Unilogo

31
Dez
2013

Offenbarung

Nicht dem Wissen, sondern dem Glauben erschließt sich das Geheimnis des Unbewussten. Wissen und Glauben sind zwei einander entgegengesetzte Richtungen des Denkens.

Wissen ist das Denken, welches nach außen strebt, um sich die Außenwelt zu erschließen.
Glauben ist dagegen jenes Denken, welches nach innen strebt, um sich die Innenwelt zu erschließen.

Die Außenwelt (Physik) wird logisch durch den Verstand erschlossen. Die Innenwelt (Metaphysik) wird mythisch durch die Seele entdeckt.

Der Verstand regelt den Geist aufgrund von Erfahrungen. Die Fantasie regelt die Seele aufgrund von Intuitionen.

Das Geheimnis der Offenbarung liegt darin verborgen, dass sich das Wesen der Innenwelt im Sein der Außenwelt spiegelt.

30
Dez
2013

Wer glaubt, wird selig

Allzu leicht wird vergessen, dass auch das, was Wissen beansprucht, nicht mehr als eine alternative Form des Glaubens darstellt. Begriffe haben mit Dogmen gemein, dass sich ihre Inhalte empirisch nicht überprüfen lassen. Sowohl Religion als auch Wissenschaft sind auf die Glaubhaftigkeit ihrer Lehren angewiesen. Allein der Glaube verschafft Sicherheiten oder existentielle Orientierungen.

Die Art und Weise des Glaubens ergibt sich aus einer eher limbisch oder einer eher mental neuronalen Regelung des Gehirns. Welchem Glauben man zuneigt, lässt sich nicht bewusst steuern, sondern bleibt Ansichtssache. Alle Bemühungen, den einen Bereich durch den anderen ergänzen oder gar ausweisen zu wollen, müssen zwangsläufig scheitern.

Ob Schöpfung oder Urknall bleibt der persönlichen Entscheidung bzw. dem individuellen Kampf zwischen Gefühl und Vernunft überlassen!

29
Dez
2013

Abstrakte Kunst

„Begriff“ ist der Name für die abstrakte Kunst des Wortes. „Abstrakte Kunst“ ist eine Kunstrichtung, die sich von der Wiedergabe und Interpretation der realen Welt bis hin zur Gegenstandslosigkeit entfernt. Auch das Wort „Baum“ verliert während der Abstraktion die Beziehung zum einzelnen konkreten Baum wie z.B. Buche oder Birke und wird zum Repräsentanten der Menge aller möglichen Bäume.

Wenn wir im Alltag von einem Baum erzählen, dann lassen wir offen, welchen konkreten Baum wir eigentlich meinen. Die Alltagssprache ist voller vergleichbarer Weglassungen. Wer sagt, dass er zum Friseur geht oder Gemüse kauft, hält es für überflüssig, eigens zu erwähnen, zu welchem Friseur er geht oder wo er Gemüse kauft.

Auch ein Begriff entsteht durch Weglassen aller konkreten Eigenschaften. In der Botanik wird unter Baum eine holzige Pflanze verstanden, bei der aus der Wurzel nach und nach der Stamm mit einer belaubten Krone entsteht.

In der Geometrie wird bis auf die Struktur eines Objekts alles weggelassen. In der bildnerischen Kunst wie z.B. bei Paul Klee geschieht Vergleichbares. Die Mathematik gar beschränkt sich vor allem auf das Darstellen von Verhältnissen bzw. Beziehungen oder Relationen.

„Kreis“, „U = π mal d“ oder „Baum“ existieren nur in unserer Vorstellung, aber nicht wirklich, sondern verweisen lediglich, zumeist sogar nur andeutungsweise, auf außerhalb der Vorstellung Existierendes.

Ein besondere Form des Begriffs ist die philosophische Definition des Wesens. „Begriff“ als Wesensbestimmung, das ist eine Entdeckung des Sokrates.
Nach Aristoteles ist Sokrates der erste gewesen, der nicht nur danach fragte, woraus etwas geworden ist, sondern danach, was es ist (τί ἐστι).

Ziel des sokratischen Fragens ist eine allgemein gültige, unbezweifelbare Definition (ὁρισμός), die er in Gesprächen mit seinen Gesprächspartnern entdeckt.

