtweg zu akzeptieren, dass Phänomene existieren, die sich nicht beweisen lassen, obwohl sie intuitiv klar sind.
 

3
Mai
2013

Selbstprüfung des Denkens

 
Denken denkend prüfen bedeutet, Bewusstwerden vergegenwärtigen und Bilderleben als Bilder-Leben und Bild-Erleben zugleich sowohl introspektiv als auch intuitiv wahrnehmend, betrachtend, beobachtend und begreifend erfahren. Denken wird unbewusst aktiviert und zunächst intuitiv wie introspektiv empfunden. Denken ist wesentlich ein limbischer Vorgang, der sich als Bewusstwerden empfinden und spüren bzw. aufspüren lässt. Denken ist eine Gabe der Natur und weder eine Angelegenheit des Willens noch der Erziehung. Die Wirklichkeit des subjektiven Geistes folgt aus den Möglichkeiten des objektiven Geistes durch das Wesen der Natur. Das kurzfristige, endliche Sein unzählig vieler Existenzen angesichts ewigen, unendlichen Werdens wird vom subjektiven Geist als Verwirklichung der Möglichkeiten der Natur des objektiven Geistes erfahren. Das ist keine Frage des Glaubens, sondern intuitive Logik.
 

2
Mai
2013

Mehr unbewusst als bewusst



 
Spielerische Wechselwirkungen gefühlsmäßigen Wahrnehmens mit geistigem Wahr Nehmen während des Bewusstwerdens gestalten unser Erleben von Wirklichkeit. Das Bewusstsein davon ist ein geringer Ausschnitt. Wir erfahren mehr als wir erleben. Oder: Wir wissen weniger als wir glauben. Der Anteil des Bewusstseins während des Bewusstwerdens ist weitaus geringer als der des Unbewussten. Das Einengen der Erfahrung wird durch jenen Grundsatz deutlich, auf welchem alles Wissens gründen müsste. Dieser das Wissen umfassende Basissatz lautet: Ich erfasse etwas erst dann und nur dann vollständig, wenn ich über dessen Grund und Zweck in Hinsicht auf seine Ursache und Wirkung verfüge, und zwar nach Art/Weise und Umstand der auffälligen Eigenschaften seines Wesens unter Berücksichtigung des Mittels und Ausmaßes in Raum und Zeit seines Vorscheinens. Aber diese Perspektiven und Aspekte des Bewusstseins (Kategorien), nämlich Grund und Zweck, Ursache und Wirkung, Eigenschaften und Wesen, Art/Weise und Umstand, Mittel und Maß, Raum und Zeit zugleich vermag keine Wissenschaft insgesamt zu berücksichtigen. Der zureichende Grund dieser Unzulänglichkeit ergibt sich aus der Enge des menschlichen Bewusstseins, das höchstens sieben Perspektiven oder Aspekte in eins zugleich zu erfassen vermag. Aufgrund dieses eingeschränkten Fassungsvermögens ist auch der Basissatz des Wissens für jeden letztlich nur schwer zu verstehen.
 

1
Mai
2013

Überfordertes Bewusstsein

 
Die Vernachlässigung des Denkens hat unbemerkt dazu geführt, dass sich das Denken auf bloßes Vergleichen hin zurückgebildet hat. Dieser Selbstschutz des Gehirns, demzufolge sich Denken inzwischen längst wieder wie bei einem Kleinkind organisiert, ist niemandem aufgefallen. Selbst Philosophen plappern munter nur das daher, was marktfreundlich genug erscheint. Der Nachteil frühkindlichen Denkens liegt jedoch noch in seiner mangelnden Selbstreflexivität. Wie also sollte ein erwachsenes „Kleinkind“ denn eigentlich überhaupt bemerken können, dass es nur noch denkt, dass es denkt? Die Missbildung des Denkens hat längst zur Infektion des Geistes geführt. Die geschwächte oder gar zerstörte naturgegebene Autoimmunität der Vernunft führt zur fortschreitenden Selbstzerstörung erst des Menschen und in der Folge zur Zerstörung der Natur. Der Mensch ist längst nicht mehr das vernunftbegabte Lebewesen, sondern das hyperaggressive Lebewesen, das seinen eigenen Lebensraum zerstört.
 

