Unilogo

28
Mrz
2012

Motiv

 

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Das kleine heranwachsende Lebewesen ist auf Erziehung angewiesen. Erzieher zeigen ihm, wie es im Leben zurechtkommen kann. Dieses Zeigen vollzieht sich als ein Vormachen und Nachmachen. Dort, wo Nachahmung nicht ausreicht, wird sie durch Versuch und Irrtum ergänzt. Anfangs gilt als Lehrer ausgemacht, wer sich besser auskennt als andere. Um sich das nicht streitig machen zu lassen, muss er sich ausweisen. Mit der Zeit maßen sich Verwaltungen an, die entsprechenden Ausweise für die Lehrberechtigung auszustellen. Zukünftig beweisen nicht mehr Kompetenzen die Lehrbefugnis, sondern amtlich beglaubigte Papiere.

Es gibt kaum Berufe, die so sehr auf erfolgreicher Autodidaktik beruhen wie der Lehrberuf. Der Lehrer macht in seiner Praxis von dem Gebrauch, was der Ausbilder in seiner (!) Theorie verdrängt. In der Praxis ist ein Anfänger letztlich ganz allein auf sich selbst und seine Begabung angewiesen, schwankt der Neuling anfangs zwischen Intelligenz und Intuition.

Demnach kommt alles darauf an, herauszuarbeiten, auf welche Art und Weise jeder seine 'Methodik des Selbsterfolgs' optimieren kann.
Selbsterfolg bedeutet in Bewegung (motiviert) sein. Ohne Motiv (Beweggrund) vermag sich das Ich nicht auf das Selbst zu bewegen.

Wer sich auf einen erfolgreichen Weg machen will, muss sich vorbereiten. Vor allem sollte er zuvor sorgfältig prüfen, ob er sich diesen Weg überhaupt zutrauen kann und ob das Ich die Kraft besitzt, sich notfalls gegen sich selbst durchzusetzen.
 

==> Selbsterkenntnis


27
Mrz
2012

Naturalgebra

Naturalgebra ist die Lehre von gleich und gleich

 

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Wachstum entwickelt sich durch die vier Grundkräfte des Bindens und Lösens und des Hinzufügens und Wegnehmens. Etwas entwickelt sich, indem Ganzes in Gleiches geteilt und hinzugefügt und gleichzeitig den Verhältnissen entsprechend modifiziert wird.

Hinzufügen, Wegnehmen, Binden und Lösen vollziehen sich ineins gleichzeitig.

Gestalten bedeutet Umformen. Sein als Gegenwart des Werdens löst sich aus Vergangenheit und Zukunft, um diese verändert aneinander zu binden und miteinander zu verbinden. Das Wort reißt sich mit seinem Bild vom Werden los, um einen wieder hervorholbaren Augenblick für sich zu behalten. Die Vergegenwärtigung des Wortes erinnert an das festgehaltene Bild.

Der Glaube an die Gleichheit von erinnertem Bild und festgehaltenem Original schafft eine eigene Erlebniswelt. Die durch diese Welt verzögerte Zeit erlaubt deren Modellierung, Mathematisierung und technische Simulation bzw. Reproduktion. Die Technische Entwicklung führt zur fortwährenden Angleichung von Original und medialem Abbild. Das Konvertieren von der primären in die sekundäre technisch verifizierte Welt wird denkbar. Der Traum von einem Fortleben nach dem Tod erfüllt sich durch die Hoffnung auf Simulation.

Alle Handlungen werden algebraisch geregelt. Wenn nun aber letztlich die Natur hinter solchen Regelungen steckt, dann müsste es auch möglich sein, mit den Mitteln der Algebra das Verhalten der Natur selbst zu entdecken. Weil aber die Natur wesentlich Einheit von Information und Energie ist, muss man sich selbstverständlich an eine Erscheinungsform halten, die diese wesentlichen Eigenschaften aufweist. Die einzige mir bekannte Erscheinung, die diesen Bedingungen genügt, ist die Sprache. Sprache ist das anschauliche Universum der Gedanken. In ihren Texten dokumentieren sie ihr Bilderleben und stellen sich dadurch bereitwillig wissenschaftlichen Untersuchungen.


Auf den Text übertragen bedeutet die Lehre vom Gleichen zunächst:

Etwas entwickelt sich, wenn Vergleichbares aufeinander folgt. Nicht vergleichbare Sätze entwickeln keinen Text.

Textalgebra ist die in Texten gespiegelte Algebra der Natur. Die Textalgebra ist die neuronal vermittelte Spiegelung der Algebra der Natur in Texten. Die Überführung der Algebra der Natur in die Algebra des Textes geschieht durch neuronale Prozesse des Gehirns. Anders formuliert: Das Gehirn protokolliert seine neuronalen Prozesse in den Texten, die es erzeugt. Texte sind also neuronale Protokolle des Gehirns.



Zwei Sätze sind gleich, wenn sie hinreichend viele Übereinstimmungen aufweisen:

Substantive ~ gleiche Sache

Verben ~ gleiche Bewegung

Adjektiv ~ gleiche Eigenschaft

Adverb ~ gleiche Art und Weise

Subjekt ~ gleicher Auslöser
 

26
Mrz
2012

Schönheit

 

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Schönheit ist der Vorschein von Anmut und Harmonie, geprägt von Symmetrie, wohlgeformt und vollendet gestaltet. Neben äußerer, sinnlich vernehmbarer Schönheit, existiert eine letztlich wesentlich bestimmendere innere Schönheit, die als Ausstrahlung vor allem intuitiv wahrgenommen wird.

Experimente haben gezeigt, dass der Durchschnitt vieler Gesichter als attraktiv empfunden wird. Dazu werden mit speziellen Computerprogrammen viele Gesichter zu einem verschmolzen. Das Resultat ist dann ein Gesicht, welches im Allgemeinen als attraktiv empfunden wird.

