Unilogo

15
Jan
2013

Buch Protagoras

 
Protagoras hält Aretes Ausführungen für völlig unzureichend, und er verweist leicht spöttisch darauf, dass sich bis jetzt kein Tier zu einem Kurs bei ihm angemeldet habe.

Arete kontert, dass sie das auch nicht als Mensch tun würde, denn ganz offensichtlich reiche Logik nicht aus, um kriegerisches Verhalten zu verhindern. Ganz im Gegenteil würde die Kriegstechnik durch logisches Denken noch viel wirksamer.

Dann nennt Arete die Vernunft eine Gabe, die sich wider alle elementarlehrerhaften Widerwärtigkeiten gestaltet. Und Arete betont, dass sich, nach dem, was sie beobachten könne, die Vernunft völlig eigenständig forme und ohne Hilfe eines Lehrers vollkommen entfalte und gestalte. Und dann vergleicht Arete die Vernunft mit einem gesunden Organ, das sich von Natur aus von allein zur vollen Funktionsfähigkeit entwickelt. Das, was Lehrer der Vernunft geben, ist lediglich Nahrung, die sie verdaut und, wenn sie widerstandsfähig genug ist, wieder vergisst.
 

14
Jan
2013

Buch Protagoras

 
Sokrates, der Platon ja zu Ausführungen über die Schönheit eingeladen hatte, versucht nun, das Gespräch wieder auf das Thema der Erziehung zurückzuführen. So bittet er Arete nun um ihre Ausführungen zur Erziehung.

Arete weist zunächst darauf hin, dass Menschen durchaus mit ihrer Lebewesenhaftigkeit besser zurechtkommen könnten, wenn sie sich ab und zu auch einmal an anderen Lebewesen orientieren, statt sich nur über diese zu erheben.

"Die Philosophen neigen dazu," erklärt Arete, "allein das Lebewesen Mensch als vernunftbegabtes Wesen zu betrachten und sie lassen gleichzeitig wider alle Vernunft Kriege zu, in denen man sich grundlos aus reiner Machtgier einzelner leidenschaftlich tötet."

Arete sieht in solcher Unvernunft die Auswirkung einer Männer-Erziehung in Herden, bei der es nur darauf ankomme, einen Leithammel zu finden, dem man ohne nachzudenken folgen kann.

Jedes Tier lehre seine Jungen nur, was sie zum Leben und Überleben brauchen. Dazu gehört vor allem die Ernährung und Pflege des Körpers, also die Technik der Nahrungsbeschaffung und des körperlichen Trainings, die Pflege der Seele durch Spielen, und die Pflege der Vernunft durch Nachahmung der Eltern-Vorbilder.

"Wer also möchte den Tieren Vernunft absprechen? Erscheinen sie nicht etwa vernünftiger als wir Menschen?"
 

13
Jan
2013

Buch Protagoras

 
Sokrates sieht in der Guppenerziehung vor allem die Gefahr einer zu starken innergeschlechtlichen Ausrichtung. Seiner Auffassung nach ist es außerordentlich problematisch, die Schönheit des Menschen nur auf ein Geschlecht hin auszurichten. Das sei ebenso wider die Natur wie die Vernachlässigung innerer Schönheit. Daraufhin bittet Sokrates seinen Schüler Platon, seine Gedanken zur Schönheit vorzutragen.

Platon: "Das Schöne ist in allem enthalten, eben durch die Präsenz der Idee des Schönen in jedem Ding. Dieses macht die Schönheit verhältnismäßig, da man nun nicht von der Schönheit einer Sache auf die Schönheit einer anderen Sache schließen kann."
So ist es möglich, führt Platon an, unter den Affen den Schönsten ausfindig zu machen, und dieser wäre dann auch der Schönste - allerdings nur unter seinesgleichen. Vergliche man ihn mit einem Menschen, so verflöge seine Schönheit und er könnte nicht mehr als schön angesehen werden. Genauso verhält es sich mit den Menschen im Vergleich zu den Göttern.