Sokrates gibt sich nicht mit einzelnen Fällen oder Beispielen einer Sache zufrieden. Er fragt nicht nach Beispielen gerechten Handelns, sondern möchte wissen, was die Gerechtigkeit selbst ist. Er fordert seine Gesprächspartner auf, das Allgemeine (καθόλου, wörtlich: hinsichtlich des Ganzen) aus dem Einzelnen (ἕκαστον) herauszuarbeiten. Das ist das, was bei aller Mannigfaltigkeit der Einzelfälle immer identisch bleibt.

28
Dez
2013

"Aha"

„Aha“ ist jenes Gefühl, welches neuronalen Erfolg einer geglückten Verbindung von Nervenzellen unmittelbar empfinden lässt. Es ist ein Glücksgefühl, welche Kunst Schaffende leidenschaftlich bewegt, erfahrene Intuitionen ins Werk zu setzen.

27
Dez
2013

Wort- und Sprachspiel

Erlebnisse und Erfahrungen sammeln sich als bewegte, gefühlte, wechselnde Bilder im Unbewussten. Dieses Bilderleben empfängt nach und nach Worte, um wieder bewusst werdend als Denken zur Sprache kommen zu können.

Der Spracherwerb schafft dem Unbewussten die Möglichkeit, seine schöpferischen Spiele nicht nur als Träume, sondern auch als Ideen im Bewusstsein zu inszenieren.

Künstlerisch begabte Menschen werden auf diese Weise eingeladen, diese Inszenierungen bildnerisch, sprachlich gestaltend oder musikalisch komponierend künstlerisch ins Werk zu setzen.

Das Empfangen solcher Inspirationen oder Eingebungen wird bereits durch geringe Ablenkungen gestört. Helfende Zeiten liegen in der Regel nachts oder in den frühen Morgenstunden, je nach dem, ob es sich um „Nachteulen“ oder „Amseln“ handelt.
Seine schöpferische Zeit muss jeder selbst herausfinden. Es handelt sich gewöhnlich nur um 1 bis 3 Stunden täglich. Erfahrene Künstler kennen meisten zwei zwei- bis dreistündige Phasen pro Tag. Eine Missachtung oder Überziehung kreativer Zeiten führt leicht zu Gefühls- oder Gedankenverzerrungen.

Künstlerische Werke lassen sich nicht verstandesmäßig erzwingen, sondern allein meditativ empfangen. Um künstlerisch intuitiv empfangen und werken zu können, muss man mit Sprache, Formen, Farben oder Tönen spielen können. Beim Tanz oder Theater übernimmt die Körpersprache in der Art und Weise der Bewegung diese Funktion.

Um unsere Kompetenz nicht über zu strapazieren, beschränken wir uns auf die Darstellung des Sprachspiels, und wir beginnen mit dem Wortspiel.

Wortspiel meint hier nicht spielerischer Umgang mit der Mehrdeutigkeit, sondern mit der Mehrdimensionalität eines Wortes. In seiner neuronalen Funktion wird das Wort vor allem durch die Wortart bestimmt. So übernimmt das Hauptwort oder das Substantiv, seinem Namen entsprechend, im neuronalen Netz die Rolle des Initiators. Das Substantiv hat deshalb im neuronalen Regelwerk die Funktion eines Operators oder Reglers.

Im einfachsten Fall regelt ein Substantiv als Subjekt einen einfachen Satz wie „Baum erschlägt Fußgänger“. Durch das Prädikat wird eine spezielle neuronale Verbindung zum Objekt geschaffen.

Diese Schlagzeile während des letzten Orkans in Hamburg überrascht. Im neuronalen Netz löst der Satz geradezu Verwirrung aus, weil ein Baum nicht gerade unter der Gruppe der Schläger aufzutreiben ist. Das Nicht-auffinden von Erfahrungen, die durch Wörter aktiviert werden sollen, sorgt im neuronalen Netz Millisekunden für enorme Hektik. Es muss möglichst schnell ein akzeptables neuronales Beziehungsgefüge gefunden werden.

Es wird also nach verfügbaren Erfahrungen im Zusammenhang mit „Baum“ und „erschlagen“ gesucht werden. Dass Bäume Dächer und Auto zerschlagen können, zeigen Erinnerungen an Berichte vergangener Zeiten. Aber es gingen der zerstörenden Bewegung des Baumes „Entwurzelung“ voraus. Der Baum ist also kein echtes Subjekt. Infolgedessen wird eine Satz-Prothese hergestellt:

„Entwurzelung stürzt Baum“ —> „(Stürzender) Baum erschlägt Fußgänger“.