Im Grunde könnte man sagen, dass jeder zu einem gewissen Prozentsatz "schön" ist, also allgemein anerkannte Schönheitskriterien erfüllt. Durch das Verschmelzen vieler Gesichter werden die "unschönen" Merkmale "herausgerechnet" und nur die "guten" Merkmale bleiben übrig.

Besonders symmetrische Gesichter werden als attraktiv empfunden. Je mehr sich beide Gesichtshälften ähneln, desto schöner erscheint jemand.

In der Schönheitschirurgie wird oftmals durch Eingriffe versucht, eine höhere Symmetrie beider Gesichtshälften herzustellen.

Die Haut ist ebenfalls ein wichtiges Schönheitsmerkmal. Ist sie rein, glatt und nicht zu blass, wird sie als attraktiv empfunden. Dies könnte auch ein Grund dafür sein, dass am Computer berechnete Durchschnittsgesichter im Allgemeinen als besonders schön empfunden werden. Durch das Verschmelzen vieler Gesichter entsteht gewöhnlich ein sehr glattes und gesundes Hautbild.
 

25
Mrz
2012

Bedürfnis nach Vollständigkeit

 

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Eine Emotion löst Impulse aus, die sich in eine Richtung bewegen (neuronale Linie) und gleichzeitig ausbreiten (neuronale Fläche). Bei einer Zeichnung oder Fotografie meint "Punkt" ein kleines Element, das innerhalb einer Fläche einen deutlichen Akzent setzt. Das goldene Licht der untergehenden Sommersonne, das die Fläche des Sees stimmungsvoll verzaubert, lässt den Betrachter träumen, sobald ein kleines Segelboot am Horizont auftaucht. Der Punkt, schon eher eine kleine Kreisfläche, auf dem o.a. Bild lädt die Fantasie zu einem gestalterischen Spiel ein. Die Fantasie nimmt diese Einladung an. Ihr missfällt dieser Punkt außerhalb eines Zusammenhangs. Also versucht sie, etwas herzustellen, das nicht gleich auffällt. Der Teil eines Gesichts mit einer unverhältnismäßig großen Nase ragt aus dem weißen Nichts hervor. Aber die leicht gekrümmte Linie am rechten unteren Rand stört die Idee der Fantasie. So gibt sie schließlich das gesehene Profil auf und lässt den Punkt zur Flipperkugel werden, die von der leicht gebogenen Klappe rechts unten zurückgestoßen werden wird.

Bei längerer Betrachtung wird die Fantasie noch mehr umgestalten und sehen können. In der virtuellen Welt der Innenräume ist ein neuronaler Punkt ein Impuls, der in seiner Nachbarschaft unterwegs ist, um sich mit einem anderen Impuls zu einem Gedanken zu verbinden. Das Streben nach Vervollständigung durch Herstellen eines Zusammenhangs gehört zu den Grundbewegungen des Bewusstwerdens.
 

24
Mrz
2012

Bilder reflektieren

 

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Der körpersprachliche Ausdruck des linken Bildes bringt offenes, unvoreingenommenes Zugehen auf eine Aufgabe zum Vorschein. Aber es schwingt doch auch leichte Ängstlichkeit in Bezug auf das zu Erwartende mit. Die gefühlsmäßige Einstellung verrät aber vielleicht auch eher Unerfahrenheit und Desorientierung, die mit Staunen einhergeht. "Traut sie sich den Schritt nach vorn doch nicht so ganz wirklich zu?"

Was ist passiert? Frustration und Verärgerung zeigen sich im rechten Bild aufgrund der in Angriff genommenen Aufgabe. Der angriffslustige, leicht zornige Blick kündet von Gegenwehr. Offensichtlich will sie sich das nicht gefallen lassen!
Zwei oder mehrere Bilder reflektieren sich dann, wenn sie ein gemeinsames Thema aufweisen. Das den o.a. Bildern gemeinsame Thema könnte "Kopfarbeit" sein.
 

23
Mrz
2012

Reflexion

 

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Die Blick- und Denkrichtung verläuft von links nach rechts (Augen- und Hemisphärenbewegung). Das Erblicken einer Wahrnehmung geschieht weder im sinnlichen noch im geistigen Bereich originalgetreu. Sowohl die sinnliche als auch die geistige Erfahrung gehen mit einer erinnerungsbedingten Verkürzung oder Erweiterung einher. So fällt die einschneidende Verkürzung der zweiten Linie im Bild kaum ins Gewicht. Durch die Notwenigkeit einer fantasievoll gedachten Ergänzung erhöht sich die Spannung während der Betrachtung. Die Befragung des Unbewussten nach der Bedeutung des gezeichneten Ausdrucks ergibt den überraschenden Eindruck eines Pinguins mit Skiern auf dem Rücken liegend.

Die im Bild wiederkehrende, das Aussehen eines Pinguins prägende (spiegelnde) Linie war ausschlaggebend für die Fantasie zu dieser humorvollen Ergänzung.
 

22
Mrz
2012

Lücke

 

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Auf und ab, eine emporsteigende und eine fallende Linie. Die nicht bestandene Zerreißprobe im rückwärts gewandten Fall hinterlässt eine prägende Lücke, die auch während des Aufstiegs trotz aller Anstrengung nicht mehr zu schließen war. Die Biografie eines ins Werk gesetzten immer wiederkehrenden verletzten Gedankens mahnt das Aufnehmen und Abgeben vor dem nur scheinbar Halt gebenden Bruch im Grund des Gedankens. Die von Harmonie träumenden Linien lenken davon ab, in Wahrheit in ihrer Tiefe gebrochen zu sein. Und was wäre, wenn es sich in Wirklichkeit um zwei emporrankende Hopfenstauden handelt, die sich am durch Weglassung gezogenen Draht festhalten? Was wäre dann?