"Die Schlussfolgerung die ich daraus ziehe, ist, dass das, was für jeden Gegenstand passt, ihn schön macht. Nur durch das in seinem Inneren Passende kann ein Ding schön sein. Ein goldener Kochlöffel ist vermutlich durchaus schöner als einer aus Holz, doch wäre es, zumindest für mich, nicht vorstellbar, diesen in Verbindung mit seiner natürlichen Beschaffenheit, dem Kochen, als schön anzusehen. Der Kochlöffel muss, um schön zu sein, seiner Natur nach passen. Das Passende ist schön. Die Schönheit eines Menschen bedarf eines Wesens, das zu ihm passt, wie z.B. das eines leidenschaftlichen Künstlers, Philosophen oder auch Staatsmannes! Der Körper vermag von sich her nicht, sondern allein durch den Widerschein seiner Seele schön zu erscheinen!"

Protagoras fragt, ob die Leidenschaft einer Berufung zu einem Beruf gleichsam die innere Schönheit ausmacht, die dann vielleicht auch sogar die äußere Schönheit übertreffen kann.

Platon anwortet nicht unmittelbar, sondern gibt zu bedenken, dass ein Künstler oder Philosoph auch um so schöner erscheinen kann, je angesehener und mächtiger er erscheint. Das alles sollte man aber im Verhältnis zueinander noch sorgfältig überprüfen.

Arete äußert sich unzufrieden, da Platon mit seinen Ausführungen zur Schönheit nur vom Jungenwahn unreifer Männer ablenken wolle. Das sei doch wohl die entscheidende Wirkung einer einseitigen Jungen-unter-sich-Erziehung. Den Männern fehle ja sogar der Blick für Frauen, kritisiert sie.
 

12
Jan
2013

Buch Protagoras

 
Protagoras gibt zu bedenken, dass Kinder eigentlich viel zu spät ihre Lehrer finden. "Andererseits müssen sie ja lesen und schreiben können, um ihre wichtigen Gedanken erfassen zu können", fügt er hinzu. "Aber die Elementarlehrer machen aus Kindern Marionetten, die fraglos ausführen, was ihnen aufgetragen wird. Das ist es, was wir vor allem verhindern müssen."

Platon fragt Protagoras, wie er das zu meistern gedenke, ohne zu einer vollkommen anderen Erziehung zu erziehen: "Wenn in Sparta ein Kind geboren wird, ist es nicht das Recht des Vaters zu entscheiden, ob es aufzuziehen sei. Er muss es an einen festgesetzten Ort bringen, wo die Gemeindeältesten es genau untersuchen. Ist es von festem Gliederbau und kräftig, lassen sie es aufziehen und teilen ihm eines der 9000 Staatsgrundstücke zu. Ist es aber schwach und missgebildet, so lassen sie es in einen Felsenabgrund hinabstürzen. Sie meinen nämlich, dass es für ein Wesen, das nicht fähig sei, gesund und kräftig heranzuwachsen, im eigenen Interesse und in dem des Staates besser sei, nicht zu leben.

Die Ammen ziehen die Säuglinge ohne einengende Windeln auf und lassen es so zu, dass die Glieder der Kleinen sich frei entwickeln. Sie bringen sie dazu, glücklich und zufrieden zu sein, nicht wählerisch beim Essen, Dunkelheit und Alleinsein nicht zu fürchten und nicht launisch und weinerlich zu sein. Darum leisten sich Fremde oft Ammen aus Sparta.

Ich erzähle Euch das, um zu zeigen, auf welche Weise Erziehung verkommt, wenn der Staat diese Aufgabe übernimmt. Hier in Athen ist das anders. In Athen bestimmt der Vater über sein Kind. Die kleinen Säuglinge werden in Stoffbahnen gewickelt und liegen in Körben, Wiegen oder Holzkästen. Falls die Mutter das Kind nicht stillen und erziehen will, übernimmt eine Amme diese Aufgabe. Mütter und Ammen singen den Kindern vor und erzählen Geschichten. Dabei gibt es auch Geschichten um unheimliche Geschöpfe, die den Kindern einen heilsamen Schrecken einjagen sollen. Fabeln erfreuen sich großer Beliebtheit und dienen der Belehrung der Kinder. Die Kinder spielen mit Klappern, Tieren aus Terrakotta, die Mädchen mit Puppen, deren Gliedmaßen zum Teil beweglich sind. Daneben sind auch zahlreiche Tiere Spielgefährten, von Heuschrecken bis Hunden.
Die Knaben entzieht der Gesetzgeber, sobald sie sieben Jahre alt sind, ihren Vätern und lässt sie in ‚Herden’ miteinander aufwachsen und erziehen. Hier lernen sie, beim Spiel wie bei ernster Betätigung, immer beisammen zu sein, damit sie die Regeln und Gesetze der Gemeinschaft erfahren."