Aufgrund der extrem hohen Geschwindigkeit der Beschaffung der Prothese wird dieser neuronale Vorgang auch nicht andeutungsweise bewusst.

26
Dez
2013

Wortlos

Bevor aus dem Vor- oder Unbewussten etwas hervorscheint und zur Sprache kommt, spielen Bedürfnisse und Gefühle zusammen, verdichten sich zu Wünschen, lösen sich wieder in Frustrationen auf. Einflüsse fügen sich ein, bevor Erfahrungen sie wieder wegnehmen. Ein Hin und Her oder Auf und Ab, ohne etwas zu zeugen. Obgleich Empfindungen und Gefühle toben, erfahren weder Fantasie noch Geist Nennenswertes. Begabungen wühlen unter der Oberfläche, bis sie aus dem Unbewussten hervordrängen und einem Vulkan ähnlich ausbrechen.

Vor jeder schöpferischen Geburt stehen die Schmerzen der Geburtswehen. Bei vernunftbegabten Lebewesen sind es vermutlich Missbildungen der Erziehung, die solches widerfahren lassen.

Natürliche Wortlosigkeit des Tohuwabohu aber herrscht auch, bevor Sein ins Nichts drängt und als Werden der Natur hervorscheint. Es ist das Licht, bevor das Wort den Anfang von allem setzt.

Das Bilden des ursprünglichen Wortes geschieht als Formel der Einheit von Energie und Information. Es ist jenes Wort, welches dieser Einheit als Materie Gestalt verleiht:

Information —> Energie = Materie

Wortbildungsstrategien sind im menschlichen Gehirn von Natur aus als Automatismen der Verlautbarung angelegt.

Das erste Wort im neuronalen Netzwerk entsteht konform mit der Entstehung des ursprünglichen Wortes:

Reiz —> Impuls = Blitz

Ein Reiz wird neuronal konvertiert zum Impuls. Die entstehende Lichterscheinung der Transmission wird als Einheit gespeichert.

25
Dez
2013

7 Türen nach innen

Das Wort „Reiz“ drängt sich uns auf. Wir Kennen den Grund dieser Aufdringlichkeit nicht. Aber vertrauen der Fantasie, die uns für diese Idee unverdient, wie wir finden, lobt. Wir befinden uns mit der Fantasie im Raum des Unbewussten. Dieser Warteraum für den Einlass nach innen ist dunkel. Die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas wahrzunehmen, ist das Gefühl. In einer nicht abzusehenden Warteschlange befinden sich unzählige Aussenreize, die darauf warten eingelassen zu werden.

Im Dunkel des Vorbewussten ist es die Fantasie, die allein in der Lage ist, das vorbewusste Geschehen wahrzunehmen und uns davon zu erzählen. Sie sagt uns auch, dass im Vorbewussten Raum und Zeit noch keine Rolle spielen. Deshalb nennt sie das Vorbewusstsein auch das Tor göttlicher Visionen. „Allein hier kann sich ein ewiger Gott wortlos offenbaren“, sagt sie, und sie fügt noch hinzu „Gott hat keine Worte. Er spricht allein in Bildern!“ „Das Vorbewusstsein ist der einzige Raum des Glaubens!“

Die Fantasie verspricht uns, das später noch zu erklären. In diesem Augenblick zuckt ein Licht durch den Raum, gerade ausreichend, um einen Baum, nein, eine Tanne zu erkennen. Und ebenfalls blitzartig durchzuckt uns die Erkenntnis „Das ist unser gesuchtes Wort.

Aber die Fantasie ermahnt uns, nicht vorschnell zu urteilen, denn das, was wir vernehmen, ist noch nicht das Wort, sondern erst das Bild zu einem Wort. Das erste Aufblitzen des Bildes zu einem Aussenreiz, zeigt, dass dieser Reiz bereits von allen anderen Reizen isoliert ist. Als ausgefilterter Reiz wird er zum Impuls, der als Bild im Bewusstsein erscheint. Erst dort wird die Wahrnehmung identifiziert und benannt. Und weil wir eine Tanne gesehen haben, erhält sie auch den Namen „Tanne“.