30
Apr
2013

Die Arglosigkeit der Pädagogen

 
Der Verzicht der Pädagogen auf eine wesentliche Auseinandersetzung mit dem ihnen zueigenen Denken, führte in der Folge zur Entartung des Denkens. Die Oberflächlichkeit nur auf den eigenen Vorteil bedachten pädagogischen Denkens veranlasst den Philosophen Friedrich Nietzsche zu einer scharfen Kritik:

"Man mache sich nur einmal mit der pädagogischen Literatur dieser Gegenwart vertraut; an dem ist nichts mehr zu verderben, der bei diesem Studium nicht über die allerhöchste Geistesarmut und über einen wahrhaft täppischen Zirkeltanz erschrickt. Hier muss unsere Philosophie nicht mit dem Erstaunen, sondern mit dem Erschrecken beginnen: wer es zu ihm nicht zu bringen vermag, ist gebeten, von den pädagogischen Dingen seine Hände zu lassen."

Die Begründung Nietzsches für diesen Missstand in der Pädagogik fällt ebenfalls sehr scharf aus:

"Dass es aber trotzdem nirgends zur vollen Ehrlichkeit kommt, hat seine traurige Ursache in der pädagogischen Geistesarmut unserer Zeit; es fehlt gerade hier an wirklich erfinderischen Begabungen, es fehlen hier die wahrhaft praktischen Menschen, das heißt diejenigen, welche gute und neue Einfälle haben und welche wissen, dass die rechte Genialität und die rechte Praxis sich notwendig im gleichen Individuum begegnen müssen: während den nüchternen Praktikern es gerade an Einfällen und deshalb wieder an der rechten Praxis fehlt."

Der Kern dieser Kritik ist der Mangel an schöpferisch pädagogischem Denken. Bis heute fruchtet alles schön und gut durchdachtes Bemühen um wesentliche Verbesserungen von Bildung und Erziehung nicht, weil sie nach wie zuvor auf Unverständnis stoßen. Zwar sieht jeder ein, dass etwas wesentlich verbessert werden muss, aber wenn es um Entscheidungen geht, fehlt jenen welche das Sagen haben, der Mut, entsprechende Veränderungen durchzusetzen. Dabei handelt es sich bei Bildungspolitikern häufig ausgerechnet um jene, welche unter ihrer pädagogischen Praxis besonders gelitten haben.

Es wäre nun allerdings völlig falsch, diesen Niedergang allein auf die Unfähigkeit gegenwärtiger Pädagogen oder Philosophen zurückführen zu wollen. Die Ursachen und Gründe bloßen auf schnellen Nutzen oder Vorteile bedachten, egozentrischen, kapitalistischen Denkens ergeben sich aus gravierenden Versäumnissen bereits in den Anfängen unserer Kultur. Nicht Philosophen, sondern Sophisten nehmen maßgeblich bestimmenden Einfluss auf die Missbildung des Denkens.
 

29
Apr
2013

Lernen

 
Die Kunst des Lernens beruht auf der Begabung sorgfältigen Wahrnehmens, genauen Betrachtens, trennscharfen Beobachtens und Begreifens bzw. des Bildens von Begriffen. Diese ursprüngliche Bestimmung des Lernens ist inzwischen längst so weit aufgeweicht, dass sogar bloßes Einprägen als Lernen bezeichnet wird.
Lernen besteht wesentlich im Erwerben eines vielseitig verwendbaren Handlungsbildes, d.i. eine genaue Vorstellung vom Bewältigen einer konkreten Situation.
Mit Hilfe seines Handlungsbildes „Strahlensatz“ konnte Thales jede Höhe von etwas, das Schatten wirft, berechnen, gleichgültig, ob Pyramide, Turm oder Baum. Lernen besteht also im Erwerb einer allgemeinen Handlungsvorlage, um sich in konkreten Situationen flexibel verhalten zu können
So lässt sich mit der Formel zur Berechnung einer Dreiecksfläche jede beliebige Dreiecksfläche berechnen. Aber auch nicht mathematische Vorlagen wie Verkehrsregeln zählen zu Vorlagen, die Verhaltensabläufe eindeutig bestimmen.