Die Quelle allen Denkens ist die Kunst. Fantasie und Gefühle gestalten den Wunsch, der sich durch das Denken offenbaren soll. Vor aller Mal-, Modellierungs-, Bild-, Ton- , Spiel- oder Sprachkunst wirkt das Geheimnis des verborgenen Unbewussten. Der natürliche, wahre Gedanke wird durch den sanften Hauch der Intuition geweckt. Sobald er sich offenbart, wird er auch empfunden. Bewusstwerden muss empfindsam genug sein, um sich als Denken entfalten und gestalten zu können. Nur wer sich in der schöpferischen Welt der Fantasie zu Hause fühlt, vermag sich später in der abstrakten Kunst der Wissenschaft zurechtfinden. Die ersten Mathematiker haben ihre Lehrsätze durch Naturbeobachtungen gefunden.

Es bleibt dabei: Ein Gedanke, der nichts entdeckt, ist eine Verwechslung. Gedanken lassen sich auch nicht erinnern, sondern müssen wieder entdeckt werden. Denken ist kein Sein, sondern immer nur Werden. Denken vollzieht sich künstlerisch, indem es Geschichten, die berühren, erfindet. Alles, was künstlerisch ins Werk gesetzt wird, scheint nicht unmittelbar hervor, sondern bedarf der Vermittlung durch das Betrachten. Erst in der Betrachtung offenbart sich die Intuition des Künstlers.
 

21
Mrz
2012

Gefühl

 

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Das Gefühl zeigt zuverlässig die subjektive Befindlichkeit während des Bewusstwerdens an. Das Gefühl mischt sich zumeist aus Stimmung (Affektion) und Einstellung (Emotion).
Die Stimmung bezieht sich auf die sinnlichen Wahrnehmungen bzw. die Umgebung oder Außenwelt des wahrnehmenden Wesens.
Die Einstellung bezieht sich dagegen auf die inneren Wahrnehmungen bzw. die Innenwelt des wahrnehmenden Wesens. In der Regel lässt sich nicht spontan ausmachen, woher die augenblickliche Befindlichkeit herrührt.


Jedoch vermag jeder seine Befindlichkeit introspektiv zu reflektieren. Es ist wichtig, bei Verschlechterung der Befindlichkeit der Ursache auf den Grund zu gehen, um Maßnahmen zur Verbesserung ergreifen zu können. Das setzt allerdings entsprechende Empfindlichkeit (Sensibilität) voraus. So ist beispielsweise vorausgesetzt, zwischen "Ursache" und "Grund" unterscheiden zu können. Das ist wichtig, weil sich ansonsten die Befindlichkeit nicht verändern lässt.

Die Befindlichkeit ist der Vorbote bzw. der Helfershelfer körperlicher Erkrankungen. Die auf Harmonie ausgelegten körperlichen Prozesse werden durch negative Befindlichkeiten so gestört, dass es zu Schädigungen kommt. Durch Verbesserung der Befindlichkeit lässt sich so etwas verhindern, besonders wenn dies durch Bewegung unterstützt wird.

Wird die Befindlichkeit vor allem durch eine negative Einstellung gestört, dann liegen Ursache und Grund dafür vor allem in schlechten, unverarbeiteten oder fehlerhaft verarbeiteten Erfahrungen.

Es gilt allgemein als schwierig, solche Fehler in der Vergangenheit nachträglich zu erfassen.

Oft hilft es auch, gegen die Selbstvorwürfe noch den Selbstbehauptungswillen zu setzen oder sich in der Kunst des Loslassen von der Leidenschaft an Leiden, die wiederum Leiden schafft, zu üben. Der Körper sollte erst gar nicht falsch lernen, dass Jammern sehr viel leichter ist als Arbeiten.

Das Gefühl ist die erste Instanz, die jede Information durchlaufen muss. Es gibt demnach keine Information, die sich nicht stimmungsmäßig auswirkt. Dementsprechend sorgfältig wird sie auch verarbeitet oder eben gar nicht. Information, die sich stimmungsmäßig ungünstig auswirkt, wird eher vertagt (verdrängt) als andere. Es ist demnach unsinnig, Information negativ zu formulieren. Kritik, die nicht mit einem Lob beginnt, wird kaum angenommen.

Gefühle schützen das Wesen vor Zerstörungen durch äußere oder innere negative Einflüsse. Sie zeigen mögliche Gefahren durch die Arten und Weisen von Stimmungen an. Erreichen diese gar den Zustand tiefer Niedergeschlagenheit (Depression) mit bereits auftretenden körperlichen Folgen, dann ist es für die Betroffenen kaum mehr möglich, dagegen Widerstände zu entwickeln. Wesentlich günstiger wäre es also, eine solche Entwicklung erst gar nicht so weit kommen zu lassen.
 

20
Mrz
2012

Neugier

 

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Neugier ist jedem begabten Wesen angeboren. Seine Gier, Neues zu erfahren schützt es vor Bewusstseinsstarre. Neugier weckt den Willen, nicht in der Wiederholung des immer Gleichen unterzugehen. Neugier emöglicht das Bewusstwerden als originäre Erfahrung und schützt vor unkritischer Übernahme von Gewohnheiten.

Gier ist kein Weg. Gier ist ein Zug, der nach Nirgendwo führt. Die unersättliche Gier führt zu nichts, weil sie mit nichts zufrieden ist. Tun sich gar Gier und nicht wollender Wille zusammen, dann fühlt sich ein Wesen ständig getrieben, ohne jemals erfahren zu können, wozu eigentlich. Ziellos Getriebene aber haben die Neugier verloren. Emotionen jedoch setzen neue neuronale Impulse wie Züge in Bewegung und schicken sie durch neuronale Netze, um helfende Möglichkeiten zu erkunden. Es ist nicht Gier, sondern Neugier, die nach Aufbruch verlangt und das Abstellgleis der Gedanken selbst bis ins hohe Alter immer wieder freiräumt. Solange sich Fantasie, Vernunft und Verstand in einem harmonischen Verhältnis zueinander befinden, erzeugen sie schöpferische Energien, die Bilder formen und als Bilderleben gestalten. Im Gegensatz zur unersättlichen Gier ist der Neugier Hoffnungslosigkeit fremd. Für sie ist Utopie kein Niemandsland, sondern die Fülle aller schöpferischen Möglichkeiten.
Neugier ist insofern eine Gabe des Unbewussten als dieses das Bewusstsein antreibt, ungewöhnliche Fragen zu organisieren. Durch die Entdeckung einer maßgeblich bestimmenden Fragestellung wird das Bewusstsein zum Anstoß des Bewusstwerdens, und die Suche nach noch nicht Erforschtem versetzt das Subjekt in seine ihm ureigene Bewegung (Motivation), intuitiv Erahntes zu entdecken.

