24
Sep
2022

Mein Gott

„Gott lebt nicht ohne mich
[8] Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben;
Werd ich zunicht, er muß von Not den Geist aufgeben.“
„Gott“ scheint durch besondere, religiös gefärbte, kontemplative Vergegenwärtigung hervor. Er existiert allein durch das und als das, was die Fantasie als Bewusstsein inszeniert.
„Gott“ erscheint also das, was das Selbst subjektiv produ-ziert. Aus diesem Grund macht Anbetung wenig Sinn, wäre es doch nur Selbst-Verherrlichung des Ichs. Das einzig hinreichende Moment ist kontemplatives Schweigen.
Ein kontemplatives Moment entsteht, sobald sich an-schauliches Denken dem Bewusstwerden nahezu entzieht. Das geschieht immer dann, wenn die Vernunft an die Grenzen ihres Fassungsvermögens stößt.
Als Fallbeispiel hierfür kann folgender gedanklicher Zirkel gelten.
Mehr, das zunehmend weniger wird, gerät an eine kriti-sche Grenze. Nach deren Überschreiten wird es in der Entgegensetzung zum Weniger, das zunehmend mehr wird, bis es wiederum in der neuerlichen Entgegensetzung als Mehr zunehmend weniger wird usw. usf.
Vergleichen lässt sich dieser Wechsel mit dem Phänomen der Dämmerung, als dem Übergang vom Tag zur Nacht und umgekehrt.
„Dunkel wird es im Laufe der Dämmerung. Sie wird als der Übergang vom Tag zur Nacht und umgekehrt bezeichnet und ist in drei Stufen unterteilt.
Bürgerliche Dämmerung
Nautische Dämmerung
Astronomische Dämmerung
Bei dem für uns sichtbaren Sonnenuntergang befindet sich die Sonne bereits unter der Horizontebene. Die Ursa-che dafür ist die Brechung der Sonnenstrahlen in der At-mosphäre. Dieser optische Effekt bestimmt auch die ver-schiedenen Phasen der Dämmerung.“
„Die bürgerliche Dämmerung
Sie ist exakt definiert und dauert so lange, bis der Mittel-punkt der Sonne 6 Grad unter dem Horizont liegt. Wäh-rend der bürgerlichen Dämmerung kann man ohne zu-sätzliche Lichtquelle im Freien ein Buch lesen.
Die nautische Dämmerung
Sie schließt an die goldene Stunde an und endet, wenn die Sonne 12 Grad unter dem Horizont liegt. Während dieser Zeit sind die Konturen der Erdoberfläche noch er-kennbar. Man kann zudem bereits die helleren Sterne se-hen, mit welchen die Seefahrer ihre Position bestimmen - daher auch der Name.
Astronomische Dämmerung
Steht die Sonne 18 Grad und tiefer unter dem Horizont, gelangt kein gestreutes Sonnenlicht zur Erdoberfläche. Es ist vollständig dunkel.“
Existieren Analogien zwischen diesen drei Phasen der Dämmerung und dem kontemplativen Vollzug des Den-kens?
Als Bilderleben wechselt Denken natürlicherweise zwischen Begabung unbewussten und Intelligenz bewussten Wer-dens. Dieser Wechsel zwischen schöpferischer Fantasie und ordnender Vernunft vollzieht sich ebenfalls in drei Phasen.
Bilder-Leben
Bild-Erleben
Bildung

• Bilder-Leben beruht auf dem Spiel der Fantasie mit erinnerten Erfahrungen.
• Bild-Erleben vollzieht sich als gefühlsmäßige Wer-tung des vergegenwärtigten Bildes.
• Bildung schafft Modifikationen oder gar neue Entwürfe.

Durch jede dieser Phasen kann Denken durch eine entsprechende sprachliche Vorgabe oder Wahrnehmung ausgelöst werden.
Das freieste Spiel mit Bildern betreibt die Fantasie im Un-bewussten während des Träumens. Wünsche und Bedürf-nisse organisieren diese Spiele möglichst so, dass die maßgebliche Sehnsucht gestillt werden kann.
Während die Utopie von einem jenseitigen Sein in der Bil-der-Welt der Fantasie keine Probleme schafft, treten diese auf, sobald die Vernunft versucht, das unbewusst Ortlose im Bewusstsein zu verorten.
Während dem Spiel der Fantasie der zumeist gefühlte Glaube genügt, verlangt die Vernunft das Wissen. Warum lässt sich die Vernunft auf solche Utopien ein, mit denen sie eigentlich niemals wirklich zurechtkommt?
Warum erschafft die Fantasie Hindernisse, welche die Ver-nunft aufgrund ihrer natürlichen Einschränkungen nicht zu überwinden vermag. Eine allen bekannte Utopie ist die Annahme einer jenseitigen Welt, zumeist verbunden mit einer angenommenen Existenz eines Gottes.
Ausgelöst werden diese Utopien in der Regel durch religiöse Erziehung, bisweilen von theologischer Bildung unterstützt. Der erziehungsbedingte Glaube an Gott wird unvermittelt auf die Vernunft übertragen, um von dieser die Erfüllung religiöser Pflichten zu fordern.
Die Vernunft vermag diese Übertragung entweder vor allem bildlich oder sprachlich zu bewältigen. Sprache eröffnet dabei die Möglichkeit, Vorstellungen weniger konkret zu halten.

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Wolfgang F.A. Schmid

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