Sokrates sieht Platon erstaunt an: "Ich sehe aber auch entschiedene Nachteile."
 

11
Jan
2013

Buch Arete

 
Sokrates fasst zusammen: "Wir stimmen also darin überein, dass Vernunft eine natürliche Gabe ist. Geburtshelfer der Vernunft sind Vorbilder und Fragen. Wahre Lehrer sind jene, welche beides in sich vereinen!"
"Wenn dem so ist, dann dürfen Lehrer nicht bestellt werden, sondern müssen von jenen, welche ihre Schüler sein wollen, ausgesucht werden dürfen!" Und Platon verweist dabei auf seinen Lehrer Sokrates, der das genau so handhabt.

Protagoras jedoch hat Bedenken bei diesem Vorschlag. "In Athen gibt es keine Schulpflicht. Wohlhabende Bürger schicken ihre Kinder zur Schule, damit später die Karriere gesichert ist. Die Schüler werden im Haus des Lehrers unterrichtet. Der Schüler wird während seiner Ausbildung von einem Sklaven (Paidagogos) des Hauses betreut. Der Paidagogos bringt den Schüler zur Schule und zurück. Er bringt ihm Benehmen bei, wobei er auch berechtigt ist, seinen Schützling zu züchtigen. Diese Lehrer werden schlecht bezahlt und sind wenig angesehen. Ich meine also, dass Ihr an der Wirklichkeit vorbeiredet, denn die Möglichkeit der Auswahl, von der Ihr träumt, existiert nicht. Nicht ohne Grund begeben sich viele Lehrer auf die Wanderschaft, um sich nicht Kinder für wenig Geld aufdrängen zu lassen!"

Sokrates verweist darauf, dass die Schüler der Wanderlehrer ja bereits zumindest schreiben und lesen können müssten, also zuvor doch der Lehrer bedürfen, die sie darin unterrichten. Und darin läge das eigentliche Problem. Die Schüler lernen lesen, indem sie zunächst die einzelnen Buchstaben lernen. Erst danach werden die Wörter gelehrt. Die Schüler lesen stets laut vor. Still lesen ist nicht üblich. Lesen ist schwierig, weil zwischen den Wörtern keine Satzzeichen und Leerstellen sind. Die Schüler schreiben auf Wachstafeln oder auf Papyrus. Dazu benutzen sie Griffel oder Federn. Die Lehrer schreiben die Texte auf einer Tafel oder auf dem Papyrus vor, und die Schüler zeichnen die Buchstaben nach. Als Texte werden vorwiegend die Epen Homers verwendet. Diese dienen auch gleichzeitig der Erziehung der Kinder. Wenn wir uns diese Art von Schule näher betrachten, dann bleibt nirgendwo Raum für die Entwicklung eigenen Denkens. Denken ist nicht mehr als Hinterher- oder Nachdenken. Bevor Schüler sich einen Lehrer aussuchen können, haben sie kritisches Verhalten doch eigentlich schon längst verlernt.

Protagoras kommentiert das lediglich mit einem "Es ist wie es ist. Das lässt sich doch nicht ändern! Ich werde jedenfalls niemals die Aufgabe von Elementarlehrern übernehmen!"
 

10
Jan
2013

Buch Arete

 
Sokrates bietet einen Kompromiss an, indem er erklärt, dass sich Vernunft zwar natürlicherweise von sich aus entwickelt, dass sie aber dazu eines Vorbildes bedarf. Solche Vorbilder nennt Sokrates die wahren Lehrer, die sich der Mäeutik bedienen, um die Vernunft zu entwickeln.

Platon kritisiert, dass er die Vernunft noch immer nicht zureichend erörtert sieht. Die Vernunft wird als Geburtshelferin der Philosophie erkannt. "Sie hat wohl unseren Sokrates die Hebammenkunst für sich entdecken lassen!" "Das ist durchaus zutreffend!", stimmt Sokrates zu und ergänzt: "Vorbild für die mäeutische Technik war, wie ich es sehe, meine Mutter. Ihr Beruf hat mir gezeigt, dass der Mensch der Hilfe einer Hebamme bedarf, um geglückt geboren werden zu können. Dementsprechend ist auch die Vernunft auf die mäeutische Technik des Fragens angewiesen, um sich ausgestalten zu können." Arete äussert, ihrer Ansicht nach sind wahre Lehrer daran zu erkennen, dass sie nicht nur Fragen zulassen, sondern auch selbst in Frage gestellt zu werden. Das unterscheidet nach ihrer Ansicht wahre Lehrer von jenen, welche sich nur aus Eitelkeit als Lehrer betrachten, in Wahrheit es aber keineswegs sind. Und sie ergänzt noch, dass sich wahre Lehrer durch Offenheit und Bescheidenheit auszeichnen.