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Der zureichende Grund für diese Aktivität liegt in der Selbstorganisation des Gehirns, das sich ruhelos, unaufhörlich spielerisch mit Möglichkeiten neuronaler Kombinationen beschäftigt. Diese Ruhelosigkeit kann dazu führen, dass schöpferische Menschen schaffen, ohne sich eine ausreichende Pause zu gönnen.
 

19
Mrz
2012

Fantasie

 

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Fantasie gehört neben Gefühl, Vernunft und Verstand zu jenen neuronalen Strömungen, welche das Bewusstwerden ausmachen. Bewusstwerden geht einher mit sinnlichem Wahrnehmen. Die sinnlichen Reize werden in Impulse überführt und gleichzeitig ineins mit vorhandenen Erfahrungen abgeglichen. Fantasie und Gefühl beeinflussen sich wechselseitig. Erfahrungen können die gegenwärtige Stimmung erhellen oder trüben.

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Fantasie, Gefühl, Vernunft und Verstand lassen sich nicht getrennt voneinander betrachten. Die Isolation von Strömungen des Bewusstwerdens führt zu Brüchen, die sich unter Umständen kaum mehr heilen lassen. Eine der Folgen ist beispielsweise die Entgegensetzung von Kunst und Wissenschaft oder in der Medizin die Entgegensetzung von Naturheilkunde und Schulmedizin. Solche Trennungen führen zu Spezialisierungen, durch welche die ganzheitliche Betrachtung des Menschen verloren geht. So spalteten manche Hirnforscher das Gehirn in eine linke und rechte Hemisphäre und verschärften dadurch den Jahrtausende währenden Gegensatz von Logik und Ästhetik.

Fantasie improvisiert gefühlsmäßig wertend mit Möglichkeiten zu handeln (Begriffe).
 

18
Mrz
2012

Mindmap Bewusstwerden

 

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17
Mrz
2012

Vernunft und Verstand in introspektiver Betrachtung

 

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Die Vernunft erscheint als neuronaler Fluss von Bildern, der an der Quelle der Seele entspringt. Man kann sehen wie der Verstand in diesen Fluss steigt und aus dem Fluss des Werdens für sich Sein schöpft. In diesem Moment wandelt sich diese Entnahme durch Bewusstwerden zu einem Bild-Erlebnis für die Verstand, der darin seine eigene Inzenierung betrachtet, beobachtet und als Verhalten begreift.

Die Vernunft bemerkt auch wie dieses Verhalten vom Gewissen daraufhin geprüft wird, inwiefern es subjektiv zulässig ist.

Der Verstand braucht Definitionen, um seine Bilder auch objektiv anerkennen zu lassen. Der Verstand möchte nämlich im Gegensatz zur Vernunft seine Produkte nicht nur privat nutzen, sondern auch anderen zur Verfügung stellen.

Die Vernunft sinnt darüber nach, inwiefern für Sie die Interessen des Verstandes von Nutzen sein könnten und inwiefern es sich lohnen würde, mit ihm vielleicht sogar Geschäfte zu machen.
Allerdings möchte sie auf keinen Fall ihre Kunst des Wahr Nehmens aufgeben und sich gar auf unvernünftige Definitionen einlassen.

Der Verstand freut sich, dass sich die Vernunft, in Betrachtung versunken, so lange mit seinem Bild beschäftigt, ohne dass sie beide darüber in Streit geraten.

Schließlich, doch von Neugier geplagt, möchte er von der Vernunft erfahren, was ihr an diesem Bild gefällt. Die Vernunft wundert sich, dass der Verstand sie ungewöhnlicherweise nach ihrem Geschmack fragt und nicht wie sonst nach einer plausiblen Beurteilung. Er scheint sie endlich so zu akzeptieren wie sie ist, nämlich eine Kraft, die ihr Verstehen aus dem Glauben und nicht aus dem Wissen schöpft. So erklärt sie dem ungeduldigen Verstand, dass sie sich verstanden fühlt.

Der Verstand wiederum ist sehr überrascht, dass er von der Vernunft keinen Widerspruch erfährt. So betrachtet er argwöhnisch die Vernunft und versucht herauszufinden, ob es ihr möglicherweise nicht gut geht. Aber er kann nichts feststellen.

Die Vernunft ergänzt nun ihre Aussage, indem sie den Verstand dafür lobt, dass er sie nicht als etwas Starres darstellt, sondern als regelnde Kraft, aus der er sogar selbst schöpft.
 

16
Mrz
2012

Blickfang

 

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Sinnlich Auffälliges, emotional Aufdringliches und/oder geistig Interessantes aktivieren gegenwärtiges Bewusstsein als Moment des Bewusstwerdens und lassen es zum Blickfang innerer Wahrnehmung werden.

Trotz aller intensiven philosophischen Beschäftigung mit dem Denken ist das Phänomen der Selbstbeobachtung (Introspektion) ziemlich unklar geblieben. Das ist umso erstaunlicher als Philosophieren doch letztlich nahezu ausschließlich auf innerer Wahrnehmung beruht. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass Philosophie von Anfang an die Kunst als ihren Ursprung vernachlässigt hat. Demzufolge ist auch vollkommen in Vergessenheit geraten, dass alles Verstehen mit der Kunst innerer Wahrnehmung beginnt. Durch die Art und Weise der Annäherung der Vorsokratiker an die Wirklichkeit wird das Verstehen von Anfang an an die Gewinnung einer Funktion oder Definition gekoppelt. Durch diesen Anspruch wird die künstlerische Umgebung eines Bewusstseinsinhalts ausgespart. Seit Thales gilt die Suche nach dem klaren Begriffs als die das Denken maßgeblich bestimmende Aufgabe. Als Blickfang des Denkens aber erfasst der Begriff weder sinnlich Begreifbares noch persönlich Erfahrbares. Die sinnliche und seelisches Konstituente des Bewusstwerdens fallen also aus.