Da wir inzwischen das Vorbewusstsein verlassen haben, verfügen wir über hinreichend Licht, um uns das Erscheinen des Bildes der Tanne klar vorstellen zu können. Erinnerungsbilder fügen Erfahrungen zu jenem Raum zusammen, in welchen wir in meiner Jugend Weihnachten feiern.

Die Tanne erscheint in Gestalt des Weihnachtsbaumes aus dieser Zeit. Während dieser Interpretation führt mich meine Intuition auf jenen Weg zurück, auf welchem mich die entscheidende Frage meiner Kindheit auf die Suche schickte.

Ich frage mich nach den Ursachen und Gründen für den Verlauf dieser Erkundung. Indem das Ich die Entwicklung des Selbst beobachtet, empfängt es die Inspiration einer schöpferischen Idee.

Jetzt, wo wir das Innere erreichen, zeigt uns die Fantasie auf ihrer Karte noch einmal den zurücklegten Weg:

Isolation —> Initiation —> Identifikation —> Interpretation —> Intuition —> Interrogation —> Introspektion —> Inspiration

Legende

Isolation = Filterung des Sinnenreizes
Initiation = Impuls bewusst zu werden
Identifikation = Verbindung von Innen- und Aussenreiz
Interpretation = Erfahrungen
Intuition = Spiel der Möglichkeiten
Interrogation = existentielle Frage
Introspektion = Suche
Inspiration = Entdeckung einer Idee

24
Dez
2013

Nicht ausgepacktes Geschenk

Als neuronale Adresse ist ein Wort ein verbindliches Versprechen. Sobald es ausgesprochen oder angesprochen wird, verbindet es Kurzzeit- mit Langzeitgedächtnis, um an das zu erinnern, was es meint.

Die Erinnerungen des Sprechenden sind aber nicht die Erinnerungen des Angesprochenen. Das Wort ist allein Hoffnung auf vergleichbare Erfahrungen. Das Wort baut auf Übereinstimmung, die Stimmigkeit durch gemeinsame Stimmungen. Als Stimme des Gefühls wird das Wort in Mitteilungen oft unterdrückt.

Es wird in der Regel nicht mehr bewusst, dass weniger Sinn als vielmehr Gefühle Worte ausmachen. Die Lebendigkeit des Wortes als körpersprachliche Verlautbarung ist verloren. Das Wort bleibt gewöhnlich in der Identifikation stecken. Das allmorgendliche „Guten Morgen“ ist als Lebenszeichen, als Verlautbarung der Freude, sich wieder zu begegnen, meist zur gewöhnlichen Phrase entartet.

Das Wort braucht Zeit, um sein Versprechen einzulösen. Die Wort gegebene emotionale Übereinstimmung braucht Zeit, damit versprochene Stimmigkeit eingelöst werden kann.

Gedichte geraten gar völlig aus den Fugen, wenn Hörer oder Leser es nicht schaffen, sie zumindest für den inneren Dialog zu retten. Wer ein Gedicht nur liest, behandelt es wie ein Geschenk, das er verpackt lässt. Es ist das Geschick vieler Gedichte, umausgepackte Geschenke zu bleiben.

Ein Gedicht verlangt nach Disziplin des Verlangsamens. Ohne Kunst des sich Entschleunigens zerbricht das Gedicht, noch ehe es bewusst zu werden vermag.

Worte sind Stoppzeichen für die Zeit. Wer Worte nicht versteht, wird Begriffe nie begreifen. Denn: Begriffe sind, wie wir noch erfahren werden, Worte einer Welt jenseits von Zeit und Raum.

Zunächst verlangt noch das Wort, hinreichend zu Wort zu kommen. Das Wort „Reiz“ drängt sich auf, um zu einem Gang des Bewusstwerdens einzuladen.

23
Dez
2013

Reflexive Lichterscheinung

Tunneleffekt, das ist ein bewusst gewordenes Moment oder reflexiver Blitz. Diese Lichterscheinung wird als besondere Einsicht erlebt. Das Denken erfährt diesen Augenblick, sobald das Bewusstwerden höchste Vigilanz (Wachsamkeit) erfährt. Die Entwicklung solcher Konzentration lässt sich vor allem durch zwei Prozesse erreichen - durch Loslassen in Verbindung mit Askese und durch Philosophieren in Verbindung mit Fantasie.