Ausgerechnet Protagoras betont, dass er seinen Ruf nicht durch Eitelkeit, sondern durch Können erworben habe, denn schließlich könnten nur Könner Vorbilder sein. Sokrates weist darauf hin, dass das bereits der Begriff des Vorbildes beinhaltet, da Vorbilder ja immer zugleich auch Vorlagen für eigenes Handeln anbieten.
 

9
Jan
2013

Buch Arete

 
Sokrates' Auffassung nach fördern Elementarlehrer das Wachsen der Vernunft nicht, sondern verhindern diese geradezu. Arete bittet Sokrates, seine Behauptung doch bitte zu belegen. Sokrates blickt Arete sichtlich irritiert an, weil er nicht versteht, dass sie noch nichts von Mäeutik gehört haben soll. Dann fragt er Arete, wer sie Philosophie gelehrt habe. Arete antwortet verblüfft, dass sie darüber noch niemals nachgedacht habe. Dann erklärt sie, dass es keinen Lehrer, sondern lediglich viele Gespräche mit ihrem Vater gab. Sokrates fragt nun nach dem Grund für diese Gespräche. Arete erklärt, dass ihr Vater herausfinden wollte, wie ein kleines Mädchen denkt.

Plötzlich stutzt Arete: "Stimmt, das Denken hat sich von selbst in mir gebildet!" Genau das aber wollte Sokrates Arete selbst herausfinden lassen. Dann erzählt er, dass sich das Philosophieren ebenfalls durch Gespräche selbst in ihm entwickelt habe. Währenddessen bemerkt er am Gesichtsausdruck des Protagoras, dass er nun unbedingt dessen Eitelkeit befriedigen muss. "Aber wäre Protagoras nicht mein Lehrer gewesen, dann würde es mir heutzutage nicht gelingen, philosophische Gespräche so erfolreich für alle Teilnehmer zu führen!"
 

8
Jan
2013

Buch Arete

 
Erst jetzt bemerken die Gäste, dass Arete wohl schon vor geraumer Zeit den Raum verlassen hat. Sokrates ermahnt, das gemeinsame Gespräch nicht durch Rechthabereien zu gefährden. Nachdem auch Arete wieder zugegen ist, stellt Sokrates die Frage nach der Tätigkeit der Vernunft. Er stellt fest: "Ganz offenbar bedarf die Vernunft doch der Werte, Normen, Gebote und Verbote, Pflichten und Aufgaben, an denen wir uns orientieren können. Falls wir ohne das nicht zu existieren vermögen, halte ich es für gerechtfertigt, den Menschen als vernunftbegabtes Lebewesen zu bestimmen!"

Protagoras ergänzt, dass er nichts Anderes tue, gemäß dieser Bestimmung andere zu belehren und ihnen dazu verhelfe, erfolgreich zu sein. Er könne darin nichts Verwerfliches sehen. Platon allerdings wendet ein, dass die Bestimmung des Menschen das nicht beinhaltet, was Protagoras meint. "Vernunft kann nicht gelehrt werden!", betont er. "Es handelt sich vielmehr um eine Gabe der Natur, welche den Menschen zur inneren Wahrnehmung befähigt!" Arete ergänzt, dass diese Fähigkeit von allen Lehrern tabuisiert wird, denn dieses Vermögen würde sie brotlos machen.

Protagoras befindet sich erneut am Rande der Beherrschung. "Ich habe noch nie bei irgendjemanden die Vernunft sich von allein entwickeln sehen. Dazu bedarf es schon der Elementarlehrer!" Sokrates widerspricht Protagoras.
 

7
Jan
2013

Buch Arete

 
Platon aber weist darauf hin, dass Protagoras von Grund auf irre, wenn er annehme, dass die Seele etwas sei, das sich denken ließe. Nicht von ungefähr schütze die Mythologie mit ihren Götterbildern die Seele als Geheimnis. "Hochmut kommt vor dem Fall. Wie also käme ich dazu, mich über die Götter zu erheben?"