Lernen vollzog sich folglich als Aneignen einer für alle nachvollziehbaren und überprüfbaren Bestimmung wie den Satz des Thales oder den Satz des Pythagoras. Die Philosophen demonstrierten diese Aneignung öffentlich und genossen damals bei Jugendlichen das Ansehen von Popstars. Überliefert ist die Demonstration des Satzes des Pythagoras von Sokrates auf dem Athener Marktplatz.

Lernen vollzieht sich der Ansicht Thales und Euklids nach durch das Wahrnehmen sinnlich vernehmbarer Erscheinungen, das Betrachten von Zusammenhängen, und durch das Beobachten von Veränderungen von interessierenden Eigenschaften, also von charakteristischen Merkmalen, um den gesichteten Zusammenhang definieren zu können.

Philosophen, die weniger mathematisch begabt waren, versuchten vom Ansehen der Philosophie zu profitieren, indem sie für sich besondere Gegenstandsbereiche beanspruchten.
 

28
Apr
2013

Weder noch

 
Pädagogen wollen nicht wahrhaben, dass sich pädagogisches Denken wesentlich vom wissenschaftlichen Denken unterscheidet. Erziehung als der Gegenstand der Pädagogik bezieht ihren zureichenden Grund einzig und allein aus den Bildern der Erfahrung und nicht etwa aus verallgemeinerten Bildern der Wissenschaft. Aber solche bisweilen schrecklichen Bilder der Erfahrung wollen weder Philosophen, Theologen noch Wissenschaftler wahrhaben. Um sie loszuwerden, schaffen sie sich ihre jeweiligen Himmel, die Philosophen den Himmel des Geistes, die Theologen den Himmel Gottes und die Wissenschaftler den Himmel ihrer Theorien. Pädagogen dagegen glauben, solange es ihre Kraft erlaubt, anderen helfen zu müssen. Vor allem Wissenschaftler verdächtigen sie deshalb nicht selten, unter dem Helfersyndrom zu leiden. Lehrern, Ärzten, Altenpflegern, Pfarrern, Ordensleuten, Psychologen und Sozialarbeitern werden mangelnde Selbstwertgefühle unterstellt. Diese Minderwertigkeitsgefühle wandeln Helfen in Sucht und verkehren diese schließlich in Selbstsucht. Die Helfer versuchen angeblich, Ideale zu verwirklichen, die sie selbst in ihrer Kindheit vermisst haben.
Wovor aber fürchten sich Wissenschaftler, wenn sie sich mit solchen haltlosen, weil unbewiesenen Unterstellungen schützen müssen? Fürchten sich Wissenschaftler etwa vor den Bildern der Erfahrung, weil sie die Unzulänglichkeit ihrer allgemeinen Bilder spüren?
 