Dieser Vorgang lässt sich am einfachsten am Beispiel eines Gedankens beschreiben.

1. Das Denken beginnt, indem eine Wahrnehmung als Vorstellung erscheint. Dieses Innenbild erhält unmittelbar einen geeigneten Namen. Es ist gewöhnlich eine gelernte Bezeichnung. Das Bezeichnen einer bewusst gewordenen Wahrnehmung wird Identifikation genannt.
2. Die vergegenwärtigte Wahrnehmung erinnert an damit verbundene Erfahrungen. Das Vergleichen vergegenwärtigter Wahrnehmungen mit Erinnerungen wird Interpretation genannt.
3. Erinnerungen können zu weitergehenden Fragen anregen. Solche Fragen lösen spielerisches Suchen im neuronalen Netz nach Möglichkeiten neuer neuronaler Verbindungen aus. Werden sie gefunden, so werden sie als Einfälle erlebt. Bei dieser Gelegenheit können Kommentare entstehen, die durch die innere Stimme vermittelt werden. Dieser innere Dialog bzw. das Wechselspiel zwischen Fragen und Antworten wird Interrogation genannt.
4. Während der Interrogation findet ein Überschreiten der Grenze zwischen sinnlich vernehmbaren (physischen) und allein geistig vernehmbaren (metaphysischen) Bereich statt. Als Bilderleben wandelt sich Denken zum Schauen von Ideen, das sind schöpferische Gestaltungsmöglichkeiten der Welt. Dieses Schauen wird von innerem Licht begleitet. Der Name für diese Erscheinung ist Introspektion.

22
Dez
2013

Nicht beim Wort nehmen

Die Vielfältigkeit des Denkens zeigt, wie viel bei einem Wort ungesagt bleibt. Die Sprache der Musik genügt der Mehrdimensionalität des Denkens noch am ehesten. Zudem wir sie von nahezu allen Völkern der Erde verstanden.
Was während der Verschriftlichung der Sprache verloren geht, versucht die Fantasie während der Beschäftigung mit einem Text auszugleichen. Das Denken ist auf diesen Ausgleich angewiesen, um sich überhaupt vollziehen zu können. Dabei entsteht gewöhnlich die kaum vermeidbare Gefahr, dass etwas Anderes entsteht als der Text zu vermitteln versucht.
Die Wissenschaft versucht diese Gefahr abzuwenden, indem sie Regeln aufstellt, wie mit einem Wort umzugehen ist.
Die Texte der Kunst dagegen laden eher die Fantasie zum Mitspielen ein. Künstlerische Texte regen Hörer oder Leser zu eigenen Inszenierungen an.
Sprache bedeutet in der Regel mittelbare Verständigung. Zum unmittelbaren Verstehen kommt es erst durch die eigene Auslegung. Sprache dient wider allen Anscheins der Unterhaltung, bisweilen in Diskussionen auch einer mehr oder weniger kriegerischen Auseinandersetzung zwecks Behauptung oder Durchsetzung eigener Positionen. Sprache eignet sich zur Offenlegung ebenso wie zur Verstellung. Das alltägliche, zumeist verlegen gelächelte „Guten Tag“ ist nicht wörtlich zu nehmen.
Ein Wort beim Wort zu nehmen, das kann manchmal zu bösen Überraschungen führen.

21
Dez
2013

Sprache als Vermittler

Als Widerspiegelung neuronalen Geschehens im Gehirn vermittelt Sprache zugleich jene wesentlichen Gesetze der Natur, welche dieses Geschehen regeln.
Darüber hinaus vermittelt Sprache zwischen der Welt der Sinne und der Welt des Geistes.
Die wesentlichen Prozesse des Vermittelns sind sehen, hören, riechen, schmecken, tasten. Diesen sinnlichen Prozessen entsprechen geistige Prozesse. Dem Gesichtssinn entspricht die Fantasie, dem Gehörsinn die innere Stimme, dem Tastsinn die Vernunft, dem Geschmackssinn das Gefühl, und dem Geruchssinn gleicht die Intuition.
Große Schwierigkeiten ergeben sich vor allem daraus, dass alle Prozesse als Denken zusammengefasst, ohne jedoch einzeln mit bedacht zu werden.