Die Ablösung der Philosophie von der Kunst hat dann letztlich den Bruch zwischen Wissenschaft und Leben zur Folge.

Denken wird, wenn überhaupt, nicht systematisch und schon gar nicht in einfachen Schritten angeboten. Die Organisation des Denkens, wie sie Nietzsche[1] geschildert hat, hat sich seitdem nicht geändert.
So sind seine Bemerkungen zu diesem Thema noch immer höchst aktuell:

"Wie wenig Vernunft, wie sehr der Zufall unter den Menschen herrscht, zeigt das fast regelmäßige Mißverhältnis zwischen dem sogenannten Lebensberufe und dem ersichtlichen Nichtberufensein: die glücklichen Fälle sind Ausnahmen wie die glücklichen Ehen, und auch diese werden nicht durch Vernunft herbeigeführt. Der Mensch wählt den Beruf, wo er noch nicht fähig zum Wählen ist; er kennt die verschiedenen Berufe nicht, er kennt sich selbst nicht; er verbringt seine tätigsten Jahre dann in diesem Berufe, verwendet all sein Nachdenken darauf, wird erfahrener; erreicht er die Höhe seiner Einsicht, dann ist es gewöhnlich zu spät, um etwas Neues zu beginnen, und die Weisheit hat auf Erden fast immer etwas Altersschwaches und Mangel an Muskelkraft an sich gehabt.
Die Aufgabe ist meistens die, wieder gutzumachen, ungefähr zurechtzulegen, was in der Anlage verfehlt war; viele werden erkennen, daß der spätere Teil des Lebens eine Absichtlichkeit zeigt, die aus ursprünglicher Disharmonie entstanden ist; es lebt sich schwer. Am Ende des Lebens ist man's aber doch gewohnt – dann kann man sich über sein Leben irren und seine Dummheit loben: bene navigavi cum naufragium feci, und gar ein Preislied auf die »Vorsehung« anstimmen.

Ich frage nun nach der Entstehung des Philologen und behaupte

1. der junge Mensch kann gar nicht wissen, wer Griechen und Römer sind,
2. er weiß nicht, ob er zu ihrer Erforschung sich eignet,
3. und erst recht nicht, inwiefern er sich mit diesem Wissen zum Lehrer eignet. Das, was ihn also bestimmt, ist nicht Einsicht in sich und seine Wissenschaft, sondern
a) Nachahmung,
b) Bequemlichkeit, dadurch, dass er forttreibt, was er auf der Schule trieb,
c) allmählich auch die Absicht auf Broterwerb.

Ich meine, 99 von 100 Philologen sollten keine sein."[2]

Und weiter:

„Da aber die Philologen vornehmlich mit Hilfe des griechischen und römischen Altertums erziehen, so könnte die im ersten Falle angenommene Mangelhaftigkeit ihrer Einsicht einmal darin sich zeigen, daß sie das Altertum nicht verstehen; zweitens aber darin, daß das Altertum von ihnen mit Unrecht in die Gegenwart hineingestellt wird, angeblich als das wichtigste Hilfsmittel der Erziehung, weil es überhaupt nicht oder jetzt nicht mehr erzieht. Macht man ihnen dagegen die Ohnmacht ihres Willens zum Vorwurf, so hätten sie zwar darin volles Recht, wenn sie dem Altertum jene erzieherische Bedeutung und Kraft zuschreiben, aber sie wären nicht die geeigneten Werkzeuge, vermittels deren das Altertum diese Kraft äußern könnte, das heißt: sie wären mit Unrecht Lehrer und lebten in einer falschen Stellung: aber wie kamen sie dann in diese hinein? Durch eine Täuschung über sich und ihre Bestimmung. Um also den Philologen ihren Anteil an der gegenwärtigen schlechten Bildung zuzuerkennen, könnte man die verschiedenen Möglichkeiten ihrer Schuld und Unschuld in diesen Satz zusammenfassen: Drei Dinge muß der Philologe, wenn er seine Unschuld beweisen will, verstehen, das Altertum, die Gegenwart, sich selbst: seine Schuld liegt darin, daß er entweder das Altertum nicht oder die Gegenwart nicht oder sich selbst nicht versteht.“[3]

Will man Pädagogik wirklich ernst nehmen, dann sollte man unbedingt nur jene zulassen, welche über eine tatsächlich praktische Begabung dafür verfügen, nebst der Intelligenz, die erforderlich ist, um diese Begabung auch verstandesmäßig nutzen zu können. Es ist ganz offensichtlich eine nicht alltägliche Intelligenz erforderlich, um überhaupt anständig pädagogisch arbeiten zu können. Und genau diese Intelligenz wird bei jungen Menschen, welche über sie noch verfügen, viel zu wenig herausgefordert und gefördert. So sind sie völlig auf sich allein gestellt und müssen sehen, wie sie ihre pädagogischen Aufgaben mit Anstand bewältigen.
Aber ohne die Hilfe der Philosophie geht das häufig schief, sie verkommen geistig und gehen in der Praxis des Alltags unter. Da dieser Untergang wie in den meisten Berufen in der Regel mit zunehmend unscharfen Denken beginnt und das nachlassende Denken im Burn-out-Syndrom unterzugehen droht, werden insbesondere Vorkehrungen erforderlich, welche mit einem Minimum an Maßnahmen und einem Maximum an Wirkungen das Denken stabilisieren und das ursprünglich schöpferische „Bilderleben“ im Bewusstsein wiederherstellen. In diesem Sinne handelt es sich bei dieser Schrift um ein Vorhaben, das genau das unternimmt. Nichts ist dabei einfach nur ausgedacht, sondern alles wird durch intensive Betrachtung und konzentrierte Beobachtung der Natur abgeschaut und auf die wenigen, sicherlich nicht einfachen Regeln der Natur beschränkt.