27
Apr
2013

Missdeutung

 
Natürlich gab es Leute, die sich den Ruhm von Philosophen zunutze machen wollten. Sie bezeichneten sich selbst als Sophisten, um andere ganz besonders auf ihre Klugheit aufmerksam zu machen. Zu ihnen zählte sich Protagoras (* vermutlich um 490 v. Chr. in Abdera; † vermutlich um 411 v. Chr.), der spätere Lehrer des Sokrates (* 469 v. Chr. in Alopeke, Athen; † 399 v. Chr.). Protagoras witterte für sich in der Technik des Lernens ein großes Geschäft, wenn es ihm nur gelang, möglichst viele dafür zu begeistern. Das, was die meisten Menschen für sich wünschen, ist, Erfolg zu haben. Also entwickelte er ein Programm, das anderen versprach, durch Lernen erfolgreich zu werden. Mit dieser Idee zog er als Wanderlehrer durch das Land und wurde sehr reich. Den Leuten brachte er bei, so zu argumentieren, dass andere ihre Argumente nicht widerlegen konnten. Überliefert ist in Fall, bei dem der Schüler das Gelernte gegen seinen Lehrer verwendet.
Protagoras und Euathlus haben eine Vereinbarung getroffen, dass der erstere den letzteren Rhetorik lehrt und dafür ein gewisses Honorar bekommt, das dann und nur dann zu zahlen ist, wenn Euathlus seinen ersten Prozess gewinnt. Euathlus absolviert den Kurs bei dem Philosophen, denkt danach aber überhaupt nicht daran, sich in einem Prozess zu betätigen. Protagoras, der endlich sein Geld sehen möchte, strengt daraufhin einen Prozess gegen seinen Schüler mit der Klage an, dieser solle ihm das vereinbarte Honorar zahlen. Vor dem Richter plädiert er wie folgt:
„Wenn Du mir hier Recht gibst, muss Euathlus Deinem Spruch zufolge zahlen; würdest Du hingegen ihm Recht geben, so hätte er seinen ersten Prozess gewonnen und wäre aufgrund unserer Vereinbarung auch dann verpflichtet, das Honorar zu zahlen. Wie immer Du also entscheiden magst, Euathlus muss zahlen. Deshalb solltest Du mir Recht geben.“
Euathlus beweist jedoch, dass seine Lehre bei Protagoras Früchte getragen hat, indem er sich folgendermaßen verteidigt:
„Wenn Du mir hier Recht gibst, brauche ich Deinem Spruch zufolge nicht zahlen; würdest Du hingegen Protagoras Recht geben, so hätte ich meinen ersten Prozess ja verloren und wäre somit auch aufgrund unserer Vereinbarung nicht zur Zahlung des Honorars verpflichtet. Wie immer Du also entscheiden magst, ich muss nicht zahlen. Deshalb solltest Du Protagoras’ Klage zurückweisen.“
Die Missdeutung des Lernens als Weg zum Erfolg ruft in der Folge Nachahmer auf den Plan, die sich ein solches Geschäft nicht entgehen lassen wollten, aber weder etwas von Mathematik noch von Philosophie verstanden.
 

26
Apr
2013

Der Trick

 
Indem der Mensch lernt, sich der Dinge zu bemächtigen, indem er sprachlich nach ihnen greift, erfährt er sich als Herrscher der Zeit. Indem er das Werden für sich als berechenbar erscheinen lässt, ergreift ihn der Übermut, Werden in Sein erstarren zu lassen. Über die Welt des Werdens hinaus schafft er sich eine eigene Welt des Seins. Es ist Sokrates, der diese Welt des Scheins inszeniert. Das schafft er nur, indem er die Kunst der Verdrängung anwendet. Sokrates macht nämlich den Leuten weis, dass neben der sinnlich vernehmbaren werdenden Welt der Natur, eine sinnlich nicht vernehmbare unveränderliche Welt des Seins existiert (Metaphysik). Das Sein lässt sich nicht sinnlich, sondern allein geistig wahrnehmen. Das lässt sich schaffen, wenn man vom konkreten Lebendigen wegsieht oder absieht und es als Seiendes betrachtet. Als Seiendes schrumpft das Seiende zu einer Vorstellung wesentlicher Eigenschaften. Den Durchschnittsmenschen kann man ebenso wenig sehen wie einen gerechten Menschen. Aber ich kann einen gerechten Menschen erkennen, wenn ich zuvor „Gerechtigkeit“ gedacht habe. Ich muss also wissen, was einen gerechten Menschen auszeichnet, um überhaupt einen gerechten Menschen erkennen zu können. In Sokrates' Argumentweise erkennt man Protagoras, seinen Lehrer, wieder. Dass es wie bei Protagoras nicht darauf ankommt, ob Aussagen wahr sind, lässt sich an jedem geometrischen Beispiel zeigen. Wenn ich beispielsweise weiß, was ein Kreis ist, kann ich ihn auch zeichnen und dessen Umfang oder Fläche berechnen. Das ist zwar richtig, aber nicht wahr, denn in Wahrheit findet sich nirgendwo ein Kreis, der exakt der geometrischen Definition eines Kreise entspricht. Jeder gezeichnete oder konstruierte Kreis ist nur eine Annäherung an die geometrische Vorstellung. Und ebenso existiert kein gerechter Mensch so wie er als gerecht Seiendes sein sollte. Sokrates nutzt also wie sein Lehrer die Unschärfe der sinnlichen Wahrnehmung, um Schein als Sein erscheinen zu lassen. Dass man etwas erst geistig sehen muss, um es sinnlich wahrzunehmen, ist die Grundforderung aller Mystik und auch Zauberei.
 