20
Dez
2013

Das gezähmte Wort

„Mein Name ist ‚Lust‘. Aber als Wort drücke ich dieses Empfinden längst nicht mehr aus. Aus der harmlosen Mitteilung „Ich habe Lust, Dich zu treffen!“ ist das dem entsprechenden Urlaut eigene Begehren längst entschwunden. Allenfalls bleibt es noch der sexuellen Begierde zwischen Mann und Frau vorbehalten."
Einer Mitteilung wie „Ich habe Lust, Dich zu treffen!“ merkt man nicht mehr an, ob wirklich Interesse an einer Begegnung besteht.
Die kultivierte Sprache hat mit der ursprünglichen Wildheit längst auch den Charakter des unmittelbaren körperlichen Ausdrucks verloren. „Ich freue mich, Sie zu treffen!“ kann unter Umständen sogar das Gegenteil bedeuten.
Die Körpersprache hat sich aus der kultivierten Sprache zurückgezogen. Aber als unbewusste Begleiterin aller sprachlichen Äußerungen schenkt sie uns immerhin noch die Möglichkeit zu prüfen, was eigentlich wirklich gemeint ist.

19
Dez
2013

Namen beim Wort genommen

Ein Wort versammelt um sich jene Erfahrungen, an welche es durch seine Vergegenwärtigungen erinnert. Das Wort „Dreieck“ erfasst alle gewesenen, gegenwärtigen und zukünftigen dreieckigen geometrischen Figuren.

Das Wort „Dreieck“ ist ein besonderes Wort, weil es eine ganze Gruppe oder Menge gleicher Elemente erfasst. Ein solches allumfassendes Wort trägt den Beinamen „Begriff“. Weil ein Begriff allein gemeinsame Eigenschaften von unterschiedlichem sinnlich Vernehmbaren bestimmt lässt sich das, was er benennt, selbst nicht sinnlich erfassen, sondern allein denken.

Mit dem Denken des Allgemeinen vollzieht sich eine weitere Innenwendung. Mit dieser Innenwendung erreicht das Bewusstwerden die höchstmögliche Stufe der Wachsamkeit (Vigilanz). Dieser Wachsamkeitsgrad bzw. diese größtmögliche Erweiterung des Bewusstseins ermöglicht das Vergegenwärtigen des metaphysischen Raumes bzw. des sinnlich nicht mehr vernehmbaren Bereiches. Seit Sokrates und besonders seit Platon, seinem Schüler macht es sich Philosophie zur Aufgabe, dem Denken den Weg in das sinnlich nicht mehr Vernehmbare bzw. allein Denkbare zu bereiten. Das Vorbereiten dieses Weges wird von Platon als Bildung verstanden. In seinem Höhlengleichnis beschreibt er diesen Weg.

Wie lässt sich nun für mich dieser Weg am einfachsten bzw. möglichst anschaulich beschreiben? Folgendes Gedicht von Goethe soll mir dabei helfen.

 

Ich ging im Walde so vor mich hin

Ich ging im Walde
So vor mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümlein stehn,
Wie Sterne blinkend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
Da sagt' es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?

Mit allen Wurzeln
Hob ich es aus,
Und trugs zum Garten
Am hübschen Haus.

Ich pflanzt es wieder
Am kühlen Ort;
Nun zweigt und blüht es
Mir immer fort.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

 
Das innere Betrachten der kleinen Blume vollzieht sich von Anfang an philosophisch, weil die Blume als Begriff abstrakt ist. Sie kann für alle möglichen Blumen stehen. Allein die Fantasie vermag der kleinen Blume zu einem konkreten Aussehen verhelfen.
Der Dichter führt den Leser ins Denken, um ihn erkennen zu lassen, was im sinnlich vernehmbaren Bereich höchst selten gelingt, nämlich die Bewegung der eigenen Seele. Die Seele lässt sich bereitwillig grundtriebhaft dazu verführen, sich die kleine Blume bedenkenlos anzueignen. Aber sie wehrt sich, indem sie die innere Stimme sprechen lässt. Dennoch verliert sie ihr Zuhause und wird verpflanzt. Aber sie gibt in der Fremde nicht auf. Der Selbserhaltungs- oder Lebenstrieb rettet sie. Vielleicht war dieses Gedicht in meiner Jugend mein Lieblingsgedicht, weil es mir vergleichbar erging.