Diese Regeln lassen sich wiederum auf die sich immer wiederholende alles umfassende Maßnahme der Natur zusammenfassen: Im Spiel mit den möglichen Möglichkeiten die wirklichen Möglichkeiten unermüdlich suchen und die möglichen Wirklichkeiten unaufhörlich versuchen, bis nach allen Irrtümern eine erfolgreiche Wirklichkeit hervorscheint.
„Versuch und Irrtum“ ist der Weg der Natur, dem dann im Spiel ständiger Veränderung Bleibendes zufällt.

Das Geheimnis der Schöpfung besteht darin, dass sie bei aller Wiederholung des immer Gleichen für den Zufall offen bleibt. Das Geheimnis der Natur besteht in ihrer Offenheit. Wahrheit ist zugleich der beste Schutz gegen jede Art von Infektion. Nur im Fall von Unoffenheit kann ein Virus im Gehirn überhaupt seine Aktivitäten entfalten.


_______

[1] 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen; † 25. August 1900 in Weimar

[2] Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. Band 3, Herausgegeben von Karl Schlechta. München: Hanser, 1954. Band 3, S. 323-332.

[3] ebd.

15
Mrz
2012

Spiegelung

 

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Spiegelungen werden allein vom nach innen gerichteten Blick wahrgenommen. In den Innenbildern der Seele gelangt das Sein selbst hinter dem Dasein zum Vorschein. Die Empfindlichkeit solchen Vorscheins ist so hoch, dass das Begreifen dem zarten Zeigen weicht. Nicht mehr das Wissen, sondern Glaube verweist behutsam auf Wesentliches, das sich in der Natur des Vorscheins offenbart. Mit Daumen und Zeigefinger entnimmt das nach innen gewandte Wesen mit leichtem Ekel dem reinen Strom des Denkens Verunreinigungen durch voreiliges Abstrahieren.

So sehr es auch den sprachgewaltigen Geist verärgert, der Anfang allen Denkens ist nicht das Wort, sondern das Bild. Der Geist spielt mit dem Bild, bis er die augenblickliche Gestalt der Seele als Moment seines Lebens gewinnt. Die harte Philosophie des Wortes beginnt sich in der sanften Philosophie des Bildes zu verlieren, um das längst verlorene Eigentliche wieder zu entdecken.Dieses Neue zeigt sich zunächst in den Spiegelungen des Alten.

Das lateinische Wort für Spiegelung ist “Reflexion”. “reflectere” bedeutet zurückbeugen. In der neuronalen Analyse meint das Zurückwerfen von Impulsen, die dann wiederum wie Reize, also Impuls-Auslöser wirken. Das Bewusstwerden vollzieht sich als mehrfaches Reflektieren.

I. (Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten) = bemerken

II. (bedenken, besinnen, verweilen) = betrachten

III. beobachten

IV. bewerten

V. begreifen (verstehen)

Im Wort “begreifen” steckt “zugreifen”. Das Begreifen vollzieht sich als Bild-Erleben, das auf das Bilder-Leben zugreift und ein interessantes Moment (Gesichtpunkt) bzw. einen interessanten Moment (Augenblick) festhält.

Dieses blitzartige Nacheinander von Bemerken, Betrachten, Beobachten, Bewerten und Begreifen wird gleichzeitig in eins zugleich erfahren, wenngleich diese Komponenten des Wahr Nehmens unterschiedlich dominant sind. Diese Dominanz wird durchaus bewusst:

I.   “Das kenn ich!”
II.  “Da zögere ich!”
III. “Das fällt mir auf!”
IV.  “Das interessiert mich (nicht)”
V.   “Das kapier ich!”

Diese unterschiedlichen Momente werden bisweilen durch Interjektionen emotional ausgedrückt:

I.   Ah!
II.  Hm!
III. Oh!
IV.  (t)ja!
V.   Aha!

Sind alle Momente gegenwärtig, dann werden sie versprachlicht. Das Bild-Erleben wird durch das Wort repräsentiert.

Die unterschiedlichen Spiegelungen des Bewusstwerdens hat Platon in seiner Ideenlehre auf andere Art und Weise dargestellt.
Platon unterscheidet die Welt der Wahrnehmung von der Welt der Ideen.

Die Welt der Wahrnehmung kann auch Sinnenwelt genannt werden. Über diese Welt können keine allgemeingültigen Aussagen gemacht werden, da sie von uns mit unseren fünf Sinnen wahrgenommen wird.


Diese Aussagen können auch nicht allgemeingültig sein, da die Dinge, die beschrieben werden, sich ständig verändern. Platon nennt diesen Prozess wie schon Heraklit “fließen”.


Alles, was in der Sinnenwelt existiert, besteht aus einem vergänglichen Material, welches sich mit der Zeit auflöst. Im Gegensatz dazu ist alles nach dem Muster einer Form gebildet, das zeitlos ist. Alle Pferde können von uns als Pferde erkannt werden. Irgendwann wird das Pferd alt und lahm, aber es ist trotzdem noch als Pferd erkennbar. Dann stirbt es, aber die Pferdeform ist unvergänglich. Diese Urform ist also ein abstraktes, geistiges Musterbild, das, laut Platon, in einer Wirklichkeit hinter der Sinnenwelt besteht. Diese Wirklichkeit nennt Platon das Reich der Ideen. Da man das Reich der Wahrnehmung mit Hilfe der Sinne erreichen kann, kann man dort nur zu wahren Meinungen über etwas gelangen. Über das Reich der Ideen kann man sicheres Wissen erlangen, allerdings nur, wenn man die Vernunft benutzt. Die Ideenwelt läßt sich also nur vernunftmäßig, nicht aber mit den Sinnen erkennen.