Protagoras ärgert sich, dass ihm Platon nicht in die Falle ging, lässt sich aber natürlich nichts anmerken. Stattdessen erwidert er mit gespielter Freundlichkeit: "Oh, mein hoch geschätzter Platon, das verstehe ich sehr gut! Ich wollte Dich keineswegs versuchen! Aber sage mir doch, wie es jemandem möglich sein soll, sich an einem Geheimnis zu orientieren?" Platon erkennt Protagoras' heimtückische Absicht und fragt zurück: "Orientierst Du Dich nicht etwa auch an dem, was Dir die Priester sagen, ohne deren Geheimnisse zu durchschauen?"

Für Protagoras wird jetzt das Gespräch zu eng, und so versucht er verlegen abzulenken. Er tut so, als sei ihm urplötzlich etwas sehr Wichtiges eingefallen. Protagoras stellt zur großen Überraschung aller die Frage in den Raum: "Entschuldigt, aber das ist mir soeben eingefallen: Feiert nicht Arete heute den Tag ihrer Geburt?" Schallendes Gelächter von Xanthippe und Myrtho. Myrtho erklärt das immer noch vor Lachen prustend: "Xanthippe, habe ich es Dir nicht soeben zugeflüstert: 'Gleich kommt er mit Aretes Geburtstag!' ". Xanthippe bestätigt das lachend.

Arete mischt sich ein: "Ihr wisst doch, dass der berühmte Protagoras noch nie mit seinem Fuß in einer Falle ertappt wurde, weil er es versteht, rechtzeitig mit einem Ereignis, das für seine Zuhörerschaft wichtiger ist, abzulenken!"

Protagoras reagiert schnell. Weil er in Gesichtern zu lesen versteht, erkennt er spontan und drückt es aus: "Ihr irrt Euch alle, denn jeder von uns weiß um diesen besonderen Tag. Aber nur mir ist der Brauch einer gemeinsamen Gratulation eingefallen!"
 

6
Jan
2013

Buch Arete

 
Platon stimmt Arete zu. Protagoras aber wendet ein, dass Philosophie wohl nichts mit jugendlicher Schwärmerei zu tun hat, denn das, was Platon und Arete da meinen, liefe letztendlich doch auf eine Art Seelenbildung hinaus.

Sokrates gibt zu bedenken, dass Platon und Arete sich eigentlich nur an das halten, was seit Beginn der Philosophie als vereinbarter Ausgangspunkt aller Überlegungen gelte, nämlich dass es sich beim Menschen um ein vernunftbegabtes Lebewesen handle. Und Sokrates ergänzt: "Vernunft aber ist die Fähigkeit, aus dem Beobachten, Begreifen und Erfahren des Verstandes zu erschließen, was dies für das Leben bedeutet, also Regeln und Prinzipien für das Handeln aufzustellen!"

Protagoras vergewissert sich, ob er Sokrates richtig verstanden hat: "Du meinst also die Vernunft orientiere sich an dem, was für das Leben taugt, verbunden mit dem Hintergedanken, dass jene, welche das entscheidet, die Seele ist?"

Sokrates ist sehr wohl klar, dass dies ungewöhnlich ist, denn der Mensch ist bislang gewohnt, nicht auf die Stimme seiner Seele zu hören, sondern den Geboten und Verboten der Götter zu gehorchen!
Für Protagoras, der durch die Priesterschaft geschäftlich besonders gefördert wird, gilt eine solche Aussage geschäftsschädigend. Klar, dass er sich den Aussagen des Sokrates widersetzen muss. Aus diesem Grund lenkt er das Gespräch auf das Wesen der Seele und fordert den jungen Platon auf, auszuführen, was er darüber denkt. Selbstverständlich geht Protagoras davon, dass Platon an seinen eigenen Ausführungen scheitern wird.
 

5
Jan
2013

Buch Arete

 
Wie zu Beginn eines philosophischen Gesprächs üblich begrüßt Sokrates zunächst seine Gäste, zuerst die junge Arete, den jungen Platon, und nicht zuletzt Protagoras.
Da sich der Grund für das philosophische Gespräch aus der Einladung von Arete ergibt, bittet Sokrates auch Arete, das erste Gesprächsthema zu wählen. Arete äußert ihre große Sorge über die Auswirkung der Logik auf die Bildung. Natürlich hat Arete bei ihrem Vorschlag mit der Angriffslust des Protagoras gerechnet. Prompt reagiert Protagoaras mit herausfordernder Ironie: "Ich bitte unsere Philosophin, uns doch erst einmal zu verraten, was sie unter Logik und Bildung versteht, damit auch ich ihre weise Klage zu erfassen vermag!"