18
Dez
2013

In unserem Bewusstsein existiert ein kaum jemandem bekanntes Fenster nach innen

Bewusstwerden oder Bewusstsein als Moment des Bewusstwerdens besteht aus mehreren uns zugänglichen Prozessen, von denen wir im Alltag gewöhnlich nur zwei nutzen, falls wir nicht gerade künstlerisch oder wissenschaftlich tätig sind.

Diese beiden Vorgänge sind Identifizieren und Interpretieren. Ein Bekannter wird identifiziert, indem ich ihn wiederkenne. Ein Bekannter wird interpretiert, weil ich finde, dass er krank aussieht. Ich lege also seinen Gesichtsausdruck aus. Das ist mein Eindruck von ihm. Dieser mein Eindruck muss nicht stimmen.

Weder Identifizieren noch Interpretieren erlauben einen Blick durchs Fenster nach innen. Ein solcher Einblick verlangt das Aktivieren der Intuition. Ich merke gefühlsmäßig, dass ich den Bekannten fragen sollte, ob mein Eindruck stimmt.

Die Intuition setzt einen weiteren Prozess des Bewusstwerdens in Gang, nämlich das Fragen. So stelle ich mir die Frage, wie ich meinen Eindruck am besten so formulieren kann, dass ich ihn nicht verletze. Das Fragen setzt gleichsam einen inneren Dialog mit der Intuition in Gang. Es kann sein, dass die Intuition aus Vorsicht eine Ersatzfrage anmahnt wie z.B. „Haben Sie auch wegen des Vollmondes schlecht geschlafen?“. Indem man sich selbst das gleiche Übel unterstellt, macht man es einem empfindlichen Menschen leichter zu antworten.

Intuition meldet sich üblicherweise dann, wenn Interpretationen nicht als zutreffend empfunden oder spontan keine Interpretationsmöglichkeiten gefunden werden können.

Eine Beantwortung der folgenden Frage bedarf meistens der Intuition: „Wie kann in zweidimensionales Wesen aus einer zweidimensionalen Welt flüchten?“

Vergleichbare Schwierigkeiten dürften bei der Frage „Was ist Sprache?“ auftreten. Vielleicht ergeben sich Antworten wie „Rede- und Schreibweise, Verständigungsmittel oder auch Ausdrucksweise“. Aber diese Antworten helfen insofern nicht weiter, als sie verstandesmäßig gegeben und letztlich „Identifikationen“ sind.

Was nun, denn wir wollen mehr über Sprache in Erfahrung bringen? Betrachten wir Sprache im Detail, indem wir uns ein einzelnes Wort genauer anschauen.

Ein Wort ruft Erfahrungen ins Bewusstsein. Es sind Erinnerungen, die aufgrund eines gelesenen oder geschriebenen Wortes vergegenwärtigt werden. So erinnert das Wort „Tanne“ besonders in der Advents- und Weihnachtszeit an die Weihnachtstanne zu Hause und erzeugt spontan vielleicht eine Vorstellung vom Weihnachtsfest in der eigenen Kindheit.

Durch diese Betrachtung der Wirkung eines Wortes, wird das Wort gleichsam lebendig und weckt dadurch Emotionen und durch sie zugleich Intuitionen. Es beginnt plötzlich zu interessieren, was gleichsam hinter der Kulisse geschieht, bevor ein Wort Erinnerungen weckt.

Die Intuition bemüht die Logik des Verstandes, um mit Hilfe der Fantasie weiterzukommen.

Das ergibt folgende Überlegung: Ein Wort nennt gespeicherte Erfahrungen beim Namen. Erfahrungen sind neuronal im Gehirn gespeichert. Ein Wort ist also gleichsam die Adresse für eine Menge entsprechender Nervenzellen. Durch das Betrachten der neuronalen Tätigkeit öffnet sich das Fenster nach innen. Der Name für diese Innenwendung ist Introspektion:
Innenwendung = Identifikation —> Interpretation —> Intuition —> Interrogation —> Introspektion
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Seit 20 Jahren BEGRIFFSKALENDER

Prof. Dr. habil Wolfgang F Schmid

Grundsätzliches (www.wolfgang-schmid.de)

 

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