Die Ideen sind ewig, unteilbar und unveränderlich und existieren unabhängig von wahrnehmbaren Dingen. Also wird die Urform des Pferdes auch dann bestehen, wenn das Pferd tot ist. Die Ideen entstehen also weder, noch vergehen sie, und deshalb kommt ihnen Wahrheit zu. Also existieren laut Platon auch allgemeingültige Aussagen, zum Beispiel mathematische Aussagen: Die Winkelsumme im Dreieck wird immer 180 Grad betragen. Die wahrnehmbaren, vergänglichen Dinge können uns allerdings an die Ideen, deren Abbilder sie sind, erinnern. So legt Platon dar, dass man durch relativ gleiche Dinge an die Idee der Gleichheit erinnert wird. Vollständige Gleichheit ist in der Welt des sinnlich Vernehmbaren nicht vorhanden. Ebenso ist das Gerechte, das Gute in der Welt der Wahrnehmung nicht vorhanden. Es stellt aber ein Ideal dar, nach dem man seine Handlungen ausrichten soll. Es gibt immer gültige, objektive, ethische Werte, die der Maßstab für die Beurteilung einzelner Handlungen ist. Die Kenntnis der Idee des Guten ist nach Platon eine notwendige Bedingung für moralisches Handeln. Mit Hilfe der Ideen können auch Eigenschaften der sinnlich wahrnehmbaren Dinge erklärt werden. So wird etwas schön genannt, wenn es an der Idee des Schönen teilhat, die selbst schön ist. Platon hält auch den Menschen für ein zweigeteiltes Wesen. Wir haben einen Körper, der fließt, der also aus vergänglichem Material besteht und mit der Sinnenwelt unlösbar verbunden ist (denn die Sinne sind körperlich). Unsere Seele hingegen ist unsterblich und befindet sich in der Vernunft. Demzufolge ist sie nicht materiell und kann in die Ideenwelt sehen. Platon meint, bevor die Seele in unseren Körper gelangt, existiert sie schon im Reich der Ideen, sie hat aber beim Eintritt in den Körper die vollkommenen Ideen vergessen. Wenn wir dann ein unvollkommenes Pferd sehen, sehnt sich unsere Seele nach der vollkommenen Urform, die ihr aus dem Reich der Ideen bekannt ist. Diese Sehnsucht nennt Platon Eros (Liebe).

Die meisten Menschen geben dieser Sehnsucht nicht nach, sondern klammern sich an die schlechten Nachahmungen der Ideen in der Sinnenwelt. Platon hält jene Menschen nur für Abschattungen der wahren Idee “Mensch”, welche glauben, diese Schatten seien alles, was es gibt, ohne daran zu denken, dass etwas den Schatten werfen ließ. Sie sind mit dem Leben als Schattenbilder zufrieden und erleben die Schatten demzufolge nicht als solche. Platon hält alle Phänomene der Natur für bloße Schattenbilder der ewigen Formen oder Ideen.

Platon erklärt in seinem Liniengleichnis u.a., wie sich das Denkbare, das Wahrnehmbare, die Idee, die Einzeldinge zueinander verhalten.

Platon trennt nicht nur – wie gesagt - zwischen Erkennen und Wahrnehmen, sondern er trennt ebenso streng zwischen Idee und Einzelding.

Während das Erkennen auf Dauer angelegt ist, ist die Wahrnehmung ganz auf den Augenblick ausgerichtet.

Die Wahrnehmung ist mit der Gegenwart direkt verbunden, während das Erkennen auch die Zukunft und Vergangenheit mit einschließt.


Ähnlich sieht Platon dies bei der Trennung zwischen der Idee und dem Einzelding. Während das Einzelding mit der Wahrnehmung und somit der Gegenwart verbunden ist, hängen die Ideen mit der Erkenntnis zusammen und sind dauerhaft.

Platon hat diese ontologische Entgegensetzung von Idee und Einzelding und die erkenntnis-theoretische Abgrenzung zwischen der Erkenntnis und der Wahrnehmung in seinem sogenannten Liniengleichnis veranschaulicht (Platon, Politeia 509 B ff).

Vereinfacht denke man sich eine vertikale Linie, die in zwei Teile geteilt ist, wobei der obere Abschnitt größer ist als der untere. Der obere beinhaltet auf der einen Seite das Denkbare, auf der anderen Seite das Erkennen, das Wissen. Der untere, kleinere Abschnitt repräsentiert auf der einen Seite die Welt der Erscheinungen. Die andere Seite steht für das Meinen. Und da Platon das Erkennen und den Bereich des Denkbaren höher einordnet, ist auch der Abschnitt dafür größer.

Das Erkennen, beziehungsweise Wissen, wird noch unterteilt in das der Vernunft und das dem Verstand Zugänglichen. Die Seite des Meinens teilt sich in etwas glauben und etwas vermuten. Die Welt des Denkbaren teilt sich in die Ideen und die Hypothesen. Die Seite der Erscheinungen teilt sich in die Einzeldinge und die sogenannten Schatten der Zukunft; der Welt des Werdens. Im Liniengleichnis denkt Platon im Grunde die Reflexionen des Bewusstwerdens, und zwar als das Erkennen (Begreifen) der allgemeinen Formen, also das Sein als solches im Bewerten des Werdenden. Zu dieser Erkenntnis führt das Beobachten und Betrachten des sinnlich Vernehmbaren, also des naturhaft Seienden.

Im Sonnengleichnis gelangt die Sonne als Ebenbild der höchten Idee zum Vorschein, wobei das Licht der Sonne für die Wahrheit steht.

Der Unterschied, ob etwas im Licht oder im Schatten liegt, bedeutet für das, was von ihm betroffen ist, einen Unterschied im Seinsrang bzw. in der Reflexionsebene!

