In der Geschichte der Abendländischen Kultur erfährt die Pädagogik zunehmende Missachtung seitens der Wissenschaften. Pädagogen spielten angesichts dieser Entwicklung insofern eine ungute Rolle, als sie statt Widerstand zu leisten immer wieder versuchten, Pädagogik wissenschaftlich zu begründen. Offenbar wollen Pädagogen auch heute noch nicht wahrhaben, dass sich pädagogisches Denken wesentlich vom wissenschaftlichen Denken unterscheidet. Als Befreiung des Ichs zu seinem Selbst duldet Erziehung keinerlei Vorprüfungen. Erziehung bezieht ihren zureichenden Grund einzig und allein aus den Bildern der Erfahrung und nicht etwa aus verallgemeinerten Bildern der Wissenschaft. Solche bisweilen schreckliche Bilder der Erfahrung wollen weder Philosophen, Theologen noch Wissenschaftler wahrhaben. Um sie loszuwerden schaffen sie sich ihre jeweiligen Himmel, die Philosophen den Himmel des Geistes, die Theologen den Himmel Gottes und die Wissenschaftler den Himmel ihrer Theorien. Pädagogen dagegen glauben, solange es ihre Kraft erlaubt, anderen helfen zu können. Vor allem Wissenschaftler verdächtigen sie deshalb nicht selten, unter dem Helfersyndrom zu leiden. Lehrern, Ärzten, Altenpflegern, Pfarrern, Ordensleuten, Psychologen und Sozialarbeitern werden mangelnde Selbstwertgefühle unterstellt. Diese Minderwertigkeitsgefühle wandeln Helfen in Sucht und verkehren diese schließlich in Selbstsucht. Die Helfer versuchen angeblich, Ideale zu verwirklichen, die sie selbst in ihrer Kindheit vermisst haben. Wovor aber fürchten sich Wissenschaftler, wenn sie sich mit solchen haltlosen, weil unbewiesenen Unterstellungen schützen müssen? Fürchten sich Wissenschaftler etwa vor Bildern der Erfahrung, weil sie die Unzulänglichkeit ihrer allgemeinen Bilder spüren? Aber warum bedarf das vernunftbegabte Lebewesen überhaupt der pädagogischen Erfahrungsbilder seiner Erzieher?
wfschmid - 5. April, 04:05