Arete ist sehr wohl bewusst, dass Protagoras mit seinem Verständnis von Bildung sehr viel Geld scheffelt. Nicht ohne Grund gilt er als der bestbezahlte Wanderlehrer (übrigens bis heute). Sokrates erwartet gespannt Aretes Antwort.
Arete übernimmt die Tonart des Protagoras: "Bis auf Protagoras wisst Ihr ja alle, was wir als Wesen der Bildung betrachten, nämlich das Wachsen des Glaubens an die eigene Kraft, die Hoffnung auf Verwirklichung gegebener Möglichkeiten und die Liebe zu deren Umsetzung!"

Protagoras aber hält das für eine recht eigenwillige, weibische Auslegung von paideia und sagt das auch sehr deutlich. Sokrates greift ein, bevor das Ganze ausartet und es möglicherweise aus verletzter Eitelkeit nur noch um Rechthaberei geht. "Es kommt darauf an, mein verehrter Protagoras, ob man einen Vorgang vom Anfang oder vom Ende her betrachtet. Vom Ende her betrachtet, treffen Aretes Ausführungen durchaus zu, beschreibt sie doch nicht nur das, was wir doch alle als Kalokagathia begreifen?"

Protagoras ist damit noch keineswegs einverstanden, und er betont, dass das Ergebnis doch ganz entscheidend vom gewählten Weg abhängt. Der junge Platon gibt zu bedenken, dass die angesprochene geistig, seelisch, körperliche Harmonie nicht durch einen beliebigen Weg zu erreichen sei, sondern doch wohl vor allem durch den des idein (gefühltes Denken).

Arete greift diesen Gedanken auf und ergänzt, dass es dann wohl nur um den Weg der Ausbildung intuitiven Denkens gehen kann.
 

4
Jan
2013

Buch Arete

 
Arete ist zwei Stunden zu Fuß unterwegs, als sie nach 60 Stadien erneut Protagoras in die Arme läuft. Es ist wohl Sokrates, den Protagoras da begleitet. Protagoras begrüßt Arete und stellt ihr Sokrates vor, nicht ohne dabei etwas spöttisch zu bemerken, dass sich diese junge Frau im Augenblick im verkehrten Raum zur verkehrten Zeit aufhält.

Sokrates versteht nicht, was diese seltsame Bemerkung des Protagoras soll.

Sokrates begrüßt die Philosophin aus Kyrene sehr freundlich und sagt ihr, dass er sich auf das Gespräch mit ihr über die Zeit überaus freut, zumal er sich bis heute noch nicht eigens damit beschäftigt hat. Arete ihrerseits möchte gern Sokrates' Mäeutik verstehen lernen. Und vor allem interessiert sie, warum der Mensch den Athenern im Gegensatz zu den Kyrenern als vernunftbegabtes Lebewesen gilt. Unbemerkt beschleunigt das gemeinsame Interesse an den bevorstehenden Gesprächen ihre Schritte.

Sokrates erkundigt sich bei Protagoras nach dessen eigenartiger Bemerkung über die verkehrte Raum-Zeit. Aber Protagoras wünscht sich nun, das doch besser am Abend in Ruhe zu erörtern.
 

3
Jan
2013

Buch Arete

 
Nachdem Arete einige Stunden geschlafen hatte, erwachte sie vom Lärm im Haus tobender Jungens. Xanthippe erwartete sie bereits mit einem köstlichen kleinen Mahl, das sie eigens zubereitet hatte.
Bei ihr am Tisch saß eine ärmlich gekleidete, hübsche Frau, die Xanthippe mit Myrto vorstellt. "Myrto gehört zu den Verhältnissen meines Mannes. Weil sie als Witwe allein nicht zurechtkommt, wohnt sie bei uns!" Myrto aber erklärt, dass sie kein Verhältnis, sondern die zweite Frau Sokrates sei.

Arete sind solche Verhältnisse ganz offensichtlich sehr unangenehm, sie versucht abzulenken und unterbricht Myrto, indem sie nach den Namen der Jungen fragt. Xanthippe erklärt, dass Lamprokles ihr Sohn ist, und Myrto ergänzt, dass Sophroniskos und Menexenos ihre Söhne sind.