Was im Licht der Sonne liegt, ist sichtbar. Was im Schatten liegt, ist nicht oder zumindest schwer sichtbar. Diese Beschreibung bedeutet in der Analogie für die Idee des Guten: Was im Licht der Idee des Guten liegt, an dem glänzt die Wahrheit und das Sein des Seienden. Was dagegen nicht von der Idee des Guten erhellt wird, das gehört in den Bereich des Werdenden und Vergehenden.

Auf das Linie- und Sonnengleichnis folgt das Höhlengleichnis, in dem Platon deren Bedeutung für die menschliche Existenz darstellt.

Hat man sich an die Dunkelheit der nur von einem kleinen Feuer beleuchteten Höhle gewöhnt, dann erkennt man sehr bald, dass dort gegen die Wand hin gefesselte Menschen sitzen, die sich nicht umdrehen können und deshalb nur Schatten an der Höhlenwand sehen. Es sind die Schatten der Menschen, die hinter dem Rücken der Gefangenen und dem Feuer Gegenstände und Speisen hin- und hertragen. Die Gefangenen aber kennen allein die Schatten dieser Gestalten und halten diese Schatten also für die Gestalten selbst. Deshalb ordnen sie ihnen auch sogar die Stimmen zu, die sie hören. Die Schattenwelt ist die Welt, so wie die Gefangenen sie erleben. Die Gefangenen halten ihre Erlebniswelt für die Wirklichkeit, denn sie befinden sich von Geburt an in dieser Lage. Und Platon provoziert uns, indem er uns sagt, dass unsere sogenannte reale Welt nichts anderes ist als eine Schattenwelt. Das, was wir wahrnehmen, ist nicht mehr als Abschattung von etwas, was wir selbst nicht wahrzunehmen vermögen, weil wir uns ebenfalls nicht umdrehen, unsere Sichtweise nicht verändern können.

Dabei muss es nicht bleiben. Wir sind nicht dazu verurteilt, unser gesamtes Leben als Gefangene unserer Schattenwelt zu verbringen. Aber Platon macht auch nachdrücklich darauf aufmerksam, dass sich niemand selbst aus seiner miserablen Lage befreien kann. Jeder braucht einen Lehrer, der ihn befreit. „Erziehung“ ist für Platon der Name für diese Befreiung. In seinem Höhlengleichnis fragt Platon, was geschehen würde, wenn einer der Gefangenen in der Höhle befreit würde. Platon sagt, dass eine solche Befreiung gewaltsam geschehen müsste, weil sich niemand freiwillig von Gewohnheiten trennt, die ihn ein Leben lang bestimmt haben.

Und wir alle spüren auch, wie sehr wir uns dagegen wehren, Platon zu glauben, dass alles, mit dem wir zu tun haben, nicht mehr ist als Schatten. Statt uns in unserer Sichtweise zu wenden, halten wir lieber Platons Auffassungen für verdreht. Und einem Verrückten braucht man nicht zu folgen.

Dennoch sollen wir uns nun vorstellen, dass einer der Gefangenen von seinen Fesseln befreit wird. Der so befreite Mensch kann sich jetzt umdrehen und plötzlich klar erkennen, dass das, was er sehen kann, überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was er bislang für wahr gehalten hat. Allmählich gewöhnt er sich an seine Freiheit und folglich auch daran, Zusammenhänge erkennen zu können. So erkennt er die Schatten als Projektionen dieser Gestalten vor dem Feuer. Sie bewachen die Gefangenen, und er erkennt nicht nur die Schatten als Wächter, sondern er nimmt auch einen Weg wahr, der nach oben zum Höhlenausgang führt. Weil er neugierig geworden ist, folgt er diesem Weg vorsichtig nach oben, wohl darauf gefasst, dass die Höhle auch nicht die Welt ist und er jederzeit mit einer weiteren Überraschung rechnen muss.

Als er schließlich zum Ausgang gelangt, erfasst ihn ein kaum zu beschreibender Schrecken und er bekommt große Angst, weil er wegen des sehr grellen Lichts, das seine Augen blendet, nichts mehr erkennen kann. Als sich dann seine Augen an das Licht der Sonne gewöhnt haben, erkennt er wiederum ein Feuer. Das ist die Sonne, der er nun gewahr wird. Er kommt zu dem Schluss, dass es sich bei den Dingen, die er nun wahrnehmen kann, wiederum nur um Abschattungen handelt. Deshalb folgert er, dass er erneut einen Weg finden muss, der ihn aus dieser neuerlichen Welt der Schatten hinausführt. Dieser Weg wird im Sonnen- und Liniengleichnis dargestellt. Es ist der Weg, den die Metaphysik als Entbergen der Wahrheit beschreibt. Sich auf dieses unaufhörliche Suchen zu besinnen, ist der vornehmliche Zweck der philosophischen Meditation auf die Sonne.

„Nämlich in tiefes Nachdenken über irgend einen Gegenstand versenkt, blieb er (Sokrates) von frühmorgens an auf demselben Flecke stehen und wich, da er das Gesuchte nicht finden konnte, nicht von der Stelle, sondern verharrte in unablässigem Nachsinnen. Inzwischen war es bereits mittags geworden, als die Leute es merkten und staunend einander darauf aufmerksam machten, daß Sokrates nun schon vom frühen Morgen her im Nachforschen über irgend einen Gegenstand begriffen dastände. Endlich aber, als es schon Abend war, brachten einige Ionier, nachdem sie zu Abend gegessen, ihre Matratzen heraus, teils um im Kühlen zu schlafen, denn es geschah dies im Sommer, teils aber auch um ihn zu beobachten, ob er auch wohl in der Nacht dort stehenbleiben würde. Er aber blieb wirklich stehen, bis der Morgen graute und die Sonne aufging; dann aber ging er von dannen, nachdem er zuvor noch sein Morgengebet an die Sonne (hêlios) verrichtet hatte.“[1]

______
[1] Vgl. auch Werner Jaeger, Paideia. Die Formung des griechischen Menschen, 2. Nachdruck 1989, S. 886
 
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Prof. Dr. habil Wolfgang F Schmid

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