25
Apr
2013

Denken

 
Denken organisiert unser Bewusstwerden und projiziert davon einen gefühlten Moment als Bewusstsein. Die Erfahrung eines solchen Augenblicks lässt zugleich Zeit als Werden empfinden. Bewusstsein erscheint als Jetzt inmitten ständiger Veränderung. Aber bevor das jetzt überhaupt erscheint, ist es bereits vergangen. Die Erfahrung des unmittelbaren, unaufhaltsamen Rückfalls des Jetzt in seine Vergangenheit, provoziert das Denken, Bewusstwerden als Zukunft erleben zu lassen. So lebt das denkende Wesen ständig im Blick nach vorn, indem es unaufhaltsam etwas vorhat. Im Raum unendlichen Werdens erscheint die Zeit als unaufhörliche Illusion eines Augenblicks. Das vernunftbegabte Lebewesen rettet sich aus dem Schlund ständigen Schwunds, indem es sich in seiner Sprache festhält. Weil aber das Denken in Sprache länger als für die Geschwindigkeit des Werdens verträglich dauert, entsteht die Illusion des Beständigen, während unbeständiges Leben abfließt. Im Anfang war das Wort, welches gewisse Lebewesen aus dem Raum des Werdens vertreibt, indem es sie in Sprache verfängt und zugleich mit Vernunft begabt. Vernunft ist das Vermögen, sich wieder aus der Gefangenschaft des Wortes zu befreien.
 

24
Apr
2013

Enteckung der Kunst des Lernens

 
Es ist eine grundsätzlich falsche Annahme, dass Denken linear abläuft. Vermutlich entstand dieser Irrtum bereits in den Anfängen der Geschichte des Denkens durch Philosophen, die selbst keine Mathematiker waren. Die ersten Philosophen verstanden sich zugleich auf die Geometrie. Ihr geometrisches Denken veranlasste sie, dieses Denken als Mathematik zu bezeichnen. Mathematik aber bedeutet in der deutschen Sprache „Kunst des Lernens“. Philosophen wie Thales (* um 624 v. Chr.; † um 547 v. Chr.) oder Pythagoras (* um 570 v. Chr. auf Samos; † nach 510 v. Chr.) fassten demnach das Denken als Erkennen von Verhältnissen zwischen sinnlich vernehmbaren Erscheinungen auf. Aber als erkannt galt für sie nur etwas, das so zu beschreiben war, dass alle dieser Beschreibung zustimmen mussten. Diese Zustimmung wurde durch einen für alle nachvollziehbaren, mathematischen Beweis geradezu erzwungen. Die Leute fanden das so beeindruckend, dass sie diese Denker ehrfurchtsvoll Freunde der Weisheit (in ihrer Sprache „Philosophen“) nannten.
 
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Seit 20 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Prof. Dr. habil Wolfgang F Schmid

Grundsätzliches (www.wolfgang-schmid.de)

 

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