Arete erklärt, dass sie und ihr Mann noch keine Kinder haben, weil noch nicht die rechte Zeit dafür sei. Xanthippe und Myrto blicken sich verwundert an und fragen Arete erstaunt, wann denn die rechte Zeit sei. "Dann, wenn Archäos und ich beide dazu Lust haben!". Die beiden Frauen scheinen sich jetzt noch viel mehr zu wundern.

Xanthippe fragt, ob sie und ihr Mann noch nie etwas von guten Staatsbürgern gehört haben. Dann nämlich wüssten sie, dass es zu deren Pflichten gehört, für Nachwuchs zu sorgen.

Arete erklärt stolz, dass die friedlicheren Kyrener da anders denken als die kriegerischen Athener. Sie ergänzt "Ich weiß sehr wohl, dass die Bevölkerung Athens durch zahlreiche Kriege arg geschrumpft ist, und kriegslüsterne Politiker deshalb auf Nachwuchs drängen! Das ist aber nicht das Problem in Kyrene!"

Arete verspürt immer weniger Lust auf eine Stelle an der Akademie in Athen. Insgeheim sucht sie bereits nach einer Ausrede, um zu ihrem Archäos nach Kyrene zurückkehren zu können, ohne jemanden zu beleidigen. Also provoziert sie die beiden Frauen, sich über Männer auszulassen, um dann die völlig verschüchterte, verängstigte Frau zu spielen, die jetzt schleunigst zu ihrem Mann zurückkehren muss, damit dieser nicht mit einer anderen Frau die Ehe aufs Spiel setzt.

Voll gespielten Verständnisses verabschieden sich Xanthippe und Myrto von Arete.
 

2
Jan
2013

Buch Arete

 
Seit Arete ihren Vortrag über die Zeitenfolge auf dem Athener Markplatz gehalten hat, haben ihr einige Akademien eine Lehrstelle angeboten. Sie aber hat mit der Begründung abgesagt, dass es ihr an geistiger Zeit mangelt, um so etwas übernehmen zu können. Aber ein Schüler des Protagoras will das nicht akzeptieren. So hat er Arete zu sich nach Hause zu einem philosophischen Diskurs über die Zeit eingeladen.
Arete lässt sich nicht zweimal bitten, schickt einen Boten mit ihrer Zusage nach Athen und macht sich wenige Tage nach der Bestätigung auf den Weg nach Athen zu Sokrates.

Auf dem Marktplatz zu Athen trifft sie Protagoras, der sie freundlich begrüßt und sie spontan ob ihrer Unpünktlichkeit tadelt. Zugleich kritisiert er Aretes Methode der Zeit, da diese ja gar keine spontane Begegnung mehr erlaube. Arete aber verweist auf die Tatsache aufgabenfreier Zeiträume oder auch auf die Zeiten des Unterwegseins, die auch zufällige Begegnung ermöglichen. Nachdem Protagoras Arete erklärt hat, dass er im Augenblick weder ohne Aufgaben noch unterwegs ist, beantwortet er Aretes Frage und erklärt ihr den Weg zum Haus des Sokrates.

Dort empfängt sie Sokrates Frau Xanthippe erbost darüber, dass ihr Mann erneut die Frechheit besitzt, seine Freundinnen nun auch wieder einmal zu sich nach Hause zu bestellen. Arethe aber versucht die aufgebrachte Xanthippe zu beruhigen, indem sie ihr überzeugend erklärt, dass sie mit solchen Dingen nichts zu tun habe. Dann erklärt sie Xanthippe den Grund ihres Kommens. "Verstehe, Sie sind also das philosophierende Weib aus Kyrene! Mein Mann hat von Ihnen gespochen und Sie tatsächlich auf Rat seines Lehrers Protagoras eingeladen!" Dann erklärt sie sichtlich beruhigt, dass ihr Mann in Athen sei, um für die Familie Besorgungen zu machen. Es sei aber nie sicher, wann mit seiner Rückkehr zu rechnen sei. Das hinge u.a. ganz davon ab, wem er in Athen begegnet. Also lädt sie Arete ein, doch hier zu warten. Arete, müde von der Reise, nimmt diese Einladung gern an.
 
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Seit 20 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Prof. Dr. habil Wolfgang F Schmid

Grundsätzliches (www.wolfgang-schmid.de)

 

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